Wednesday, 22. May 2013
02.08.2012
 

Pech gehabt, Ihr Diät-Gurus: Schweizerinnen und Italienerinnen sind die schlanksten Frauen in Europa

Anthony Colpo

Falls Sie zu den Befürwortern einer kohlenhydratarmen Ernährung zählen, panische Angst vor Fett haben oder sich praktisch alle gängigen absurden Modediäten aufschwatzen lassen, dann wird Ihnen das, was Sie jetzt lesen, wohl kaum gefallen.

Aber bevor ich erkläre, warum, möchte ich Sie auf einen kleinen Abstecher mitnehmen. Letzte Woche habe ich einen Videoclip der quirligen 19-jährigen Hürdenläuferin Michelle Jenneke aus Australien gepostet, deren reichlich unkonventionelles Aufwärmen bei der Leichtathletik-Weltmeisterschaft in Barcelona Männer auf der ganzen Welt kirre gemacht hat.

 

 

Nachdem der Clip im Internet millionenfach angeklickt wurde und sie mindestens einen Heiratsantrag erhielt, kann Michelle, die sich, seit sie 16 ist, vor allen Wettkämpfen so oder ähnlich aufwärmt, die Aufregung nicht ganz verstehen. Wie ihre Mama erklärt, zieht sich Michelle vor einem Rennen nicht etwa nervös zurück, sondern dreht voll auf und hüpft herum wie eine springende Bohne. Und zwar eine höchst attraktive!

 

Die meisten Videos von Michelle, die sich rasant um den Erdball verbreiten, spielen dazu das peppige kleine Eurodance-Liedchen Boys (Summertime Love). Diejenigen unter Ihnen, deren vergeudete Jugendzeit in die 1980-er Jahre fiel, kennen den Song wahrscheinlich noch (und wenn Sie ein Mann sind, der nichts anbrennen lässt, dann erinnern Sie sich mit Sicherheit an den Videoclip). Den Song sang eine vollbusige italienische Puppe namens Sabrina Salerno. Nur der historischen Bildung wegen, und ganz bestimmt aus keinem anderen Grund, ist hier das Original-Video.

 

Ja, ja, es ist kitschige Eurodance-Musik aus den achtziger Jahren… aber Sie haben trotzdem den ganzen Clip angeschaut, stimmt‘s? LOL, hahaha.

 

Es brachte mich in einem meiner wahrhaft profunden kontemplativen Augenblicke zu der Frage: Wie mag Sabrina Salerno heute aussehen? Ob ihr der Alterungsprozess und jahrelanges Pastaessen wohl zugesetzt haben?

 

Darauf können Sie wetten. Hier ist sie im Jahr 2000 und noch einmal 2012, mit 44 Jahren:

 

Meine Damen, essen Sie keine Pasta, oder Sie sehen hinterher aus wie die hier. Und das wäre doch eine Schande.

 

Eine mit 44 Jahren immer noch heiße Sabrina Salerno singt für eine Gruppe schlecht gekleideter Franzosen. Versuchen Sie einmal, jemanden zu finden, der eine kohlenhydratarme, vegane oder reine Obstdiät einhält, oder intermittierend fastet und in dem Alter noch so gut aussieht …

 

So viel zu der Theorie, Kohlenhydrate machten fett.

 

Was sagen Sie?

 

Diese Frau Salerno sei wirklich beeindruckend, aber die Erfahrung einer einzelnen Italienerin sage noch nichts über Ernährung und Gewichtsabbau aus?

 

Okay, Ihr Schlaumeier, wie wäre es dann mit der Erfahrung der gesamten weiblichen Bevölkerung Italiens?

 

Italienisches Essen und kohlenhydratarm – das passt zusammen wie Lamborghini und Tempolimit, aber das hat die Italienerinnen nicht davon abgehalten, heute zu den schlanksten Frauen Europas zu gehören, übertroffen lediglich von den Schweizerinnen.

 

Jawohl, Forscher des Imperial College in London haben sich gemeinsam mit Harvard-Wissenschaftlern darangemacht, den durchschnittlichen Body Mass Index (BMI) aller über 20-Jährigen in jedem einzelnen Land der Erde zu ermitteln. Das Ergebnis war in der Zeitschrift Lancet zu lesen: Den niedrigsten BMI in Europa hatten die Schweizerinnen, gefolgt von den Italienerinnen.[1]

 

Tatsächlich bilden die Italienerinnen zusammen mit den Einwohnerinnen Singapurs die einzige weibliche Bevölkerung der reichen Länder, deren BMI wahrscheinlich zurückgegangen ist. (Unter den Ländern mit hohem Durchschnittseinkommen war der BMI bei den Frauen in den USA, Neuseeland und Australien am stärksten gestiegen.)

 

Denken Sie doch nur für einen Augenblick nach. Die italienische Küche ist das genaue Gegenteil von Kohlenhydrat-Restriktion – es heißt, wenn einer versuchen würde, in Neapel oder Süditalien das Buch Dr Atkins New Diet Revolution zu verkaufen, würde er von den örtlichen Mafiosi windelweich geprügelt. Pasta, Pizza, Panettone, Calzone, Brot, Risotto, Biscotti und Gnocchi bilden die Grundfesten der italienischen Küche. Und ich sollte noch hinzufügen, dass diese kohlenhydratreichen Grundnahrungsmittel allesamt aus raffiniertem Weißmehl – ich wiederhole: RAFFINIERTEM WEISSMEHL – hergestellt werden. Also los, all Ihr revisionistischen Autoren und »Experten«, die Ihr eine Vollkorn-Mittelmeerkost anpreist: Setzt Euch den Spotthut [den früher die schlechten Schüler tragen mussten] auf und stellt euch neben Eure Low-Carb-Brüder in die Ecke.

 

Ähnlich ist es bei der Schweiz: Die Schweiz und fettarme Diäten, das ist wie Politik und Ehrlichkeit. Schauen Sie sich die Zahlen der UN-Ernährungsbehörde FAO an und Sie erkennen, dass der durchschnittliche Fettverzehr in der Schweiz so hoch ist wie in kaum einem anderen Land. Und ein Blick auf die Statistik zur Lebenserwartung verrät Ihnen, dass die Schweiz seit jeher einen Spitzenplatz einnimmt (zurzeit liegt sie nach Japan, Hong Kong und Island auf Platz drei).[2] Apropos Island – dort ist der Fettverzehr ähnlich hoch wie in der Schweiz, trotzdem erfreuen sich die Jungs dort der höchsten Lebenserwartung auf der Welt, noch vor Japan, Hong Kong, der Schweiz und Australien.

 

Wenn Fett fett macht, dann hat offensichtlich jemand vergessen, das den Schweizerinnen zu sagen, denn sie nehmen offiziell den Platz der schlanksten Frauen in Europa ein. Also, all Ihr irregeleiteten Verfechter einer fettarmen Ernährung, lasst Euch von meiner hübschen Assistentin ebenfalls den Spotthut aufsetzen und nehmt neben den Vollkorn-Low-Carb-Vertretern in der Ecke Platz.

 

Für Malteserinnen und Engländerinnen sieht das Bild nicht ganz so rosig aus. Die Malteserinnen brachten von allen Europäerinnen mit einem BMI von 27 das meiste Gewicht auf die Waage, gefolgt von den Engländerinnen mit 26,9.

 

Die Männer in England sind nicht besser dran, ihr BMI ist von 24,7 auf 26,6 gestiegen, das bedeutet den Aufstieg von Platz 17 auf Platz fünf. In den großen europäischen Ländern sind nur die Spanier noch fetter.

 

Die dicksten Männer trifft man in Irland und Malta, beide Länder haben einen durchschnittlichen BMI von 27,7. Auch die Burschen in Italien sind nicht viel besser, ihr BMI liegt bei 26,5. Die dünnsten Männer findet man in Frankreich – wo der Verzehr von gesättigtem Fett der höchste in Südeuropa ist.

 

 

Und der Rest der Welt?

 

Weltweit haben schätzungsweise 1,46 Milliarden Erwachsene einen BMI von 25 oder mehr, davon gelten 205 Millionen Männer und 297 Millionen Frauen als fettleibig. Die USA weisen von allen Ländern mit hohem Durchschnittseinkommen den höchsten BMI auf, den niedrigsten findet man – wenig überraschend – in den armen Ländern. Am niedrigsten war der BMI bei Frauen in Bangladesch (20,5), bei Männern in der Demokratischen Republik Kongo (19,9). Ein BMI von unter 21,4 bei beiden Geschlechtern wurde in einigen Ländern südlich der Sahara sowie in Ost-, Süd- und Südostasien ermittelt.

 

Ja, wir verwöhnten, selbstsüchtigen Menschen, die wir in den westlichen Ländern an einer Fettleibigkeits-»Epidemie« leiden, sollten uns daran erinnern, dass weltweit noch immer sehr viele Menschen tagtäglich mühsam um ihr tägliches Brot kämpfen müssen. Denken Sie daran, wenn Sie das nächste Mal eine Menge Kalorien wegwerfen, während Sie auf Ihrem deutlich unterbeschäftigten Allerwertesten hocken und sich fragen, wie in aller Welt Sie so fett werden konnten. Während Sie mit einer Fettleibigkeit »kämpfen«, die durch den Überfluss an billigen und überall verfügbaren Kalorien entstanden ist, stirbt vielleicht am anderen Ende der Welt gerade ein Mensch an Unterernährung. Raten Sie mal, wer mir wirklich leidtut?

 

Was Sie von diesem Artikel behalten sollten:

  1. Kohlenhydrate machen nicht fett.
  2. Fett macht nicht fett.
  3. Zu viele Kalorien machen fett, ganz egal, ob sie aus Eiweiß, Fett, Kohlenhydraten, Alkohol oder all dem Müll stammen, den Sie sich von Ihrem Lieblings-Diätguru aufschwatzen lassen.
  4. Gesättigte Fette aus Fleisch und Vollmilchprodukten mindern Ihre Lebenserwartung nicht. Das tun sie nur in den schrillen, unheilverkündenden Büchern und YouTube-Videos von weinerlichen Veganern, die an Nährstoffmangel und Wirklichkeitsverlust leiden. Aber wer will schon so sein wie sie?
  5. Spanische und italienische Mädchen zählen zu den heißesten der Welt, aber die Burschen in diesen Ländern werden immer fetter. Die Natur scheut das Vakuum, also schaue ich gerade nach den Preisen für Flüge von Adelaide nach Rom und Barcelona (und dabei habt Ihr Frauen doch gedacht, Männer könnten nicht zwei Dinge gleichzeitig tun, hahaha).

 

Quelle: Anthony Colpo

 

Anmerkungen:

[1] Die zititerte Studie ist die folgende: Finucane MM u.a., »National, regional, and global trends in body-mass-index since 1980: systematic analysis of health examination surveys and epidemiological studies with 960 country-years and 9.1 million participants«, Lancet, 12. Februar 2012, 377 (9765): 557-567.

[2] Siehe Tabelle 16A auf Seite 97 des PDF-Dokuments World Population Prospects. The 2006 Revision.

 

 


 

 

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