
2012 DA14 ist ein typischer »Asteroidenwinzling«. Von seiner Klasse gibt es im Sonnensystem Abermillionen. Allein im erdnahen Raum bewegen sich Hunderttausende von ihnen. Diese kleinen, unscheinbaren kosmischen Brocken werden jedoch schnell zu bedrohlich wirkenden Riesen, betrachtet man sie nur einmal aus der menschlichen Perspektive: Ein Fels von 50
Metern Größe und etwa 130.000 Tonnen Masse, der mit einer Geschwindigkeit von 100.000 Kilometern pro Stunde auf die Erde zurast, kann logischerweise einigen Schaden anrichten. Nicht global, aber doch immerhin lokal. Es gibt Beispiele für solche fatalen Ereignisse.
Am berühmtesten dürfte wohl das Tunguska-Ereignis vom 30. Juni 1908 sein. Damals prallte ein bis heute nicht genau identifizierter Körper aus dem All auf die irdische Atmosphäre und explodierte in einigen Kilometern Höhe über dem Waldland der sibirischen Taiga. Die enorme Druckwelle knickte auf einem Gebiet von rund 2.000 Quadratkilometern Fläche selbst mächtige Bäume wie Streichhölzer um; viele Tiere und auch etliche Menschen kamen bei der Katastrophe zu Tode.
Das Tunguska-Ereignis richtete lokal schwere Verwüstungen an. Wissenschaftler haben berechnet, dass ein rund 50 Meter großer Himmelskörper nötig wäre, um solche Zerstörungen zu bewirken. Worum es sich bei dem Objekt damals wirklich handelte, bleibt jedoch bis heute offen. Niemand kennt eine Antwort. Neueren Thesen zufolge soll die Explosion einer
unterirdischen Methangasblase dieses Ereignis ausgelöst haben. Doch sprechen nicht zuletzt die Zeugenberichte eindeutig dagegen: Die Einheimischen sahen mit eigenen Augen, wie ein Feuerball den Himmel zu zerreißen schien, als er sich mit hohem Tempo über die Erdoberfläche hinweg bewegte.
Ein anderes Ereignis dieser Größenordnung fand vor rund 40.000 Jahren statt und hinterließ noch heute klar sichtbare Spuren. Was damals im heutigen Arizona, USA, geschah, weiß man sogar weit besser als im »Fall Tunguska«. Funde zahlreicher Eisenmeteorite und typische Veränderungen im Gestein der Region belegen, dass ein rund 30 bis 50 Meter großer Eisenmeteorit unsere Erde nahe dem heutigen Winslow traf und dabei einen ausgeprägten Einschlagkrater erzeugte. Im trockenen Klima blieb er bis heute gut sichtbar erhalten. Mitten in der kargen Landschaft klafft ein beinahe 200 Meter tiefes Loch von mehr als einem Kilometer Durchmesser – ein typischer Explosionskrater, gebildet von einem kosmischen Körper mit den gleichen Dimensionen wie sie auch 2012 DA14 aufzuweisen hat. Nur mit dem einen wichtigen Unterschied, dass DA14 an der Erde vorbeiziehen und uns somit nicht gefährlich werden wird. Die Bahn ist bereits ausreichend gut bekannt, um sich in dieser Angelegenheit sicher zu sein.
Knapp wird es diesmal aber schon werden, zumindest aus kosmischer Sicht der Dinge. Mit nicht einmal 30.000 Kilometern Abstand geht die Sache als »Beinahe-Treffer« durch. DA14 bricht einen wahren Distanzrekord. Seit Beginn der systematischen Überwachungsprogramme, wie sie in den 1990er Jahren gestartet wurden, konnten Astronomen keinen vergleichbar großen
Asteroiden so nahe bei der Erde registrieren. Schätzungsweise alle 40 Jahre dürften enge Begegnungen dieser Art stattfinden.
Wie oft die Erde von Brocken der DA14-Klasse getroffen wird? Nun, die Kalkulationen der Fachleute variieren hier. Manche vermuten, so etwas geschehe durchschnittlich alle 300 Jahre, andere gehen eher von Spannen im Bereich von 1.200 Jahren aus. Ein Hintergrund bleibt dabei allerdings unberücksichtigt – weil er in aller Regel unbekannt ist: Nicht nur zivile Astronomen, sondern auch Militärobservatorien verfolgen solche Körper am Himmel und befinden sich zudem mit ihren diversen Überwachungseinrichtungen in der sehr vorteilhaften Lage, auch atmosphärische Explosionen weltweit zu beobachten. Eingeweihte wissen von weiteren Ereignissen nach Art von Tunguska, die allerdings über abgelegenen Ozeangebieten stattfanden und daher keine dauerhaften Spuren hinterlassen haben. Wenn diese Geheiminformation wirklich stimmt, dann müssten die Abschätzungen zur Kollisionshäufigkeit wohl nach oben korrigiert werden.
Wie auch immer, für 2012 DA14 gibt es Entwarnung. Auch besteht nur eine ausnehmend geringe Wahrscheinlichkeit, dass dieser Asteroid einen Erdsatelliten »abschießt«. Immerhin aber dringt er in die Sphäre der geosynchronen Satelliten ein, die in rund 36.000 Kilometern Höhe kreisen.
Am 15. Februar ist es soweit. Dann wird dieser vergleichsweise kleine Himmelskörper die Erde in rund 27.500 Kilometern Oberflächenabstand passieren, deutlich weniger als einem Zehntel der durchschnittlichen Monddistanz! Ein Blick auf die Bahnberechnungen zeigt in diesen Stunden
dramatische Koordinatenveränderungen. Vor allem die »kosmischen Breitengrade« machen in kürzester Zeit riesige Sprünge, die Deklination ändert sich während der kritischen Phase in nur rund dreieinhalb Stunden um 90 Grad, beginnend weit unterhalb des Himmelsäquators.
Bei seiner größten Annäherung legt der Asteroid in jeder Zeitminute ein Winkelgrad zurück. Er wird zwar nicht mit bloßem Auge sichtbar sein, erreicht aber doch eine ausreichend große Helligkeit, um selbst mit kleinen Teleskopen gesehen zu werden. Theoretisch. In der Praxis wird ein Blick auf DA14 trotzdem sehr problematisch, weil dieser Brocken so unverschämt schnell am Himmel unterwegs ist, bedingt durch die große Nähe. Aufnahmen werden ihn folglich als sehr lange Strichspur abbilden. Sogar als eine erschreckend lange Spur. Für jeden Standort auf der Erde müssen die Koordinaten gesondert berechnet werden, ansonsten wäre die Winkelverschiebung riesig und die Teleskope würden mit ihren Detektoren daneben zielen.
Zu den Instrumenten, die 2012 DA14 während seiner Erdpassage verfolgen sollen, zählt auch die Goldstone-Parabolantenne in der kalifornischen Mojave-Wüste. Sie sendet Radarwellen auf die Oberfläche des Asteroiden, um anhand der Echos auf die genaue Größe, die Rotation und andere physikalische Eigenschaften schließen zu können. Das Radioteleskop soll den Asteroiden über einige Tage hinweg im Visier behalten. Am Ende dieser Verfolgungsjagd soll ein genaues Porträt von DA14 stehen: eine 3D-Karte seiner Oberfläche. Natürlich geht es auch darum, die Bahn für die Zukunft möglichst präzise kennenzulernen, um bestimmen zu können, wie nahe uns ein Asteroid dieser Art bei seinen nächsten Begegnungen kommen wird.
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