Wednesday, 16. April 2014
07.06.2011
 

Wie Ärzte von Medizingeräteherstellern gekauft werden

M. K. Tyler

Sind Ärzte tatsächlich immun gegen Werbung? Jahr für Jahr geben Pharmakonzerne und Medizingerätehersteller Millionen Dollar aus, um Mediziner für sich zu gewinnen. All-inclusive Reisen nach Hawaii, Dauerkarten für Sportveranstaltungen, exklusive Dinners, teurer Wein, T-Shirts, Kappen, Schlüsselanhänger und Kugelschreiber. Alles natürlich gesponsert von Firma X. Kein Wunder, dass Ärzte deren Propaganda völlig unkritisch glauben.

Charlie Ornstein und Tracy Weber, zwei Reporter des amerikanischen Onlineportals ProPublica, haben die Beziehungen zwischen Medizingeräteherstellern und denen, die sich für ihr Wohlwollen bezahlen lassen – Medizinervereinigungen und -verbände – genauer unter die Lupe genommen. Das Thema ist nicht neu, Korruption im Medizinwesen ist ein zwar trauriges, aber bekanntes Kapitel. Ornstein und Weber präsentieren jedoch erschreckende Statistiken darüber, wie viel Geld genau für die Beeinflussung von Medizinerverbänden ausgegeben wird. Die Ergebnisse zeigen, warum Patienten gut beraten sind, eigene Untersuchungen anzustellen, bevor sie sich für eine Operation oder einen riskanten Eingriff mit einem vom Arzt empfohlenen medizinischen Gerät entscheiden.

Bei der von Orenstein und Weber genauer untersuchten Fachgesellschaft handelt es sich um die [amerikanische] Heart Rhythm Society (HRS, Amerikanische Herzrhythmusgesellschaft). Anhand von Zitaten von den Websites der Gesellschaft und den Empfehlungen für medizinische Geräte wie implantierbaren Herzdefibrillatoren, betont Ornstein, dass die Patienten keinerlei Informationen über mögliche Risiken, die mit solchen Produkten verbunden sind, erhalten. Außerdem wird bei den Patienten der Eindruck erweckt, die Geräte seien sicherer, als es womöglich tatsächlich der Fall ist:

»In mehreren Fällen hat unsere Untersuchung ergeben, dass in den Unterlagen oder Aussagen der Gesellschaft Informationen über mögliche Nebenwirkungen und Grenzen der Anwendung entweder ganz verschwiegen oder heruntergespielt werden.«

Die Untersuchung hat auch gezeigt, dass bei mindestens jedem fünften Patient, der ein von der Heart Rhythm Society empfohlenes Gerät erhält, die wissenschaftlichen Kriterien für dessen Einsatz möglicherweise gar nicht erfüllt sind. Wenn Sie diese Information noch nicht beunruhigt, dann sollten Sie bedenken, dass die Kosten für solch ein medizinisches Gerät leicht so hoch sein können wie ein durchschnittliches Jahreseinkommen.

Die Antwort von Ärzten und der Gesellschaft selbst ist charakteristisch: das Geld werde für wichtige Forschung verwendet, die zur Entwicklung effektiver Behandlungsmethoden beitragen könne. Wie Weber jedoch betont, erhalten einzelne Ärzte und Einrichtungen Geld für Forschungsprojekte, während Gesellschaften gar keine eigene Forschung betreiben. Das Geld, das die Gesellschaften erhalten, kann für Weiterbildungskonferenzen und ähnliche Zwecke verwendet werden, fließt jedoch nicht in die Produktentwicklung.

In seinem Artikel »Wie die Heart Rhythm Society Verbindungen verkauft« bezeichnet Dan Nguyen die Jahreskonferenzen der Gesellschaft als »Goldgrube für das Marketing der Pharmakonzerne und Medizingerätehersteller«. Bei der Konferenz 2010 wurden fünf Millionen Dollar für alles Erdenkliche von Exponaten bis zu Schlüsselanhängern ausgegeben – stets in dem Versuch, die Türhüter der HRS zu kaufen. Johnson & Johnson bezahlte 20.000 Dollar dafür, dass den Teilnehmern Zeitungen ins Hotelzimmer geliefert wurden. Ascent Healthcaare Solutions waren Logos auf den Teppichen in der Ausstellungshalle 4.000 Dollar wert. St. Jude Inc. gab 60.000 Dollar dafür aus, dass Logo und Firmenname auf die Zugangskarten für die Hotelzimmer gedruckt wurden. Von Medtronic kamen 50.000 Dollar für den Shuttlebus-Service.

Die HRS erhält nicht nur Geld für Konferenzen und Mittel für die Weiterbildung. Die Vorstandsmitglieder – 12 von 18 Direktoren – werden auch für ihre Tätigkeit als Redner und Berater von Medizingeräteherstellern bezahlt. Solche Beziehungen beschränken sich jedoch keinesfalls auf die HRS. Dem Vernehmen nach haben andere medizinische Gesellschaften wie die American Society for Hypertension (Amerikanische Gesellschaft für Bluthochdruck) ähnliche »Arrangements« getroffen.

Ornstein betont: Die eigentliche Gefahr ist der uninformierte Patient. Wenn Ärzte auch in Zukunft unter dem Einfluss ihrer cleveren reichen Freunde stehen – trotz ihrer festen Absicht, neutral zu bleiben –, dann nimmt die Rechtschaffenheit bei der medizinischen Behandlung dauerhaft Schaden:

»Meiner Ansicht nach verstehen die Patienten einfach nicht, welche Rolle die Medizinervereinigungen und -verbände heutzutage in der amerikanischen Medizin spielen. Sie sind daran beteiligt, Behandlungsrichtlinien zu verfassen, die dann von Ärzten im ganzen Lande konsultiert werden, wenn entschieden wird, welche Medikamente oder Geräte ein Patient erhält. Sie betreiben Lobbyarbeit im Kongress in Fragen von Erstattung, neuen Produkten sowie der Erforschung bestimmter Krankheiten. Sie stellen die Informationen auf ihre Patienten-Websites. Wenn jemand so viel Macht besitzt und in gewisser Weise verborgen vor der amerikanischen Öffentlichkeit operiert, dann besteht Grund zu der Besorgnis, dass sich dadurch die Gelegenheit zu einer Art Hebel ergibt, ganze Fachrichtungen und nicht nur einzelne Ärzte zu beeinflussen.«

 

Quellen (u.a.):

http://www.propublica.org/special/heart-rhythm-convention-ads

http://www.propublica.org/podcast/item/podcast-influencing-physicians-one-ad-at-a-time/

http://www.medpagetoday.com/MeetingCoverage/HRS/26374

http://www.minnpost.com/healthblog/2011/05/09/28106/financial_ties_between_physicians%E2%80%99_groups_and_medical_companies_can_be_substantial_report_reveals

http://www.theheart.org/article/1222603.do

 

 


 

 

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