Saturday, 30. July 2016
24.10.2011
 
 

Volksseuche Burn-out: Was tun, wenn das Leben verbrennt?

Patricia Alda

Sie greift immer weiter um sich, die Volksseuche Burn-out. Und diese Krankheit kann jeden treffen. Vermutete man 1974, als der Begriff von dem amerikanischen Psychologen Herbert J. Freudenberger ins Leben gerufen wurde, dass insbesondere Angehörige sozialer Berufe mit hohem Frustrationsniveau wie Krankenschwestern und Lehrer davon betroffen seien, so weiß man aufgrund neuester Studien sehr genau, dass daran ebenso die Hausfrau, der Bankkaufmann, der Handwerker, aktuell auch der Fußballtrainer, eben jeder erkranken kann.

Die Patienten sind somit auch keineswegs nur hoch stehende Persönlichkeiten, deren berufliches Versagen gesamtgesellschaftliche Konsequenzen zeitigt. Genauso kann der kleine Mann von der

Straße, der sich seine Ziele zu hoch gesteckt hat, die Auswirkungen des Burn-outs erleiden. Und diese Überforderung ist, angesichts der großen Zahl der Patienten, in unserer modernen, leistungs- und verdienstorientierten Gesellschaft wohl mittlerweile zur Norm geworden.

Doch was genau beinhaltet nun die Bezeichnung »Burn-out«, die im Moment die Medien bevölkert und in aller Munde ist? Man unterscheidet zunächst Burn-out als Prozess und Burn-out als Syndrom, als ausgebildetes Krankheitsbild. Wichtig ist diese Differenzierung, weil der Weg zur Krankheit im Leben mehrfach durchschritten werden kann, falls er nicht durch frühzeitiges Erkennen der unterschiedlichen Symptome unterbrochen und die Krankheit behandelt wird. Der Begriff »Burn-out« meint letztlich einen ausgeprägten geistigen, emotionalen und oft auch körperlichen Erschöpfungszustand, hervorgerufen durch berufliche Überlastung. Dieser Zustand steht als Endpunkt einer Entwicklung, die sich meist über vier Stufen verfolgen lässt.

  1. Stufe: Der zukünftige Burn-out-Patient ist oft beruflich äußerst erfolgreich, keine Herausforderung ist ihm zu viel, er geht in seinem Beruf auf.
  2. Stufe: Die beruflichen Ziele werden allmählich als unerreichbar empfunden. Der Patient entwickelt einen ersten Widerwillen gegen seine Tätigkeit; Anzeichen von Erschöpfung zeigen sich.
  3. Stufe: Die Arbeit nimmt immer mehr Raum im Leben ein, und die Erschöpfung nimmt zu.
  4. Stufe: Nichts geht mehr, die Kraft schwindet zusehends. Für den Patienten scheint das Leben zusehends leer und sinnlos. In dieser letzten Phase ist die Leistungsfähigkeit verbraucht, der Betroffene hat das Gefühl: Ich kann nicht mehr.

Vorausgegangen sind dieser Entwicklung zumeist berufliche Belastungen wie anhaltender Erfolgs- und Termindruck, eine nicht zu bewältigende Aufgabenhäufung, permanente Störungen im Arbeitsablauf durch Telefonate, E-Mails und SMS, Mobbing, Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes usw. Treten zu diesen Problemen noch private hinzu, stellen sie oft das berühmte Tröpfchen dar, dass das Fass der gefühlten persönlichen Unzulänglichkeit zum Überlaufen bringt: Der Patient ist am Ende seiner Kräfte angelangt, muss immer mehr tun, um sein Arbeitspensum zu bewältigen, und räumt sich immer weniger Freiräume zur Regeneration ein. Letztlich sinkt sogar auch seine Erholungsfähigkeit. Am Ende dieser Abwärtsspirale verfügt er über keine Reserven mehr und braucht fachmännische Hilfe.

Doch die ist manchmal schwer zu haben, denn das Burn-out-Syndrom verursacht kein eindeutiges Krankheitsbild. Die Symptome sind sehr unterschiedlich, es können sich zahlreiche körperliche Beschwerden entwickeln, die sowohl psychischen wie psychosomatischen Ursprungs sind. Sie reichen von der genannten Erschöpfung über Atembeschwerden, Kopfschmerzen, Magen- und Darm-Beschwerden, Muskelverspannungen, Rückenschmerzen, Schlaflosigkeit, Schwindel, Schwitzen bis hin zu Ohrgeräuschen. Auch Konzentrationsschwäche, Gedächtnisprobleme und innere Unruhe gehören zum Krankheitsbild.

Wegen dieser Vielfalt an Symptomen ist es wichtig, einen Arzt aufzusuchen, der sie dem Burn-out zuordnen und dem Patienten eine auf seine Probleme zugeschnittene individuelle Therapie empfehlen kann. Zu allererst gehört für den Patienten dazu, seine bisherigen Leitsätze des Immer-Besser und Immer-Mehr zu ändern, seine eigenen Leistungsgrenzen zu erkennen und zu akzeptieren, sich seine Fehlbarkeit einzugestehen, Hilfe von anderen zu akzeptieren und sich schließlich auch wieder mehr Freiräume in Form von Freizeitunternehmungen, aktivem Familienleben und der Pflege von Freundschaften zu schaffen.

Hat man diese grundsätzlichen Einstellungsänderungen für sich akzeptieren können, so kann die weitere Therapie sehr unterschiedlich aussehen. Entspannungstechniken wie Meditation, Yoga, verschiedene Atemtechniken, Psycho- und Gesprächstherapie können Abhilfe schaffen. Ausdauersportarten wie Jogging, Nordic Walking, Radfahren, Schwimmen etc. werden empfohlen, sofern der Patient Spaß an Sport und Bewegung hat.

Chinesische Ganzheitsmedizin, die mit Kräutertees, Akupunktur und langen Ruhephasen zur Genesung beitragen will, stellt eine weitere therapeutische Möglichkeit dar. Voraussetzung für alle Therapiearten ist jedoch, dass der Patient sich seines Nicht-mehr-Funktionierens in seiner beruflichen und privaten Umgebung nicht schämt und sich auch auf seine Angehörigen verlassen kann.

»Als meine Frau an Burn-out erkrankt war, bestand meine Aufgabe darin, ihr die nötige Ruhe zu verschaffen, die sie brauchte, um wieder zu sich zu kommen, ins normale Leben zurückzufinden. Das hieß für mich, dass ich ihr, soweit meine eigene berufliche Tätigkeit dies zuließ, alle häuslichen Arbeiten abgenommen habe. Über drei Monate hinweg sah unser Leben so aus, dass meine Frau viel schlief und ich einkaufen ging, putzte, kochte, die Wäsche machte und ansonsten in jeder Weise für meine Frau da war. Danach ging es mit ihr wieder aufwärts«, so ein Angehöriger einer Burn-out-Patientin.

Nicht nur im persönlichen Umfeld, vor allem am Entstehungsort der Krankheit, in den Betrieben und Unternehmen, tut Hilfe für Burn-out-Patienten Not: Die IG Metall hat vor Kurzem in einer Blitzumfrage 3.878 Betriebsräte zum Phänomen Burn-out in ihrer Firma befragt, und die Ergebnisse waren alarmierend, wenn auch für unsere moderne Leistungsgesellschaft nicht wirklich überraschend: 86 Prozent der befragten Betriebsräte gaben an, dass psychische Erkrankungen in ihrem Betrieb zunehmend als ein Problem wahrgenommen werden. 40 Prozent von ihnen vermerkten sogar einen deutlichen Anstieg dieser Krankheiten unter ihren Angestellten. Einen besseren Gesundheitsschutz in Form entsprechender Verordnungen forderten daher 73 Prozent der Betriebsräte.

Das Wissenschaftliche Institut der Allgemeinen Ortskrankenkassen nannte unlängst im Zusammenhang seinen Untersuchungen zu psychischen Erkrankungen bei Arbeitnehmern konkrete Zahlen: Die Krankschreibungen haben sich im Zeitraum 2004 bis 2010 verneunfacht, so wurden 2010 etwa 100.000 Menschen allein mit der Diagnose Burn-out krankgeschrieben. Diese Patienten seien durchschnittlich 23,4 Tage im Jahr krank und damit mehr als doppelt so lange wie Menschen, die an anderen Krankheiten leiden (11,6 Tage). Die Behandlungskosten sind natürlich mitgestiegen und verursachen dem Gesundheitssystem jährliche Ausgaben in Höhe von rund 27 Milliarden Euro. Hinzu kommen Produktionsausfallkosten in etwa gleicher Höhe, basierend auf den mit der Krankheit verbundenen 1,8 Millionen ausgefallenen Arbeitstagen und deren wirtschaftlichen Folgen.

Vor diesem Hintergrund hat die IG Metall die Bundesregierung aufgefordert, eine Anti-Stress-Verordnung zu erlassen, wie es sie schon in mehreren anderen europäischen Ländern gebe. Von einer solchen Regelung, die man wie Lärmschutzgesetze u. ä. realisieren könnte, würde nicht nur der einzelne Arbeitnehmer an seinem von massiven Stressbelastungen heimgesuchten Arbeitsplatz profitieren. Auch die Gesamtgesellschaft könnte immense Kosten sparen und würde insgesamt gesünder und damit glücklicher.

Denn eines ist unbestritten: Die Gesundheit ist noch immer das höchste Gut eines jeden Menschen. Und jeder Einzelne sollte sich dafür einsetzen, seine Arbeit so gut wie nur eben möglich tun zu können. Dazu gehört unter Umständen auch, sich »freizuschaufeln«, nicht jede Bitte eines Kollegen zu jeder Zeit zu erfüllen, nicht jede Mail sofort zu beantworten, nicht jeden Anruf umgehend entgegenzunehmen usw. Wer sich ganz bewusst Freiräume bei der Arbeit schafft, wird seine Arbeit besser erledigen und gesundheitlich davon profitieren, auch wenn manche übereifrigen Kollegen dann vielleicht vor Neid auf solche Gemütsruhe die übliche Hackordnung anwenden werden, sprich zum Mobbing übergehen. Letztlich ist im Hinblick auf das grassierende Burn-out ein wenig Prophylaxe für jedermann wünschenswert, und möglicherweise findet das positive Beispiel eines Einzelnen bald Nachahmer.

Abgesehen von dieser Vorsorge am Arbeitsplatz kann jeder Einzelne auch in seinem privaten Umfeld nervliche Entlastung schaffen. Die Ruhe bei einem Spaziergang am Wochenende durch schöne Landschaften kann für Entspannung sorgen, ein gutes Buch, auf dem heimischen Sofa gelesen, bringt Abwechslung in den Kopf. Wer mit Hund und Katz' auf Du und Du steht, hat immer Spaß an seinem tierischen Wohnzimmer-Clown. Mit Kindern und Enkelkindern zu spielen, fordert einen jeden auf besondere Weise, indem er auch wieder zum Kind wird und dabei ganz andere Gesichtspunkte Wichtigkeit erlangen. Und wer sich lieber mit Erwachsenen beschäftigt, den mag die tatkräftige Mitarbeit in einem Verein seines Interessengebietes seelisch bereichern und gegen die Hektik im Arbeitsleben wappnen. Es erfordert nicht viel Fantasie, privat dem Burn-out vorzubeugen: Wichtig ist nur, dass die gewählte Beschäftigung begeistert und somit entlastet.

Bis es jedoch eine gesetzliche Regelung gegen zu viel Stress im Büro, in der Maschinenhalle, im Laden und überall dort geben wird, wo Hektik und Überlastung herrschen, werden sich von Burn-out bereits Betroffene anders helfen müssen, vor allem erst einmal sich selbst, indem sie gelassener werden. Dabei unterstützen kann vielleicht eine Art Glücksrezept, das vor Kurzem zwei kroatische Psychologinnen, Dubravka Miklovic und Majda Rijavec, entwickelt haben.

Hier wurden die sechs unerlässlichen Zutaten genannt: einige wirklich gute Freunde, eine stabile Liebesbeziehung, eine Arbeit, die zu den persönlichen Fähigkeiten passt, genug Geld für die Grundbedürfnisse, pro Tag mindestens drei positive Erlebnisse und schließlich: Dankbarkeit für das alles.

Diese sechs Bestandteile, die das Glücksrezept dauerhaft erhalten können,  erfordern – jedes Einzelne für sich – vor allem freiwilliges Geben eines jeden Menschen. Vielleicht ist ja diese kleine Miniformel in Wahrheit die wichtigste Grundlage für das ganz große Glück?

 

 


 

 

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