Tuesday, 27. September 2016
02.04.2012
 
 

Rotes Fleisch bringt Sie um – und allerlei andere Märchen

Anthony Colpo

Alle Jahre wieder dasselbe Bild: Reißerische Schlagzeilen künden von »neuen« Erkenntnissen aus der Forschung, wonach rotes Fleisch angeblich Krebs verursacht. Und jedes Mal ist die Quelle für diese Schauermeldung ein Projekt zur Daten-Verzerrung… äh, ich wollte sagen, eine »epidemiologische« Studie von Forschern der Harvard-Universität oder irgend eines anderen »renommierten« Instituts (es gibt in Wirklichkeit keine einzige aktuelle randomisierte, kontrollierte klinische Studie, die beweisen würde, dass rotes Fleisch Krebs verursacht).

Wenn der alljährliche »Rotes-Fleisch-verursacht-Krebs«-Zirkus heranrollt, möchte ich am liebsten

gähnen und mich dringlicheren Aufgaben zuwenden, wie beispielsweise den Feinheiten der Zubereitung von Rinder-Spare-Ribs. Wussten Sie, dass diese kleinen Leckerbissen sich desto leichter vom Knochen lösen und außerdem wunderbar zart werden, je länger und schonender sie gegart werden? Und dass die richtige Menge Meersalz, Kardamom und Bockshornklee diese Leckerei noch sündhaft leckerer macht? Versuchen Sie es einmal und denken Sie genau in dem Moment, wo Ihre Geschmacksknospen einen wahren Orgasmus erleben, an diese armen Jungs, die da allen Ernstes den Rotes-Fleisch-ist-ungesund- Blödsinn glauben.

 

 

Das bringt mich zu der jüngsten Abhandlung gegen rotes Fleisch, die überall für Aufregung sorgt. Die Studie stammt von Harvard-Forschern, aber anders als wie üblich vom Krebs handelt sie vom allgemeinen Sterberisiko durch den Verzehr von rotem Fleisch. Von allen Seiten werde ich gefragt, was ich davon halte, also gut:

 

Ich halte das Dokument für völligen Bockmist.

 

Das ist es, was ich dazu zu sagen habe. Ich hoffe, Sie sind zufrieden. Ich gehe jetzt. Tschüss!

 

Was meinen Sie?

 

Sie möchten etwas mehr Wissenschaftliches, wie eine Beschreibung der Methoden, Daten und möglichen Fehler in der Studie?

 

Mist… ich hatte gehofft, ich käme einfacher davon!

 

Na gut, ich nehme mir das Dokument noch einmal vor und erkläre Ihnen, warum ich es für lächerlich halte.

 

 

Epidemi-Quatsch kontra klinische Studien

Zunächst sollte ich darauf verweisen, dass in dem besagten Papier über zwei epidemiologische Studien berichtet wird, die manchmal auch als Prospektiv-, Folge- oder bevölkerungsbezogene Studien bezeichnet werden. Das sind Studien, für die die Forscher ein paar Leute gewinnen, ihnen einige Fragen stellen (manchmal nur zu Beginn der Studie, manchmal in bestimmten Abständen im Verlauf der Studie) und sie dann mehrere Jahre lang beobachten. Bei ernährungsbezogenen epidemiologischen Projekten werden Fragen über Essgewohnheiten und sportliche Aktivität gestellt und anschließend geprüft, ob es einen statistischen Zusammenhang zwischen Ernährung, Lebensstil und späterer Erkrankung (Morbidität) oder Tod (Mortalität) gibt.

 

Wenn Sie mein Buch Der große Cholesterin-Schwindel gelesen haben, so wissen Sie, dass epidemiologische Studien bei mir nicht allzu hoch im Kurs stehen, oder genauer gesagt, dass ich nichts davon halte, wie sie in der Regel als »Beweis« für einen kausalen Zusammenhang zwischen Ernährung und auftretenden Erkrankungen herangezogen werden. Um es klar und deutlich zu sagen: Epidemiologische Studien können nicht als Beweis für einen kausalen Zusammenhang zwischen Fleisch und Krebs, gesättigten Fettsäuren und Herzkrankheiten oder irgendeine andere Verbindung herangezogen werden. Sie können lediglich statistische Beziehungen aufdecken, das heißt, die Beobachtung, dass Menschen, die bestimmte Dinge essen, häufiger, seltener oder ähnlich häufig an der Krankheit X erkranken. Ob die Krankheit X aber tatsächlich durch das bestimmte Essen hervorgerufen wird, oder ob Menschen, die diese Art Lebensmittel essen, aufgrund anderer persönlicher Lebensgewohnheiten dieser Krankheit häufiger zum Opfer fallen, kann aus einer epidemiologischen Studie nicht mit Sicherheit geschlossen werden.

 

Dafür bräuchte man eine randomisierte kontrollierte klinische Studie, für die Probanden gewonnen und willkürlich einer von zwei Gruppen zugeordnet werden. Für eine Studie über rotes Fleisch würde die eine Gruppe dann angewiesen, wenig rotes Fleisch zu sich zu nehmen, eine zweite Gruppe würde sich exakt genauso ernähren wie die erste, aber deutlich mehr Fleisch essen. Beide Gruppen erhielten klare Anweisungen darüber, wie sie ihre jeweilige Ernährung am besten zusammenstellen und einhalten könnten. Die Randomisierung ist zwar nicht perfekt, macht es aber wahrscheinlicher, dass es in jeder Gruppe eine gleiche Anzahl von Rauchern/Diabetikern/sportlich Inaktiven/Alkoholkonsumenten/Medikamenten-Anwendern gibt, so dass die eine Gruppe nicht durch einen höheren Anteil von Personen mit ungesünderen Essgewohnheiten oder schlechterem Gesundheitszustand benachteiligt wird.

 

 

Wie man es vermeidet, prospektiv den eigenen Schwanz zu jagen

Ich möchte Ihnen an einem Beispiel verdeutlichen, wie nutzlos es ist, aus epidemiologischen Studien konkrete Schlussfolgerungen zu ziehen. Vor einigen Jahrzehnten, als Ancel Keys mit seinen Sechs- und Sieben-Länder-Studien Furore machte, in denen behauptet wurde, Fett und Cholesterin verursachten Herzerkrankungen, entschloss sich ein anderer Forscher, der nicht zur Erbsenzählerei neigte, das Problem ein wenig eingehender unter die Lupe zu nehmen. Sein Name war John Yudkin, er analysierte mehr Länder als Keys in seiner kleinen Auswahl und fand keine Verbindung zwischen Fett und koronarer Herzkrankheit (KHK). Hingegen fand er eine sehr enge Verbindung zwischen dem Besitz von Fernsehapparaten und der KHK: Menschen, die einen Fernseher besaßen, entwickelten mit höherer Wahrscheinlichkeit eine Herzerkrankung.

 

Wäre ich nun ein Harvard-Forscher und erhielte ein solches Ergebnis, so würde ich daraus sofort den Schluss ziehen, Fernseher verursachten eine KHK, und würde eine reißerische Pressemitteilung mit dem Tenor verfassen: »Ihr Fernseher bringt Sie um – Neue Studie beweist, dass Fernseher Herzinfarkte verursachen!« Und da sich die meisten Journalisten, die über Gesundheit und Ernährung schreiben, verhalten wie die Schafe, die keine Ahnung von Gesundheit und Ernährung haben, würden sie davon ausgehen, dass ich, da ich ja von der Harvard-Universität käme, wisse, worüber ich rede, wenn es um Gesundheitsforschung geht. Kurz: meine Behauptung würde weltweit Schlagzeilen machen.

 

Da ich nun aber mein Diplom nicht an der Harvard-Universität, sondern an der Universität des gesunden Menschenverstands erworben und meine Abschlussarbeit zum Thema »Unsinn entlarven für Anfänger« verfasst habe, wäre meine erste Reaktion, zu fragen: »Gibt es an Fernsehern selbst irgendetwas Giftiges, oder spielen hier verwandte Faktoren eine Rolle?«

 

Nun, wir wissen, dass ein Fernseher kein Gift in die Umgebung abgibt, das in die Arterien der Zuschauer eindringt, so dass Sie sich schmerzverzerrt an die Brust fassen und sterben, weil Ltd. Horatio in CSI Miami gerade Bösewichte schnappt.

 

Was wir allerdings wissen, ist, dass Sie beim Fernsehschauen auf dem Allerwertesten sitzen. Was bedeutet, dass Sie keinen Sport treiben und sich nicht bewegen. Vielmehr futtern Sie wahrscheinlich auch noch kalorienreiches Knabberzeug. Wenn Sie sehr viel fernsehen, bedeutet das, dass Sie wahrscheinlich noch viel mehr nutzloses Zeug essen und wahrscheinlich überhaupt keinen Sport treiben. In diesem Fall haben Sie vermutlich Übergewicht, sind nicht gerade fit und Ihre Arterien haben die Elastizität von Stahlträgern.

 

Setze ich dann meine Fähigkeit zur Ableitung ein, die ich durch meinen Abschluss in »Unsinn entlarven für Anfänger« erworben habe, so drängte sich mir sofort der Verdacht auf, dass die eigentliche Ursache für das erhöhte KHK-Risiko in Ihrem schlechten körperlichen Zustand und Ihren ungezügelten Essgewohnheiten zu suchen wäre. Das würde mich veranlassen, Ihnen Ratschläge zu erteilen, wie Sie Ihre Fitness erhöhen und Ihre Ernährungsgewohnheiten ändern könnten. Den Schluss zu ziehen, der Fernseher wäre die Ursache und Ihnen zu raten, ihn abzuschaffen, würde Ihnen rein gar nichts nützen, wenn Sie weiterhin auf der Couch sitzen blieben und sich den Weg in ein frühes Grab knabberten.

 

Das, meine Damen und Herren, ist die reale Gefahr in der heutigen regelrechten Besessenheit über epidemiologische Studien. Sie sind randomisierten klinischen Studien weit unterlegen, werden sie aber als praktisch gleichwertig betrachtet – wie heutzutage weithin üblich –, so können sie zu falschen und irreführenden Schlussfolgerungen verleiten.

 

Unter bestimmten Umständen ist die epidemiologische Forschung tatsächlich sinnvoll. Wenn beispielsweise eine neue Virusepidemie ausbricht, haben die Forscher nicht die Zeit, endlos über die feinen Nuancen einer klinischen Studie zu diskutieren. Eine epidemiologische Analyse ermöglicht es ihnen, zu bestimmen, welche geografischen Regionen, Altersgruppen, Berufe, Gewohnheiten, Ethnien und so weiter anfällig zu sein scheinen, und dementsprechend die erforderlichen Schritte zu unternehmen, den Ausbruch einzugrenzen.

 

Außerdem kann die epidemiologische Forschung im Vorfeld klinischer Studien nützlich sein, das heißt bei der Bestimmung von Verbindungen, die unter genauer kontrollierten Bedingungen bestätigt oder widerlegt werden sollen. Aus einer epidemiologischen Studie darauf zu schließen, dass Fleisch Krebs verursacht oder dass das Fahren eines bestimmten Kleinwagens dazu führt, dass Männer weibliche Verhaltensweisen übernehmen, ist schlicht und einfach dumm. Dann aber zu erkennen, dass diese Zusammenhänge anscheinend ständig in Prospektivstudien beobachtet werden und deshalb eine klinische Studie in Auftrag zu geben, mit der untersucht werden soll, ob diese Zusammenhänge auch unter genauer kontrollierten Bedingungen Bestand haben – das ist nicht dumm, das ist kompetente Wissenschaft. Diese Art Wissenschaft würde in einer Welt betrieben, in der die Medizin und das Gesundheitswesen nicht von Pharma- und Lebensmittelkonzernen beherrscht und Forscher eine Gemeinschaft unabhängiger Denker wären, die außerhalb der ausgetretenen Pfade denken und mehr Wert darauf legen, die Wahrheit zu erkennen, als ständig dieselbe epidemiologische Studie für ein schlagzeilenverdächtiges Papier nach dem anderen auszuschlachten. Aber ich schweife ab…

 

Letztendlich geht es darum: aus einer epidemiologischen Studie darauf zu schließen, dass rotes Fleisch das Krebsrisiko erhöhe, ist schlampige Wissenschaft. Und genau das wird in diesem neuesten Harvard-Papier von Pan et al. gemacht.

 

 

Nicht mangelnde Aktivität, Rauchen und Diabetes hat sie umgebracht – es war das rote Fleisch, verdammt noch mal!

Das Erste, was ich mir anschaue, wenn ich ein Dokument wie das hier behandelte lese, ist die grundlegende Darstellung des Untersuchungsgegenstands. Da schrillen oft schon die Alarmglocken, und jetzt, wo ich Tabelle I des Papiers überfliege, klingelt es in meinem Kopf wie im Callcenter. Es gibt dermaßen viele Unstimmigkeiten, dass ich beim besten Willen nicht verstehe, wie jemand ein solches Papier ernstnehmen kann.

 

Die Forscher unterteilten die Teilnehmer nach ihrem Fleischverzehr in vier Kategorien, von sehr wenig bis sehr viel. Schon beim Überfliegen der Tabelle wird eines sonnenklar: Je mehr rotes Fleisch die Menschen in dieser Studie aßen, desto höher war die Wahrscheinlichkeit, dass sie insgesamt ungesund lebten.

 

Erinnern Sie sich, dass ich gesagt habe, das Papier beschreibe zwei Studien? Die erste war die so genannte Health Professionals Follow-Up Study (HPFS), deren Daten anzeigen, dass mit steigendem Verzehr von rotem Fleisch tendenziell auch Folgendes zu beobachten war:

 

  • körperliche Inaktivität
  • Rauchen (im obersten Viertel des Fleischverzehrs fanden sich dreimal so viele Raucher!)
  • Diabetes

 

Darüber hinaus tranken die eifrigsten Fleischesser auch mehr Alkohol, schluckten weniger Multivitamin-Ergänzungspräparate und nahmen nach eigenen Angaben täglich 800 Kalorien mehr zu sich als die Teilnehmer im untersten Viertel (2.396 im Vergleich zu 1.659 kcal/Tag… mehr dazu später).

 

Bei der HPFS neigten also die Probanden, die das meiste rote Fleisch aßen, auch zu einem insgesamt ungesünderen Lebensstil.

 

Das Gleiche gilt im Wesentlichen für das zweite Projekt, die Nurses‘ Health Study (NHS). Wiederum zeigten die zugrundegelegten Daten, dass diejenigen, die das meiste rote Fleisch aßen, weniger Sport trieben und mit höherer Wahrscheinlichkeit rauchten oder an Diabetes erkrankt waren, seltener ein Multivitaminpräparat schluckten und nach eigenen Angaben täglich mindestens 800 kcal zusätzlich zu sich nahmen.

 

Auch hier rauchten die eifrigsten Fleischesser mehr, trieben weniger Sport und litten häufiger an Diabetes, einer Erkrankung, bei der der Blutzucker außer Kontrolle gerät, ohne plausible Verbindung zu rotem Fleisch, aber in engem Zusammenhang mit übermäßiger Kalorienaufnahme und Verzehr von raffinierten Kohlenhydraten und körperlicher Inaktivität.

 

Für mich ist es schier unglaublich, dass ich 2012 auf so etwas hinweisen muss, insbesondere einen Harvard-Forscher, aber es gilt heutzutage als gesichert, dass Rauchen, Diabetes und physische Inaktivität das Risiko für Krebs, Herzerkrankungen und frühe Sterblichkeit deutlich erhöhen – genau das, was die Forscher in diesem Papier dem armen alten roten Fleisch, das für jedermann zum Prügelknaben geworden ist, in die Schuhe schieben.

 

Einige Leser mögen nun vielleicht einwenden, dies sei durch die multivariate Analyse der Forscher bereinigt worden, die Faktoren wie Alter, Body Mass Index, das Ausmaß körperlicher Aktivität, Rauchen, Rasse, Wechseljahre und Hormoneinnahme bei Frauen, Familiengeschichte von Diabetes, Bluthochdruck oder Hypercholesterinämie sowie die Energieaufnahme insgesamt, den Verzehr von Vollkornprodukten, Obst und Gemüse berücksichtigt hätten.

 

Meine Antwort darauf würde lauten: Ja, gut.

 

Anzunehmen, dass durch eine multivariate Analyse alle störenden Variablen ausgeschlossen und eine wirklich korrekte Risikoeinschätzung getroffen werden könne, das ist in etwa so, als würde man behaupten, die Forscher verfügten über magische Kräfte. Nachträglich ein statistisches Modell anzulegen, ist etwas ganz anderes als eine klinische Studie zu planen, bei der die Probanden randomisiert in zwei Gruppen eingeteilt und genau angewiesen werden, was sie essen sollen und was nicht. Außerdem, denken Sie doch nur an all die Faktoren, die nicht berücksichtigt wurden. Nach dem in unserer Gesellschaft weit verbreiteten Drogenkonsum (der in der Medizin ein sehr reales Problem darstellt), wird in ernährungsbezogenen Prospektivstudien so gut wie nie gefragt. Das Gleiche gilt für andere riskante Verhaltensweisen, wie schlechte Schlafgewohnheiten oder größeren psychosozialen Stress. Diese Faktoren tauchten zumindest in der multivariaten Analyse von Pan et al. nicht auf, auch wenn die reale Möglichkeit besteht, dass diese Faktoren bei den Probanden, die häufiger Fleisch aßen, angesichts ihres allgemein ungesünderen Lebensstils eine Rolle spielten.

 

 

Wie exakt waren diese Daten dann überhaupt?

Es ist allgemein bekannt, dass in Prospektivstudien und auch in ambulanten klinischen Studien in der Regel sehr ungenaue Angaben über die Ernährung gemacht werden. Vor diesem Hintergrund: Erinnern Sie sich daran, dass in dem Papier von Pan et al. mit dem höheren Verzehr von rotem Fleisch nach Angaben der Probanden auch die tägliche Kalorienaufnahme stieg? Und dass mit steigendem Verzehr von rotem Fleisch die körperliche Aktivität abnahm? Und wenn Sie nicht zu den etwas einfältigen Low-Carb-Leuten zählen, die noch immer an die MAD-Diät glauben, dann sollten Sie doch eigentlich erwarten, dass Übergewicht und Fettleibigkeit mit steigendem Verzehr von rotem Fleisch einhergehen würden – aber genau das ist nicht der Fall. Unerklärlicherweise ist der durchschnittliche BMI in allen fünf Kategorien des Verzehrs von rotem Fleisch ähnlich hoch.

 

Laut dieser Studie sind Ärzte und Krankenschwestern – anders als wir übrigen Normalsterblichen – wahre Stoffwechselfreaks, die mehr essen und sich weniger bewegen können, ohne zuzunehmen.

 

Natürlich.

 

Sie erinnern sich, dass die Teilnehmer an langjährigen epidemiologischen Studien manchmal nur einen einzigen Ernährungs-Fragebogen ausfüllen müssen, in anderen Studien aber in regelmäßigen Abständen. Bei der HPFS- und der NHS-Studie hieß »regelmäßig« einmal alle vier Jahre (!).

 

Lassen Sie mich die Forscher direkt zitieren: »1980 wurde den Teilnehmern der NHS ein 61 Punkte umfassender Fragebogen ausgehändigt, mit dem Informationen über ihren üblichen Verzehr von Lebensmitteln und Getränken in den Vorjahren gesammelt wurden. 1984, 1986, 1990, 1994, 1998, 2002 und 2006 wurden den Teilnehmern ähnliche, aber erweiterte Fragebögen mit 131 bis 166 Punkten geschickt, in denen sie nähere Angaben über ihre Ernährung machen sollten. Unter Verwendung des erweiterten Fragebogens, der bei der NHS verwendet wurde, wurden 1986, 1990, 1994, 1998, 2002 und 2006 Daten der HPFS-Teilnehmer erfasst. In jedem Fragebogen wurden die Teilnehmer um Auskunft gebeten, wie häufig sie die genannten Lebensmittel in normaler Portionsgröße im Durchschnitt konsumierten.«

 

Die meisten haben schon Schwierigkeiten, sich daran zu erinnern, was sie vor drei Tagen gegessen haben, aber hier geht man von der sehr großzügigen (andere würden sagen absurden) Annahme aus, dass die Teilnehmer nicht nur sehr genaue Angaben über die Portionsgröße machten und sehr präzise Einschätzungen über die Häufigkeit abgaben, sondern dass sie das auch über einen Zeitraum von zwölf Monaten vor Ausfüllen des Fragebogens tun konnten.

 

Was Sie da riechen? Den nicht so angenehmen Geruch von Kuhfladen.

 

 

Cholesterin runter! Sterblichkeit rauf!

Noch ein weiterer Aspekt in Tabelle I verdient genauere Aufmerksamkeit, wurde jedoch in den reißerischen Presseberichten vollkommen ignoriert. Mit steigendem Verzehr von rotem Fleisch sank nämlich die Wahrscheinlichkeit erhöhter Cholesterinwerte. Diese Verbindung wurde in der HPFS besonders deutlich, bei der die Teilnehmer im oberen Viertel des Fleischverzehrs nur halb so oft erhöhte Cholesterinwerte aufwiesen.

 

Haltet die Druckerpressen an!

 

Seit Jahren hacke ich unermüdlich darauf herum, dass der Feldzug gegen das Cholesterin absurd ist, weil Cholesterin eine völlig normale Substanz ist, die für unser aller Wohlergehen absolut unerlässlich ist. Und während in bisweilen geradezu widerlich arroganter Manier versucht wird, mich als Verrückten darzustellen, weil ich auf diese einfache Tatsache hinweise, bleibt unbestritten, dass Cholesterin ein essenzielles Zellsubstrat ist, für das die Menschen mehr Respekt aufbringen sollten. Entfernen Sie alles Cholesterin (und gesättigtes Fett) aus Ihren Zellwänden, und Sie würden auf der Stelle als lebloser Matsch und Knochen zu Boden sinken.

 

Und hier haben wir nun eine Studie, die zeigt, dass in dem Maße, wie der Spiegel dieser essenziellen Substanz abnahm, die Sterblichkeit anstieg. Aber auch das wird zugunsten eines moderneren und politisch korrekten Feldzugs gegen rotes Fleisch unter den Teppich gekehrt.

 

Erlauben Sie mir, für einen Augenblick an die frische Luft zu gehen… der Geruch des Pan-Papiers bringt mich um.

 

 

Von wegen unverarbeitet!

Wie bei so vielen anderen Fleisch-und-Krebs-Studien untersuchten die Forscher auch hier sowohl unverarbeitetes als auch industriell verarbeitetes Fleisch. Letzteres enthält nur allzu oft höchst fragwürdige Inhaltsstoffe, die im Verdacht stehen, zu chronischen Erkrankungen beizutragen. Darüber hinaus ist der Herstellungs- und Zubereitungsprozess bei industriell verarbeitetem Fleisch oft wenig zu durchschauen. In den USA konnten einige der schwersten Fälle von Lebensmittelvergiftungen auf Aufschnitt, Hot Dogs und unzureichend gegarte Hamburger zurückgeführt werden.

 

Also mussten die Forscher das rote Fleisch in zwei Kategorien unterteilen: »verarbeitet« und »unverarbeitet«. In der Kategorie »verarbeitet« finden wir »Speck, Hot Dogs« und »Wurst, Salami, Bologna-Mortadella und andere Sorten von industriell verarbeitetem roten Fleisch.«

 

Soweit kein Problem.

 

Schauen wir aber jetzt die Kategorie »unverarbeitet« an. All Ihr Genießer von Fleisch von grasgefütterten Rindern aus Weidehaltung, setzt Euch erst mal hin, bevor ich mit der Diskussion fortfahre. Am besten haltet Ihr auch ein wenig Sauerstoff in Reserve.

 

Alles bereit? Gut.

 

Nach Angaben der Forscher »zählte zur Kategorie Verzehr von unverarbeitetem rotem Fleisch ›Rind, Schwein oder Lamm als Hauptgericht‹ (ab 1990 wurde Schweinefleisch getrennt erfasst), ›Hamburger‹ sowie  ›Rind, Schwein oder Lamm als Sandwich oder als Teil von Gerichten. ‹ «

 

Wie bitte?

 

Seit wann ist ein Hamburger »unverarbeitet«? Natürlich, wenn Sie frisch durchgedrehtes Fleisch kaufen und es ohne künstliche Zusätze selbst zubereiten – aber wie verschwindend wenige Hamburger kommen in Amerika denn so auf den Tisch?

 

Und Sie brauchen kein Genie zu sein, um zu wissen, dass das Fleisch auf Sandwiches häufig verarbeiteter »Aufschnitt« ist… wie hat es sich bloß in die Kategorie »unverarbeitet« einschleichen können?

 

Willkommen in Bizarro World, Leute, wo ein frisches T-Bone-Steak und eine vor Zusatzstoffen nur so strotzende Fleischscheibe bei Mäckes als gleichwertig betrachtet werden!

 

Auch wenn Sie kein Genie sein müssen, so dürfen Sie aber offenkundig nicht zur Epidemiologie-Abteilung bei Harvard gehören, wenn Sie auf solche himmelschreienden Fehler aufmerksam werden wollen.

 

 

Der Schwindel vom relativen Risiko

Okay, sprechen wir über das angeblich erhöhte Risiko, das die Forscher für den Verzehr von rotem Fleisch behaupten. Bei der HPFS-Studie wurde ein Zeitraum von bis zu 22 Jahren, bei der NHS-Studie sogar von bis zu 28 Jahren, erfasst. An beiden Studien zusammen nahmen 121.342 Personen teil. Die Zahl der dokumentierten Todesfälle betrug 23.926 (darunter 5.910 Todesfälle nach Herzkreislauferkrankungen und 9.464 Krebstote) bei 2,96 Millionen Personenjahren. Das heißt, rund 20 Prozent der Teilnehmer verstarben im Verlauf der Studie.

 

Nach ihrer multivariaten Analyse behaupteten die Forscher einen Anstieg des relativen Risikos der allgemeinen Sterblichkeit von zwölf Prozent für den Verzehr von rotem Fleisch insgesamt, von 13 Prozent bei Verzehr von »unverarbeitetem« und 20 Prozent bei »verarbeitetem« rotem Fleisch. Selbst in einer klinischen Studie ist eine Steigerungsrate von zwölf bis 13 Prozent nicht wirklich umwerfend hoch. Aber in einer Prospektivstudie, die hoffnungslos Störfaktoren unterworfen ist und eine fragwürdige rückreichende Erfassung über die Ernährung beinhaltet, die ungefähr so häufig stattfindet wie die Olympischen Spiele, ist sie völlig belanglos. Relative Risikoprozente im zweistelligen Bereich erfordern selbst bei den Unzulänglichkeiten epidemiologischer Studien besondere Aufmerksamkeit. Aber bei einer solch inhärent fehlerhaften Studie ernsthaft zu behaupten, der Verzehr von rotem Fleisch führe zu einem Anstieg der allgemeinen Sterblichkeit um zwölf Prozent, ist ein sehr, sehr schlechter Witz.

 

Nur ein hoffnungslos voreingenommener Veganer hätte seine Freude an so einer Studie…

 

An die Adresse von Euch Journalisten, die Ihr darauf besteht, pseudowissenschaftlichen Unsinn wie diesen hier groß herauszubringen, sei gesagt: Schande über Euch! Im Ernst, zitiert lieber lügende Politiker oder schreibt Klatschkolumnen oder anderen hirnverbrannten Blödsinn, für den Ihr qualifiziert seid. Leute, die keinen Schimmer von wissenschaftlicher Forschung haben und einfach nur Presseerklärungen von Forschern für bare Münze nehmen, haben in einer Position, in der sie das Wissen und Handeln anderer Menschen über deren eigene Gesundheit beeinflussen, nichts verloren.

 

Für alle anderen: Seien Sie bei reißerischen Storys über Ernährung und Gesundheit in den großen Medien auf der Hut und fragen Sie sich stets: »Stammt diese Erkenntnis aus einer randomisierten klinischen Studie oder einer epidemiologischen Prospektivstudie?« Ist Letzteres der Fall, sollten Sie die Ergebnisse mit Vorsicht genießen.

 

 


 

 

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