Thursday, 29. September 2016
08.12.2014
 
 

E-ELT: Das Riesenteleskop wird gebaut

Andreas von Rétyi

Die Europäische Südsternwarte ESO hat nun endgültig entschieden und winkt den Bau des größten Teleskops der Erde durch. Das Großprojekt, an dem mehrere Staaten beteiligt sind, soll in den kommenden Jahren ein Teleskop der Superklasse verwirklichen.

 

Zwar bäckt die ESO jetzt doch kleinere Brötchen als ursprünglich geplant, doch auch sie werden immer noch viel »Teig« benötigen. Konkreter gesagt, handelt es sich auch beim aktuellen Plan um ein gigantisches Projekt, ein in dieser Größenordnung noch nie da gewesenes Teleskop, das European Extremely Large Telescope (E-ELT) mit einem Hauptspiegel von 39,3 Metern Durchmesser.

Die derzeit größten Teleskope der Erde liegen in der Zehn-Meter-Klasse, womit die Lichtsammelfähigkeit somit immerhin um den Faktor 16 gesteigert und neben der höheren Auflösungskraft ein deutlich tieferer Blick ins Universum möglich wird.

 

Nach der Planung und ersten Vorbereitungen am bereits ausgewählten Standort, soll nun innerhalb der nächsten zehn Jahre das komplette Teleskop verwirklicht sein, zusammen mit leistungsfähigen Messinstrumenten. So dürfte bis 2025 auch das »First Light« stattfinden und somit erstmalig Sternenlicht vom optischen System aufgefangen und gemessen werden.

 

Als Hauptinstanz der Europäischen Südsternwarte hat nun der ESO-Rat den Bau des Instruments bestätigt, nachdem die Finanzierung zu rund 90 Prozent gesichert ist und der ESO-Beitritt Polens sowie auch der bevorstehende Beitritt Brasiliens für die kommenden Jahre zusätzliche Mittel verspricht.

 

Die grundsätzliche Bauentscheidung wurde bereits im Dezember 2011 gefällt, obwohl die Kostenfrage noch nicht zufriedenstellend geklärt war. Deshalb wurde einige Monate später auch festgelegt, zunächst nur die Vorbereitungen am künftigen Standort durchzuführen. Um Verzögerungen zu vermeiden, will die ESO nun mit der ersten Bauphase voranschreiten. Das Riesenteleskop und seine entsprechend mächtige Kuppel soll auf dem Cerro Armazones in der chilenischen Atacama-Wüste entstehen.

 

Die Standortsuche für ein derartiges System gestaltet sich nicht einfach, vor allem angesichts der hohen und weiterwachsenden Umwelt- und Lichtverschmutzung in den meisten Regionen. Somit schied Europa von vornherein fast komplett aus. Saubere und dunkle Nächte Fehlanzeige – die Zivilisation lässt wieder grüßen. Interessant wie traurig zu wissen, dass allein in den Ländern der Europäischen Union jährlich eine Summe von 1,7 Milliarden Euro durch sinnlose nächtliche Beleuchtung verpulvert wird. Diese Tatsache erreicht die Öffentlichkeit allerdings kaum.

 

Die genannte Summe übersteigt die Kosten für das E-ELT deutlich. Leuchtreklamen sowie über die ganze Nacht hindurch mit starken Scheinwerfern angestrahlte Firmengebäude sind wahrlich keine Seltenheit, während Werbe- und Sicherheitseffekte solcher »Maßnahmen« zum großen Teil gleich null sind. Abgesehen davon, dass astronomische Forschung unter solchen Bedingungen nicht mehr möglich ist und daher kostenintensive Alternativen wie immer abgelegenere Standorte und sogar Orbitalobservatorien nötig werden, bringt die Lichtverschmutzung noch ganz andere Probleme mit sich, über die leider nur selten nachgedacht wird.

 

Ähnlich wie Lärmbelästigung wirkt sich auch die unnatürliche Dauerbelastung der Augen als deutlicher Stressfaktor aus. Schon heute sind die menschlichen Sehorgane nicht mehr so adaptionsfähig. Permanente künstliche Nachtbeleuchtung ist der menschlichen Gesundheit generell abträglich, hinzu kommen Aspekte des Umwelt- und Tierschutzes sowie die Frage nach den vermeintlich so wesentlichen Energiesparmaßnahmen.

 

Hier wird vor allem der Bürger geschröpft, die EU verkündet die »Jagd auf die Kaffeemaschine«, andererseits werden hierzulande auch solche Unternehmen subventioniert, die ihren Strom eben nicht dringend und vorrangig für Herstellungsprozesse benötigen, sondern oftmals für völlig sinnlose nächtliche Selbstdarstellung durch kontinuierliche »Photonen-Reizüberflutung«. Aber dies nur ganz nebenbei bemerkt. Was die Astronomie betrifft, so wird die nächste Generation das schützenswerte Kulturgut »Sternenhimmel« bald kaum mehr selbst erleben dürfen. Vielerorts ist das schon heute der Fall.

 

Nun, für die Großforschung zu unserer persönlichen »Standortbestimmung« im Kosmos jedenfalls wird die Ortswahl für die nächste Teleskopgeneration ebenfalls nicht einfacher. Zum Bau des E-ELT wurden zunächst Lokalitäten auf La Palma, Argentinien, Tibet, Südafrika, Grönland, Marokko, Chile sowie in der Antarktis diskutiert. Letztlich fiel dann Ende April 2010 die Wahl auf den erwähnten Cerro Armazones in Chile.

 

Der 3060 Meter hohe Berg befindet sich rund 130 Kilometer südlich von Antofagasta und bietet hervorragende Sichtbedingungen. Hier ist die Luft sehr trocken und bereits ziemlich dünn, ein Großteil der Nächte ist absolut klar. Außerdem befindet sich der Berg nur rund 20 Kilometer entfernt vom Cerro Paranal mit dem VLT der ESO. Auf diese Weise lassen sich hohe Zusatzkosten sparen, da die dortige Infrastruktur auch für das E-ELT mit genutzt werden kann.

 

Ein Standort in der Antarktis – die Hochebene Dome C auf 75 Grad südlicher Breite und 3200 Meter Meereshöhe – hätte zwar astronomische Vorteile, da hier die Luft besonders sauber ist, Streulicht so gut wie nicht anzutreffen ist und die Luft extrem trocken ist. Insgesamt gibt es wenig atmosphärische Turbulenzen, was für die erreichbare Detailauflösung wichtig ist. Doch wäre die Instrumentenwartung doch deutlich problematischer und die Belastung für die Technik größer.

 

Das E-ELT wird nun dem ursprünglich geplanten OWL vorgezogen, jenem mit einem Schuss Selbstironie als Overwhelmingly Large Telescope (OWL), das Überwältigend Große Teleskop, bezeichneten 100-Meter-Spiegels, der gegenüber den derzeit existierenden teleskopischen »Platzhirschen« eine sogar 100-fache Lichtsammelkraft gehabt hätte.

 

Das »Eulenauge« OWL wäre allerdings zu teuer gekommen und rein technisch vielleicht sogar nicht einmal realisierbar gewesen. Und so spricht man jetzt beim OWL spaßeshalber auch von »Originally Was Larger« (»ursprünglich war es größer«), weil die ESO sich nun eben für ein 39-Meter-Teleskop entschieden hat. Eine geplante Studie zu einem System mit 50 Meter Öffnung wurde ebenfalls zugunsten des E-ELT aufgegeben.

 

Dieses immer noch gigantische, im optischen Licht und nahen Infrarotbereich genutzte Teleskop soll enorme Fortschritte bringen, auf verschiedensten Gebieten der Astronomie. So bei der Untersuchung von Sternentstehung in nahen Galaxien, beim tiefen Blick ins galaktische Zentrum und auch der Erkundung fernster Objekte des uns bekannten Universums. Nicht zuletzt aber soll die Suche nach Exoplaneten einschließlich »Geschwisterwelten« der Erde fortgesetzt werden.

 

Bei alledem bleibt zu hoffen, dass uns die zunehmende Erkenntnis des Universums als bestimmender Faktor unseres Daseins auch uns selbst näherbringt, dass der Blick aufs große Ganze unser Denken und die Selbsteinschätzung des Menschen angemessen relativiert.

 

Wer als fühlendes Wesen einmal eine wirklich dunkle, klare Sternennacht erlebt hat, wird die damit verbundenen, überwältigenden Emotionen wohl sein Leben lang nicht mehr vergessen. Dazu braucht es nicht einmal eines Fernglases, geschweige denn eines astronomischen Teleskops.

 

Sollten Sie Lust verspüren, zumindest einen kleinen Eindruck jenes unvergleichlichen Wunders um uns zu gewinnen – auch, wenn letztlich nur die persönliche Erfahrung in der freien Natur zählt – , dann nehmen Sie sich doch wenige Minuten, um die Abenddämmerung und einen Sternenaufgang mit Milchstraße über dem Mount Everest zu erleben. Die faszinierende Videosequenz von Alex Rivest ist hier zu finden.

 

 

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Leser-Kommentare (12) zu diesem Artikel

27.12.2014 | 21:37

Maarten Slooves

Schon Sokrates sagte: "Ich weiß, dass ich nichts weiß. Also bin ich der weißeste Mensch in Athen." Die dumme anmaßende Macht dort zwang ihn den Giftbecher zu trinken….. Die Menschheit bleibt bis heute unverändert.


09.12.2014 | 20:41

rotepmal

@KQF: "Das erforschen unseres Universums mithilfe von Teleskopen ist in Wirklichkeit ein kindischer Versuch Gott verstehen zu wollen durch Seine Schöpfung." Nein, gerade das ist es nicht, es ist im Gegenteil seine höchste Tugend. Auch ohne hier einen philisophischen Diskurs über den Sinn des Lebens und die Bedeutung des Menschen im Universum zu beginnen, diese Forschung ist für uns von existenzieller Bedeutung. Das Universum ist nicht nur erhaben und wunderschön, dort...

@KQF: "Das erforschen unseres Universums mithilfe von Teleskopen ist in Wirklichkeit ein kindischer Versuch Gott verstehen zu wollen durch Seine Schöpfung." Nein, gerade das ist es nicht, es ist im Gegenteil seine höchste Tugend. Auch ohne hier einen philisophischen Diskurs über den Sinn des Lebens und die Bedeutung des Menschen im Universum zu beginnen, diese Forschung ist für uns von existenzieller Bedeutung. Das Universum ist nicht nur erhaben und wunderschön, dort lauern auch zahlreiche tödliche Gefahren für das gesamte Leben auf Erden. Wir kennen doch mittlerweile schon recht genau die Mechanismen, welche zu den immer wiederkehrenden großen Massenauslöschungen (mass extinctions) auf Erden führten. Und es kann wieder passieren, wenn die Sonne mit ihren Planeten auf ihrer Wanderung um das Zentrum der Milchstraße diese Region erreicht. Und das tut sie "gerade". Der Mensch ist nicht nur in Erscheinung getreten um die göttliche Schöpfung zu bewundern!


09.12.2014 | 11:42

Franz Hrubes

Hallo Klaus Borkotte, leider sind wir mit der Entwicklung der Sensoren nicht so schnell wie erwünscht fertig geworden. Deshalb kamen wir beim SALT nicht zum Zuge. Die Anforderungen wären sogar etwas geringer gewesen als beim E-ELT. Gruß aus Deutschland zum Kap der Guten Hoffnung (wo ich mal vor 6 Jahren war).


09.12.2014 | 05:30

Markus

@ KQF >> Das Universum ist nicht grenzenlos. Es ist materiell und hat einen Anfang und ein Ende. << Das darfst du natürlich schon GLAUBEN wen du das möchtest. Habe da gar nicht einzuwenden. Nur, ich GLAUBs halt nicht! http://yourloveletter.jimdo.com


08.12.2014 | 23:30

Klaus Borgolte

Hallo Franz Hrubes.

werden die genannten Sensoren nicht im SALT (Southern African Large Telescope) verwendet?

Grüße vom Kap der Guten Hoffnung


08.12.2014 | 23:07

Kalle Gobofski

Meiner Meinung nach finde ich es höchste Zeit das sich der Mensch endlich wieder besinnt und endlich das tut für was wir hier sind,die Erde pflegen liebkosen drücken voller liebe behandeln,es ist natürlich lobenswert ein Teleskop zu bauen und verzweifelt nach der Antwort zu suchen die wenn wir ehrlich sind fast allen Menschen eh schon bewusst ist. Würd fast sagen mit dem Alter kommt die Weisheit bzw Bewusstseinserweiterung und man hat irgendwie so ein Bauchgefühl das da mehr sein...

Meiner Meinung nach finde ich es höchste Zeit das sich der Mensch endlich wieder besinnt und endlich das tut für was wir hier sind,die Erde pflegen liebkosen drücken voller liebe behandeln,es ist natürlich lobenswert ein Teleskop zu bauen und verzweifelt nach der Antwort zu suchen die wenn wir ehrlich sind fast allen Menschen eh schon bewusst ist. Würd fast sagen mit dem Alter kommt die Weisheit bzw Bewusstseinserweiterung und man hat irgendwie so ein Bauchgefühl das da mehr sein muss. Ich hoffe so sehr das unser Plant und wir endlich zur Ruhe kommen und wir dem Schöpfer wie er auch genannt wird frohlocken können. <3 @ all

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