Samstag, 10. Dezember 2016
28.08.2011
 
 

Ist Deutschlands Geschichte schuld an der Abschaffung der Männlichkeit?

Eva Herman

Wie männlich ist der heutige Mann noch? Was ist übrig geblieben vom einstigen Helden, der nicht nur seinem Land einst Treue geschworen und der stets gekämpft hatte für wahre Liebe und echte Leidenschaft? Der sogar dafür in den Tod ging? Nichts ist übrig davon, stellt der Journalist Michael Klonovsky fest, der den Abgesang auf den männlichen Helden angestimmt hat in seinem Buch Der Held – ein Nachruf, das an dieser Stelle bereits besprochen wurde. Während über die Gründe für das fehlende Fundament zwischen Mann und Frau umfassend berichtet wurde, blieb ein interessanter Gedanke des Autors bislang noch unerwähnt: Deutschlands Geschichte und seine geopolitische Lage als Erklärung für die verlorenen männlichen Helden von heute.

Früher als gefährliches, kriegslüsternes Wolfsvolk bekannt, dem inzwischen allerdings Zähne und Klauen gezogen wurden, seien die Deutschen heute wie ehedem durch ihre europäische Mittellage in Gefahr. Was jedoch niemand aussprechen dürfe, seit der »Staatsdenker der Republik«, Jürgen Habermas, die Geopolitik 1987 als »Tamtam« erklärt habe. Mittellage bedeutete nach Klonovsky jedoch jahrhundertlang, »keinerlei durch Meere geschützte Grenzen, sondern überall potenziell feindliche Nachbarn zu haben, die sich verbünden konnten, wie es exemplarisch in beiden Weltkriegen geschah, aber auch Preußen im Siebenjährigen Krieg widerfuhr, das 1761 vor dem Untergang stand«.

Auch Deutschlands »Urkatastrophe«, der Dreißigjährige Krieg, ohne den der Aufstieg des preußischen Militärs zur staatsbeherrschenden Kaste schwerlich verstehbar sei, war mit allen Konsequenzen Ausdruck der fatalen Mittellage, die die Deutschen nach 1945 sich entschlossen, sukzessive aufzuheben, indem sie am besten nur noch Freunde kennen wollten, so Klonovsky. Und damit diese neue Freunde das auch akzeptierten, verzichteten die Geschlagenen dauerhaft auf alles, was eine Macht auszeichnet: große Teile des Staatsgebietes, Souveränität, Atomwaffen, taugliches Militär, Nationalstolz, positive Geschichtsmythen, eine weltweit anerkannte Währung: alles in allem eine einzige Bitte um Pardon! Frei nach dem Motto: Entschuldigen Sie bitte, dass ich lebe!

Der deutsche Mann, nicht nur von feministischen Strömungen, von Politik und Medien entmannt, sondern vor allem auch aufgrund der verheerenden Geschichte und der geopolitischen Lage seines Heimatlandes, das er jetzt nicht mehr lieben darf? Ein interessanter Gedanke, der durchaus einen Sinn ergibt. Und allein diese Erkenntnis könnte nicht nur Männern schwere Herzschmerzen bereiten. Klonovsky resümiert zu Recht: Als politisch selbstständige »männliche« Macht existiert Deutschland nicht mehr.

»Da die Deutschen überaus harte Arbeiter und tapfere Kämpfer waren, vollbrachten sie in beiden Weltkriegen gegen jeweils hoch überlegene Feindkoalitionen enorme Leistungen, wirtschaftlich wie kriegerisch.« Doch nach dem gravierenden Zusammenbruch, nach der millionenfachen Vergewaltigung deutscher Frauen durch vor allem russische Besatzer, nach Millionen toter Landsleute, nach Millionen Flüchtlingen war es in Deutschland schließlich vorbei: vorbei mit Heldengedenken und Nibelungentreue. »Künftig wollten die Deutschen nur noch eines: Gut leben und das harmloseste Volk der Welt werden.«

Der Autor legt den Finger direkt in die nach wie vor heftig blutende deutsche Wunde: »Erst ganz Europa unterwerfen, dann am liebsten von der politischen Landkarte verschwinden und vor sich selbst geschützt werden wollen: Die Radikalität dieser Umkehr hat das Ausland immer wieder irritiert. Ein Volk, dessen Kanzler einst stolz verkündet hatte: ›Wir fürchten Gott und sonst nichts auf der Welt!‹ und das zwei Menschenalter später den Begriff ›German Angst‹ zum geflügelten Wort machte, blieb unberechenbar.«

Und so würden die Deutschen mit bemerkenswerter Konsequenz von der Furcht vor irgendetwas geplagt und gebeutelt, wobei die Auslöser immer wieder andere seien: »Es kann die Gentechnik sein, die Hühnergrippe, das Atom samt seiner fidelen Strahlung, die erste Strophe der Nationalhymne, aber auch die Überfremdung – oder die Furcht vor denen, die sich vor der Überfremdung fürchten.«

Wofür ist Deutschland unter einer Kanzler-Frau heute eigentlich noch gut? Als Zahlmeister der EU? Allerhöchstens. Doch auch das hat seine Klinken. Denn Deutschland darf zahlen, aber keine Forderungen mehr stellen. Erst vergangene Woche hatte die britische Boulevardzeitung Daily Mail Deutschland mit dem Dritten bzw. Vierten Reich in Verbindung gebracht. In einer Kritik an der Euro-Krisenstrategie der Bundesregierung hieß es, »Deutschland sei dabei, Europa mit wirtschaftlichen und finanziellen Mitteln zu erobern«.

Wörtlich schrieb der Autor Simon Heffer in seiner Kolumne: »Wo Hitler mit seinen militärischen Mitteln versagte, sind die modernen Deutschen erfolgreich, durch Handel und Finanzdisziplin. Willkommen im Vierten Reich.« Zuvor hatte es geheißen, dass den Staaten der Eurozone nichts anderes übrig bleibe, als sich am deutschen Vorbild zu orientieren. Euro-Staaten wie Irland oder Griechenland bleibe kaum etwas anderes übrig, als die finanziellen Hilfen und damit die »praktische Kolonialisierung« durch Deutschland hinzunehmen, berichtete der Focus.

Die Furcht vor einer Übermacht Deutschlands drückt sich auch in dem Zitat desselben Kommentars aus, in dem es wörtlich heißt: »Damit keine Zweifel aufkommen, was eine Finanzunion bedeuten würde: eine Wirtschaftspolitik, ein Steuersystem, ein System der sozialen Sicherheit, eine Verschuldung, eine Volkswirtschaft, ein Finanzminister. Und alles ist deutsch.«

Tja, so sieht es derzeit aus in Deutschland und der Welt. Unsere Geschichte schlägt uns heute ins Genick auf subversive, nicht geahnte Weise. Erwähnenswert ist in diesem Zusammenhang, dass der radikale Ausrutscher der Daily Mail hierzulande nicht einmal mehr für mediale Zuckungen sorgte: Kaum jemand berichtete darüber.

Der Autor Michael Klonovsky schreibt: »Das spezifisch Deutsche an unserem Thema (Der verlorengegangene Held) hängt also selbstredend mit den Niederlagen in zwei Weltkriegen zusammen. Da die Deutschen überaus harte Arbeiter und tapfere Kämpfer waren, vollbrachten sie in beiden Kriegen gegen jeweils hoch überlegene Feindkoalitionen enorme Leistungen, wirtschaftlich wie kriegerisch … Wer bis zuletzt dermaßen heroisch, pflichtbewusst und mörderisch, also auf allerhöchstem Niveau kämpft wie das Deutsche Reich im Zweiten Weltkrieg, dem droht im Gegenzug auch eine Niederlage auf allerhöchstem beziehungsweise allertiefstem Niveau, und tatsächlich hat sich in der neueren Geschichte nichts ereignet, was sich der Höllenfahrt des Dritten Reiches zur Seite stellen ließ.«

Ein Volk, das innerhalb eines Jahrhunderts zwei Weltkriege verlor, das sich anschließend für Jahrzehnte durch eine Mauer teilen ließ, das seine eigene stabile Währung aufgab und sich einem »gemeinsamen« Europa als Zahlmeister beugte, dessen eigentliches Ziel jedoch eher der Abschaffung der Glühlampe und einem normierten Maß für Salatgurken und Zuchtäpfel dient, scheint nicht mehr viel erwarten zu dürfen. Gendermainstreaming, Feminismus und Gleichstellungsgesetze geben uns den Rest.

Mit dem Männlichen ist es hier aus! Mit dem Weiblichen auch, denn viele Frauen haben heute schon mehr Testosteron im Blut als ihre männlichen Mitstreiter. Mitstreiter? Pardon: Dieser Ausdruck wäre doch wohl viel zu hart gewählt.

 

 


 

 

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