Samstag, 19. August 2017
10.05.2015
 
 

Kein Schmerz, kein Gefühl – Zweischneidiges Paracetamol

David Gutierrez

Der Wirkstoff in Tylenol, einem in Amerika beliebten Schmerzmittel, kann die emotionale Reaktion dämpfen. Das ergab eine Studie von Wissenschaftlern der Ohio State University, die in der Zeitschrift Psychological Science veröffentlicht wurde.

 

»Probanden, die Acetaminophen [in Europa: Paracetamol] einnahmen, erlebten nicht dieselben Hochs und Tiefs wie andere, die ein Placebo erhielten«, erklärte der Wissenschaftler Baldwin Way. Dabei merkten die Teilnehmer an der Studie gar nicht, dass ihre Reaktionen beeinträchtigt waren. »Den meisten Menschen ist wahrscheinlich nicht bewusst, wie sich die Einnahme von Acetaminophen auf ihre Gefühle auswirken kann«, sagte Way.

 

Abgestumpft gegen starke Emotion

 

Die Forscher ließen 82 nach dem Zufallsprinzip eingeteilte Teilnehmer eine Tablette schlucken, die entweder ein Placebo oder Acetaminophen (Paracetamol), den Wirkstoff in Tylenol, enthielt. Eine Stunde später wurden allen Teilnehmern Fotos gezeigt mit Motiven, die von traurig (beispielsweise weinende Kinder, die unterernährt wirkten) über neutral (wie eine Kuh auf der Weide) bis glücklich reichten (zum Beispiel Kinder, die mit kleinen Kätzchen spielten). Die Teilnehmer wurden gebeten, jedes Foto auf einer Skala von positiv bis negativ zu bewerten. Anschließend zeigte man ihnen dieselben Fotos noch einmal und bat sie um die Wertung der Stärke des Gefühls, das jedes bei ihnen auslöste.

 

Wie die Forscher beobachteten, ordneten die Teilnehmer, die Acetaminophen (Paracetamol) genommen hatten, die Fotos »neutraler und emotional weniger intensiv« ein als diejenigen, die ein Placebo erhalten hatten.

 

Die Forscher wollten nun wissen, ob das Acetaminophen direkt auf die Gefühle wirkte oder nur die Fähigkeit der Teilnehmer beeinträchtigte, die Stärke eines Gefühls zu bewerten. Deshalb wiederholten sie denselben Versuch mit weiteren 85 Teilnehmern, die dieses Mal zusätzlich gebeten wurden, einzuschätzen, wie viel Blau jedes Foto zeigte. Erneut bewerteten die Teilnehmer, die das Acetaminophen genommen hatten, die Fotos als neutraler und weniger emotional intensiv als die Teilnehmer aus der Placebo-Gruppe. In der Bewertung, wie viel Blau ein Bild enthielt, gab es indes keinen Unterschied zwischen beiden Gruppen.

 

Das Ergebnis deutet darauf hin, dass Paracetamol direkt auf die emotionale Verarbeitung im Gehirn wirkt. Die Forscher betonten, dass die Menschen von Natur aus immer unterschiedlich auf emotionale Ereignisse des Lebens reagieren, positiv wie negativ; vielleicht stumpft das Medikament diese Sensibilität ab, selbst bei Menschen, die sonst stärker emotional reagieren.

 

»Es mehren sich die Hinweise, dass manche Menschen sensitiver auf große Lebensereignisse aller Art reagieren, und nicht nur durch schlimme Ereignisse verletzlich sind«, sagte Erstautor Geoffrey Durso. Überraschenderweise versuchten die Wissenschaftler, die gefühlsabstumpfende Wirkung von Acetaminophen (Paracetamol) als positiv zu werten, und nicht als beunruhigende Nebenwirkung.

 

»Die Einnahme von Tylenol oder ähnlichen Mitteln hat demnach weiter gehende Konsequenzen als bisher gedacht«, sagte Durso über die Ergebnisse. »Acetaminophen (Paracetamol) ist offenbar nicht nur Schmerzmittel, sondern auch ein Gefühlsdämpfer.«

 

Gefährlich für Gehirn und Leber

 

Die Wissenschaftler planen, die Studie mit Schmerzmitteln aus der Familie der nicht-steroidalen Entzündungshemmer (NSAID) wie Aspirin und Ibuprofen zu wiederholen. Diese Schmerzmittel wirken anders als Acetaminophen (Paracetamol), haben also möglicherweise nicht dieselbe Wirkung. Narkotika wie Morphium wirken noch über einen anderen Mechanismus.

 

Die Wissenschaftler verstehen noch nicht genau, wie Acetaminophen (Paracetamol) Schmerzen lindert, aber vieles deutet mittlerweile darauf hin, dass dabei die Fähigkeit des Gehirns, Kummer zu empfinden, abgestumpft wird. Eine Studie von Forschern der University of British Columbia, die schon 2013 in der Zeitschrift Psychological Science veröffentlicht wurde, zeigte, dass es möglicherweise auch das Gefühl von Empörung abstumpft, das zu moralischer Wertung führt.

 

Über die noch nicht völlig verstandene Wirkung auf das Gehirn hinaus ist Acetaminophen (Paracetamol) bekanntermaßen gefährlich für die Leber.

 

Tatsächlich zählt es zu den am häufigsten überdosierten Mitteln der Welt, und es ist das Medikament, das die größten Schäden anrichtet, wenn verschreibungspflichtige Mittel, die den Wirkstoff in Kombination enthalten, zu hoch dosiert werden. Allein in den Vereinigten Staaten werden jedes Jahr ungefähr 60 000 Menschen wegen Leberversagens durch Acetaminophen (Paracetamol) ins Krankenhaus eingewiesen.

 

 

Quellen:

 

theweek.com

fusion.net

dailymail.co.uk

theatlantic.com

 

 

 

.

Leser-Kommentare (5) zu diesem Artikel

16.05.2015 | 11:14

Hans H

Das ist doch gut wenn solche Mittel Schmerzfrei machen und dabei noch das Fühlen einschränken. Es wird doch immer nach solchen Stoffen geforscht. Gerade die Schöne Neue Welt O... hat sich doch das auf die Fahnen geschrieben! Bei Aldus Huxley gab es Sexualhormon Kaugummi und Drogen zum Wochenende. Leider hat man es noch nicht geschafft die Drogen ohne Nebenwirkungen zu erfinden. Die machen immer noch kaputt und nur kurzfristig Aktiv. Das ist auch der Hauptgrund, das Cannabis...

Das ist doch gut wenn solche Mittel Schmerzfrei machen und dabei noch das Fühlen einschränken. Es wird doch immer nach solchen Stoffen geforscht. Gerade die Schöne Neue Welt O... hat sich doch das auf die Fahnen geschrieben! Bei Aldus Huxley gab es Sexualhormon Kaugummi und Drogen zum Wochenende. Leider hat man es noch nicht geschafft die Drogen ohne Nebenwirkungen zu erfinden. Die machen immer noch kaputt und nur kurzfristig Aktiv. Das ist auch der Hauptgrund, das Cannabis verboten ist. Es macht einfach zu lethargisch. Vielleicht kommen freie harte Drogen dann im Alter, damit löst man dann mehrere Probleme gleichzeitig. Die Alterskrankheiten werden nicht mehr wahrgenommen, die Lebenserwartung sinkt drastisch und die Moribundenkliniken mit Krematorien können eingeführt werden. Und die Rentenversicherung ist entlastet! Auch wenn es ironisch gemeint ist: Huxley war Mitarbeiter des Geheimdienstes.


12.05.2015 | 12:35

Basil Geoffrey

Herr Davideit - Nebenwirkungen von Arzneimitteln sind nichts neues, und ich finde es durchaus Interessant, darüber zu berichten. Aber wenn hier einige Schreiber in ihrer nationalistischen Verblendung falsche Behauptungen aufstellen, dann darf man doch wenigstens eine Frage stellen (ich bezweifle jedoch, dass der Autor den Unterschied zwischen Aspirin und Paracetamol kennt).


11.05.2015 | 22:37

Rudolf-Robert Davideit

Tja Brasil Goffy, Hautsache das Reedukationsprogramm nicht abreißen lassen! Noch Fragen?


10.05.2015 | 11:57

Basil Geoffrey

Aspirin - Sie meinen, innere Blutungen sind besser?


10.05.2015 | 10:00

Aspirin!

Habe icke Kopfschmerzen, hilft nur, was ECHTE DEUTSCHE einst erfanden (Bayer). ES LEBE DEUTSCHLAND ! BRD (...)!

Ergänzende Beiträge zu diesem Thema

Warum die Menschen hierzulande immer kränker werden und was Sie selbst für Ihre Gesundheit tun können

Brigitte Hamann

Wenn Afrika von schweren Krankheiten wie Ebola geplagt wird, sind wir zwar bestürzt, aber kaum erstaunt. Denn schließlich herrschen dort vielerorts Hunger, Mangelernährung, Armut, schlechte bis katastrophale hygienische Bedingungen und es fehlt an ärztlicher Versorgung. Die Menschen sind innerlich ausgehöhlt und haben Erkrankungen wenig  mehr …

Es geht Ihnen schlecht? Hier sind sechs mögliche Gründe

Derek Henry

Abhängig von Erfahrung und Beeinflussung kennen wir nur eine oder zwei Methoden, im Ernstfall wieder gesund zu werden. Dabei gibt es eine Menge Faktoren, die wir für unsere Gesundheit gar nicht für wichtig halten, und jeder davon kann unser Bemühen, gesund zu werden, blockieren.  mehr …

Nebenhöhlenentzündungen mit natürlichen Mitteln heilen

Julie Wilson

In dieser Jahreszeit leidet fast jeder an gereizten Nebenhöhlen, sei es aufgrund einer Atemwegsinfektion, Schnupfen oder Allergien durch Winterallergene (falls Sie zufällig in Zentraltexas leben, sind das höchstwahrscheinlich Zedern). Wenn es Ihnen geht wie mir, dann meiden Sie die rezeptfrei verkauften Allergiepillen wie die Pest. Denn erstens  mehr …

Wer diesen Artikel gelesen hat, hat sich auch für diese Beiträge interessiert:

»Nein, das kostet nichts, das zahlt der Staat«

Markus Gärtner

Die Landräte ächzen. Die Bürgermeister haben Schweißperlen auf der Stirn. Im Volk rumort es. Der eskalierende Zustrom von Flüchtlingen stellt die Kommunen im ganzen Land auf eine harte Probe. Vor allem Wohnraum ist knapp. Doch was knapp ist, kann man teuer anbieten. Der Flüchtlingsstrom entpuppt sich im geplagten Hinterland überraschend auch als  mehr …

China, Russland, Iran – Das »Eiserne Dreieck«

F. William Engdahl

Vor einigen Jahren wurde ich nach China, Russland und in den Iran eingeladen, um dort meine Einschätzung der Weltlage aus geografischer und weltpolitischer Sicht – kurz Geopolitik – zu präsentieren. Das war lange vor dem gegen Russland gerichteten NATO-Krieg in der Ukraine oder den derzeitigen amerikanisch-iranischen Atomgesprächen. Ich stellte  mehr …

Kurkuma: Der natürliche Krebshemmer

Kali Sinclair

Das Gewürz Kurkuma stammt von der Kurkuma-Pflanze aus der Familie der Ingwergewächse. Mit etwas Glück finden Sie frische Kurkuma auf einem Bauernmarkt, ansonsten versuchen Sie es im Internet.  mehr …

Notmaßnahme Bargeldverbot rückt näher

Janne Jörg Kipp

In Berlin und Brandenburg geht aufgrund eines Streiks der Bargeldbestand an Geldautomaten zur Neige. Zufall oder Vorbote eines Bargeldverbots? Die Maßnahme könnte eine »Rettung« sein.  mehr …
Newsletter-
anmeldung!
Hier erhalten Sie aktuelle Nachrichten und brisante Hintergrundanalysen
(Abmeldung jederzeit möglich)

KOPP EXKLUSIV – Jetzt bestellen

Brisante Hintergrundanalysen wöchentlich exklusiv nur bei uns.

Katalog – Jetzt kostenlos bestellen

Bestellen Sie unseren Katalog kostenlos und unverbindlich.