Friday, 30. September 2016
16.01.2010
 
 

Kristallberge auf dem Mond entdeckt!

Andreas von Rétyi

Ganz ehrlich, schon ein skurriles Gefühl, so eine Überschrift in den PC zu tippen, die im Prinzip wie ein nettes Märchen klingt, aber doch einen absolut realen Sachverhalt beschreibt! Dieses wahre Märchen aus tausendundeiner Mondnacht wird uns – wie passend! – von »Chandrayaan-1« erzählt, Indiens erster Mondsonde.

 

Riesige Kristallberge auf dem Mond, in den sagenhaften Landschaften eines uralten, mächtigen und kreisrunden Meteoriteneinschlags auf der lunaren Rückseite! Das klingt nach einer fantasievollen Geschichte des genial schwülstigen Clark Ashton Smith oder aber gleich nach einer aktuellen Fortsetzung von The Great Moon Hoax, des »Großen Mondschwindels« aus dem frühen 19. Jahrhundert! Und doch stimmt es. Anders als die witzige Episode vom Sommer 1835. Werfen wir einmal einen kurzen Blick zurück in jene beschauliche Zeit.

Im August jenes Jahres erschien im noch recht kleinen Blättchen New York Sun eine sechsteilige Artikelserie mit dem Titel »Große Astronomische Entdeckungen, jüngst von Sir John Herschel … am Kap der Guten Hoffnung gemacht«, die bald als eine der mächtigsten Zeitungsenten in die Geschichte eingehen sollte. Der Autor, aller Wahrscheinlichkeit nach ein gewisser Richard Adams Locke, schwärmte in seinen Schilderungen von den unfassbaren Entdeckungen, wie sie der berühmte Astronom John Herschel, Sohn des Uranus-Entdeckers, auf der fernen Südhalbkugel der Erde gemacht habe. Vor allem habe Herschel mit seinem unvergleichlich leistungsfähigen Riesenteleskop die Mondregionen anvisiert und dabei wahrhaft wunderbare Dinge gesehen – für die allerdings selbst die Auflösung des heutigen Hubble-Teleskops bei Weitem nicht groß genug wäre! Locke aber verblüffte und begeisterte seine Leser mit bunten Schilderungen an sich unglaublicher Vorgänge auf dem Mond. Da oben habe Herschel blühende Landschaften gesehen und herrliche Wasserfälle, Kristallberge, ja nicht zuletzt auch wunderschöne Lebewesen entdeckt: Neben Einhörnern auch Humanoide, die er als Vespertilio homo bezeichnet, die Fledermausmenschen, da sie mit weiten Flügeln ausgestattet über die prächtigen Oasen des Erdbegleiters hinweg flögen. Bald flog jedoch etwas ganz anderes, nämlich die gesamte Geschichte – sie flog allerdings nicht einfach hinweg, sie flog schlichtweg auf. Und aus den zahlreichen Fledermaus-Menschen wurde immerhin eine der größten Zeitungs-Enten der überhaupt.

Die wenigstens Leser waren allerdings böse über die Posse, auch diejenigen, die den Großen Mondschwindel für bare Münze genommen hatten, sahen die Sache gelassen und amüsierten sich letztlich nur drüber. Interessant, dass sich damals allerdings sogar Wissenschaftler fragten, ob an dem Bericht vielleicht nicht doch etwas Wahres dran sein könne, obwohl schon die technische Beschreibung des von Herschel angeblich eingesetzten Teleskops nichts als kompletter Mumpitz war. John Herschel selbst, der tatsächlich seit 1833 in Südafrika weilte, um von dort aus den Südhimmel zu erforschen, wusste natürlich nichts von seinen angeblichen Entdeckungen. Ein Reisender namens Caleb Weeks brachte ihm den Artikel nach Kapstadt mit. Herschel brach in herzhaftes Lachen aus und amüsierte sich großteils über den gesamten Bericht. Nicht alle Astronomen, darunter auch etliche Freunde Herschels, nahmen die Sache so gelassen hin, dies auch nicht ganz grundlos. Tatsächlich wurde in den folgenden Jahren nämlich so manch Zeitungsbericht über astronomische Entdeckungen nur noch sehr skeptisch aufgenommen.

Nun, heute sorgt der Mond wieder für kontroverse Diskussion, und wieder macht das Wort vom »Mondschwindel« die Runde – die einen sprechen von Schwindel, weil sie sagen: »Den hat doch nie ein Astronaut betreten!«, die anderen sagen: »Hier werden Tatsachen verdreht, um zu beweisen, dass Apollo ein Schwindel war«. Beide Seiten werden sich aber wohl wenigstens darin einig sein, dass dort oben keine Fledermausmenschen rumschwirren. Na, wer weiß!? Aber der alte Mondschwindler Richard Adams Locke, der hätte es sich wohl selbst nie träumen lassen, dass er in seinem fabulösen Bericht zumindest in einem Punkt absolut ins Schwarze treffen und am Ende tatsächlich Recht behalten würde: »Kristallberge«! Es gibt sie wirklich dort oben!

Und hier wandert unser Blick nun nicht durch imaginäre Riesenteleskope über die einsamen, rauen Mondgebirge. Was zählt, sind einzig und allein die Ergebnisse der indischen Mondsonde Chandrayaan-1, die zehn Monate lang um die öde Kugel kreiste, bis sie im letzten August ihren Geist aufgab. Moment, von wegen »öde«! Der Mond mag karg und abweisend sein, aber keinesfalls langweilig und uninteressant. Eigentlich gibt es dauernd neue spannende Entdeckungen …

Das Märchen von Chandrayaan und den Kristallbergen beginnt allerdings recht nüchtern: Am 22. Oktober 2008 startete eine Polar-Satellite-Launch-Rakete vom Satish Dhawan Space Center aus ins All, um den 1,5 Meter großen, würfelförmigen Orbiter auf seine Mondreise zu schicken. Nichts anderes bedeutet auch der Name Chandrayaan – Reise zum Mond. Mit dabei: eine Einschlagsonde und zehn technische Experimente, an denen neben Indien auch die europäische Raumfahrbehörde ESA mit verschiedenen Partnerländern, die NASA sowie die Bulgarische Akademie der Wissenschaften beteiligt waren. Neben Röntgen-Detektoren, Analysatoren für den Sonnenwind und einem Apertursynthese-Radar zur Suche nach Wasservorkommen befand sich auch das NASA-Spektrometer M3 (Moon Mineralogy Mapper) darunter und das Nahinfrarot-Spektrometer SIR aus Deutschland, beides Geräte zur weiteren Untersuchung der mineralogischen Zusammensetzung des Mondes. Nicht zu vergessen HySI, eine indische Entwicklung zur mineralogischen Kartierung sowie ein präzises Laser-Altimeter zur Erstellung topografischer Karten. Die Sonde war also gut gerüstet. Zu ihren Forschungsschwerpunkten zählte die Mineralogie des Mondes. Seit Mitte November 2008 umkreiste Chandrayaan ihr Ziel dann in einem niedrigen Polarorbit mit nur 100 Kilometer Oberflächenabstand. Der neue Mondbegleiter sammelte bis zum 28. August 2009 unzählige Daten. Um 20 Uhr Weltzeit brach dann der Kontakt zur Bodenkontrolle nach weit über 3000 Mondumkreisungen ab.

Bei der Datenauswertung stießen die Wissenschaftler jetzt auf wirklich faszinierende Informationen. Richard Adams Locke hätte sich bestimmt gefreut! Die Forscher fanden riesige Kristallaufschlüsse im gewaltigen Orientalis-Becken (auch: Mare Orientale), das bereits auf der erdabgewandten Seite des Mondes liegt, auch wenn einige Bereiche davon noch von der Erde sichtbar sind. Dieses »östliche Meer« dürfte ohnehin die vielleicht beeindruckendste Formation der ganzen lunaren Kraterwelt sein, eine monumentale Multi-Ring-Struktur als Ergebnis eines mächtigen Einschlags aus der uralten Imbrischen Periode zwischen 3,2 und 3,9 Milliarden Jahren.

Der zentrale, überflutete Teil, das eigentliche »Mare« aus Basalten, erreicht einen Durchmesser von 320 Kilometern; die umliegende Struktur konzentrischer Schockwälle dehnt sich ihrerseits über fast 1.000 Kilometer aus! Das Orientale-Becken befindet sich wie schon erwähnt im Übergangsbereich zwischen der von unserer Erde aus sichtbaren und der nicht sichtbaren Hemisphäre, der Mond-»Rückseite« also. Sondenaufnahmen enthüllen ein komplett anderes Bild dieser erdabgewandten Seite. Vor allem fällt dabei auf: Hier fehlen die dunklen glatten Ebenen – jene Regionen, die zu früheren Zeiten für echte Wasserflächen gehalten und daher als Mare-Gebiete bezeichnet wurden. In Wirklichkeit müssen diese Regionen beim Einschlag riesiger Asteroidenbrocken entstanden sein, welche die Mondkruste wie tödliche Geschosse durchbohrten. Dabei trat glutflüssiges Material wie Blut aus einer Wunde heraus, quoll an die Oberfläche, verteilte sich und erkaltete als dunkler Basalt. Ganz anders auf der Mondrückseite. Der Grund hierfür ist eine innere Anomalie, die Mondkruste ist durch die Schwerkraftsituation auf der erdzugewandten Seite nur halb so dick wie auf der abgewandten Halbkugel – da stehen etwa 70 Kilometer hier gegen 150 Kilometer dort. Und durch die stärkere Kruste drang einfach auch kaum einer der größeren Trümmerbrocken aus der »Produktionsphase« des Sonnensystems mehr durch. Nur vier kleinere Mare-Regionen waren das somit Ergebnis. Aber eines davon, das Orientale-Becken befindet sich knapp am Rand der erdzugewandten Hälfte. Und genau in dieser Übergangzone stimmen die Bedingungen für die Kristallberge, auf die Chandrayaan-1 stieß.

Heutige Berechnungen lassen den Schluss zu, dass der Mond vor rund vier Milliarden Jahren aus einer Kollision unserer Erde mit einem etwa marsgroßen Himmelskörper hervorging. Es muss wahrhaft gewaltig gekracht haben! Unser Heimatplanet hätte dabei wohl fast das Zeitliche gesegnet! Glücklicherweise war das nicht der Fall sonst, nun – Sie wissen schon. Bei der Kollision jedenfalls formte sich der Mond aus geschmolzenem Gestein von Erde und Einschlagsobjekt, wobei unser frischgebackener Planetenkollege über einige hundert Millionen Jahre hinweg in ein globales Magma-Meer gehüllt gewesen sein muss und am Himmel der Urerde glühte wie eine echte kosmische Lava-Lampe. Während nun die schwereren, eisenhaltigen Mineralien in die Tiefe sanken, kristallisierten die leichteren, als Plagioklase bezeichneten Minerale an der Oberfläche aus. Diese primordiale kristalline Mondkruste wurde aber großteils schon bald durch Meteoriteneinschläge ausradiert und von Lava überflutet.

Im vergangenen Jahr konnte die japanische Kaguya-Mondsonde zumindest einige Krater ausfindig machen, in denen noch die ursprünglichen Mineralien zu finden waren, Chandrayaan spürte allerdings gleichsam die »Hauptader« auf und entdeckte riesige Kristallzonen im Orientale-Becken. Die Felsbrocken, welche die Kristalle enthalten, erstrecken sich über mindestens 40 Kilometer Länge und sind sehr rein. Hier gibt es nur fünf Prozent eisenreiche Mineralien. Der Nachweis eines so enormen Kristall-Gebiets unterstützt auch die Theorie, dass einst ein globaler Magma-Ozean auf dem Mond existierte. Dort oben gibt es bestimmt noch viel zu entdecken.

 

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