Thursday, 25. August 2016
22.05.2011
 
 

»Lebens«-Mittel – nur noch Lug und Trug?

Andreas von Rétyi

Was dürfen wir noch glauben, wenn es ums Essen geht? Die Werbung verspricht viel, doch in der Regel halten die Produkte nur wenig. Dies gilt selbst für Biolebensmittel. Und einige appetitlich drapierte und mit hübschen Verpackungen schmackhaft gemachte Lebensmittel hätten wohl schon eher den Namen »Sterbensmittel« verdient, wirft man nur einmal einen Blick auf den wahren Inhalt. Da werden dann sehr schnell Assoziationen an ein Chemielabor wach. Was ist gesund, was nicht? Was hochwertig, was nicht? Etikettenschwindel und scheinbar auch Selbstbetrug gehen hier nahtlos ineinander über. Einige neue Untersuchungen scheinen die Sachlage eher zu vernebeln als aufzuhellen.

»Du bist, was du isst«, so lautet ein gängiger Spruch. »Doch weißt du auch, was du da beißt?« – so möchte man manchmal beinahe weiter fragen. Nicht anders auch bei Getränken. Woher auch sollen wir wissen, was wir wirklich zu uns nehmen? Lebensmittelskandale sind omnipräsent. Häufig sogar findet der Betrug auf legaler Basis statt, und nicht zuletzt Produktwerbung und –beschreibung tragen zur allgemeinen Verwirrung bei. Komplex genug ist die gesamte Problematik ohnehin.

Betrug kann hier die unterschiedlichsten Formen annehmen – so wird er manchmal auch schlichtweg als frommer Selbstbetrug etikettiert, ganz gleich, ob es sich nun wirklich um einen solchen handelt oder nicht. Denn auch jener vermeintliche Selbstbetrug kann unschwer von außen initiiert worden sein.

So wurde beispielsweise Mitte April eine Studie veröffentlicht, die das beliebte Genussmittel »Wein« anvisiert. Geklärt werden sollte dabei, ob denn ein spürbarer Unterschied zwischen einem billigen »Chateau Migraine« und einem wirklich edlen Tropfen besteht. Dazu wurden von der Universität Hertfordshire genau 578 Tester herangezogen, deren Gaumen mit einer großen Zahl verschiedenster Weine konfrontiert wurde. Da gab es Flaschen für unter fünf Euro, andere wiederum, die in der Preiskategorie zwischen etwa elf und 34 Euro lagen. Nur die Teilnehmer selbst wussten nicht, was sie kosteten. Ganz im doppelten Sinne übrigens.

Das Ergebnis? Kurz gesagt: Zum Weinen!

Die alles probierenden Probanden hatten jegliche Möglichkeit, den Wein zu begutachten und schließlich auch zu sich zu nehmen. Sie durften das mehr oder minder gute Tröpfchen im Glas schwenken, schlürfen, nippen, in großen Schlücken hinunterspülen, was auch immer. Doch am Ende blieb die Ratlosigkeit. Denn als sie beurteilen sollten, ob sie soeben einen wirklich guten Wein gekostet hatten oder einen doch eher minderwertigen, versagten die Tester nach allen Regeln der Kunst. Die Trefferquote lag bei genau 50 Prozent und entsprach damit der Wahrscheinlichkeit, per Zufall die richtige Auskunft zu geben. Der Versuch wurde von britischen Psychologen durchgeführt, die – außer diesem eher ernüchternden Ergebnis – allerdings noch etwas anderes beobachtet haben: Sie erklären nämlich, dass der Preis des Weines beim Käufer eine gewisse Art von Erwartungshaltung weckt und beim Trinken angeblich andere Bereiche im Gehirn aktiviert als im Fall eines billigen »Fusels«. Demnach bezahlt man also einen rein psychologischen Effekt und damit den puren Selbstbetrug mit barer Münze.

Nun gibt es wahrlich Wichtigeres als die Frage nach dem richtigen Wein. Eigentlich doch eine Luxusfrage. Doch, was für den Wein gilt, könnte ja auch allgemein zutreffen. Heißt das, wir betrügen uns ständig selbst, sind selbst schuld daran, wenn wir Genuss- und Lebensmittel in einer bestimmten Erwartungshaltung kaufen? Oder sollen solche Darstellungen zu einem gewissen Grade auch von der tatsächlichen Situation ablenken? Zumindest beim Weintest mag das nicht unbedingt zutreffen, außerdem scheint er angesichts der unspezialisierten Tester kaum aussagekräftig, denn 578 Weinkenner hätten wohl eine andere Quote erzielt.

Gerade Repräsentanten der Lebensmittel-Industrie haben immer wieder versucht, dem Kunden die Schuld zuzuschieben, wenn er wieder mal an eine Mogelpackung geraten ist. So erklärte Matthias Horst in seiner Funktion als Hauptgeschäftsführer des Bundes für Lebensmittelrecht und Lebensmittelkunde (BLL) sowie auch der Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie (BVE) einmal angesichts von Lebensmittel-Imitaten: »Wenn man immer billiger essen will, dann kann man nicht erwarten, dass man immer etwas ganz Besonderes bekommt« . Um einen Reinfall zu vermeiden, rät er daher schlichtweg: »Gucken Sie genauer und häufiger hin«. So einfach geht das. Plötzlich also steht der Verbraucher als Verantwortlicher da, nicht mehr die Industrie! Seinerzeit sprach die Organisation foodwatch – die essensretter von Matthias Horst als dem »Chef-Lobbyisten der Lebensmittelindustrie«. Die Problematik seiner Aussage liegt klar auf der Hand: Der Verbraucher muss sich weitgehend auf die Industrie verlassen, er wird durch unzutreffende oder aber fehlende Angaben in die Irre geleitet. Die Werbung sorgt zudem für überzogene Erwartungen. Und wer einem Slogan blind glaubt, nun, der ist wohl selbst schuld. Sind es nicht auch Lebensmittelchemiker anstatt von Köchen, die für Fertigprodukte verantwortlich sind? Was wundert’s also?

Irgendwo aber gibt es Grenzen, auch bei der Produkt-»Beschreibung«. Da klaffen sogar bei Bio-Produkten, die nach wie vor einen geringen Marktanteil haben, Fakt und Fiktion weit auseinander. So dürfen sie nach wie vor das Gelier- und Dickungsmittel E 407 (Carrageen) enthalten, ein aliphatisches Kohlehydrat, das im leidvollen Tierversuch Geschwüre hervorrief und das Immunsystem beeinflusst. Nitritpökelsalz findet sich wieder und wieder in Fleisch, obwohl beispielsweise erhitzte Nitrate und Nitrite unter anderem zu karzinogenen chemischen Verbindungen (Nitrosaminen) führen. Ganz legal können auch Tütensuppen mit Glutamat verkauft werden, obwohl auf der Packung »ohne Geschmacksverstärker« steht. Auch »natürliche Aromen« sind bei weitem nicht das, wonach sie sich eigentlich anhören. foodwatch liefert zahlreiche Beispiele, unter abgespeist.de »Denn Etiketten lügen wie gedruckt« findet sich auch eine »Mogel-Liste«, die aufzeigt, was uns wirklich verkauft wird. Einer neuen Studie im Journal of Consumer Research zufolge richten sich gerade auch diätbewusste Menschen zu sehr nach den Packungs-Aufschriften und kaufen, was als gesund vermarktet wird. Klingen die Namen gesund, so die aktuelle Untersuchung, so werde vor allem von dieser Kundengruppe auch eher danach gegriffen.

Doch indem wir fortwährend belogen und betrogen werden, haben wir kaum noch Chancen, uns im modernen Nahrungs-Dschungel zurecht zu finden. Hier nun wird Kontrolle wirklich wichtig, doch genau hier mangelt es deutlich an ihr. Ohne striktere Regelungen geht es nicht mehr, und deren Einhaltung durch die Industrie muss – weitgehend – gewährleistet sein. Denn andernfalls gehen wir an unserer Ernährung zugrunde. Oder hat der Wahnsinn Methode?

 

 


 

 

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