Friday, 10. February 2012
29.05.2010
 

Einführung in das I Ging (I Ching)

Brigitte Hamann

Kein anderes Weisheitsbuch hat die Welt über Jahrtausende so fasziniert wie das I Ging, das »Buch der Wandlungen«. Als Orakel erweitert es unser Wissen und unterstützt uns bei unseren Entscheidungen. Als Lebensbuch bringt es uns Selbsterkenntnis und einen umfassenden Blick auf Menschen und Ereignisse. Wer mit dem I Ging arbeitet, erlangt eine tiefe Einsicht in die Rhythmen des Lebens und in die natürlichen Gesetzmäßigkeiten des Wandels.

Was aufgestiegen ist muss wieder absteigen, was voll war muss wieder leer werden – in den 64 Hexagrammen des I Ging spiegeln sich die Wellenbewegungen des Lebens. Wie sich das Leben selbst in einem unaufhörlichen Kreislauf von Geburt und Tod fortbewegt,  so bilden auch die 64 Hexagramme einen Kreis. Aus jedem Ende entsteht ein neuer Anfang, denn Leben ist Bewegung. Leben ist nicht statisch, sondern ein Prozess.

Jeder Mensch hat in diesem Vorgang, den wir Leben nennen, einen Platz und eine Aufgabe. Wir erfüllen sie in einer mehr oder weniger ausgeprägten Form in den zahlreichen Lebensstationen, die wir durchlaufen. Die Lebensschule des I Ging kann uns ein treuer und stetiger Begleiter auf diesem Weg sein.  Wir erfahren, ob wir vom Weg abgekommen sind, oder die richtigen Entscheidungen getroffen haben.  Wir verstehen, wann es Zeit ist, voranzugehen, und wann es Zeit ist, abzuwarten und zu ruhen.

In den folgenden 64 Wochen möchte ich Ihnen jeweils ein Hexagramm vorstellen. Jedes Hexagramm beschreibt eine Lebenssituation und gibt Rat. Jedes ist ein Kleinod, über das sich nachzusinnen lohnt.. Beobachten Sie, wie sich das im Text Beschriebene in Ihrem Leben manifestiert – jetzt und früher – und welche Botschaft es für Sie heute hat. Vielleicht entdecken Sie in der Aussage eines der Hexagramme ein charakteristisches Muster Ihres Lebens. Machen Sie das wöchentliche Hexagramm zu einem Meditationsgegenstand, dessen Wirken Sie überall beobachten können. Lassen Sie sich von den Einsichten, die es zu bieten hat, überraschen.

 

Was ist das I Ging?

»Das I Ging entzieht sich jeder gängigen Zuordnung. Es ist weder Philosophie, Ethik, Kosmologie, Mythologie noch ein religiöser Offenbarungstext. Mit seinen Strichkombinationen und seiner urtümlichen Bildersprache erhebt es den Anspruch, sowohl den Kosmos wie auch den einzelnen Menschen in seinem schicksalhaften Wandel zu erfassen«,  schreibt der Sinologe, Japanologe und Philosoph Georg Zimmermann in I Ging – das Buch der Wandlungen (Patmos 2007).

Am ehesten könnte man es ein Lebens- und Weisheitsbuch nennen, das als Orakel befragt werden kann. Mit dem I Ging zu arbeiten setzt keinen Glauben voraus. Dennoch vermittelt es uns das eindrückliche Empfinden, dass der Kosmos und das menschliche Leben einen Sinn haben, der sich uns mitteilen kann.

In 64 Bildern, die Hexagramme genannt werden, beschreibt das I Ging die Welt in Form von Lebenssituationen. Dualität und Veränderung bilden die Grundideen, auf denen das Buch aufbaut. Menschen erfahren die Welt in Form von polaren Gegensätzen, die sich zu einem Ganzen formen. Tag und Nacht, gut und böse, groß und klein – indem wir das eine vom anderen unterscheiden, sind wir in der Lage, eine Wahl zu treffen und uns für oder gegen etwas zu entscheiden.

 

Der Aufbau

 

64  Hexagramme

»Hexa« ist die griechische Vorsilbe für »sechs«. In der ursprünglichen Bedeutung steht das Wort »Hexagramm« für »Sechsstern«. Die Hexagramme des I Ging bestehen aus sechs waagerechten Linien. Jede Linie kann entweder ungebrochen (d. h. durchgehend)  oder geteilt (d. h. in der Mitte unterbrochen) sein. Das Hexagramm Nr. 55, »Fülle«, ist ein Beispiel für eine Mischung aus beiden Linienformen.

Zwei Hexagramme bestehen ausschließlich aus durchgezogenen bzw. unterbrochenen Linien: Hexagramm 1 »Kien«, das Schöpferische, und Hexagramm 2 »Kun«, das Empfangende.

 

Aus den durchgehenden und geteilten Linien lassen sich insgesamt 64 Hexagramm-Kombinationen bilden.

Durchgehende Linien werden als Yang-Linien bezeichnet, geteilte Linien als Yin-Linien. In der chinesischen Philosophie spielt die Lehre von Yin und Yang erst ab dem 5. Jahrhundert v. Chr. eine wichtige Rolle. Sie ist später entstanden als das I Ging (über die Entstehung des I Ging lesen Sie weiter unten). Im Laufe der Zeit wurden die Begriffe Yin und Yang den beiden Linienformen des I Ging zugeordnet. Die Yin-Linie steht für die weibliche Energie und das Empfangende, für Zusammenziehung, Dunkelheit und Nacht. Ihr sind die geraden Zahlen zugeordnet. Die Yang-Linie dagegen symbolisiert die männliche Energie und das Zeugende, Ausdehnung, Licht, Aktivität. Ihr sind die ungeraden Zahlen zugeordnet.

 

Zwei unterschiedliche Linien schaffen ein ganzes System

 

Ähnlich wie der Binäre Code (von lat. bini, zwei, bzw. bina, paarweise), der in der digitalen Verarbeitung von Informationen verwendet wird, bildet auch das I Ging die Welt durch ein Dualsystem ab. Das Binärsystem nützt ausschließlich die Zahlen 0 und 1, um alle Informationen darzustellen, während das I Ging alle Informationen durch zwei Linien ausdrückt. Dualsysteme sind genial einfach und unglaublich reich an Möglichkeiten. Sie bilden den polaren Urcode des Universums ab.

 

 

Die Trigramme

Jedes Hexagramm wird aus zweimal drei Linien, den Trigrammen gebildet (»tri« steht im Griechischen für »drei«).

Die beiden Trigramme zusammen ergeben das oben abgebildete Hexagramm Nr. 55, »Fülle«. Der Aufbau der Linien verläuft von unten nach oben, beginnt also an der Basis.

Jedes Trigramm hat eine eigenständige Bedeutung. Die Kombination beider Bedeutungen erzeugt das Gesamtbild und damit die Aussage des jeweiligen Hexagramms. Hier zeigt sich die hohe Bildhaftigkeit, die auch die chinesische Schriftsprache auszeichnet. Ihre Schriftzeichen sind ebenfalls Strichkombinationen in vielfältigen Formen. Sie entstanden aus den Abbildungen der Dinge, die beschrieben werden sollten. Das Zeichen für »Wasser« sah früher aus wie Wellen. Durch Vereinfachung und Stilisierung ist die Ähnlichkeit und Bildhaftigkeit heute nicht mehr so groß. Die Übersetzung eines chinesischen Textes ist jedoch immer auch eine Nachdeutung und lässt häufig Spielräume offen. Aus diesem Grund gibt es auch für die Texte des I Ging teilweise unterschiedliche Auslegungen, die in den folgenden Hexagrammbeschreibungen so weit wie möglich berücksichtigt werden.

Durch die spezielle Wurftechnik, die bei einer Befragung verwendet wird, können sich sogenannte Wandlungslinien ergeben, die zu einem zweiten Hexagramm führen. Diese Technik wird erläutert, wenn alle Hexagramme beschrieben sind. Bis zu diesem Zeitpunkt sollen Ihnen die Texte eine Anregung zum Nachdenken oder Meditieren bieten.

 

Yin und Yang, die Grundkräfte des Kosmos

In der chinesischen Philosophie stellen die polaren Kräfte Yin und Yang die Basis des Universums dar. Alles in der Welt entsteht, entwickelt sich und vergeht durch die Wechselwirkungen zwischen dem passiven Yin und dem aktiven Yang. Sie sind wie Einatmen und Ausatmen, wie Ja und Nein, wie innen und außen. Sie tragen eine negative und eine positive Ladung. Fließen Yin und Yang harmonisch ineinander wie in dem Symbol, so entsteht ein Bild von ästhetischer Schönheit und Leichtigkeit. Je geschmeidiger wir mit diesen Lebensbewegungen gehen und erspüren, wann es zu handeln und wann es zu warten gilt, desto harmonischer wird sich auch unser Leben entfalten. In diesem grundlegenden Annehmen gegebener Bedingungen und ihrem permanenten Wandel sieht das I Ging die größte Lebensweisheit.

Zusammen stehen Yin und Yang für die Verbundenheit allen Seins. Jeder Pol trägt seinen Gegenpol in sich und lässt uns wissen, dass das eine nicht ohne das andere existieren kann. In jedem Pol ist der Keim der Veränderung durch den Gegenpol angelegt. Auf diese Weise veranschaulicht das Symbol, dass Leben nicht Stillstand, sondern Bewegung ist.

 

Stellen Sie sich die beiden Pole Yin und Yang in ständigem Fluss vor, ineinander übergehend, changierend, immer neue Formen und Muster bildend, die wir als das Leben in all seinen Manifestationen erfahren.

 

Im Einklang mit den gestaltenden Kräften und den Spielräumen, die sie bieten, können auch wir gestalten, jedoch nicht gegen sie. Lebenskunst bedeutet, ein Gespür, eine Sensibilität dafür zu entwickeln, ob Türen geschlossen sind,  sich zu öffnen beginnen oder weit offen stehen, und unser Handeln danach auszurichten.

 

Das Wesen des Tao

 

Hinter der Dualität von Yin und Yang steht das Urprinzip des Tao, das selbst ewig und unveränderlich ist. Das Tao ist die Urquelle, die Ureinheit, aus der alles Existierende – und damit auch Yin und Yang – hervorgeht. Es ist die höchste und letzte Wirklichkeit.

Das Tao ist alles, was existiert. Aus dem Tao entsteht die Welt der »zehntausend Dinge«, die Welt der vielfältigen Formen und Zustände, die wir kennen. Richard Wilhelm zitiert im 1. Kapitel seiner I-Ging-Übersetzung den Weisen Laotse, der das Tao »das Tor, durch das alle Wunder hervortreten«, nennt.

Über das Tao sinnierten die chinesischen Weisen schon lange bevor das Tao Te King (auch Daodejing) entstand, eine Sammlung von Sprüchen, die dem Weisen Laotse zugeschrieben werden. Tao bedeutet »Weg, Sinn, Prinzip«, und der davon abgeleitete Begriff Taoismus (auch Daoismus) kann mit »Lehre des Weges« übersetzt werden.

Das I Ging ist von dem Grundgedanken des Taoismus durchdrungen; wir sollen den Lauf der Welt beobachten, in dem sich das Tao äußert. So können wir uns mit ihm in Übereinstimmung bringen und ein erfülltes Leben führen. Harmonie mit uns selbst und der Welt erreichen wir durch Wu Wei, das Prinzip des Nichthandelns, das oft fälschlich mit Untätigkeit verwechselt wird. Tatsächlich bedeutet Wu Wei, nicht gegen die Natur und ihre Gesetzmäßigkeiten zu handeln. Es ist ein Nichteingreifen in die Bewegungsrichtung des Kosmos und ein Sich-daran-Angleichen. Diese Form des »Nichthandelns« erfordert große Aufmerksamkeit und Präsenz.

Das I Ging hilft uns, die aktuell waltenden Kräfte in unserem Leben und im Kosmos zu erkennen und danach zu handeln. Im Wu Wei wird weniger der Wille betont als das Annehmen dessen, was ist. Der Weise wird seine Energie nicht in dem Versuch verschwenden, gegen die herrschenden Kräfte anzugehen. Die Welt des Taoismus und des I Ging ordnet sich selbst, und alle Dinge entfalten sich ihrer Natur gemäß. So hat auch das Leben jedes Menschen einen natürlichen, ihm innewohnenden Verlauf, der intuitiv und durch Beobachtung erfahren werden kann.

 

Wie das I Ging entstand

Der Ursprünge des I Ging gehen weit zurück. Über seine Entstehung gibt es vor allem Vermutungen. Die sogenannten »Urteile« (Grundtexte, die die Gesamtsituation eines Hexagramms beschreiben) und die Texte zu den einzelnen Linien sind wahrscheinlich in der Zeit der Zhou-Dynastie, zwischen ca. 1100  und 256 v. Chr., entstanden. Die Trigramme und Hexagramme selbst sind vermutlich wesentlich älter. Zwischen 400 und 200 v. Chr. dürften die Zehn Flügel verfasst worden sein, erläuternde und kommentierende Texte, die über den Grundtext hinausgehen. Ihre Autoren sind nicht bekannt. Sie lassen sich keiner bestimmten Schule zuordnen. Oft wird ein »Meister« genannt, aber wer er ist und ob es einer oder mehrere waren, weiß man ebenfalls nicht. Die heute vorliegende Fassung erhielt das Buch der Wandlungen vermutlich zwischen 200 und 300 n. Chr.

Obwohl die Texte sowohl vom Geist des Laotse als auch von dem des Konfuzius, des Begründers des Konfuzianismus, geprägt sind, geht man davon aus, dass Konfuzius nicht an dem Buch mitgewirkt hat.

In Europa hatten Missionare aus China bereits um 1700 von einem System von 64 Hexagrammen berichtet. Doch nur wenige kannten es. 1834-1839 erschien die erste I-Ging-Übersetzung des Jesuitenpaters Jean-Baptiste Régis in lateinischer Sprache. Die erste englische Übersetzung von James Legge wurde 1882 herausgegeben. Die 1924 erschienene Übersetzung des Sinologen, Theologen und Missionars Richard Wilhelm leitete eine neue Ära des Interesses an dem Buch ein. Es dauerte jedoch noch bis in die 1960er Jahre, bis das I Ging eine umfassendere Verbreitung fand. Weltweit dürfte die Auflage inzwischen bei über einer Million Büchern liegen.

 

Viele Schreibweisen

Da die chinesische Sprache in bildhaften Strichkombinationen niedergeschrieben wird, variiert die Schreibweise für chinesische Begriffe je nachdem welches System zur phonetischen Umschrift verwendet wird. Heute wird der Titel I Ging häufig Yi Jing geschrieben. Weitere Schreibweisen sind I Ching, I Jing, Yi Ching, Yi King, Yijing. I bedeutet »Wandel«, und Ging erläutert, dass es sich um ein kanonisches Buch handelt, ein Buch, das verbindliche Richtlinien erstellt.

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