
Ein Himmelskörper von nur 516 Kilometer mittlerem Durchmesser mit einem fast 21 Kilometer hohen Berg – das will nicht so recht zusammenpassen. Kein Planetenexperte hätte damit gerechnet, dass solche offenkundigen (Miss-)Verhältnisse irgendwo im Sonnensystem anzutreffen wären. Und doch existieren sie ganz real: auf dem Asteroiden Vesta. Mit der 2007 gestarteten Raumsonde Dawn, die am 16. Juli 2011 in einen Orbit um diesen Himmelskörper einschwenkte, stießen sie auf ein wahrhaft gigantisches Massiv am Südpol jener kleinen Welt. Mit ihr verbinden sich einige Geheimnisse. Und sie führen uns auch in eine abgelegene Region unserer eigenen Welt, genauer gesagt in die südwestaustralische Nullarbor-Ebene, den größten Kalkstein der Erde.
Irgendwann im Oktober 1960 blitzte es dort am Himmel auf, Feuerbälle rasten über die karge Landschaft hinweg und prasselten als Schauer aus Steinen auf die Erde nieder. Das genaue Datum dieses Ereignisses ist nicht bekannt, nur die Uhrzeit. Es geschah etwa gegen 13 Uhr Ortszeit. Arbeiter an der Millbillillie-Station, wenige Meilen von der Goldgräberstadt Wiluna entfernt, wurden Zeugen des kosmischen Steinregens.
Diese Region ist ein Eldorado für »Meteoritenjäger«, auch wenn es um Materie geht, die bereits vor Jahrtausenden auf die Erde stürzte. Das trockene Klima erhält die seltenen Objekte überdurchschnittlich gut. Bekannt sind vor allem die großen Mundrabilla-Eisenmeteorite aus dem Gebiet. Auch die Millbillillie-Meteorite wurden berühmt. Mit ihrer schwarzen, glasig glänzenden Schmelzkruste heben sie sich vom Untergrund und den irdischen Steinen dort gut ab, weshalb sie leicht zu finden sind. Da sie außerdem den sehr seltenen Eukriten angehören, sind sie ganz besonders begehrt. Kein Wunder, dass sich unter anderem auch der als echter »Crocodile-Dundee-Typ« beschriebene Goldprospektor Harry Redford sofort daran machte, eine offizielle Genehmigung vom Verwalter der Schafstation zu erhalten und im ausgedehnten Streufeld unter Einsatz zahlreicher Aborigene-Helfer auf Suche zu gehen. Bald
entstand ein Ansturm auf die Ebene und ihre kosmischen Preziosen. Pflücker verließen ihre Zitrushaine in Scharen. Während die Früchte hier verrotteten, »ernteten« die Glücksjäger nunmehr Himmelssteine und sammelten Hunderte von Kilogramm dieser seltenen Materie. Nicht nur Harry Redford freute sich dabei über glänzende Geschäfte. Allerdings gab er die größte Sensation unwissentlich aus der Hand, als er einen großen Posten der Eukrite später an den berühmten amerikanischen »Meteorite Man« Robert »Bob« Haag verkaufte. Um sie weiter veräußern zu können, ging Haag alle ihm übergebenen Fundstücke einzeln durch und stieß dabei auf einen andersartig wirkenden Stein. »Er fühlte sich anders an«, erklärte der weltweit führende Meteoritenjäger später. Und bald dämmerte ihm, hier einen echten Jahrhundertfund vor sich zu haben. Denn früher schon hatte er etwas Ähnliches gesehen, im Japanischen Institut für Polarforschung in Tokio. Echtes Mondgestein! Die Expertenanalyse ergab tatsächlich: dieser australische Meteorit war durch einen Einschlag eines größeren Himmelskörpers auf dem Mond aus dessen Kruste ins All hinaus geschleudert worden, um irgendwann die Erdbahn zu kreuzen und abzustürzen. Solche Funde sind natürlich höchst selten und ein Vermögen wert. Bob Haag zeigte mir vor Jahren stolz seine Errungenschaft und berichtete dabei begeistert, was sich damals im Einzelnen zugetragen hatte. Es war der Traum eines jeden Meteoritenjägers und wohl der Albtraum Harry Redfords.
Was aber hat das alles mit dem Asteroiden Vesta zu tun? Nun, auf den ersten Blick sicher nicht viel. Doch beim zweiten Hinsehen werden spannende Zusammenhänge klar. Untersuchungen haben gezeigt, dass die meisten Eukrite und darunter auch diejenigen von Millbillillie direkt vom
Kleinplaneten Vesta stammen. Es handelt sich dabei um basaltisches, verändertes Krustenmaterial des Asteroiden, differenzierte Meteoriten, vor langer Zeit ebenfalls durch einen vergleichsweise großen Einschlag in dessen Oberfläche weit hinaus ins All geschleudert, um der Erde schließlich ebenfalls in die Quere zu gelangen. Zunächst fiel den Wissenschaftlern auf, dass die Reflexionsspektren dieser Eukrite sich mit den entsprechenden Spektren von Vesta decken. Auch spätere Analysen bestätigten das Bild. Und jetzt wurde höchstwahrscheinlich auch der exakte Ursprungsort auf der Oberfläche des Asteroiden identifiziert: das riesige Südpolmassiv. Chris Russell, Projektwissenschaftler der Dawn-Mission, geht davon aus, dass es sich dabei um einen übergroßen Zentralberg handelt, wie er typischerweise bei großen Einschlagsereignissen entsteht. Beim Aufprall verdrängtes Oberflächenmaterial gleitet wieder ins Zentrum zurück und türmt sich dort auf. »Jene Meteoriten könnten Teile jenes Beckens sein, das ausgehoben wurde, als sich Vestas gigantischer Berg bildete«, so erläutert Russell. Bei der Kollision wurden unzählige Splitter des Asteroiden ins All geschleudert. Einige davon gingen 1960 in der Nullarbor-Ebene Australiens nieder, andere fielen beispielsweise nahe dem afrikanischen Dorf Bilanga Yanga herab, im Jahr 1999.
Die Dawn-Wissenschaftler wollen nun Altersbestimmungen und weitere chemische Analysen vornehmen, um die Herkunft dieser Objekte aus der Region des großen Südpolarmassivs von Vesta zu überprüfen und vielleicht auch zu beweisen.
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