Sunday, 31. July 2016
02.01.2012
 
 

Neue Studie: Geschlecht und soziale Herkunft entscheiden über Schulbildung

Birgit Kelle

Eine neue Untersuchung im Auftrag der Vodafone-Stiftung dürfte für einigen Wirbel in deutschen Lehrerzimmern sorgen. Diese bestätigt nämlich, dass die Notenvergabe und die Empfehlungen für die weiterführende Schule oft ungerecht sind: Sie hängen vom Geschlecht der Schüler und vom sozialen Status der Eltern ab, jedoch weniger von der tatsächlichen Leistung der Kinder. Merkwürdig: Hier handelt es sich nachgewiesenermaßen um klare Verstöße gegen die Gleichstellungsgesetze, doch auf das Geschrei ihrer Vertreter, allen voran der feministischen Szene, wartet man offenbar vergeblich.

Zusammenfassend kann man die Ergebnisse der Untersuchung so schildern: Es ist deutlich erkennbar, dass es zwischen den Noten eines Schülers und seinem Geschlecht sowie dem sozialen Status seiner Eltern einen Zusammenhang gibt. Auch wenn die Leistungen der Schüler faktisch gleich sind, werden sie je nach Herkunft anders benotet und auf andere Schulen weiter empfohlen. Bei gerechter Notenvergabe würden deutlich mehr Arbeiterkinder auf dem Gymnasium landen. Der Migrationshintergrund eines Kindes spielt kaum eine Rolle bei der Leistungsbewertung,

wohl aber, ob es sich um ein Mädchen oder einen Jungen handelt: Jungs werden bei gleicher Leistung allermeist schlechter bewertet. Sowohl in der Grundschule als auch am Ende der gymnasialen Oberstufe können diese Faktoren nachgewiesen werden.

 

So richtig überraschend sind die Ergebnisse nicht, sind es doch gefühlte Werte, die zahlreiche Eltern kennen. Gut, wenn man sie nun auch empirisch belegen kann. Vor allem die Eltern von Jungen haben in der Regel deutlich mehr mit Schulen und Lehrern zu kämpfen. Für diese wird es eine Genugtuung sein, dass es nun auch wissenschaftlich belegbar ist, dass schlechtere Noten nicht zwangsläufig mit der Leistung ihrer Jungs zusammen hängen, sondern mit deren Geschlecht. Die Frage ist, wie gehen wir mit den Ergebnissen um?

 

Um die unterschiedlichen Benotungen aufzuweisen, wurden die Schulnoten der Kinder mit den Ergebnissen der standardisierten Tests verglichen. Also im Klartext: Die Benotung durch den Lehrer, der genau weiß, wer der Schüler ist, der die Eltern kennt und eventuell auch die Lebensumstände, verglichen mit den Ergebnissen von Tests, wo der bewertende Pädagoge nur ein Blatt Papier vor sich hat und nicht weiß, wer es abgegeben hat.

 

Die Studie  weist, wie erwähnt,  eine unterschiedliche Benotung von Mädchen und Jungen nach, die jedoch nicht durch tatsächliche Leistungsunterschiede erklärbar ist. Die Forscher gehen davon aus, dass Mädchen sich durch ihr in der Regel besseres Sozialverhalten möglicherweise auch bessere Noten einhandeln. Menschlich verständlich, wenn ein Lehrer Schülerinnen bevorzugt, die keine Probleme machen und mit Jungs, die sich dem System nicht gerne anpassen, weniger nachsichtig ist.

 

Ungerecht bleibt es trotzdem. Denn Jungs ticken nun einmal anders als Mädchen. Rücksicht wird von unserem derzeitigen Schulsystem so gut wie nie darauf genommen.  Die politisch korrekte Gleichmacherei ist längst in den Klassenzimmern angekommen. Bei Schulleistungen und schulischen Bewertungen lassen sich schon seit geraumer Zeit in verschiedenen Studien anhaltende und in Teilen größer werdende Geschlechterunterschiede finden. So zeigte zum Beispiel PISA 2009 bessere Lesekompetenz bei Mädchen und bessere Ergebnisse der Jungen in Mathematik. Außerdem ist zu beobachten, dass Mädchen häufiger als Jungen eine Empfehlung für höhere Bildungslaufbahnen erhalten und bei Absolventen mit Abitur überrepräsentiert sind.

 

Ausgehend von diesen Beobachtungen verglichen die Wissenschaftler die tatsächlichen Notenunterschiede am Ende der Grundschulphase und konnten empirisch nicht feststellen, dass die Leistungen der Mädchen besser sind. Im Gegenteil, die Testergebnisse der Jungen waren im Durchschnitt sogar leicht höher in der tatsächlichen Leistung, trotzdem hatten die Mädchen bei der Benotung die Nase vorn. Der gleiche Effekt zeigte sich am Ende der Schullaufbahn, wo die Jungen wiederum trotz besserer Testergebnisse gerade in Fächern wie Mathematik oder auch Englisch, in den Noten und Prüfungen schlechter bewertet wurden als die Mädchen.

 

Die weiteren Ergebnisse zur sozialen Herkunft sind ebenso eindeutig. Nur zu 49,4 Prozent lässt sich die Note eines Schülers mit seiner Leistung erklären, der Rest ist abhängig von seiner sozialen Herkunft. Als Gradmesser der Bildung der Eltern werden in Schulen immer wieder Untersuchungen erstellt und es wird zum Beispiel nach der Anzahl der Bücher im heimischen Haushalt gefragt. Daraus schließen Forscher auf die allgemeine Bildungsnähe und den Bildungsgrad der Eltern.

 

Exemplarisch für solche Untersuchungen kann auch die Studie der Hans-Böckler-Stiftung aus dem Jahr 2007 herangezogen werden, die schon damals festgestellt hat, dass soziale Ungleichheit in den Schulen nicht etwa ausgeglichen, sondern sogar verstärkt wird und somit ausschlaggebend ist für den Bildungsweg eines Schülers. Konkret wurden damals unterschiedliche Lernmilieus sowohl im Elternhaus als auch im Wohnumfeld und in der Schule untersucht, es wurde ebenso Fragen nachgegangen, ob in der Familie gerne gelesen wurde. Ist das Kind zu Hause häufig alleine? Oder auch: Wird dem Jugendlichen die Hochschulreife zugetraut? Die Ergebnisse decken sich mit der aktuellen Erhebung der Vodafone-Stiftung.

 

Aktuell nun untersuchten die Forscher genauer, wie sich der soziale Herkunftseffekt auf die Notenvergabe auswirkt und geben an, 51 Prozent der Benotung hängen von der tatsächlichen Leistung ab und werden »Primäreffekt« genannt. Man erklärt sich dies mit der unterschiedlichen Förderung durch das Elternhaus, die mancherorts eben fehlt, zumeist in sozial schwierigen Verhältnissen. Im Umkehrschluss wird dadurch aber auch sehr deutlich: Je mehr sich Eltern um die Schulbildung ihrer Kinder kümmern, desto bessere Noten erhalten diese.

 

Für diese Erkenntnis braucht es eigentlich keine Studien, sondern nur einen Blick in die Runde eines klassischen Elternabends. Die meisten Eltern und auch Lehrer wissen sehr genau, dass in der Regel dort die Eltern sitzen, die ihre Kinder aufmerksam begleiten, und meistens fehlen genau diejenigen Eltern, deren Kinder dringend mehr Unterstützung aus dem Elternhaus benötigen würden.

 

Und es erklärt auch, warum Schüler, deren Eltern zu Hause sind und die Zeit haben, sich um Hausaufgaben und konsequentes Lernen ihrer Kinder zu kümmern, bessere Chancen haben in der Schule: Weil man sie auf dem Weg liebevoll und bewusst begleitet. Vermutlich kann man davon ausgehen, dass die wachsende Ausweitung der Erwerbstätigkeit beider Eltern, was ja politisch stark vorangetrieben wird, massiv dazu beitragen wird, dass sich die soziale Herkunft noch viel mehr auf die Bildungschancen eines Kindes auswirken wird, als uns allen lieb ist, und die Schule auch weiterhin diese Unterschiede nicht beheben wird, sondern nur verstärkt.

 

Weitere 23,4 Prozent der sozial ungleichen Benotung werden durch die persönliche Einschätzung der Lehrkräfte bestimmt, die, je nach Schichtzugehörigkeit der Schüler, unterschiedliche Schulempfehlungen vergeben, und dies bei gleicher Leistung in standardisierten beziehungsweise anonymen Tests und gleichen Noten. Die ungerechte Benotung beginnt dabei schon in der Grundschule, denn 25,5 Prozent der sozialen Verzerrung entsteht laut Vodafone-Stiftung schon durch ungleiche Notenvergabe bei gleicher Leistung während der Grundschulzeit. Dem entsprechend sieht man hier auch einen großen Hebel, der zu mehr Gerechtigkeit führen kann, denn schließlich hängt von der weiteren Schulempfehlung oft der gesamte weitere Bildungsweg eines Kindes ab. Der Anteil von Arbeiterkindern auf dem Gymnasium von derzeit 19,2 Prozent könnte laut Studie bei gerechter Benotung auf mindestens 28,5 Prozent erhöht werden.

 

Bei der Vodafone-Stiftung ist man bemüht, die Ergebnisse nicht als einen Frontalangriff auf die Lehrerschaft wirken zu lassen: »Die Studie zeigt, wie wichtig individuelle Förderung sozial schwacher Kinder ist, damit diese nicht schon in einem frühen Stadium ihrer Bildungslaufbahn wegen schlechterer Leistungen abgehängt werden. Zudem sehen wir, dass auch Noten und Schulempfehlungen zur sozialen Ungleichheit beitragen.« Die Konsequenz dürfe aber nicht Lehrerschelte sein. Vielmehr sollten die üblichen Formen der Leistungsdiagnostik und Übertrittsregelungen überdacht werden, so Dr. Mark Speich, Geschäftsführer der Vodafone–Stiftung Deutschland.

 

Man fragt sich aber doch, wer sonst als die Lehrer selbst könnte denn das System der ungerechten Benotung durchbrechen? Hier sind wohl alle Beteiligten aufgefordert, an Lösungen zu arbeiten: Eltern, Schüler, Lehrer, Schulleitungen und die Politik. Denn solange die Unterschiede in Gesellschaften geleugnet werden wie das männliche und das weibliche Geschlecht, ist ein Ende der Probleme längst nicht in Sicht.

 

Die Studie mit dem Titel Herkunft zensiert? Leistungsdiagnostik und soziale Ungleichheiten in der Schule wurde von den Bildungsforschern Prof. Dr. Kai Maaz (Universität Potsdam), Prof. Dr. Ulrich Trautwein (Universität Tübingen) und Prof. Dr. Franz Baeriswyl (Universität Freiburg/Schweiz) durchgeführt. Dabei analysierten sie den Zusammenhang zwischen Schulnoten und den Effekten der sozialen Herkunft und nutzten dafür Befunde aus Daten der TIMSS-Übergangsstudie (Trends in International Mathematics and Science Study), der Berliner ELEMENT-Studie (Erhebung zum Lese- und Mathematikverständnis), der TOSCA-Studie (Transformation des Sekundarschulsystems und akademische Karrieren) sowie aus einer aktuellen Übergangsstudie aus der Schweiz.

 

 

 


 

 

 

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