Thursday, 25. August 2016
15.11.2011
 
 

Neuer Vulkan auf den Kanaren – Wird es auf El Hierro bald ernst?

Andreas von Rétyi

Seit Mitte Juli bebt die Erde auf der kleinen Kanareninsel El Hierro tausendfach. Die Bewohner kommen nicht zur Ruhe, während teils verwirrende Meldungen über einen bevorstehenden Vulkanausbruch kursieren. Ein unterseeischer Schlot hat sich bereits geöffnet, und eine neue Insel scheint zu entstehen. Steine werden mit Wucht aus dem Meer geschleudert und giftige Gase haben ein Fischsterben verursacht. Was geht hier vor sich und was steht noch bevor?

Direkt an der Südküste von El Hierro zeigt sich auf Satellitenbildern eine ungewöhnliche große Blase. Man sieht ihr irgendwie gleich an, dass sie dort eigentlich nicht »hingehört«. Und wirklich hat sie sich erst kürzlich gebildet. »Jetzt bloß nicht dran rühren«, so drängt sich dem Betrachter unweigerlich auf. Und daran dürfte einiges wahr sein. Denn am Meeresgrund brodelt ein Vulkan. Die Erdbeben, von denen die Kanareninsel in den vergangenen Monaten heimgesucht wurde, waren von

meist eher geringer Stärke, aber doch sehr zahlreich. Insgesamt wurden seit dem 18. Juli 2011 rund 10.000 Erdstöße verzeichnet, von denen das vom 8. Oktober mit der Magnitude von 4,3 auf der nach oben offenen Richterskala bislang das heftigste war. Doch klar ist: Auf der kleinsten und westlichsten kanarischen Insel, die wie ein vorgeschobener Atlantikposten vor Teneriffa und Gomera liegt, bahnt sich etwas an. Nur was genau passieren wird, das kann bis jetzt niemand mit Sicherheit sagen.

 

El Hierro sieht von oben betrachtet annähernd wie ein dickes »Y« aus, was mit der Geologie der Region zusammenhängt: Hier befindet sich der Schnittpunkt von drei Spaltensystemen am Meeresboden. Das ganze Gebiet ist vulkanisch, die Insel selbst ist ein abgetragener Schildvulkan. Kein Wunder, wenn hier immer wieder die Erde bebt und speit.

Trotz bereits veranlasster Teilevakuierungen zeigen sich die Behörden insgesamt eher gelassen, anfangs war auch die Bevölkerung noch ruhig. Richtig große Katastrophen hatte es auf dem Eiland seit langem nicht gegeben, wuchtigere Beben und Vulkanausbrüche scheinen der Vergangenheit anzugehören. Doch dies könnte trügerisch sein, und mittlerweile fühlen sich auch die rund 10.000 Bewohner El Hierros nicht mehr sicher. Unter der Insel wächst der Druck, die Quelle hierfür liegt in etwa zehn bis 14 Kilometer Tiefe und hat geologischen Messungen zufolge den Boden bereits um durchschnittlich rund 3,5 Zentimeter angehoben. Das klingt nach wenig, belegt aber die momentane Aktivität doch überdeutlich: Im Untergrund sammelt sich Magma.

Ende September war klar, dass man auf größere Schwierigkeiten gefasst sein muss. Viele Bewohner der schönen Insel hatten bereits die wichtigsten Sachen gepackt, um sofort für eine Evakuierung bereit zu sein. Zwar bestand nach Aussagen der Fachleute kein Grund zur Eile. Die Regierung erklärte, nicht von einem unmittelbar bevorstehenden Vulkanausbruch auszugehen, dennoch mehrten sich die Anzeichen hierfür. Die Beben wurden jedenfalls stärker. Zum 28. September hin nahm die Bebenaktivität so zu, dass 50 Häuser in der El-Golfo-Bucht wegen der Gefahr niederprasselnder Steine geräumt werden mussten.

Die Wahrscheinlichkeit für einen Vulkanausbruch wurde im September auf etwa zehn bis 15 Prozent innerhalb eines Zeitraums der kommenden Wochen oder gar Monate angesetzt. Allein diese Formulierung ließ allerdings auch durchblicken, dass eine Prognose selbst angesichts präziser seismischer Messungen nicht möglich ist. Die Angst in der Bevölkerung ist jedenfalls nachvollziehbar. Im Herbst fanden wie gesagt bereits Evakuierungen statt, Kinder erhielten anhaltend schulfrei und bestimmte Verkehrswege wurden aus Sicherheitsgründen gesperrt – so ein Tunnel zwischen den beiden Hauptorten der Insel, Valverde und Frontera.

Kommt es auf El Hierro zu einem Ausbruch, dürfte keineswegs allein eine einzige Region betroffen sein. Vielmehr lassen sich statt eines größeren Einzelkraters viele kleine Trichter feststellen, und Geologen vermuten eine jetzt ablaufende Rissbildung in der Erdkruste. Ende Oktober wurde das Austreten von heißen Dämpfen und pyroklastischen Produkten in einer Region vor der Küste von La Restinga berichtet. Der Ort liegt direkt an der Südspitze der Insel. Schon am 11. Oktober fanden dort Evakuierungen statt. In zwei Bereichen verfärbte sich das Meerwasser über wenige Kilometer entfernten Ausbruchspunkten, mächtige Gasblasen (»Jacuzzis«) stiegen wiederholt von unten auf. Der Boden hebt sich dort schnell. Große dunkle Flecke im Meer zeugen von der unterseeischen Aktivität und dem austretenden Magma. Anfang November schien sich die Lage weiter zuzuspitzen. Berichtet wird, dass rund 35 Meter hohe Fontänen aus dem Wasser schossen und dabei Steine hoch in die Luft schleuderten. Was sich bislang nur in der Tiefe abspielte, wurde nun über der Meeresoberfläche für alle sichtbar. In der Region treiben dampfende Bimssteine im Wasser, das von vulkanischer Asche bedeckt ist. Und die Anzeichen mehrten sich plötzlich, dass die explosive Gefahr des Vulkans unterschätzt wurde. Geophysiker analysierten gesammelte Proben. Für gewöhnlich gelangt an den »Hot Spots« der Kanaren eher Magma mit geringen Konzentrationen an Siliziumdioxid (SiO2, »Kieselsäure«), an die Oberfläche. Diese Zusammensetzung ist weniger gefährlich, da dünnflüssiges Magma nicht explosiv austritt. Je mehr SiO2 das Magma enthält, desto zäher ist es aber und wird durch eingeschlossene angestaute Gasblasen explosiver. Trotzdem rechnen die meisten Fachleute nicht damit, dass sich auf El Hierro wirklich ein größerer Ausbruch ereignet. Auch die historische Entwicklung auf der Insel lege dies nicht nahe, da in den vergangenen Jahrhunderten selbst heftigere seismische und vulkanische Ereignisse nur lokal wirksam gewesen seien. Allerdings lässt es sich aus der Ferne immer gelassen beobachten. Vor Ort sieht die Sache doch schon anders aus.

Unterirdisch grollt es auf der Insel permanent, es ist ein sehr gleichförmiges, niederfrequentes Beben, auch als »harmonischer vulkanischer Tremor« bekannt. Seine Ursache wird in turbulenten Bewegungen einer aufsteigenden Magmasäule gesehen. Der Tremor entwickelt sich in einer Tiefe von zwei bis vier Kilometern und tritt meist relativ kurzzeitig vor Eruptionen auf. Klar ist, dass sich im Meer südlich von El Hierro derzeit ein Vulkan erhebt, sein Gipfel befindet sich nur wenige Dutzend Meter unter der Wasseroberfläche. Mit der Zeit tauchte sogar eine ganze Reihe vulkanischer Schlote auf. Die nächsten Ausbrüche könnten auch das Land erfassen. Erdstöße sind in die nördlichen Regionen der Insel vorgedrungen, wobei hier die Aktivität noch in größeren Tiefen stattfindet. Laut Angaben des spanischen geologischen Instituts IGN besteht aber die reale Möglichkeit, dass es an der nördlichen Küste im El-Golfo-Tal zu Ausbrüchen kommt. Hier, am 1.364 Meter hohen Nebenvulkan Tanganasoga, begann die Erdbebenserie im Juli. Diese nur schwachen »Schwarmbeben« weiteten sich aus und liefen nach Süden, um nun wieder zurückzukehren.

Geophysiker aus Barcelona haben davor gewarnt, die Gefahr größerer Eruptionen zu unterschätzen. Vieles deute derzeit darauf hin, dass bei El Hierro zwei unterschiedliche Magma-Reservoirs existieren. Eines davon sei SiO2-arm, das andere aber SiO2-reich, mit entsprechend explosivem Potenzial. Derweil wurden im Süden der Insel zwei Strände gesperrt, während breite Strudel das bräunliche Wasser durchquirlen, das hier auch deutlich wärmer ist. Giftige Dämpfe steigen auf, ein Techniker musste bereits medizinisch versorgt werden. Er hatte das Wasser auf seinen Kohlendioxid-Gehalt hin untersucht. Wasserproben, die vom Forschungsschiff Ramon Margalef gesammelt wurden, zeigen einen sehr niedrigen pH-Wert und damit einen extrem hohen Säureanteil, der die üblichen Werte um Größenordnungen übertrifft. Stinkende Schwefelschwaden ziehen über die Region, das kanarische Vulkanforschungszentrum Involcan registrierte um das Dreifache erhöhte Kohlendioxidwerte. Im vergifteten Meerwasser schwimmen überall tote Fische.

In den vergangenen Tagen hat sich die Aktivität wieder beruhigt. Die Situation scheint ungewöhnlich. Während am 6. November noch eine Schwefeldioxid-Produktion von täglich 109 Tonnen registriert wurde, sank sie zwei Tage später auf 36 Tonnen, dann auf 28 und schließlich am 13./14. November auf zwei Tonnen.

Der Golfotunnel wurde nun wieder geöffnet, und die evakuierten Bewohner von Restinga, rund 600 Menschen, durften in ihre Häuser zurückkehren. Zuvor glich der Ort einer Geisterstadt, nur noch Wissenschaftler und Personal des Zivilschutzes hielten sich dort auf. Jetzt kehrt also das »normale« Leben zurück. Doch Beobachter vor Ort meldeten Zweifel an, ob dies angesichts der allgemeinen Entwicklung auch wirklich die richtige Entscheidung war.

Anfang November war auch bekannt geworden, dass der Golfotunnel offenbar einem Beben oberhalb von 4,5 der Richterskala nicht mehr standhalten könnte. Spanische Fachleute des Instituto Geológico y Minero de España (IGME), des spanischen Instituts für Geologie und Mineralogie, hatten ein Gutachten erstellt, das klare Bedenken zur Sicherheit der Passage äußert. Demnach könnten sich aus der 900 Meter hohen Felswand wuchtigere Felsblöcke lösen und hinabstürzen. Doch der Krisenstab sieht es als nicht erforderlich an, dieses Gutachten auch zu veröffentlichen. Die Informationen hierzu waren nur durch Zufall ans Licht gekommen...

Nun geht es andererseits auch nicht darum, allerorten Panik zu verbreiten. Den möglicherweise bevorstehenden Ereignissen jedoch lediglich mit achselzuckender Gleichgültigkeit entgegenzusehen, wäre aber wohl mehr als fahrlässig. Der mittlerweile »El discreto« (»Der Verschwiegene«) getaufte Meeresvulkan an der Südspitze von El Hierro ist recht klein, aber sein Kegel wächst. Was hier geschieht, dürfte – sofern die Aktivität nicht plötzlich zum Erliegen kommt – nach Ansicht der Fachleute zur Bildung einer kleinen neuen Insel führen, die sich derzeit aus dem Meer erhebt wie einst im Jahr 1963 Surtsey vor der isländischen Küste. Momentan sieht es relativ ruhig aus auf El Hierro. Doch kann sich das schnell wieder ändern. Ist es die Stille vor dem Sturm?

 

 


 

 

Interesse an mehr Hintergrundinformationen?

 

Werfen Sie einen Blick hinter die Kulissen der Macht – und erfahren Sie, was die Massenmedien Ihnen verschweigen!

 

Lesen Sie weitere brisante Informationen im neuen KOPP Exklusiv. KOPP Exklusiv wird grundsätzlich nicht an die Presse verschickt und dient ausschließlich zu Ihrer persönlichen Information. Jede Ausgabe ist gründlich recherchiert, im Klartext geschrieben und setzt Maßstäbe für einen kritischen Informationsdienst, der nur unter ausgewählten Lesern zirkuliert und nur im Abonnement zu beziehen ist.

 

In der aktuellen Ausgabe finden sie unabhängige Hintergrundinformationen unter anderem zu folgenden Themen:

  • Umweltschutz: Für Politiker gelten offenkundig Sonderrechte
  • Olympia 2012 und die Geheimdienste
  • Europa: Kriege, Bürgerkriege und Machtübernahmen der Militärs?
  • Verhindert Aspirin erblichen Darmkrebs?

 

 

Das alles und viele weitere Kurzberichte im neuen KOPP Exklusiv, fordern Sie noch heute Ihr Probeabonnement an!

Ergänzende Beiträge zu diesem Thema

Steht der Yellowstone-Supervulkan kurz vor dem Ausbruch?

Andreas von Rétyi

Gegenwärtig kursieren Meldungen, die riesige Magma-Tasche unterhalb des Yellowstone-Nationalparks könne in naher Zukunft explodieren. Schon lange gilt dieser Supervulkan als erstrangige geologische Gefahrenzone, sollte es zum Ausbruch kommen. Nur wann es (wieder) soweit ist, das bleibt die eigentlich drängende Frage. – Ein Überblicks-Report zur  mehr …

Vulkanasche, Computersimulationen und Panik im Luftverkehr

F. William Engdahl

Nachdem am 14. April der Vulkan unter dem Gletscher Eyjafjallajökull in Island ausgebrochen ist, liegt der Luftverkehr in ganz Europa lahm. Die Folge sind enorme Verluste für Unternehmen und Fluggesellschaften sowie unabsehbare Schwierigkeiten für die betroffenen Fluggäste. Es besteht jedoch ernste Veranlassung, die Notwendigkeit des totalen  mehr …

Wer diesen Artikel gelesen hat, hat sich auch für diese Beiträge interessiert:

Die Währungsreform kommt

Udo Ulfkotte

In aller Stille bereitet sich die Bundesregierung auf eine Währungsreform vor. Die Gründe dafür sind vielfältig.  mehr …

Pfeifen im Ohr? Hoffnung für Tinnitus-Patienten

Patricia Alda

Der Tinntitus ist - neben dem Burn-out - zu einer der bedrohendsten Neuzeit-Krankheiten geworden. Wer einmal das berühmte Pfeifen ins Ohr gesetzt bekommen hat, der weiß, wie quälend das Leben werden kann. Hat man sich den Tinnitus erst einmal eingefangen, ist es nicht leicht, den lästigen, oft schrillen Pfeifton im Ohr wieder wegzubekommen: Das  mehr …

Bomben für Iran: der unerklärte Krieg

John Lanta

Das Trommelfeuer der Propaganda gegen den Iran erreicht weitere Höhepunkte[1] – der amerikanische Militäreinsatz auch: Drei Flugzeugträgergruppen sind in der Nähe Irans stationiert,[2] exakt die angemessene Größenordnung, um einen intensiven Bombenkrieg zu starten.  mehr …

Medikamente entziehen dem Körper lebenswichtige Nährstoffe

Neev M. Arnell

Häufig zur Linderung von Krankheitssymptomen verschrieben, packen Medikamente nur selten das Übel bei der Wurzel und heilen die Erkrankung; außerdem weisen sie viele unliebsame Nebenwirkungen auf.  mehr …
Newsletter-
anmeldung!
Hier erhalten Sie aktuelle Nachrichten und brisante Hintergrundanalysen
(Abmeldung jederzeit möglich)

Werbung

KOPP EXKLUSIV – Jetzt bestellen

Brisante Hintergrundanalysen wöchentlich exklusiv nur bei uns.

Katalog – Jetzt kostenlos bestellen

Bestellen Sie unseren Katalog kostenlos und unverbindlich.