Die Geschichte von Herrn Müller ist die Geschichte von Millionen Menschen. Sie ereignet sich jeden Tag Tausende Male auf der ganzen Welt. Sie zieht ihre Furchen durch die Herzen und Seelen der Menschen. Ihre Folgen sind nicht selten tragisch: Trauer, Wut auf sich selbst, Untröstlichkeit. Es kann Jahre dauern. Manche werden depressiv darüber. Viele befällt eine unerklärliche Trauer, die für immer bleibt. Frieden schließen, bevor es zu spät ist! Dies ist eine Aufforderung an alle, die einen ähnlichen Weg eingeschlagen haben, wie es Herr Müller mit seiner Mutter tat. Sei es die Mutter, sei es der Vater oder seien es andere wichtige Menschen. Es gehört zu den wichtigsten Aufgaben des Menschen, den Frieden mit ihnen rechtzeitig zu finden. Und deswegen ist dieser Beitrag, abseits von den gewohnten journalistisch brisanten Themen der Kopp-Redaktion, so wichtig. Es ist egal, ob man Müller, Schmidt oder Herman heißt, es ist ebenso gleichgültig, wo und was man arbeitet. In dieser schnelllebigen Zeit, in der man vor lauter Hektik und Stress das Wichtigste häufig vergisst, ist es wichtiger denn je, das festzuhalten, was wirklich gilt im Leben: Die Liebe und den Respekt voreinander zu bewahren, auch gegenüber der eigenen Familie, vor allem jedoch den inzwischen alt gewordenen Eltern gegenüber, die man nicht selten vernachlässigt oder verletzt hat. Denn häufig trifft es einen unerwartet: Die alte Mutter oder der Vater sterben, ohne dass einem je noch die Möglichkeit eines Abschieds gegeben wurde.
Wer seine alt gewordene Mutter oder den Vater verliert, ohne vorher eventuelle Streitigkeiten oder gar Zerwürfnisse beigelegt zu haben, wer die Eltern ohne Versöhnung scheiden lässt, der trägt nicht selten nach dem Hinübergehen der Eltern auf verheerende Weise bis zum Ende des eigenen Lebens eine schwere Last mit sich, die mit den Jahren nicht leichter, sondern drückender werden kann. Frieden schließen, bevor es zu spät ist, das ist eine der wichtigsten Herausforderungen unserer heutigen, so schwierig gewordenen Zeit. Ich berichte hier über eigene Erfahrungen zwischen meiner inzwischen verstorbenen Mutter und mir, vielleicht stellvertretend für Millionen andere Menschen.
Meine Mutter starb im Februar 2008. Sie war gerade 70 Jahre alt geworden. Ich hatte fast eine Woche lang an ihrem Bett gesessen, das im Kreiskrankenhaus meiner kleinen Heimatstadt am Rande des Harzes stand, bis Mama diese Welt verließ. Die letzten Tage und Nächte ihres Lebens verbrachten wir zwei alleine in ihrem Sterbezimmer, in tiefer Ruhe, in großer Achtung und in unendlicher Liebe zueinander. Ich bin unermesslich dankbar dafür, dass uns diese innige Zeit zum Ende ihres Lebens zufällig geschenkt worden ist, denn unser Verhältnis war nicht immer das Beste gewesen. Heute erst, zwei Jahre nach dem Tod meiner Mutter, wächst meine Überzeugung, dass wir Menschen dringend aufeinander zugehen müssen, bevor es zu spät ist. Dafür sollten wir alles tun!
Unzählige kleine und große Herausforderungen, die Mama und ich im Laufe der zurückliegenden Jahre durchkämpften, waren aus heutiger Sicht dumme Irrtümer und vergleichsweise kleine Probleme. Die Missverständnisse, die daraus entstanden waren, wurden mit den Jahren allerdings zeitweise zu tiefen Klüften, die unüberwindbar zu werden schienen. Warum ließ ich es zu? Weil ich mir zu wenige Gedanken darüber machte. Alles andere schien mir viel wichtiger. Obwohl ich meine Mutter immer von Herzen liebte, hatten wir viele schwere Jahre hinter uns gebracht, Jahre des Unverständnisses, der Meinungsverschiedenheiten und des Schweigens, Jahre der Tränen und des Schmerzes. Viele Fehler und Versehen machten unsere Lebenswege holprig und schwer, für einige Zeit trennten sie uns gar, und wenngleich Mama auch – sicher ungewollt – zu Enttäuschungen in meiner Kindheit beigetragen hatte, wandte sie doch die restliche Zeit ihres Lebens mit zahllosen Versuchen auf, meine immer wieder aufkeimenden Vorwürfe zu besänftigen und mein aufbrausendes Temperament zu beruhigen.
Wir hatten das erlebt, was viele andere Kinder mit ihren Müttern durchmachen, und umgekehrt, was Mütter durch ihre Kinder erdulden müssen. Ich hatte im Laufe meiner Jugend, in den ersten Jahren des Erwachsenseins und auch später noch häufig, wie in einer Achterbahn, die unterschiedlichsten Empfindungen und Gefühle meiner Mutter gegenüber durchlebt, von tiefer Liebe über Schmerz, Wut, bis zu bohrender Angriffslust, die sich zuweilen bis an die Grenze der Unversöhnlichkeit steigern konnte.
Für alle Menschen und für jede verfahrene Beziehung gibt es Hoffnung. Davon bin ich heute mehr denn je fest überzeugt. Über diese Hoffnung, diese sehr berechtigte Hoffnung, gleichgültig, wie tief die seelischen Verletzungen auch sein mögen, möchte ich hier berichten. Die Konflikte und Probleme der Welt finden ihren Ursprung stets im einzelnen Menschen. Nur wenn wir nicht nur Verständnis fordern, sondern es großzügig zu geben lernen, nur wenn wir in uns selbst gesunden können und die Liebe dem Nächsten gegenüber zu geben lernen, dann kann auch diese Welt genesen. Der Weg dahin ist nicht ganz einfach, und er erfordert Fleiß und Ausdauer, vor allem aber ist das eine Ziel vor den Augen unabdingbar: Durchzuhalten, um Frieden mit den Menschen zu finden. Wer sich und seine Eitelkeiten bezwingen lernt und damit sich selbst überwindet, der findet sein Glück mit Sicherheit und wird auch zum Segen anderer Menschen beitragen. Dies gilt übrigens nicht allein für Eltern- Kind-Beziehungen, sondern für alle menschlichen Verbindungsformen. Die Formel lautet immer gleich: Liebe, Vergebung, Versöhnung …
Der Mechanismus der Entfremdung von meiner Mutter wirkte bei mir bereits recht früh, ohne dass ich genau zu sagen gewusst hätte, warum. Nachdem ich mein Elternhaus mit etwa 17 Jahren verlassen hatte, besuchte ich Mutter und Vater zwar regelmäßig zu Hause, doch fanden diese Besuche nicht sehr häufig statt. Kaum war ich da, ging es immer nur für eine kurze Zeit gut: Erst freute ich mich auf meine Mutter, kurz darauf jedoch stellte ich sie bereits unter meine persönliche, höchst »kritische« Beobachtung, um schnell immer wieder bei stets den gleichen, heimlichen Vorurteilen und Vorsätzen anzukommen: Dass ich nämlich niemals gewisse Angewohnheiten, die ich ihr gar als Schwächen auslegte, übernehmen und dass ich niemals in meinem Leben so werden wollte wie sie, wie meine Mutter. Dumme, naive Verhaltensweisen, die mir später noch leidtun sollten.
Wenn mich diese negativen Gedanken nicht mehr losließen, dieselbe Destruktivität sich immer wieder um mich herum drehte wie ein nicht zur Ruhe kommender Kreisel, wenn ich fast erschöpft geworden war über meine negativen Gedanken meiner Mutter gegenüber, dann störte mich zum Schluss die Fliege an der Wand und es kam, wie sollte es anders sein, zum Streit. Niemals hatte ich damals für einen einzigen Moment die Idee, meine zum Teil verächtlichen Gedanken einfach zu stoppen und in positive geistige Arbeit umzudrehen. Und es gab auch niemanden, der mich darauf aufmerksam gemacht und der mir dabei hätte helfen können. Heute muss ich mich fragen, ob ich mir überhaupt hätte helfen lassen wollen? Wenn es mir allerdings seinerzeit gelungen wäre, in die Zukunft zu schauen, so hätte ich mich wohl schnellstens darum bemüht, mit anderen Empfindungen auf meine Mutter zuzugehen. Doch das vermeintliche Recht der Jugend gegenüber ihren »unmodernen, spießigen« Eltern erlaubte mir damals vieles, was ich mir einfach zueigen machte. Aus heutiger Sicht handelte es sich um Lappalien, um dumme Eitelkeiten und um eine unzulässige Streitsucht, die meine Mutter sehr verletzt haben muss.
Streit macht nicht glücklich
Diese Reibereien machten mich alles andere als glücklich. Waren Mutter und ich wieder einmal im Unfrieden auseinandergegangen, so beschäftigte mich dies oft viele Tage lang mehr, als alle anderen Dinge. Immer waren es tiefe Gefühle, die mich unfroh machten, mich von der Arbeit und meinem übrigen Leben immer wieder ablenkten, die mich beschäftigten und steuerten. In dieser Verfassung wurde ich vor allem anderen Menschen gegenüber ungeduldiger und ungerechter, was mich zusätzlich ärgerte. Denn niemand konnte schließlich etwas für meinen privaten Ärger. Ein merkwürdiger Gefühlsspagat, tiefste innere Zerrissenheit über lange Zeiträume, die den kurzen Momenten der vermeintlich erleichternden Aussprache stets folgten. Immer klarer wurde es mir mit jedem Streit: Das musste anders werden, unbedingt, wir mussten wieder zueinanderfinden. Denn ich wollte meine Mutter nicht hassen, ich wollte sie nicht verlieren, eigentlich wollte ich sie nur lieben. Nur wie? Ich hatte mich Lichtjahre von ihr entfernt. Wie konnte ich den Weg zur ihr zurückfinden?
Lesen Sie morgen weiter.
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