Monday, 21. May 2012
04.02.2012
 

Planetare Katastrophe in 440 Lichtjahren Entfernung

Andreas von Rétyi

Wie auf diesen Seiten kürzlich berichtet, wimmelt es neuesten Erkenntnissen zufolge und im krassen Gegensatz zu früheren Annahmen ganz offenbar nur so vor Planeten in unserer Galaxis und im Kosmos. Nachgewiesen wurden bislang normalerweise solche Welten, die ihren Stern auf mehr oder minder weiten Bahnen umkreisen und wohl auch heute noch existieren. Jetzt aber stießen Astrophysiker erstmals auf die Relikte eines Exoplaneten, der von seiner Heimatsonne verschlungen wurde.

Welten im Zusammenstoß, so der deutsche Titel des hoch umstrittenen Bestsellers von Immanuel Velikovsky. Wie auch immer man zu den hier vorgetragenen Thesen über planetare Katastrophen im Sonnensystem und ihre »historischen Spuren« stehen mag, klar ist, dass nicht nur evolutionäre Prozesse, sondern eben auch revolutionäre Prozesse unsere kosmische Umwelt wie auch unser eigenes Dasein von Anfang an bestimmt haben. Eine nahe Supernovaexplosion lieferte vor

annähernd fünf Milliarden Jahren die entscheidende Stoßwelle, durch die unsere lokale, »präsolare« Gas-Staub-Wolke das erforderliche Instabilitätskriterium für den Kollaps unterwandern konnte. Mikrodiamanten in Calcium-Aluminium-reichen Einschlüssen (CAIs) einer besonders ursprünglichen Meteoritenklasse lassen auf dieses spektakuläre Szenario eines Anstoßes von außen schließen. Materie verdichtete sich und erste Ansammlungen kollidierten in der Urphase des Sonnensystems. Größere Teilchen büßten in der Summe ihre elektrische Ladung ein, wodurch sich sämtliche vorherige Bahnen durch die plötzlich wegfallende Kopplung mit dem solaren Magnetfeld deutlich veränderten und das entstandene Wirrwarr für neuerliche Kollisionen und weitere Materieanballungen sorgte. Planetesimale und Protoplaneten kreisten durchs Sonnensystem, feste  Krusten bildeten sich aus und wurden beim Großen Bombardement vor beinahe vier Milliarden Jahren vielfach bis in die flüssigen Mantelzonen hinein komplett durchbrochen, so wie bei unserem Mond, auf dessen erdzugewandter Seite die riesigen dunklen, als Mare-Gebiete bekannten Basaltbecken von jener stürmischen Epoche zeugen. Der Mond selbst ist offenbar das Produkt einer streifenden Kollision zwischen Erde und »Theia«, eines hypothetischen, etwa marsgroßen Planeten. Planetare Achsneigungen, Trabanten- und Ringsysteme, Bruchrillen und tiefe Beckenstrukturen auf Monden und Planetenoberflächen sowie viele andere Fakten sprechen für diese stürmische Geschichte des Sonnensystems. Es sind revolutionäre Prozesse, die das heutige Bild entscheidend geprägt haben!

 

Und immer noch stoßen Himmelskörper mit anderen Welten zusammen, Kometen rasen mehr oder weniger regelmäßig auf die Sonne zu und verdampfen in ihrer Atmosphäre. Jupiter wurde in den vergangenen Jahren wiederholt von Asteroiden und Kometen getroffen, und nicht zuletzt die Erde bleibt kosmische Zielscheibe, auch wenn die Phase der wirklich großen Einschläge im Sonnensystem glücklicherweise längst vorbei ist.

 

In anderen Sonnensystemen, wie sie mittlerweile bekannt sind, müssen ähnliche Verhältnisse geherrscht haben oder teils noch herrschen. Jetzt haben Astrophysiker eine spektakuläre Entdeckung gemacht: Sie fanden um einen rund 440 Lichtjahre entfernten Stern die Überreste eines kleineren, offenbar erdartigen Planeten! Er muss von seiner Sonne vollständig zerstört worden sein und reichert deren glühende Atmosphäre mit schwereren Elementen an, die nunmehr mit Hilfe von sieben verschiedenen Teleskopen nachgewiesen werden konnten. Diese Elemente erzählen eine ziemlich eindeutige Geschichte.

 

Jener Stern selbst ist ebenfalls bereits Relikt aus »besseren Zeiten«, es handelt sich bei ihm um einen Weißen Zwerg – das Überbleibsel einer Sonne. Sie hat am Ende ihrer Hauptreihenentwicklung den Wasserstoffvorrat und weitere »Brennstoffe« aufgebraucht, um dadurch aus dem hydrostatischen Gleichgewicht zu geraten und letztlich in sich zusammenzustürzen. Bei diesem Endkollaps schrumpft ein sonnenähnlicher Stern auf die Größe unserer Erde, wird also zu einem extrem dichten Objekt, das selbstreguliert einen neuen Gleichgewichtszustand einnimmt. Atome haben sich im Inneren dieses Sternrestes aufgelöst, die Elektronen umgeben die nun dicht gepackten Kerne als entartetes Gas. Diese »Kugelpackung« erklärt den enormen Volumenverlust. Im Laufe von Milliarden von Jahren kühlt der Weiße Zwerg allmählich aus.

 

Patrick Dufour von der kanadischen Université de Montréal erläutert, »dass der Stern J0738+1835 große Mengen an felsiger, erdartiger Materie aufnimmt«. Die umfangreichen Messungen wiesen in der Sternatmosphäre insgesamt 14 verschiedene Elemente nach, die schwerer als Helium sind. Sie scheinen von einer Gesteinswelt mit mindestens 1.000 Kilometer Durchmesser zu stammen. Die Elementverteilung lässt weitere interessante Rückschlüsse zu. So fehlen Hinweise auf größere Mengen an Silizium und Aluminium – Bestandteile einer Planetenkruste. Was aber war mit der festen Schale jener Welt geschehen? Offenbar wurde sie Opfer eines extrem starken Sternwindes, wie er auftrat, als J0738+1835 die typische Phase eines Roten Riesen durchlief.

 

Mit den zunehmend verfeinerten Beobachtungsmethoden lassen sich mehr und mehr Hinweise auf fremde erdartige (Gesteins-)Welten finden. Manchmal stammen die Informationen aus völlig unerwarteter Quelle, wie auch im hier geschilderten aktuellen Fall. Vielleicht werden bald mehr Indizien für zerstörte Erden um Weiße Zwerge gefunden. Wieder einmal neuer Aufwind für das Bild einer von Planeten geradezu überbevölkerten Galaxis.

 

 


 

 

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