Monday, 21. May 2012
01.09.2011
 

Die 64 Hexagramme des I Ging: Hexagramm 64 »We Dsi« – vor der Vollendung

Brigitte Hamann

Kein anderes Weisheitsbuch hat die Welt über Jahrtausende so fasziniert wie das I Ging. Das »Buch der Wandlungen« ist mehr als ein Orakel, es ist eine Lebensschule. Wir können weiser, glücklicher und erfolgreicher werden, wenn wir uns mit seinen Texten befassen – so als wären sie ein Meditationsgegenstand.

Jedes der 64 Hexagramme beschreibt eine Lebensstation. Die meisten haben Sie vermutlich schon einmal erlebt, jede kann wieder oder zum ersten Mal in Ihrem Leben geschehen. Lesen Sie den Text jedes Hexagramms so aufmerksam, dass Sie die Situation wiedererkennen, wenn sie Ihnen begegnet. Lassen Sie Ihr Leben Revue passieren. Wann waren Sie in der beschriebenen Lage? Was ist daraus geworden? Ist sie vielleicht bisher noch nie vorgekommen? Was wäre, wenn sie eintreten würde? Haben Menschen in Ihrem Umfeld sie erlebt? Der Textteil »Wie Sie das Hexagramm ›We Dsi‹ für sich nutzen können« unterstützt Sie dabei, wichtige Einsichten für Ihr weiteres Leben zu gewinnen.

In den folgenden Wochen stelle ich Ihnen wöchentlich eines der 64 Hexagramme vor. Am Ende der 64 Wochen erfahren Sie, wie Sie die Texte auch als Orakel verwenden können.

Stichworte zu »We Dsi«: Zum Abschluss bestimmt, jedoch noch nicht fertig – unvollständig – noch nicht eingetroffen – verwirrende Verhältnisse vorsichtig und behutsam beenden

 

 

Sie sind kurz davor, Ihr Ziel zu erreichen. Die Aussichten, die gesamte Situation zu einem positiven Ende zu bringen, sind gut, die Umrisse einer neuen Ordnung zeichnen sich ab. Obwohl es scheint, dass nur noch ein Schritt Sie vom gewünschten Ergebnis trennt, ist es ratsam, besonders vorsichtig vorzugehen. Auf dieser letzten, vielleicht kurzen Etappe gibt es Hindernisse, die nicht unterschätzt werden dürfen. Menschen und Dinge sind noch nicht an dem Platz, an den sie hingehören und an dem sie sich am besten entfalten können. Sie erkennen in Umrissen, wie die angestrebte Situation sein sollte oder sein wird, könnten aber leicht Gefahren übersehen oder dem Irrtum verfallen, Sie wüssten genau, wo der letzte Stein des Puzzles einzusetzen ist. Hüten Sie sich vor Trugschlüssen, von denen der größte die Sicherheit wäre zu glauben, so kurz vor dem Ziel könne nichts mehr geschehen. Das I Ging warnt deutlich davor, dass man »wie der kleine Fuchs doch noch mit dem Schwanz ins Wasser kommt, kurz bevor der Übergang geschafft ist« – und das brächte Unheil.

Sie sind erfahren und haben vieles ausprobiert. Nutzen Sie Ihren Erfahrungsschatz, um die richtige Vorgehensweise zu entwickeln und in eine sichere Stellung zu kommen. Finden Sie heraus, was die Beteiligten wollen und was sie brauchen. Bringen Sie unausgesprochene Vorurteile, Aversionen und Motive ans Tageslicht und klären Sie sie. Geben Sie den Dingen allgemein Zeit, zu wachsen, und den Menschen um Sie herum, sich an die Aussicht auf eine Veränderung zu gewöhnen. Halten Sie nicht nur sich selbst, sondern auch diejenigen zurück, die euphorisch oder vorschnell handeln wollen; Sie könnten sonst leicht die Kontrolle über die Situation verlieren. Etwas Dauerhaftes, Stabiles kann nicht mit Eile erreicht werden. Geben Sie sich Zeit für den letzten Schritt und behalten Sie Ihr Ziel fest im Auge. Wenn die neue Zeit da ist, werden Sie eine Art Neugeburt erleben, ein Wiederauftauchen auf der anderen Seite unter ganz neuen Bedingungen. Die Situation wird sich mit nichts vergleichen lassen, das Sie schon kennen. Ihre bisherigen Erfahrungen werden Ihnen deshalb wenig  nützen können. Ergreifen Sie die Chance, völlig neue Perspektiven zu entwickeln. Frei von Einschränkungen, die aus bisherigen Meinungen, Vorstellungen und Lösungen entstehen, kann Ihre schöpferische Kraft ungehindert hervortreten.

Das komplementäre Hexagramm zu »We Dsi« ist Hexagramm 63 »Gi Dsi«, nach der Vollendung.

Die beiden Trigramme, aus denen »We Dsi« gebildet wird, sind unten »Kan«, das Wasser, und oben »Li«, das Feuer. In dieser Position kann das Feuer brauchbare Energie erzeugen, indem es das Wasser erhitzt. Von ihrer Natur her bewegen sich die beiden Elemente allerdings in gegensätzliche Richtungen: Feuer strebt in die Höhe, Wasser fließt nach unten. Sie können deshalb nur unter besonderen Bedingungen zusammenkommen. Auch die Linien bilden einen Gegensatz: Wo im einen Hexagramm durchgezogene Yang-Linien sind, befinden sich im anderem offene Yin-Linien und umgekehrt. Diese beiden Bilder machen darauf aufmerksam, dass sich die wesentlichen Elemente der Situation noch nicht an ihren korrekten Plätzen befinden. Erst wenn man weiß, wer und was wohin gehört, wird klar, was sich aus den Gegebenheiten machen lässt – daher stehen die Dinge noch vor der Vollendung.

Die beiden Trigramme, aus denen »Gi Dsi« gebildet wird, sind unten »Li«, das Feuer, und oben »Kan«, das Wasser: In einem Kessel über einem Feuer kocht heißes Wasser, ein Bild voll Kraft und Energie. Das Wasser könnte jedoch auch überkochen oder verdampfen, wenn man es nicht rechtzeitig vom Feuer nimmt. Umgekehrt könnte das Wasser das Feuer auslöschen, wenn es versehentlich ausgegossen wird. Diese beiden Bilder zeigen, dass die Risiken nichts Besonderes sind. Sie stellen mögliche Begleiterscheinungen einer Situation dar und können mit der richtigen Vorgehensweise vermieden werden.

Nimmt man beide Hexagramme zusammen, ergibt sich folgende Aussage: Alle Dinge gehen irgendwann zu Ende. Nach jeder Vollendung beginnt eine neue Entwicklung. Sie durchläuft die Stufen des Wachsens und Reifens und wird irgendwann ebenfalls vor ihrer Vollendung stehen. Nach jeder Vollendung beginnt ein neuer Zyklus – für jede Tür, die sich schließt, öffnet sich eine neue. Der Hexagrammkreis des I Ging endet mit Hexagramm 64, dem Zustand vor der Vollendung, und geht weiter mit Hexagramm 1, »Kien«, der schöpferischen Kraft und der Geburt des Neuen. So schließt sich der Kreis des Lebens.

 

Wie Sie das Hexagramm »We Dsi« außerdem für sich nutzen können

Wer am Ende ist, kann von vorn anfangen, denn das Ende ist der Anfang von der anderen Seite.

Karl Valentin

 

Den Kreis der 64 Hexagramme möchte ich mit dem Gedicht »Stufen« von Hermann Hesse beenden:

 

»Wie jede Blüte welkt und jede Jugend

Dem Alter weicht, blüht jede Landschaft,

Blüht jede Weisheit auch und jede Tugend

Zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.

Es muss das Herz bei jedem Lebensrufe

Bereit zum Abschied sein und Neubeginne,

Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern

In andre, neue Bindungen zu geben.

Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,

Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.

 

Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten,

An keinem wie an einer Heimat hängen,

Der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,

Er will uns Stuf´ um Stuf´ heben, weiten.

Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise

Und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen,

Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,

Mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.

 

Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde

Uns neuen Räumen jung entgegensenden,

Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden …

Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!

Ergänzende Beiträge zu diesem Thema

Die 64 Hexagramme des I Ging: Hexagramm 63 »Gi Dsi« – nach der Vollendung

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