Saturday, 28. May 2016
11.08.2014
 
 

US-Behörde verbietet bienengefährliche Neonicotinoide

F. William Engdahl

Manchmal beginnen positive Veränderungen an Orten, wo man sie nicht erwartet. So ist es offenbar auch bei dem Bemühen um ein Verbot von gentechnisch veränderten Pflanzen (GV-Pflanzen) und Neonicotinoiden, bienengefährlichen hochgiftigen Insektiziden. Der US Government Fish and Wildlife Service hat soeben für alle Naturschutzgebiete im Zuständigkeitsbereich der Behörde ein Verbot von GV-Pflanzen und Neonicotinoide ausgesprochen. Es ist die erste derartige Entscheidung einer staatlichen Behörde der USA.

 

Der Fish and Wildlife Service ist dem US-Innenministerium unterstellt, er ist verantwortlich für der Erhalt der Artenvielfalt von Fischen und Wildtieren sowie den Schutz der Natur. In der Selbstdarstellung wird die Aufgabe folgendermaßen beschrieben: »Zusammen mit anderen arbeiten wir für Erhalt und Schutz von Fischen, Wildtieren, Pflanzen und deren Habitat zum Wohl des amerikanischen Volkes.« Die im Jahr 1940 ins Leben gerufene Behörde ist für über 560 Naturschutzgebiete und Tausende anderer besonders geschützter Gebiete mit einer Gesamtfläche von rund 60 Millionen Hektar in den USA zuständig. Außerdem betreibt sie 70 Fischbrutbetriebe und unterhält 65 Büros für Fischereiressourcen.

 

Die Neonicotinoide sind eine relativ neue Klasse von Insektiziden, die als Hauptursache des »plötzlichen Bienenvölkerkollapses«, das heißt des Todes ganzer Bienenvölker, gelten. Bayer AG und Syngenta in Basel sind die größten Hersteller von Neonicotinoiden. Der Fish and Wildlife Service will die Verwendung von Neonicotinoiden ab Januar 2016 verbieten. Zahlreiche Studien demonstrieren, dass sie nicht nur schädlich sind für Bienen – ein unverzichtbarer Teil der Nahrungsproduktion –, sondern auch für Vögel, Säugetiere und Fische.

 

Neonicotinoide werden meistens auf die Samen gesprüht, sodass sich das Gift während des Wachstums der Pflanze auf alle ihre Abschnitte verteilt, auch auf Pollen und Nektar, der von Bestäubern wie Bienen und Schmetterlingen eingesammelt wird.

 

»Wir haben entschieden, dass der prophylaktische Einsatz, beispielsweise die Behandlung des Saatguts mit Neonicotinoiden, die sich systemisch in der Pflanze verteilen und ein breites Spektrum von Nicht-Zielarten beeinträchtigen können, mit der Politik des Service nicht vereinbar ist«, schrieb James Kurth, der Chef des National Wildlife Refuge System, am 17. Juli in einem Memorandum. Das landesweite Verbot der Neonicotinoide folgt auf Verbote der Behörde in den Bundesstaaten Washington, Oregon, Idaho, Hawaii und den Pazifikinseln.

 

Laut Dr. Henk Tennekes, einem niederländischen Toxikologen und Experten über die Auswirkungen der Neonicotinoide, sind »die derzeit verwendeten Neonicotinoid-Insektizide wasserlöslich (hydrophil), sie gelangen in die gesamte Pflanze. Ihr scheinbarer Vorteil besteht darin, dass die angewendeten Konzentrationen viel geringer sind als bei traditionell angewendeten Insektiziden. Doch Nicht-Ziel-Insekten wie Honigbienen oder Schmetterlinge, die kontaminierte Pollen oder den Nektar der Pflanzen einsammeln, werden vergiftet. Darüber hinaus können Neonicotinoide vom Boden ins Grundwasser gelangen und ganz allgemein eine Gefahr für Nicht-Ziel wirbellose Tiere darstellen.« Das ist noch nicht alles; denn die Wirkung erstreckt sich auf die gesamte Nahrungskette. Wie Tennekes erklärt, reduziert die Schädigung oder das Töten von Nicht-Ziel-Insekten und anderen Gliederfüßern die »Nahrung für höhere Organismen. Wird ein Glied in der Nahrungskette gebrochen, können alle Organismen oberhalb der Bruchstelle vom Aussterben bedroht sein.«


Am 31. Januar 2013 empfahl die EU-Kommission, drei Neonicotinoid-Pestizide ab dem 1. Juli 2013 bis spätestens zum Juli 2015 vom Markt zu nehmen. Dabei handelte es sich um Clothianidin und Imidacloprid von Bayer und Thiamethoxam von Syngenta. Die Kommission fällte diese Entscheidung damals gegen den Widerstand der deutschen und der britischen Regierung.

 

Im Juni 2014 veröffentlichte die Task Force on Systemic Pesticides [eine 2009 gegründete Arbeitsgruppe von Wissenschaftlern] ihr sogenanntes »Worldwide Integrated Assessment« (WIA, weltweite integrierte Beurteilung), in dem signifikante Schäden an Bienen und Umwelt durch die verbreitete Anwendung von Neonicotinoiden (Neonics) dokumentiert werden. Wie im Bericht betont wird, sind Neonics und deren Abbauprodukte schon in sehr niedrigen Konzentrationen dauerhaft schädlich.

 

Die Wissenschaftler verwiesen auf erhebliche Schlupflöcher, insbesondere in den Verordnungen der US-Umweltbehörde, mit deren Hilfe die Neonicotinoide Anfang der 1990er Jahre auf den Markt gebracht werden konnten. Für die Studie wurden mehr als 800 expertenbegutachtete wissenschaftliche Veröffentlichungen konsultiert.

 

Der Bericht der Task Force bestätigt Tennekes Warnung. Abschließend heißt es dort: »Die Studie zeigt, dass Neonicotinoide und Fipronil ein breites Spektrum lebender Organismen beeinträchtigen. Landbewohnende Nicht-Wirbeltiere, wie beispielsweise Regenwürmer, und Bestäuber, wie Bienen und Schmetterlinge, sind am stärksten betroffen. Die genannten Pestizide zeigen auch Wirkung auf wasserbewohnende Nicht-Wirbeltiere, Vögel, Fische, Amphibien und Mikroben. Gegenwärtig vorliegende Daten reichen zur Beurteilung der Wirkung auf Säugetiere oder Reptilien nicht aus … Neonicotinoide und Fipronil sind hochgradig nervenschädigende Substanzen. Sie sind hartnäckig und akkumulieren in Böden, Sedimenten, Wasser sowie behandelten und nicht behandelten Vegetationen.«

 

Auch gentechnisch verändertes Futter wird verboten

 

Erstaunlich ist auch die gleichzeitig getroffene Entscheidung des Fish and Wildlife Service, in den von ihr verwalteten Ländereien und Gewässern gentechnisch verändertes Futter, vor allem GV-Sojamehl und -Mais, zu verbieten. Es ist das erste Mal, dass eine Behörde der US-Regierung GVO verbietet, seit Präsident G.H.W. Bush 1992 nach einem vertraulichen Treffen mit Monsanto-Direktoren anordnete, GV-Pflanzen offiziell als »substanziell äquivalent« mit konventionellen Pflanzen zu behandeln. Außerdem hatte Bush damals sowohl eine unabhängige Prüfung ihrer Unschädlichkeit und Sicherheit als auch die Kennzeichnung von gentechnisch veränderten Lebensmitteln untersagt.

 

Spezifisch verbietet die Anordnung des Fish and Wildlife Service die Verwendung von gentechnisch veränderten Samen für den Anbau von Futterpflanzen für die Wildtiere. Der Service kommentierte das Verbot für GVO und Neonicotinoide nicht, möglicherweise in Erwartung wütender Einsprüche vonseiten Monsantos und der agrochemischen Industrie. In seinem Memorandum vom 17. Juli beschreibt James Kurth die bestehende Politik der Behörde: »In den von uns verwalteten Naturschutzgebieten verwenden wir keine gentechnisch veränderten Organismen, es sei denn, wir kämen zu der Überzeugung, dass sie zur Erfüllung unserer Zwecke unerlässlich sind. Wir haben in den vergangenen zwei Jahren gezeigt, dass wir in der Lage sind, unsere Zwecke ohne den Einsatz gentechnisch veränderter Pflanzen zu erreichen, deshalb sollte nicht mehr behauptet werden, ihr Einsatz sei zum Erhalt der Natur und ihrer Artenvielfalt unabdingbar.«

 

 

 

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Leser-Kommentare (5) zu diesem Artikel

12.08.2014 | 11:17

Livia

Manche Leute brauchen eben etwas länger, um schlau zu werden! Und zunächst trifft es ja mal nichtamerikanische Konzerne. Das psßt zu der Aussage, die ich gehört habe, daß gerade europäische Großkonzerne so hinter TTIP her sind! Großflächigen Schädlingsbefall ist eben nur auf großen Flächen möglich. Anstatt alles zu vergiften schaffe man besser die großen Flächen ab! Kleinfelder mit Fruchtfolge und Huschen für die natürlichen Feinde der Schadinsekten zwischen den Feldern sind...

Manche Leute brauchen eben etwas länger, um schlau zu werden! Und zunächst trifft es ja mal nichtamerikanische Konzerne. Das psßt zu der Aussage, die ich gehört habe, daß gerade europäische Großkonzerne so hinter TTIP her sind! Großflächigen Schädlingsbefall ist eben nur auf großen Flächen möglich. Anstatt alles zu vergiften schaffe man besser die großen Flächen ab! Kleinfelder mit Fruchtfolge und Huschen für die natürlichen Feinde der Schadinsekten zwischen den Feldern sind immer die bessere Lösung! Mal sehen, ob sie auch bereit sind eigenen Konzernen die rote Karte zu zeigen!


11.08.2014 | 18:11

Reuben

Bleibt für die USFWS-Behörde zu hoffen, dass bis dahin nicht schon unlizenzierte Pflanzen in ihren Naturschutzgebieten wachsen, denn das kann bekanntlich sehr unangenehm und teuer werden.


11.08.2014 | 16:58

Niemand

Geneigter Leser hat recht. Erst ab 2016. Viel zu lang. Außerdem müssen die noch viel Vertrauensarbeit leisten. Nur mit einem und noch mit zu viel spätere Zeit sollte man die Bevölkerung nicht zu beschwichtigen versuchen. Vertrauen tuen sollte man schon lange nicht. Euphorie bitte im Zaum halten und immer hinterfragen.


11.08.2014 | 16:18

geneigter Leser

Ab 2016??? Hoppla Jungs, macht bloß nicht zu hurtig. Laßt Euch nur recht viel Zeit! Soweit ich mich erinnern kann, ging das Inkrafttreten der ganzen "Antiterrorgesetze" bedeutend schneller!


11.08.2014 | 16:10

Diplom-Physiker Martin Wagner

Endlich mal etwas Positives aus den USA! Man sollte die Produkte aber weltweit verbieten. Dieser Schritt ist hoffentlich nur ein Anfang. Viel Hoffnung habe ich aber nicht. Wann wird es in Deutschland verboten? Martin Wagner, Sonnenbühl

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