Freitag, 9. Dezember 2016
09.07.2014
 
 

Studie: Lieber einen Elektroschock als 15 Minuten allein mit sich selbst

Steve Watson

Und das Konzentrationsvermögen ist… hey, hast du das bei Facebook gesehen?

 

Diese neue Studie ist ein Schocker und liefert all jenen Munition, die den Menschen ein gegen null tendierendes Konzentrationsvermögen unterstellen. Das Ergebnis der Studie: Vor die Wahl gestellt, ob sie sich selbst Stromschläge verabreichen wollen oder lieber 15 Minuten völlig allein in einem leeren Raum hocken möchten, entschied sich die Mehrheit für die Stromschläge.

 

Es ist eine weit verbreitete These: Die Unterhaltungselektronik und solche Dinge wie Facebook und Twitter sorgen dafür, dass unser Konzentrationsvermögen nachlässt und wir uns immer leichter ablenken lassen.

 

Forscher von der Harvard University und von der University of Virginia haben dies nun in einer Studie mit dem Titel »Just Think: The challenges of the disengaged mind« untersucht, also etwa: »Einfach nur denken. Wie schwierig es ist, einfach mal den Kopf abzuschalten.« Zu Beginn der Studie wurden die Teilnehmer in einen völlig leeren Raum gesteckt. Dort sollten sie sechs bis 15 Minuten nichts anderes tun als nachzudenken.

 

Anschließend wurden die Probanden gefragt, wie ihnen die Zeit mit sich gefallen habe. Rund 50 Prozent sagten, sie hätten keinen Spaß gehabt, sie hätten sich schwer damit getan, sich auf etwas zu konzentrieren, und hätten sich nicht auf ein einzelnes Thema fokussieren können, ohne schnell nicht mehr bei der Sache zu sein. Das Experiment wurde dann im Haus der Probanden wiederholt. Dabei stellten die Teilnehmer fest, dass es ihnen sogar noch weniger Spaß machte. Ein Drittel gab zu, dass sie einfach abgebrochen haben und mit ihrem Handy rumgespielt haben oder im Internet surften.

 

Im nächsten Schritt wurde das Experiment auf eine neue Stufe geführt. Die Forscher setzten die Probanden in ein Zimmer, in dem nichts war außer einer Maschine, mit der man sich schwache Elektroschocks verabreichen konnte. Wieder wurden die Teilnehmer angewiesen, nichts zu tun, sondern nur ein paar Minuten nachzudenken. Die Probanden waren zuvor bereits Elektroschocks unterzogen worden und der Großteil fand die Erfahrung furchtbar und wäre bereit, Geld dafür zu zahlen, diese Erfahrung nicht noch einmal machen zu müssen.

 

Der Test brachte erstaunliche Ergebnisse zutage: Fast zwei Drittel der männlichen Studienteilnehmer verabreichten sich aus reiner Langeweile einen oder mehrere Elektroschocks – offenbar nicht imstande oder nicht bereit, auch nur eine kurze Zeitspanne mit Nachdenken zu verbringen.

 

Ein Mann verabreichte sich innerhalb von 15 Minuten gleich 190 Elektroschocks, anstatt sich einfach nur still hinzusetzen und nichts zu tun. Dieser Datensatz wurde aus der endgültigen Auswertung ausgeklammert. Fast ein Viertel der teilnehmenden Frauen verabreichte sich ebenfalls einen Stoß. Im Schnitt kommen auf die 15-minütige Phase 1,47 Elektroschocks pro Teilnehmer der Studie.

 

»Offenbar fanden viele Teilnehmer die Vorstellung, 15 Minuten lang ganz allein mit ihren Gedanken zu sein, so furchtbar, dass sie sich einen Elektroschock verabreichten – obwohl sie vorher noch erklärt hatten, dass sie bezahlen würden, um weitere Schocks zu vermeiden«, schreiben die Autoren. An den mehr als elf unterschiedlichen Durchläufen nahmen über 100 Menschen aus allen sozialen Schichten teil. Alter, Bildung, Einkommen oder die Häufigkeit, mit der Smartphone oder soziale Medien genutzt werden, machte den Forschern zufolge keinen Unterschied. Es sei vielmehr so, dass die meisten Menschen inzwischen nicht mehr gerne mit sich alleine seien.

 

»Der menschliche Geist ist dafür gedacht, mit der Welt zu interagieren«, sagte der Studienleiter Tony Wilson. »Selbst wenn wir für uns sind, liegt unser Augenmerk normalerweise auf der Welt um uns herum. Ohne Meditationstraining oder Erfahrung mit den schwierig zu erlernenden Techniken zur Kontrolle der eigenen Gedanken würden die meisten Menschen sich lieber mit externen Aktivitäten befassen.«

 

Den Probanden seien »mondäne externe Aktivitäten deutlich lieber« als Nachdenken. Das führe zu der Schlussfolgerung: »Den meisten Menschen ist es offenbar lieber, irgendetwas zu tun als gar nichts – selbst wenn dieses Irgendetwas negativ ist.« Den Menschen mache aus, dass er analytisch und kritisch denken könne, so die Autoren. Dies sei eine wichtige Fähigkeit, wenn man über die Zukunft nachdenke oder sich an die Vergangenheit erinnere, und es sei die Grundlage sämtlicher Kunst und Literatur. Dass eine erschreckend hohe Zahl von Menschen nun nicht mehr gründlich nachdenken kann oder mag, dürfte viele verstören.

 

»Die Forschung hat gezeigt, dass der Geist nur schwer zu kontrollieren ist. Besonders schwierig könnte es sein, seine Gedanken in angenehme Richtungen zu lenken und dort zu halten«, heißt es in der Studie. »Vielleicht versuchen deshalb so viele Menschen, durch Meditation und andere Techniken, ihre Gedanken besser lenken zu können. Diese Ansätze zeigen klaren Nutzen. Ohne derartiges Training handeln die Menschen lieber, als dass sie denken, selbst wenn das, was sie tun, so unangenehm ist, dass sie normalerweise dafür zahlen würden, es nicht zu tun. Der ungeübte Geist ist nicht gerne mit sich allein.«

 

Beobachter sagten, die Studie stütze ein Zitat des französischen Forschers und Philosophen Blaise Pascal: »Alles Übel rührt daher, dass wir unfähig sind, allein in einem stillen Raum zu sitzen.«

 

 

 


 

 

 


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