Monday, 21. May 2012
03.02.2010
 

Drei indianische Mythen und eine noch nie zuvor auf Deutsch veröffentlichte Prophezeiung

Fabio R. de Araujo

In meinem Buch »Prophezeiungen über das Ende der Welt«, in dem einige Kapitel über Mythen enthalten sind, habe ich auch einen interessanten Mythos aufgenommen, der noch nie zuvor auf Deutsch veröffentlicht worden ist. Im vorliegenden Artikel werden wir drei weitere Mythen und eine Prophezeiung betrachten, die das Ende der Welt zum Thema haben und die weltweit noch in keinem Buch herausgebracht wurden, mit Ausnahme einer 1986 in Brasilien erschienenen Zeitschrift. (1) Das Interessante daran ist, dass diese Mythen von einem Deutschen namens Curt Unckel zusammengetragen wurden, der etwa 40 Jahre lang in Brasilien lebte. Viele dieser Mythen sind der Wissenschaft nach wie vor unbekannt.

Der Deutsche Curt Unckel wurde 1883 geboren und ging 1905 nach Brasilien. Im Internet findet man nicht viel über ihn, wenngleich in mehreren Sprachen ein Wikipedia-Eintrag über ihn existiert, und zudem sind in Deutschland einige Bücher über ihn veröffentlicht worden. Später wurde Curt Unckel so etwas wie das Pendant dessen, was Franz Boas in den USA war – der Vater der brasilianischen Anthropologie, der Vater der brasilianischen Ethnologie und vieles mehr.

 

Curt Unckel oder auch »Nimuendajú« (vorn links sitzend) bei einem Stamm der Canela-Indianer (1930).

 

Nach seiner Ankunft in Brasilien beschloss Curt Unckel, Indianerstämme zu erforschen, und so lebte er viele Jahre lang bei dutzenden brasilianischen Stämmen in verschiedenen Regionen Brasiliens und lernte ihre Sprachen und Bräuche. Auch nahm er an mehreren archäologischen Erkundungsreisen teil, die von europäischen und brasilianischen Museen unterstützt wurden. Die dabei gesammelten Stücke finden sich heute in Museen weltweit, darunter auch in Deutschland. Unckel trug in Brasilien etwa 300 Mythen zusammen, und diese Mythen liegen heute leider vergessen in einer kleinen Bibliothek, die Unckels Sammlung nach dessen Tod erwarb. Unckel starb in den 1940er-Jahren in den Tiefen des brasilianischen Urwalds. Sein Leichnam wurde später zurück nach Jena überführt, wo er im Paradiespark beigesetzt wurde.

Der in der Schweiz geborene Alfred Metraux, einer der bedeutsamsten Anthropologen des 20. Jahrhunderts, schrieb einst, dass er dem Tag entgegen fiebere, an dem die von Curt Unckel zusammengetragenen Mythen endlich veröffentlicht würden – was aber leider nie geschah. Zumindest ein Teil von ihnen findet sich nachfolgend.

So zum Beispiel eine Prophezeiung über das Ende der Welt, die von den Santa-Rosa-Indianern im brasilianischen Bundesstaat Bahia stammt:

»Es wird nicht mehr lange dauern, und die Welt wird zu Ende gehen. Dann wird das Land erzittern und stöhnen. Es wird brennen und in sich zusammenstürzen. Die Sonne wird sich verdunkeln, und in dieser Finsternis werden viele wilde Tiere hervorkommen und die Menschen verschlingen. Wenn die ganze Erde verbrannt ist, wird das Meer sich über sie ergießen und sie abkühlen. Dann wird eine neue Welt beginnen. Die Erde wird sich in Blumen kleiden, und die Engel werden herabsteigen.«

Der folgende Mythos stammt von den Kamaka-Indianern und erzählt von einem regenreichen Sturm und dem vorübergehenden Verschwinden von Sonne und Mond. Curt Unckel erhielt diesen Mythos 1938 von einer alten Frau, die sowohl die Sprache als auch die Traditionen der Kamaka kannte, weil sie die letzte Überlebende des Stammes war, der im 20. Jahrhundert ausstarb:

»Sonne und Mond gingen zusammen umher. Es regnete sehr stark und ohne Pause. Sie fanden eine Höhle in einem Felsen und suchten dort Obdach vor dem Sturm. Der Mond sprach: ›Bruder, es scheint so, als würde die Höhle sich schließen.‹ Kaum hatte er die Worte ausgesprochen, da fügten sich die Steine am Eingang zusammen, und Sonne und Mond steckten in der Höhle fest. Die Sonne verwandelte sich in einen kleinen Käfer und entkam durch einen Spalt, doch der Mond blieb in der Höhle gefangen.«

Ein weiterer Mythos, der ebenfalls von den Kamaka stammt, handelt von einer Verdunklung der Sonne und einem weltweiten Feuer:

»Vor langer, langer Zeit starb die Sonne. Sie verdunkelte sich, und auf der ganzen Erde herrschte Finsternis. Alle Tiere schlossen sich zusammen, um die Menschen zu töten. […] Feuer fiel vom Himmel, und die Wälder brannten. Die Menschen, die vor dem Feuer ans Wasser flohen, starben dennoch, weil die Gewässer austrockneten. Ein Mann hatte die Katastrophe vorhergesehen. Er grub ein tiefes Loch in den Boden, schleppte Wasser hinein und blieb mit seiner Familie dort. Er bedeckte den Eingang und wartete auf das Erlöschen des Feuers. Der Mann war ein Priester, und mit seinen magischen Formeln erweckte er die Sonne wieder zum Leben.«

Dann gibt es noch einen Mura-Mythos über die Sintflut. Die Mura sind ein Stamm, der noch heute in den Amazonaswäldern lebt. Etwa 10.000 dieser Indianer leben heute am Fluss Madeira. Dieser Mythos wurde 1926 aufgeschrieben:

»Der Wasserspiegel begann zu steigen. Die Menschen flohen auf der Suche nach einem Ort, an dem sie überleben konnten. Sie fanden einen hohen Berg, stiegen hinauf und ernährten sich von den Tieren, die ebenfalls an diesen Ort geflüchtet waren. Als das Wasser schließlich schwand, fanden die Menschen nicht mehr zurück in ihre Heimat, weil ihr Weg sie zu weit von dort weggeführt hatte, doch ein Priester führte sie schließlich zu dem Platz, an dem ihr altes Dorf gestanden hatte.«

 

_________

(1) Revista do Patrimônio Histórico e Artístico Nacional (Rio de Janeiro: Fundação Pró-Memória, 1986), S. 69–111.

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