Sunday, 25. September 2016
21.07.2010
 
 

Atheisten-Weltkonferenz in Kopenhagen veröffentlicht Elf-Punkte-Deklaration

Armin Risi

Vom 18. bis 20. Juni 2010 fand in Kopenhagen ein Kongress statt, der sich selbst »Internationale Atheisten-Konferenz« nannte. Das Motto lautete »Gods & Politics«. Hauptthema der zahlreichen Referate war der Einfluss der Religionen auf die gegenwärtige Gesellschaft sowie Politik und wie dieser Einfluss beseitigt werden kann. Namhaftester Referent war Prof. Richard Dawkins. Während des Kongresses wurde ein elf Punkte umfassendes Bekenntnis- und Aktionsprogramm erarbeitet, das zum Abschluss als »Kopenhagen-Deklaration« veröffentlicht wurde. Welche Gesellschaftsform wird darin entworfen?

Die Konferenz Gods & Politics war die erste Veranstaltung der »Internationalen Atheisten-Allianz« (Atheist Alliance International, www.atheistalliance.org) in Europa. Organisiert wurde sie von der »Dänischen Atheisten-Vereinigung«. Die Kongress-Website www.atheistconvention.eu erklärt: »Wie der Name schon sagt, liegt ein Schwerpunkt der Konferenz auf Religion und Politik. Welchen Herausforderungen stehen wir als Nichtgläubige heute gegenüber, und haben wir eine genug starke Stimme in dieser Debatte?«

Nächstes Jahr wird die Atheisten-Weltkonferenz in Dublin, Irland, stattfinden.

 

Gemäßigte bis extreme Standpunkte

Während zweieinhalb Tagen hielten 15 Referenten und sechs Referentinnen jeweils einen einstündigen Vortrag. Zu den gemäßigten Vorträgen gehörten der von Ray W. Brown, Präsident der Internationalen Humanistischen und Ethischen Union (IHEU) von 2003 bis 2006, heute Vertreter der IHEU bei der UNO in Genf, mit dem Titel »Der Einfluss der Religionen in Europa«, und der von Prof. Rebecca Newberger Goldstein: »Spinoza, der erste säkulare Humanist«.

Zu den extremen Referenten gehörte Prof. Paul Zachary Myers, ein erklärter Gegner aller Arten von Religion und Spiritualität. »Ich habe nichts außer Verachtung übrig für das Konzept des Intelligent Design.« Die amerikanische Humanistenvereinigung ernannte ihn 2009 zum »Humanisten des Jahres«. Im Text zu seinem Vortrag schrieb er: »Der Grund, warum Atheisten noch viel lauter ihren Standpunkt vertreten sollten, ist der, dass Atheismus die einzige Weltsicht ist, die der Wissenschaft entspricht …«

Ein anderer extremer Referent war der Physiker Victor Stenger. Im Text zu seinem Vortrag »Wie wir Religion konfrontieren« schreibt er:»Glaube ist dumm und sollte nicht mit Respekt behandelt werden. […] Man sollte Religion nicht mit Respekt begegnen […]«

Aroup Chatterjee, ein indischer Arzt, der in England tätig ist, widmete sich der Demontage von Mutter Teresa. Er wirft Mutter Teresa vor, sie habe den Ruf der Stadt Kalkutta ruiniert, sie habe ihren Einsatz für die Armen falsch, das heißt in zu hochtrabender Form dargestellt, sie habe einen Teil der Spendengelder nicht für die Armen eingesetzt und die medizinische Hilfe, die von ihrer Station geleistet worden sei, sei inadäquat gewesen.

Richard Dawkins bewegte sich rhetorisch im mittleren Bereich, denn seine Standpunkte sind hinlänglich bekannt: Jegliche Form von Religion und Nichtmaterialismus ist für ihn ein »Wahn« (delusion). Er sprach zum Thema »Ist Religion gut für nichts?« – Religion durch die Brille der Evolutionstheorie: Was »gut für etwas« bedeutet, ist abhängig von den Prinzipien der natürlichen Selektion. Was dient dem Überleben? Wozu religiöses Verhalten in der Vergangenheit auch gut gewesen sein mag, heute ist »Religion« ein Relikt, das der Mensch nicht mehr braucht.

Auch Kurt Westergaard, der Zeichner der berühmten Mohammed-Karikaturen, die 2005 in Dänemark und weltweit für viel Aufruhr gesorgt hatten, wurde als Referent eingeladen und hatte zuerst vorgehabt teilzunehmen, sagte später jedoch ab.

 

Das Entstehen der Kopenhagen-Deklaration 2010

Die Deklaration entstand als gemeinsames Projekt im Rahmen der Kopenhagen-Konferenz. Am ersten Tag konnten Vorschläge eingereicht werden: Welche Punkte sollen in die Deklaration? Am zweiten Tag wurde aus den verschiedenen Vorschlägen ein erster Entwurf erstellt, der dann in die Runde gegeben wurde, damit alle ihre Kommentare und Korrekturvorschläge einreichen konnten. Am dritten Tag entstand die abschließende Version, über die abgestimmt wurde.

Die veröffentlichte Version ist nicht endgültig. Die Diskussionen gehen innerhalb der Atheisten-Allianz und im Internet weiter. Nächstes Jahr in Dublin soll eine neue, überarbeitete Form der Deklaration veröffentlicht werden. Ziel ist eine immer klarere und konkretere Zusammenstellung von Richtlinien und Forderungen bezüglich der Rolle von Religion im öffentlichen Leben.

Allgemein lässt sich sagen, dass die jetzt vorliegende Deklaration mit elf Punkten eine sinnvolle Diskussionsgrundlage darstellt, die in ihrem Ton weitgehend neutral gehalten ist. Auch die »militanten« Atheisten sahen ein, dass momentan eine diplomatische Version den weiteren Zielen besser dient als ein sofortiger Generalangriff auf jegliche Form von Religion und Privilegierung religiöser Institutionen. Deshalb wird dieses Dokument auch »Deklaration« und nicht »Manifest« genannt, obwohl dieses Wort bereits mehrfach verwendet wurde, insbesondere in den drei »Humanistischen Manifesten« (1933, 1973, 2000), die ich im Buch Der radikale Mittelweg ausführlich bespreche.

 

Der Inhalt der Deklaration

Der englische Originaltext der Deklaration kann auf der Website des Kopenhagen-Kongresses abgerufen werden. Sie umfasst elf Punkte, die ich hier alle vollständig zitiere und kurz kommentiere. (Übersetzung: © Armin Risi, Kopp Verlag)

 

Kopenhagen-Deklaration über Religion im öffentlichen Leben.

Wir, im Rahmen der Atheisten-Weltkonferenz Götter und Politik, abgehalten in Kopenhagen vom 18. bis 20. Juni 2010, erklären hiermit Folgendes:


1) Wir anerkennen, dass das Recht auf Gewissens-, Religions- und Glaubensfreiheit uneingeschränkt ist [1] und dass die Freiheit der Religionsausübung nur durch die Notwendigkeit, die Rechte anderer zu respektieren, beschränkt sein sollte.

(Fußnote [1]: Artikel 18 der Allgemeinen Menschenrechtsdeklaration und Artikel 18 des Internationalen Abkommens über zivile und politische Rechte.)

 

2) Wir beantragen, dass die allgemeine Rechtsordung auf Evidenz und Vernunft beruhen sollte und nicht auf Dogmen. [2]

(Fußnote [2]: Die Gesellschaften des 21. Jahrhunderts müssen auf einer Kultur des objektiven Wissens und des rationalen Denkens aufgebaut sein, auf der Grundlage von Evidenz, die von den Wissenschaften innerhalb des juristischen Rahmens der internationalen Menschenrechte vorgegeben ist. Religionen gründen von ihrem inneren Wesen her in Glauben und werden von Mythen und Vermutungen geleitet, die von einem selbsteingesetzten Klerus ausgelegt werden. Religionen sollten deshalb in das Privatleben verwiesen werden und im öffentlichen Leben keinen Einfluss haben.)

 

Punkt 1 betont, dass nicht alle Menschen Atheisten zu sein brauchen und dass alle Menschen glauben dürfen, was sie wollen, solange sie die Rechte anderer Menschen respektieren.

Punkt 2 zeigt bereits das Problem, das sich hier in dieser Diskussion stellt. »Evidenz und Vernunft« werden den »Religionen« und dem »Glauben« gegenübergestellt, wobei die Atheisten den logischen Fehler machen, dass sie glauben, ihre Weltsicht sei kein Glaube.

Jede Erkenntnis beruht auf der Interpretation von Fakten (aus der Physik, Genetik, Paläontologie usw.), und jede Interpretation ist von einem Weltbild abhängig. Mit welchem Weltbild werden die Fakten interpretiert? Hier stehen verschiedenste Weltbilder zur Auswahl: Materialismus/Evolutionismus, Monismus, Deismus, Dualismus, Pantheismus, Monotheismus, Theismus, Agnostizismus usw.

Welches Weltbild auch immer wir wählen, diese Wahl ist ein Akt des Glaubens. Mit anderen Worten, Materialisten und Evolutionisten vertreten genauso einen Glauben wie alle anderen, und dieser Glaube ist keineswegs plausibler als der Glaube der anderen Weltbilder. So ist zum Beispiel nicht bewiesen, dass alles Existierende – inklusive der Tiere, Pflanzen, Menschen usw. – allein durch eine hypothetische »Selbstorganisation der Materie« entstanden ist.

Die Atheisten unterschlagen diesen Fakt (nämlich dass auch ihre Ansicht ein Glaube ist) und fordern, dass im öffentlichen Leben nur noch atheistische oder höchstens agnostische Weltbilder den Kurs der Gesellschaft bestimmen sollen.

 

3) Wir bekräftigen die Notwendigkeit einer Gesellschaft, die auf Demokratie, Menschenrechten und gesetzlichen Regelungen basiert. [3] Die Geschichte hat gezeigt, dass die erfolgreichsten Gesellschaften diejenigen sind, die am säkularsten sind. [4]

(Fußnote [3]: Brüssel-Deklaration 2007)

(Fußnote [4]: Die Sozialwissenschaften zeigen, dass moderne Nationen, die stark religiös geprägt sind, im Hinblick auf die grundlegenden sozialen und wirtschaftlichen Indikatoren – wie die Kriminalitäts- und Inhaftierungsrate, die Lebenserwartung, die problematischen Konsequenzen der Sexualität und das Sichern des allgemeinen Wohlstandes – sich als nicht erfolgreich erwiesen haben. Dies bedeutet konsequenterweise, dass die im säkularen Sinn fortgeschrittensten Demokratien die erfolgreichsten sind.)

 

Punkt 3 wendet sich – mit Recht – gegen religiös-totalitäre Staatsformen und gegen theokratische Willkür. Die Behauptung jedoch, säkulare Gesellschaften seien die erfolgreichsten, ist sehr fragwürdig, denn die totalitärsten Staatsformen waren nicht religiöse, sondern säkulare, in denen alle Arten von religiösen, nichtmaterialistischen und unkonformen Menschen als »Staatsfeinde« verfolgt wurden (unter Lenin, Stalin, Mao usw.). Säkulare Gesellschaften sind also nicht automatisch vernunftbestimmt und human, wie atheistische Humanisten gerne behaupten. Ebenso ist der Begriff »Demokratie« sehr weitläufig: Die Schweiz ist eine Demokratie, Barack Obama gehört zu den Demokraten, die DDR nannte sich »demokratisch«. Was eine »säkulare Demokratie« ist, müsste genau definiert werden. Ist »säkular« gleich sozialistisch? Ist eine »säkulare Demokratie« praktisch eine Diktatur der Atheisten, in der die Vertreter aller anderen Glaubensformen öffentlich keinen Einfluss mehr haben dürfen und unterdrückt, eventuell sogar verfolgt werden? Erinnern wir uns, was der eine Referent im Weltkonferenz-Programmheft schrieb: »Glaube ist dumm und sollte nicht mit Respekt behandelt werden. […] Man sollte Religion nicht mit Respekt begegnen […].« Dadurch wird auch die hier in Punkt 3 erwähnte Bezugnahme auf die Menschenrechte extrem relativiert.

 

4) Wir bekräftigen, dass das einzig gerechte Regierungssystem in einer demokratischen Gesellschaft jenes ist, das auf Säkularismus beruht: staatliche Neutralität in Bezug auf Religions- und Glaubensangelegenheiten, die niemanden bevorzugt oder diskriminiert.

 

Hier wird behauptet, das »einzig gerechte Regierungssystem« sei jenes, das auf Säkularismus beruhe. Die praktische Umsetzung zeigt jedoch, dass die hier geforderte »staatliche Neutralität« eine Diskriminierung aller nichtmaterialistischen Standpunkte nach sich zieht, wobei dies nicht als Diskriminierung bezeichnet wird, sondern als »Neutralität in Religions- und Glaubensangelegenheiten«.

 

5) Wir bekräftigen, dass Handlungen im Privatleben, welche die Rechte anderer respektieren, nicht Gegenstand juristischer Sanktionen oder staatlicher Vorgaben sein sollten. [5]

(Fußnote [5]: Der Staat sollte keine Gruppe bestrafen [Repressalien aussetzen, Anm. A.R.] oder favorisieren.)

 

Mit diesem Punkt soll den Problemen vorgebeugt werden, die in totalitären Staatssystemen auftreten können. Es ist zu hoffen, dass sich diese Atheisten auch gegen all jene Tendenzen wehren, die heute immer mehr in Richtung totalitärer Verordnungen gehen (Weltsozialismus usw.). Aber hier sprechen diese Intellektuellen mit Vorliebe schnell von »Verschwörungstheorien« und lassen einen auffälligen Mangel an Vernunft und freiem Forschen erkennen. Der heilige Begriff »Vernunft« ist anscheinend ein sehr subjektiver und dehnbarer Begriff. Gewisse Leute halten es für »vernünftig«, Kriege zu beginnen, den Welthunger zu tolerieren, Getreide an Schlachttiere zu verfüttern, Urwälder zu roden, die Anzahl Menschen zu reduzieren, immer mehr Geld zu drucken, usw.

 

6) Wir unterstützen den Standpunkt, dass Gläubige und Nichtgläubige gleichermaßen das Recht haben, am öffentlichen Leben teilzunehmen, und bekräftigen deren Recht auf Gleichbehandlung im demokratischen Prozess.

 

In der Praxis ist jedoch zu sehen, dass Wissenschaftler(innen) oder Akademiker(innen), die kein materialistisches, sonden ein religiöses oder spirituelles Weltbild vertreten, von ihren atheistischen Kolleg(inn)en bekämpft und verunglimpft werden. Sie sollen ihren Lehrstuhl, ihre journalistische Anstellung usw. verlieren. Der Verdacht drängt sich auf, dass »Gleichbehandlung« hier nur einseitig gemeint ist. Wie George Orwell in seiner gesellschaftskritischen Fabel Animal Farm so treffend formulierte: »Alle sind gleich, aber einige sind gleicher als die anderen.«

 

7) Wir unterstützen den Standpunkt, dass alle Menschen ein Recht auf freie Meinungsäußerung haben und dass dieses Recht nur jenen Einschränkungen unterworfen ist, die vom internationalen Gesetz vorgeschrieben sind – Gesetze, die von allen Regierungen respektiert und durchgesetzt werden sollten. [6] Wir lehnen sämtliche Gesetze gegen Blasphemie und sämtliche Einschränkungen des Rechts, Religionen oder nichtreligiöse Lebenseinstellungen zu kritisieren, ab. [7]

(Fußnote [6]: Artikel 19 und 20 des Internationalen Abkommens über zivile und politische Rechte.)

(Fußnote [7]: Antrag 1805 (2007) der Parlamentsversammlung des Europarates.)

 

Hier fordern die Atheisten legitimerweise für sich das Recht ein, Religionen kritisieren zu dürfen, insbesondere das Judentum, das Christenum und den Islam. Atheisten fordern, dass sie an Schulen und Universitäten ihre Meinungen und Doktrinen lehren dürfen – was sie in weiten Kreisen schon längst tun –, während alle anderen Formen von religiösen und spirituellen Standpunkten öffentlich per Dogma als »pseudowissenschaftlich« abgelehnt, diskreditiert und diskriminiert werden sollen.

 

8) Wir bekräftigen das Prinzip des einen Gesetzes für alle, ohne Sonderbehandlung für Minderheitsgemeinschaften und ohne Recht für religiöse Gerichte, in zivilen Angelegenheiten oder Familiendisputen Urteile zu sprechen.

 

Dieser Satz richtet sich vor allem gegen die Sonderstellung von Kirchen und gegen die zunehmende Tendenz, dass Moslems auch in westlichen Ländern die Durchsetzung der Scharia für ihre Mitglieder fordern. Die spezifische Formulierung dieses Satzes wird aber auch in atheistischen Kreisen kritisiert, weil keine »Sonderbehandlung für Minderheitsgemeinschaften« auch auf Homosexuelle oder ethnische Gruppen bezogen werden könnte. (Bei der nächsten Weltkonferenz soll die Deklaration in allen beanstandeten Punkten umformuliert werden.)

 

9) Wir lehnen jegliche Diskriminierung entsprechend Rasse, Religion/Glauben, Geschlecht, Klasse, Kaste oder sexueller Orientierung ab, sowohl Diskriminierungen im Beruf (außer für religiöse Führer) als auch in der Bereitstellung sozialer Dienstleistungen. [8]

(Fußnote [8]: Artikel 14 des Europäischen Abkommens über Menschenrechte und Grundfreiheiten.)

 

Punkt 9 wendet sich gegen jegliche Form von Diskriminierung, betont jedoch, dass »religiöse Führer« und damit auch alle Arten von einflussreichen Personen, die kein atheistisches Weltbild vertreten, in Berufen aufgrund ihrer Einstellung diskriminiert werden dürfen, zum Beispiel in der Form, dass ihnen ein Lehrstuhl an Hochschulen verwehrt wird.

 

10) Wir lehnen jede Privilegierung religiöser Interessen in der Politik und im öffentlichen Leben ab und vertreten den Standpunkt, dass keine Religion einen gemeinnützigen und steuerfreien Status zugesprochen bekommen soll, ebenso soll der Staat keine Zuschüsse für die Förderung irgendeiner Religion geben, denn dies läuft den Interessen Nichtgläubiger sowie anderer Glaubensrichtungen zuwider. Wir sind gegen die staatliche Förderung religiöser Schulen.

 

Punkt 10 ist eine weitere Illustration des bereits mehrfach erwähnten Widerspruchs: Atheisten fordern vom Staat eine »Neutralität in Glaubensfragen« und verlangen zugleich, dass öffentlich nur atheistische oder agnostische Weltbilder gelehrt werden dürfen, was eine Diskriminierung aller anderen Weltbilder bedeutet, also keine Neutralität und keine Gleichberechtigung. Der Staat soll Zuschüsse an weltlich-humanistische Schulen geben, aber nicht an religiöse und alternative. Während zahlreiche Vereine und Institutionen als gemeinnützig anerkannt werden, sollen Religionen von vornherein als »nicht gemeinnützig« diskriminiert werden.

 

11) Wir unterstützen das Recht auf säkulare Bildung und bekräftigen die Notwendigkeit einer Schulbildung, die kritisches Denken und die Unterscheidung zwischen Glauben und Vernunft fördert – als Richtlinie zur Erlangung von Wissen –, ebenso bekräftigen wir die Notwendigkeit einer schulischen Information über die Vielfalt religiösen Glaubens. [9] Wir unterstützen den Geist des freien Forschens und des Lehrens von Wissenschaft frei von religiöser Einmischung, und wir sind gegen jede religiöse oder anderweitige Indoktrination.

(Fußnote [9]: Artikel 14 des Antrags 1720 (2005) der Parlamentsversammlung des Europarates.)

 

Punkt 11 unterstützt »den Geist des freien Forschens und des Lehrens von Wissenschaft«, fügt aber sogleich hinzu, dass das »freie Forschen« keinerlei religiöse, esoterische oder spirituelle Sichtweise mit einbeziehen dürfe, denn dies wäre eine »Einmischung«. Sie sind »gegen jede religiöse oder anderweitige Indoktrination« – und fördern gleichzeitig eine materialistische Indoktrination, die aus ihrer Sicht jedoch keine Indoktrination ist, sondern »Wissenschaft«, wobei sie fälschlicherweise Wissenschaft mit materialistischer Interpretation gleichsetzen und vom Dogma ausgehen, Wissenschaft dürfe nur materialistisch sein. So drehen sie sich in einem Zirkelschluss und behindern das freie Forschen, denn die wahrhaft freidenkenden Menschen, die sich nicht auf einen Materialismus bzw. Atheismus beschränken, haben in den Bereichen der alternativen Forschung (Metaphysik, Parapsychologie, multidimensionale Physik, Psychosomatik, Geistheilung, Informationsmedizin usw.) seit über 100 Jahren und erst recht in den letzten Jahren und Jahrzehnten Erkenntnisse gewonnen, die der Menschheit vollkommen neue Bereiche von Wissenschaft und Selbsterkenntnis eröffnet hätten – wenn die materialistisch-intellektuelle Elite diese Forschung nicht von vornherein abgelehnt und diskreditiert hätte (und nicht selten sogar bekämpft). Würde diese Forschung – gemäß dem Prinzip der Gleichbehandlung und der gleichen Rechte – genauso gefördert wie jene Forschung, die materialistischen und atheistischen Weltbildern entspringt, hätten Begriffe wie Wissenschaft, Objektivität und Humanität längst eine neue Bedeutung und Dimension gewonnen.

 

Fazit

Wir sehen hier also, dass die Atheisten sich auf eine ähnliche Weise ausdrücken wie die absolutistischen Religionen. Sie bezeichnen ihren politischen Entwurf als »das einzig gerechte Regierungssystem« (Punkt 4) und behaupten, der Atheismus sei »die einzige Weltsicht, die der Wissenschaft entspricht« (P.Z. Myers). Mit anderen Worten, sie vertreten ebenfalls Dogmen: »Wir haben die einzige Wahrheit, und das Lehren dieses Säkularismus/Atheismus ist ›Neutralität in Glaubensfragen‹, alles andere ist Indoktrination.«

Angesichts dieser Einseitigkeiten und Antagonismen lautet meine These, dass Monotheismus (Religionen mit Monopolansprüchen) und Atheismus die zwei Seiten derselben Spaltung sind und dass der Atheismus keine zukunftsfähige und auch keine echte Alternative zum Monotheismus darstellt. Die wirkliche Notwendigkeit der heutigen Zeit sehe ich in der »Überwindung von Atheismus und Monotheismus«, so der Untertitel meines Buches Der radikale Mittelweg. Die Perspektive dieses Mittelwegs erlaubt eine ganz neuartige Sicht sowohl auf den Atheismus als auch auf den Monotheismus – und auf den Weg, der uns aus dieser Spaltung herausführen kann. Dies ist keine neue Theorie oder Theologie, sondern eine Rückbesinnung auf das Urwissen der Menschheit und die universelle Essenz der Religionen und Mysterienschulen aller Kulturen der Welt.

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