Friday, 1. July 2016
20.12.2015
 
 

Forscher finden die »Anti-Schmerz-Formel«

Andreas von Rétyi

Ein sensationelles Forschungsergebnis lässt alle Patienten hoffen, die unter chronischen Schmerzen leiden. Wissenschaftler der Universitäten Straßburg und London scheinen dem Geheimnis eines alten, universellen Menschheitsproblems auf die Spur gekommen zu sein. Ihnen ist es erstmals gelungen, das Schmerzempfinden komplett auszuschalten. Ein Traum, der sich allerdings in einigen Fällen auch zum Albtraum entwickeln kann.

 

Ein Leben ohne Schmerzen – für viele eine ferne Illusion. Beinahe jeder Mensch weiß um die Qualen akuter Schmerzen, für manchen ein chronischer Zustand. Betroffene würden beinahe alles opfern oder eher sterben wollen, als ihr Leiden weiter ertragen zu müssen. Nun sind zumindest jene harten Zeiten vorbei, als chirurgische Eingriffe noch ohne Anästhetika ausgeführt wurden, doch regiert der Schmerz unsere Welt weiterhin, und das in den verschiedensten Facetten.

 

Selbstverständlich hat sich die Natur schon etwas dabei gedacht, den oft mehr als nur lästigen Schmerz zu »erfinden«. Häufig aber schießt die biologische Warnung übers Ziel hinaus. Schwere körperliche Verletzungen peitschen den Schmerz ins Unerträgliche, chronische Schmerzen machen das Leben zur Hölle. Lindernde Medikamente zählen heute bei vielen Leidtragenden gleichsam zum »täglichen Brot«. Doch den Schmerz als solchen hat die Wissenschaft bislang weiterhin nicht in den Griff bekommen.

 

Das könnte sich allerdings bald ändern, wenn sich die ersten vielversprechenden Experimente einer britisch-französischen Forscherkollaboration weiter bestätigen und auf die Therapie ausweiten lassen. Der britische Neurologe John N. Wood vom Londoner University College sowie Schmerzforscherin Professorin Claire Gaveriaux-Ruff und ihre Kollegen von der Universität Straßburg haben dem schon seit Jahren intensiv untersuchten, spannungsaktivierten Natrium-Ionen-Kanal Nav1.7, der eine Schlüsselrolle im Schmerzgeschehen spielt, ein wesentliches Geheimnis abgerungen.

 

Dieser Kanal sorgt für die Entstehung jener elektrischen Signale, wie sie durch die betreffenden Nervenzellen laufen, die mit dem Schmerz in Zusammenhang stehen. Bisherige Versuche, diese Aktivitäten zu drosseln, konnten nur wenig zur Besserung beitragen. Eine ziemlich radikale neue Einsicht habe den Forschern nun gezeigt, warum sich kaum ein Erfolg einstellte.

 

Demnach erfüllt Nav1.7 noch eine weitere, bisher unbeachtete Funktion: Er beeinflusst schmerzstillende Moleküle – die kurzkettigen Opioidpeptide, die bei vielen biologischen Abläufen als Neurotransmitter tätig sind. Wie die Forscher im Fachblatt Nature Communications berichten, gelang es ihnen mithilfe der neuen Erkenntnis, Mäuse komplett von Schmerzen zu befreien. Sie konnten auch einer bei Menschen selten auftretenden Schmerzunempfindlichkeit begegnen.

 

»Diese Entdeckung lässt nun jene große Zahl an Menschen neu hoffen, die an Schmerzen leiden und die mit den bisher verfügbaren Schmerzmitteln nicht angemessen behandelt werden konnten«, so Gaveriaux-Ruff.

 

Schmerzforscher waren wie elektrisiert, als 2006 eine Familie gefunden wurde, deren Angehörige infolge einer seltenen genetischen Mutation nicht über Nav1.7 verfügten. Für eine Nav1.7-Untereinheit codiert das SCN9A-Gen; Mutationen verursachen fehlgesteuerte Schmerzempfindungen, die entweder extreme Schmerzwahrnehmung oder aber deren völliges Fehlen bewirken – letzteres bekannt als Congenital Indifference to Pain, kurz CIP.

 

Nicht anders bei jener Familie. Keines ihrer Mitglieder war in der Lage, Schmerzen zu verspüren. Daraufhin begannen Wissenschaftler nach Möglichkeiten zu suchen, Schmerzen durch Nav1.7-blockierende Medikamente zu lindern. Dass keines der Mittel wirkte, schien zunächst unerklärlich. Außer, jener »Kanal« war doch nicht so einfach gestrickt, weshalb sich hier noch weitere unbekannte Aktivitäten abspielen mussten.

 

Bei der Untersuchung genetisch veränderter Mäuse stellten Wood und seine Mitarbeiter schließlich fest, dass die komplette Deaktivierung von Nav1.7 nicht nur zu vollständiger Schmerzfreiheit führte, sondern eine Flut von Opioidpeptiden in Nervenzellen bewirkte. Deren extrem gestiegenes Level schaltete alle Schmerzen aus.

 

Sobald die Wissenschaftler die Opioide medikamentös blockierten, kamen auch die Schmerzen wieder. Die Forscher verabreichten einen solchen Opioid-Antagonisten (Naxalon) auch einer 39-jährigen Frau, die ihr Leben lang noch nie Schmerzen wahrgenommen hatte. Wieder mit gleichem Resultat: Die Testperson begann nun erstmals den Stich eines winzigen Lasers zu spüren.

 

Wie Wood berichtet, war die Frau sehr froh, nach dem Experiment wieder zu ihrem gewohnten Zustand der absoluten Schmerzfreiheit zurückzukehren. Sie hoffte aber, entsprechende »Therapien« könnten all jene mit einer ähnlichen Mutation geborenen Kinder davor bewahren, sich unwissentlich selbst zu verletzen.

 

Im nächsten Schritt ging es den Forschern allerdings weit eher darum, das Experiment umzukehren und Schmerzen komplett zu stillen – durch eine Kombination von Nav1.7-Blockern mit sehr niedrigen Opioid-Dosen.

 

Damit schien ihnen tatsächlich zu gelingen, was bei schmerzunempfindlichen Menschen ganz von selbst geschieht: Der Versuch blockierte offensichtlich den Ionen-Kanal und hob das Opioid-Level genügend an. Selbst wenn viele Einzelheiten noch völlig unklar sind, zeigt die Kombination augenscheinlich Wirkung. Menschen werden ihre Schmerzen los, wobei die hierzu notwendigen Mengen an Opioiden so gering ausfallen, dass keine Suchtgefahr bestehe, betont Wood, der bereits ein Patent angemeldet hat. Er hofft, »Big Pharma« springt möglichst bald in großem Stil auf das neue Konzept an.

 

Aber um welchen Preis?

 

Schmerzfreiheit ist selbstverständlich ein äußerst wünschenswertes Ziel. Nie mehr Schmerzen haben, nie damit rechnen müssen, in langes, qualvolles Siechtum zu gleiten, hingegen mit einem gebrochenen Bein einfach noch mit einem Lächeln auf den Lippen ins Krankenhaus marschieren oder sich ohne Narkose eben mal schnell den Blinddarm entfernen lassen, was auch immer, das wären keine schlechten Aussichten.

 

Und doch, was kann die Schmerzfreiheit sonst mit sich bringen – maßlose Vernachlässigung von physischen Warnsignalen, lebensgefährliche Selbstbehandlungen, einen verantwortungslosen Umgang mit dem eigenen Körper und möglicherweise noch größere Gefühllosigkeit gegenüber anderen; ständige Selbstüberschätzung und Überlastung des Organismus, was auch immer. Eine gefahrvolle Liste, die sich beliebig verlängern ließe. Die Verstümmelungs- und Todesrate würde wohl drastisch steigen.

 

Doch existieren noch andere Szenarien, die kalte Schauder auslösen, sobald Schmerzfreiheit ins Spiel kommt. Plötzlich tauchen beispielsweise Bezeichnungen wie Enhanced Human Operations (EHO) auf. Gemeint ist damit die Ausweitung menschlicher Aktivitäten durch eine Veränderung des gesamten Organismus von innen heraus. Es sind Konzepte, die den »Super-Soldaten« im Visier haben, die Schaffung übermenschlich kriegstüchtiger Individuen. Dieser beunruhigende Aspekt kam Mitte dieses Monats auch auf einer bemerkenswerten Pressekonferenz des US-Verteidigungsministeriums zur Sprache. Thematisiert wurden künftige Forschungen des Pentagons.

 

Dabei zeigte sich der stellvertretende US-Verteidigungsminister Robert »Bob« Orton Work besorgt, die USA könnten ihren militärischen Wettbewerbsvorteil einbüßen, sollten sie nicht unter anderem Techniken wie künstliche Intelligenz verfolgen und auch den Menschen selbst verändern.

 

»Frei heraus gesagt, unsere Gegner verfolgen Enhanced Human Operations und das jagt uns eine Heidenangst ein«, erklärte Work. So hätten der IS und weitere terroristische Organisationen mittlerweile schon eine umfassende Historie, wenn es um den Einsatz von Halluzinogenen und anderer Drogen gehe – und zwar ausschließlich, um die Grausamkeit der Kämpfer noch weiter zu stärken.

 

Offenbar studierte aber auch das Defense Sciences Office der Pentagon-Denkzentrale DARPA unter anderem einen psychoaktiven Schmerz-Impfstoff. Werde er einem angeschossenen Soldaten injiziert, sei die Substanz in der Lage, Schmerzen zu reduzieren, die durch entzündetes und geschwollenes Gewebe entstehen. Nach einer 30-sekündigen Agonie würde der Soldat 30 Tage lang keinerlei Schmerzen mehr verspüren.

 

Sofern die Blutung unter Kontrolle gehalten werden könne, sei der Soldat dann sogar auch in der Lage, weiterzukämpfen. Die US-Regierung forscht an vielerlei Projekten dieser unheimlichen Art. Soldaten könnten beispielsweise Millionen mikroskopischer Magnete injiziert werden, die im Fall einer Verletzung gezielt zur Wunde gelenkt werden, um Blutungen zu stoppen.

 

Wesentlich sind jedenfalls sämtliche Faktoren, die zur Verlängerung der Kampffähigkeit beitragen. Da steht die Unempfindlichkeit gegen Schmerzen weit oben auf dem Wunschzettel von Pentagon und Co. Diese eher unmenschlichen Facetten sind dann auch ein großer Wermutstropfen, wenn es um die schöne neue Welt ohne Schmerzen geht.

 

Abgesehen von solchen missbräuchlichen Extremen aber bliebe die Hoffnung, dass vielen Menschen in einer nicht zu fernen Zukunft zumindest die physischen Schmerzen genommen werden und auch chronisch Betroffene somit eine völlig neue Dimension an Lebensqualität erfahren.

 

 

 

 

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