Monday, 28. July 2014
23.05.2013
 
 

Einschlag auf dem Mond: Helle Explosion im Mare Imbrium

Andreas von Rétyi

Wer am 17. März 2013 genau in der richtigen Sekunde zum Mond hinauf sah, konnte bereits mit bloßem Auge ein erstaunliches Phänomen wahrnehmen – den Lichtblitz eines Meteoriteneinschlags. Jetzt liegen genauere Informationen vor. Seit acht Jahren werden solche Vorfälle von einem wissenschaftlichen Programm verfolgt, aber bisher war keiner der Einschläge so hell. War die lunare März-Kollision vielleicht nur Teil eines weit größeren Ereignisses?

Der Blitz währte lediglich eine einzige Sekunde. Doch wer in diesem Moment zufällig gerade einen Blick hinauf zu unserem Erdtrabanten warf, erlebte eine echt ko(s)mische Überraschung: Auf der Oberfläche des zunehmenden Mondes zeigte sich am 17. März 2013 um genau 3 Uhr 50 Minuten und 55 Sekunden Weltzeit urplötzlich ein seltsamer heller Lichtpunkt. So kurz er aufleuchtete, so

deutlich war er zu sehen. Das lag auch an seiner Position. Denn dieser Blitz erschien in einer von der Sonne unbeleuchteten Region, die lediglich das relativ schwache Erdlicht reflektierte. Deshalb war der Kontrast hoch genug, um das Ereignis ohne optische Hilfsmittel beobachten zu können.

 

Manch einer dürfte allerdings seinen eigenen Augen nicht getraut haben, als der Mond ein spontanes Lichtsignal zur Erde schickte. In Europa war unser Erdbegleiter zu dieser Zeit leider bereits untergegangen, doch entlang größerer Teile der US-Ostküste zeigte er sich bei komplett dunklem Himmel und in ausreichender Höhe. Ideale Sichtbedingungen.

 

Noch klarer war das Phänomen natürlich durch Teleskope zu sehen. Ron Suggs vom Marshall-Raumflugzentrum der NASA war der Erste, dem der Blitz auffiel, während er Videoaufnahmen eines automatisierten Überwachungsprojekts auswertete: »Er sprang mich regelrecht an, so hell war er«, erinnert sich der Bildanalytiker. Ganz spontan hatte sich im Mare Imbrium nahe den Kratern Kopernikus und Kepler ein heller Punkt gebildet, um sofort wieder der Vergangenheit anzugehören. Astronomen vom Meteoroid Environment Office der NASA überwachen den Mond bereits seit acht Jahren kontinuierlich auf Leuchterscheinungen, wie sie von einschlagenden Himmelskörpern ausgelöst werden.

 

Abgesehen von den bis heute nicht erklärbaren Transient Lunar Phenomena (TLP), die landläufig als »Moonblinks« bekannt sind und eine abweichende Verteilung über die Mondoberfläche aufweisen, entstehen die übrigen lunaren Lichtblitze vorrangig durch Impaktereignisse, wobei bislang keines davon so auffallend war wie dasjenige vom 17. März, das alles Vorausgegangene um eine ganze Größenordnung übertraf.

 

Die Bildauswertung der mit einem kompakten 14-Zoll-Teleskop gewonnenen digitalen Sequenzen ergab, dass der Auslöser jenes auffallenden Ereignisses ein nur rund 40 Kilogramm »schwerer« Brocken von etwa 30 bis 40 Zentimeter Durchmesser gewesen sein muss. Kaum vorstellbar: Ein derart kleiner Körper löst einen über knapp 400.000 Kilometer Entfernung gut sichtbaren Lichtblitz aus! In der Erdatmosphäre hätte er einen grellen Feuerball erzeugt und wäre wohl komplett verglüht. Der Mond aber besitzt definitiv keinerlei nennenswerte Atmosphäre – das lässt sich unter anderem mittels photometrischer Messungen bei Sternbedeckungen nachweisen. Und genau, weil unserer direkten Nachbarwelt eine Lufthülle fehlt, hageln kosmische Trümmer mit ungebremster Gewalt auf ihre Oberfläche nieder.

 

Der Meteoroid vom 17. März dürfte mit knapp 90.000 Kilometern pro Stunde aufgeprallt sein, wobei die spontane Umwandlung seiner immensen kinetischen Energie in thermische Energie schlagartig ein Äquivalent von immerhin rund fünf Tonnen TNT freisetzte. Eine Serie von Falschfarben-Einzelbildern aus dem digitalen Video zeigt den Fortschritt der Explosion.

 

Bill Cooke vom Meteoroid Environment Office geht allerdings davon aus, dass diese Aufzeichnungen das Ereignis längst nicht in seinem vollen Ausmaß erfasst haben. Cookes These: Das Erde-Mond-System wurde in jenen Tagen von einem ganzen Schauer an kleinen kosmischen Gesteinsbrocken heimgesucht. Wie der Experte auf diese Idee kommt? Ganz einfach: Spezialkameras zur Überwachung des kompletten Himmels erfassten im gleichen zeitlichen Umfeld eine ungewöhnlich hohe Zahl von tief in die Erdatmosphäre eindringenden Meteoren.

 

Die Analyse ihrer Bahnen ergab, dass sie sich auf nahezu identischen Pfaden zwischen Erde und Asteroidengürtel bewegten. Cooke meint, diese Feuerbälle und der Mondeinschlag seien ursächlich miteinander verknüpft: »Unser Erde-Mond-System begegnete hier kurzzeitig einer Materieanhäufung«, so erklärt er.

 

Genau nach solchen bislang unbekannten Strömen an Restmaterie des Sonnensystems suchen die Wissenschaftler. Vor allem geht es ihnen um Meteoroiden, die unserer Erde vielleicht sogar gefährlich werden könnten. Nächstes Jahr um die gleiche Zeit werden wir mit unserem natürlichen Raumschiff wieder durch die gleiche Region des Sonnensystems wandern. Deshalb beabsichtigen Cooke und seine Kollegen, dann noch einmal sehr genau hinzusehen. Und mithilfe der Mondsonde Lunar Reconnaissance Orbiter (LRO) wollen sie auch nach einem frischen Krater im Mare Imbrium suchen. Die durch den März-Impakt entstandene Struktur könnte etwa 20 Meter Durchmesser besitzen und wäre somit ein leichtes Ziel für LRO.

 

Bisher registrierten die automatischen Überwachungsteleskope über 300 lunare Impaktereignisse. Mehr als die Hälfte ihrer Ursprungsobjekte stammt aus Meteorströmen wie den Perseiden oder Leoniden. Die restlichen Körper kommen aus unbekannten Quellen. Insgesamt belegen die Beobachtungen, dass im erdnahen Raum heute noch eine unüberschaubare Zahl kleinerer Himmelskörper herumschwirrt und wir immer wieder in kosmische Hagelschauer geraten können. Sofern die »Hagelkörner« klein sind, kein Problem.

 

Aber es gibt auch andere Kaliber. Daran erinnerte nicht zuletzt der Tscheljabinsk-Airburst vom 15. Februar dieses Jahres sehr eindringlich. Dabei zählte selbst dieser Himmelskörper mit seinem Durchmesser von etwa 17 Metern noch zu den wirklich kleinen Exemplaren. Richtig bedrohlich werden Objekte der Kilometerklasse, sie entwickeln bereits das Potenzial, eine globale Katastrophe zu entfesseln und unsere Zivilisation in ihrer jetzigen Form zu bedrohen. Wenn auch die meisten dieser Himmelskörper bereits bekannt sein dürften, bleibt ein bislang nicht entdeckter Restbestand übrig.

 

Schon länger allerdings kennen Astronomen den beachtlichen Brocken, der am 31. Mai 2013 an der Erde vorbeifliegen wird. Es ist ein fast drei Kilometer großer Asteroid mit der Bezeichnung »1998 QE2«. Vorweg gesagt: Von ihm droht keinerlei Gefahr. Er wird in 3,6 Millionen Kilometer Entfernung an der Erde vorbeirauschen. Also fast zehnfache Monddistanz. Nach unseren Maßstäben ein guter Sicherheitsabstand, kosmisch gesehen aber nicht sehr viel. Astronomen werden unsere nahe Begegnung mit 1998 QE2 nutzen, um mit den großen Antennen von Arecibo und Goldstone hoch aufgelöste Radarbilder aufzunehmen.

 

Sie dürften zahlreiche Oberflächendetails erfassen. Außerdem wollen die Forscher auch Größe, Form und Rotationszeit des Asteroiden genau bestimmen. Die neuen Daten sollen mit dazu beitragen, noch mehr über den Ursprung solcher Objekte zu erfahren. Insgesamt bleibt zu hoffen, dass die wirklich bedrohlichen Asteroiden bald möglichst vollständig erfasst sind und die bislang nie getesteten, rein hypothetischen Abwehrkonzepte noch lange nicht in die Tat umgesetzt werden müssen. Gerade die Asteroidenabwehr kann auch der modernen Waffenindustrie gute Argumente liefern. Dadurch entsteht ein Spannungsfeld der eigenen Art.

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