Massenweise fremde Erden entdeckt
Andreas von Rétyi
Bei seiner Suche nach Planeten um fremde Sterne hat der US-amerikanische Satellit »Kepler« erstaunliche Daten geliefert. NASA-Forscher Prof. Dr. Dimitar Sasselov, Astrophysiker und einer der Projektleiter der »Kepler«-Mission, enthüllte noch vor der offiziellen Bekanntgabe bislang nicht erwartete Details über die Häufigkeit erdähnlicher Welten im All und brachte die NASA damit sogar wohl ein wenig in Verlegenheit.

Eine der spannendsten Herausforderungen, der sich die Menschheit überhaupt stellen kann, dürfte die Suche nach erdähnlichen Welten im All sein. Dieser Aufgabe widmet sich der Kepler-Satellit, der am 7. März 2009 in den Erdorbit gestartet wurde. Wie bereits jetzt inoffiziell bekannt wurde, stieß Kepler schon innerhalb der ersten drei Monate nach Missionsbeginn auf schier zahllose Planeten, die eine ähnliche Größe wie unsere Erde zu besitzen scheinen. Schon im vergangenen Monat verlautbarten Wissenschaftler die sensationelle Zahl von 700 potenziellen Exoplaneten. Rund 270 davon gelten als wirklich echte Funde.
Kepler untersucht mehr als 145.000 Sterne in einem relativ großen »Sichtfenster« von zehn Quadratgrad zwischen den Sternbildern Schwan und Leier. Das dem Hubble-Welttraumteleskop nachempfundene Instrument bedient sich der Transitmethode zur Entdeckung von Exoplaneten. Dabei nutzen Astronomen den Effekt einer durch vorüberziehende Planeten erzeugten Sternverdunklung – ähnlich wie bei einer Sonnenfinsternis, nur weitaus schwächer. Aus der Lichtkurve schließen die Experten dann auf den Grund für den Helligkeitseinbruch des Sterns. Nicht immer ist ein Planet daran schuld. Die Methode funktioniert auch nur dann, wenn die Bahnebene des Planeten relativ genau in der Sichtlinie zur Erde liegt. Bei einem zu großen Winkel kommt es von uns aus gesehen nie zu einer Verfinsterung des betreffenden Heimatsterns, hier nützt die Methode nichts. Doch lässt sich aus der Anzahl der tatsächlich beobachteten Transitereignisse sinnvoll abschätzen, wie hoch die Gesamtzahl von Planetensystemen ist. Besonders interessant wird die Geschichte bei jenen fremden Welten, die unserer Erde ähneln.
Und spätestens hier kommt Professor Dimitar Sasselov ins Spiel. Seine aktuellen Hochrechnungen legen nahe, dass allein in unserer Galaxis rund 100 Millionen erdgroße Planeten existieren müssen!
Zunächst war bei den neuen »Kepler-Welten« lediglich die Rede von »neptungroßen Planeten und kleiner«. Der Harvard-Professor ließ nun im Rahmen eines auch per Internetlink abrufbaren Vortrags durchblicken, dass deutlich mehr als 100 dieser Fremdplaneten ungefähr so
groß sein dürften wie unsere eigene Welt. Diese Objekte seien augenblicklich noch »Kandidaten«, die nun erst weiter erforscht werden müssten, um Bestätigungen und Details zu erhalten.
Das neue Ergebnis käme natürlich einer wissenschaftlichen Sensation gleich und stellt alle bisherigen Statistiken in Frage. Deutet sich eine neue kopernikanische Wende an? Damit würde vor allem klar, dass unser Sonnensystem keine Ausnahme, sondern den absoluten Durchschnitt bildet. Eigentlich beinahe eine Selbstverständlichkeit. Weder war die Erde Zentrum der Welt, noch die Sonne Zentrum der Galaxis, noch unsere Galaxis das einzige System dieser Art – immer stellte sich heraus, dass nichts davon etwas Besonderes ist. Sollte es da nur diese eine Erde geben? Die Wissenschaft verlangt für all das freilich handfeste Beweise. Doch der Kepler-Satellit habe, so Sasselov, immerhin verlockende Hinweise darauf geliefert, dass unser Planet nicht so ungewöhnlich sei wie bisher angenommen.
Trotz – oder gerade wegen – der klaren Botschaft Sasselovs folgten bereits erste Dementis, dass bislang erst fünf Exoplaneten durch Kepler entdeckt worden seien und es noch keine weiteren, bestätigten Funde gäbe. So betont auch der stellvertretende Kepler-Missionsleiter David Koch, dass es sich bei den zahlreichen neuen Objekten nur um planetare »Kandidaten« handele. Auf der offiziellen Kepler-Homepage ist ebenfalls weiterhin von fünf bislang im Rahmen dieser Mission aufgefundenen Planeten die Rede. Doch Professor Sasselov nimmt die zusätzlichen Entdeckungen ernst. Das geht durchaus auch aus seinem Vortrag hervor.
Die Frage nach der Bewohnbarkeit jener erdartigen Welten ist zwar durch die mehr als 100 potenziellen Planeten noch nicht beantwortet, allerdings besteht doch gegenüber früheren Abschätzungen konsequenterweise eine größere Wahrscheinlichkeit für die Zahl intelligenter Lebensformen im All.
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