Monday, 21. May 2012
05.06.2011
 

Was nach dem Leben kommt. Aus der Praxis eines Sterbeforschers

Jörgen Bruhn

Wenn Menschen dabei sind, diese Welt zu verlassen, vielleicht schon für tot gehalten werden, erleben sie häufig kaum in Worte zu fassende Glücksgefühle. Sie haben dann die Empfindung, ihr Ich (ihre »Seele«?) verlasse den Körper und verfüge über außergewöhnliche Wahrnehmungsfähigkeiten. Jedermann, besonders aber Mediziner und Pflegepersonal, muss unbedingt von Nahtodeserfahrungen wissen, um Angehörigen und auch Patienten im Falle, dass solche Erlebnisse berichtet werden oder man über solche Erfahrungen befragt wird, gerecht werden zu können. Nichts ist  in solchen Situationen für die psychische Verfassung der Kranken und Pflegebedürftigen schlimmer, als aus Unkenntnis hier im Unklaren gelassen zu werden oder das Gefühl zu haben »Man nimmt mich nicht ernst«.

Der zunächst sehr skeptische amerikanische Herzchirurg M. Sabom hat die Aussagen der Betroffenen über ihre außerkörperlichen Wahrnehmungen inhaltlich auf ihre Richtigkeit hin überprüft. Sie stimmten mit der Wirklichkeit überein. Das außerkörperliche Ich gleitet durch eine Art Tunnel, wird von bereits Verstorbenen begrüßt und erfährt schließlich als Höhepunkt die Begegnung mit einem überirdischen, Liebe verströmenden Licht, das nach der Wiederbelebung immer als etwas Heiliges gedeutet wird. In einer Art Gespräch wird dem Erlebenden klar, worauf es im Leben ankommt. Stets geht es dabei um zwei Punkte: Man soll Liebe und einen Zuwachs an Wissen als Ziel anstreben. In einem Lebensfilm wird das bisherige Leben daraufhin betrachtet, wie weit man dem hat gerecht werden können. Der wieder in seinen Körper zurückgekehrte Mensch hat jegliche Angst vor dem Tod verloren, ändert seine bisherigen ethischen Normen und führt ein von Spiritualität und Nächstenliebe geprägtes Leben. Materielle Güter verlieren an Bedeutung.

In der Mitgliederzeitschrift Natur und Medizin erscheint ein Beitrag von mir über Erlebnisse von Menschen, die nach einem »klinischen Tod« wiederbelebt worden waren, ein brisantes Thema, über das ich vor zwei Jahren ein Buch mit dem Titel Blicke hinter den Horizont geschrieben habe. Etliche hatten eine – wie man es nennt – »Nahtod(es)erfahrung« gemacht und konnten über die Vorkommnisse im Bereich zwischen dem Hier und einem möglichen jenseitigen Dort viel berichten. Die einzelnen »Mosaiksteine« solcher Episoden wurden als sehr wichtig empfunden, geben sie doch eine Antwortmöglichkeit auf die Frage, was denn der Mensch überhaupt sei, was er tun soll und hoffen darf.

Die einzelnen Erlebnismomente des Sterbevorgangs werden manchem bekannt sein. Deswegen kann ich mich hier ganz kurz fassen.

Der Verlust von Todesangst und anderen Ängsten wirkt in vielen bedrohlichen Situationen als ein Heilmittel und kann manche Genesungsprozesse fördern. Vor einem der vielen von mir seit Jahren durchgeführten Unterrichtsprojekte über Nahtoderfahrungen sagte ein Mädchen einer elften Klasse, sie müsse in Kürze an einem Hirntumor operiert werden und habe davor große Angst. Deswegen fürchtete sie auch die Unterrichtsstunden über die Nahtoderlebnisse. Ich konnte ihre Angst vor dem medizinischen Eingriff gut nachvollziehen. (Vor etwa 20 Jahren starb mein Zwillingsbruder an einem Hirntumor!) Aus vielfacher Erfahrung konnte ich ihr aber Mut machen, sich am Unterricht, wenn es ihr irgendwie möglich sei, zu beteiligen. Wochen später teilte mir die Lehrerin des Mädchens mit, die Operation sei gelungen und die Patientin wieder gesund. Außerdem erzählte mir die Lehrerin, sie solle mir von dem Mädchen Grüße bestellen. Nach dem Unterrichtsprojekt sei ihre Angst vor der Operation so gut wie verschwunden gewesen.

Von ganz besonderer Bedeutung war es für mich, als ich von mehreren Mädchen der Oberstufe erfuhr, durch die Gedanken der Nahtoderfahrungen seien sie vor dem Suizid bewahrt worden; denn solche Erfahrungen oder auch nur die Kenntnis davon wirken fast wie eine Impfung gegen den Suizid. Man erfährt etwas über den Sinn des Lebens, und das verhilft zu einem Mut zum eigenen Dasein. Forschungsergebnisse aus Amerika belegen das. M. Schröter-Kunhardt, ein Psychiater aus Heidelberg, schrieb in der Zeitschrift Psychologie Heute:

»Auch haben sich Nah-Todeserfahrungen als das beste Vorbeugemittel gegen Suizid erwiesen. Sogar die bloße gedankliche Beschäftigung mit solchen Erfahrungen scheint eine taugliche Medizin gegen Selbstmordgedanken zu sein.« (6/93)

Sich über solche Erlebnisformen zu informieren, die unnötigerweise bei einigen Menschen zu unbegründeter Ängstlichkeit führen oder von manchen ganz abgelehnt werden, ist eigentlich für jeden heilsam, in vielen Fällen sogar lebenswichtig. Man sollte auf dieses geistige Heilmittel der Natur nicht deswegen verzichten, weil mancher solche Thematik noch für ein Tabu hält.

Als ich einmal vor dem »Rotary Club Ammersee« einen Vortrag über die »Blicke hinter den Horizont« gehalten hatte, kam eine Ärztin auf mich zu, stellte sich als Fachärztin für Onkologie vor und sagte: »Ihre eben vorgetragenen Gedanken sind genau das, was eigentlich alle meine Kolleginnen und Kollegen wissen müssen, aber leider oft nicht wahrhaben wollen.«

 

Jörgen Bruhn, Theologe, Lehrer und Nahtodforscher, Hamburg, unterrichtet an Schulen in Norddeutschland über Nahtod- und Nachtoderfahrungen. (Autor des Buches Blicke hinter den Horizont, Alsterverlag, Hamburg 2009, erhältlich auch über den Kopp Verlag)

 

 


 

 

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