Tuesday, 31. May 2016
22.10.2014
 
 

Magnetfeld-Umkehr: Tatsächlich ein Polsprung

Andreas von Rétyi

Dass sich das Magnetfeld der Erde in größeren Zeitabständen immer wieder umpolt, ist nichts Neues. Allerdings haben sich Wissenschaftler offenbar bislang darin getäuscht, wie schnell ein solches Ereignis ablaufen kann. Jetzt gibt es hierzu Erkenntnisse, die Experten in Staunen versetzen.

 

Im Laufe der Erdgeschichte hätte eine Kompassnadel sehr oft »verrückt gespielt«. Aus bis heute unbekannten Gründen wechselt unser Planet seine magnetischen Pole, und irgendwann demnächst scheint es wieder so weit zu sein. Dann wird der heute nahe dem geographischen Nordpol liegende magnetische Südpol (arktischer Magnetpol) auf die andere Hemisphäre rutschen, wobei das Erdfeld zeitweilig nur noch sehr schwach wirken kann.

 

Durchschnittlich alle 250.000 Jahre kommt es zu einem solchen Tausch. Allerdings variieren die Zeiträume in Wirklichkeit stark von diesem Mittelwert, außerdem treten wiederholt Anomalien auf. Geologische Untersuchungen zeigen beispielsweise, dass der nördliche Magnetpol vor etwa 41.000 Jahren innerhalb von nur 200 Jahren einen »Ausflug« zum Südpol unternahm, dort beinahe ein halbes Jahrtausend verharrte, um daraufhin wieder zur ursprünglichen Lage zurückzufinden.

 

Dieses Intermezzo ist auch als geomagnetische Exkursion bekannt. Und wieder weiß niemand, warum dies damals geschah. Die letzte tatsächliche Feldumkehr liegt jedoch schon annähernd 800.000 Jahre zurück. Sie wird nach den Entdeckern Bernhard Brunhes und Motonori Matuyama entsprechend auch als Brunhes-Matuyama-Umkehr oder auch Matuyama-Brunhes-Umkehr (M-B-Umkehr) benannt.

 

In den vergangenen Jahren mehrten sich die Hinweise darauf, dass solche Umpolungen weitaus schneller ablaufen können als die Wissenschaft dies ursprünglich für möglich hielt. Ende Juli 2014 veröffentlichte eine internationale Forschergruppe ihre aktuellen Ergebnisse hierzu im Fachblatt Geophysical Journal International. Sie legen nahe, dass die M-B-Umkehr wirklich rasant ablief: Es sieht so aus, als sei der Übergang innerhalb von nur 100 Jahren vollendet gewesen und nicht innerhalb von vielen Jahrtausenden, wie bisher vermutet wurde.

 

Aufgrund einer Analyse des Mengenverhältnisses zweier Argon-Isotope in den betreffenden Sedimentschichten glauben die Geophysiker nun auch den Zeitpunkt dieses echten »Polsprungs« genauer als je zuvor angeben zu können. Hierzu untersuchten sie Aschen- und Lavaschichten, wie sie sich über den Zeitraum der Feldumkehr seinerzeit ablagerten. Demnach geschah es vor 786.000 Jahren. Das erstarrende Gestein konservierte sowohl die Richtung als auch die Intensität des Feldes.

 

Die Fachleute hatten für ihre Studie ehemalige See-Sedimente in der östlich von Rom gelegenen Sulmona-Ebene untersucht und waren von den Resultaten selbst mehr als überrascht: »Es ist verblüffend, wie schnell die Umpolung abgelaufen ist«, kommentiert die Geowissenschaftlerin Courtney Sprain von der University of California, Berkeley.

 

Ihr Kollege Paul Renne zeigt sich nicht weniger erstaunt und erläutert zum Feld: »Es ist unfassbar: Es wechselt nahezu ohne Übergang von einer umgekehrten Polung zum heute normalen Feld«, und das von der zeitlichen Größenordnung her noch innerhalb der Lebensspanne eines Menschen. Bemerkenswert ist auch die Erkenntnis, dass der Sprung sehr »sauber« abgelaufen zu sein scheint, denn die erwarteten temporären Pole in äquatornahen oder mittleren Breiten sind hier nicht anzutreffen, auch, wenn das Erdmagnetfeld in den vorausgehenden Jahrtausenden durchaus Instabilitäten aufwies.

 

Schon vor einigen Jahren hatten amerikanische Geophysiker die Gesteinsmagnetisierung in 16 Millionen Jahre alten Lavaströmen im US-Bundesstaat Nevada ermittelt und deutliche, extrem schnelle Richtungswechsel registriert. Das untersuchte Gestein war in jener Epoche innerhalb nur eines Jahres gleich zweimal vulkanisch aufgeschmolzen worden, wobei sich die Feldrichtung um 53 Grad änderte. Diese Beobachtungen bestätigten Messungen von 1995 aus Oregon, wo ebenfalls drastische Kurzzeitveränderungen festgestellt wurden.

 

Ganz neu ist die Erkenntnis solch schneller Wechsel also keineswegs. Doch belegen lokale Anomalien nicht unbedingt eine globale Entwicklung. Trotzdem mehren sich die Zeichen für Polsprünge, die weit schneller ablaufen als angenommen. Die aktuellen Messungen aus Italien lassen tatsächlich darauf schließen, dass unsere Erde ihre Polung vor knapp 800.000 Jahren radikal schnell änderte.

 

Wie wird sich das Feld künftig verhalten? Seit der Zeit um 1830 finden Messungen zur Feldstärke statt. Demnach hat diese in dieser Spanne bereits um beinahe zehn Prozent abgenommen. Der Prozess beschleunigt sich. Die Forscher gehen jetzt davon aus, dass der nächste globale Sprung sich schon in einigen tausend Jahren ereignen könnte. Vielleicht müssen hier auch noch einige Einschätzungen revidiert werden.

 

Mit dem Schwinden des Erdmagnetfelds geht natürlich auch dessen Schutzwirkung mehr und mehr verloren. Immerhin wird das Leben auf der Erde durch die Existenz des Feldes vor bedrohlicher kosmischer Strahlung abgeschottet. Fällt sie verstärkt ein, ist mit Mutationen des Erbguts zu rechnen, Menschen und Tiere wären einer erhöhten Krebsgefahr ausgesetzt. Hinzu kommen in unserer Zeit die zahlreichen technologisch bedingten Abhängigkeiten der Gesellschaft. Probleme wie weitflächige Stromausfälle und Schäden an Erdsatelliten dürften dann ebenfalls an der Tagesordnung stehen. Auch starke solare Ereignisse zeigen in solchen Zeiten besondere Wirkung.

 

Trotzdem geben die Geowissenschaftler Entwarnung. Wie sie sagen, wird das Erdmagnetfeld bei der Umpolung nicht völlig schwinden, sondern lediglich geschwächt. Außerdem bewahrt uns vor allem die Erdatmosphäre vor hochenergetischer Strahlung. Wir wären also weiterhin sicher.

 

Das lassen auch frühere Umpolungen vermuten, denn unsere Vorfahren haben sie überstanden – oder waren sie einfach robuster? Zumindest waren sie noch nicht von Mikroelektronik abhängig ...

 

Letztlich bleibt die weitere Entwicklung unklar. Gerade die aktuellen Forschungen zeigen, wie vieles an unserem Planeten und unter anderem eben auch an seinem Magnetfeld noch rätselhaft ist und dass die Wissenschaft immer wieder kräftige Überraschungen erlebt, wenn die Natur ihr vorführt, wie die Dinge wirklich liegen.

 

 

 

 

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Leser-Kommentare (12) zu diesem Artikel

23.10.2014 | 23:03

Andi Brgersaam

Die Grünen werden mit deren Gschichteln arg in Bedrängnis kommen. Ich glauben, denen geht es hauptsächlich um den Ledersessel.


23.10.2014 | 20:21

Martin

Hallo ! Giuliana Conforto (Astrophysikerin ) berichtet in Ihrem Buch " Das Sonnenkind" bzw. in angeführtem Video, daß sich die Erdachse verschoben hat. Nassim Haramein ( Physiker ) geht in einem seiner Vorträge ebenfalls auf diese Thematik ein. Giuliana Conforto: http://www.youtube.com/watch?v=BJpOxIVaivA Nassim Haramein: http://www.youtube.com/watch?v=_JuFcpTMi4I LG, Martin


23.10.2014 | 16:58

Camilla

Hallo, ich kann mich den Beobachtungen von Brigitte Müller nur anschließen. Auch ich habe absolut die gleichen Beobachtungen gemacht und darüber auch mit einer Freundin von mir gesprochen. Auch diese teilt mit mir diese Beobachtungen.


23.10.2014 | 15:48

hwmk

´tschuldigung, die Adresse meiner Internetseite ist unten fehlerhaft angegeben: Sie lautet richtig www.elektron-wiki.de oder auch www.elektron.wiki.


23.10.2014 | 13:57

Brigitte Müller

Im Jahr 1996 sind wir in unser neues Haus eingezogen .Mein Balkon liegt in Richtung Westen ,ich habe immer die Sonne am frühen Nachmittag .Seit etwa zwei Jahren mußte ich feststellen das die Sonne immer mehr in Richtung Norden am Abend untergeht .Wo ich früher nie Sonne an der Nordseite des Hauses hatte ,scheint sie jetzt am Morgen und am Abend und das noch sehr lange . Irgendwas muss dazu beigetragen haben ,für diese Änderung ? aber was !! .


23.10.2014 | 13:55

Timy

Wie sagt man immer, die Erde braucht die Menschen nicht, aber die Menschen brauchen die Erde. So wie du mit dir umgehest so gehe auch mit deiner Umgebung um.
Die Erde hat immer den größeren Hebel und der ist schmerzhaft.

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