
Warum in die Ferne schweifen, wenn das Gute so nahe liegt? Eine buchstäblich naheliegende Frage, nachdem nun eine »Erde« um den nächsten Stern gefunden wurde. Nur gut, dass wir nicht gerade den ersten April schreiben, man würde die Geschichte vielleicht für einen Scherz halten. Aber tatsächlich haben Astronomen jetzt eine solche »Schwesterwelt« um das nächstgelegene
Sternsystem Alpha Centauri gefunden. Richtig, eigentlich ist der Rote Zwerg Proxima Centauri der sonnennächste Stern, aber so genau müssen wir es dann doch nicht nehmen, denn Proxima gehört mit hoher Wahrscheinlichkeit gleichfalls zum Dreifachsystem von Alpha. Die kleine Familie ist etwas mehr als vier Lichtjahre von der Sonne entfernt. Selbst diese kosmisch gesehen winzige Strecke ist im Vergleich zu irdischen Maßstäben gigantisch und entzieht sich bereits jeder menschlichen Vorstellungskraft: Die Voyager-1-Sonde, die mehr als 60.000 Kilometer pro Stunde zurücklegt, würde fast 80.000 Jahre benötigen, um Alpha Centauri zu erreichen.
Doch ändert das nichts an den Tatsachen. Bisher wurde noch kein Exoplanet gefunden, der unserer Erde näher war als jene »neue Welt«. Sie kreist um die B-Komponente des Systems und wurde nach einer vierjährigen Gesamtbeobachtungszeit mit dem 3,6-Meter-Teleskop der ESO auf La Silla in Chile endlich sicher identifiziert.
Nach Angaben von Xavier Dumusque, dem führenden Autor der Studie, traf alle 3,2 Tage ein winziges, aber reales Signal im HARPS-Messinstrument ein. »HARPS«, das klingt fast vertraut, hat
aber nichts mit dem berüchtigten Ionosphärenheizer in Alaska zu tun. Vielmehr verbirgt sich hinter dem Kürzel der High Accuracy Radial velocity Planet Searcher. Auch nicht schlecht! Das Teil ist jedenfalls ein hochpräziser Spektrograph, der mithilfe von Veränderungen der Radialgeschwindigkeit nach Planeten um Sterne sucht. Im Grunde die alte Geschichte: Planet kreist um Stern, Stern wackelt ein wenig, verrät dadurch Planet! Etwas ausführlicher beschrieben wirkt also nicht nur der Stern mit seiner Anziehungskraft auf den Planeten, sondern auch umgekehrt. Allerdings viel schwächer, weil der Planet natürlich eine weitaus geringere Masse besitzt. Tatsache ist aber, dass sich dadurch der gemeinsame Schwerpunkt aus der Sternmitte etwas nach außen verlagert. So führt der Stern im Rhythmus der planetaren Umlaufszeit eine kaum merkliche Schlingerbewegung aus, er folgt einer kleinen Ellipsenbahn. Auf diese Weise bewegt er sich zyklisch geringfügig auf uns zu und dann wieder von uns weg. Winzige Änderungen der Wellenlängen im Spektrum verraten genau dieses Schwingen: Man beobachtet Abweichungen in der Radialgeschwindigkeit. Bei Alpha Centauri B macht das lediglich 51 Zentimeter in der Sekunde aus, entsprechend nicht einmal zwei Stundenkilometer. Extrem wenig – es ist die genaueste Messung dieser Art, die bisher geglückt ist.
Besonders faszinierend an diesem System sind vor allem drei Dinge: Der Planet ist nur leicht größer als unsere Erde, er kreist außerdem um einen sonnenähnlichen Stern, und dieser Stern ist auch noch ein unmittelbarer Nachbar unserer eigenen Sonne! Das klingt vielversprechend. Man kann sich fast schon intelligentes Leben dort vorstellen, echte Nachbarn im All! Nur fehlen dafür wichtige Voraussetzungen.
Zwar lässt sich der Planet nicht direkt beobachten, aber allein die Bahndaten verraten so einiges über ihn. Vor allem muss er fürchterlich heiß sein, eine echte Gluthölle, schlimmer als Merkur und Venus zusammen! Tatsächlich könnte man gegen ihn einen Backofen glatt mit einer Klimaanlage
verwechseln. Denn diese »Erde« befindet sich in nur rund sechs Millionen Kilometern Entfernung zu ihrem Stern. Das ist lediglich ein Zehntel der Merkurdistanz und somit wirklich nur was für »Hartgesottene«.
Während Alpha Centauri A und B sich in großem Abstand umkreisen, wobei die A-Komponente am planetaren Himmel des »neuen« Planeten bereits eine strahlende Erscheinung ist, bleibt dieser B-Planet immer haarscharf an seinem Stern, der wie ein mächtiger, alles vernichtender Atomofen über der exotischen Landschaft stehen dürfte. Die aktuelle Entdeckung lässt allerdings Hoffnungen aufkeimen, dass im dortigen System noch weitere Welten kreisen, in größerem Abstand. So meint auch Mitentdecker Stéphane Udry vom Genfer Observatorium: »Dies ist der erste Planet mit einer Masse vergleichbar unserer Erde, der überhaupt je um einen sonnenähnlichen Stern gefunden wurde. Sein Orbit liegt sehr nahe am Stern und er muss viel zu heiß für Leben nach der Art sein, wie wir es kennen … Aber er könnte ja nur einer aus einem ganzen System von mehreren Planeten sein. Unsere anderen HARPS-Resultate und neue Funde von Kepler zeigen jeweils ganz klar, dass die Mehrzahl von Planeten niedriger Masse in solchen Systemen gefunden wird.« Und Xavier Dumusque ergänzt: »Dieses Ergebnis stellt einen wesentlichen Schritt hin zur Entdeckung eines Erdenzwillings in der unmittelbaren Nachbarschaft der Sonne dar. Wir leben in aufregenden Zeiten!«
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