Donnerstag, 8. Dezember 2016
26.12.2013
 
 

Miley Cyrus und der Fluch der globalen Musikmaschine

Friederike Beck

Miley Cyrus‘ Leben – ist es erstrebenswert? Kann es als Rollenvorbild dienen? Ist die Sängerin nicht eigentlich Opfer und in einem geradezu gruseligen, hohlen Teufelskreis aus Studio, Promoten und Bühnenauftritten gefangen? Die entscheidende Frage wird sein, ob sie sich, die sie schon als kleines Kind Mammon, dem Gott der Gier, zum Fraß vorgeworfen wurde, nunmehr als junge Erwachsene aus dessen Machtbereich wieder befreien kann.

 

 

MTV und der VMA


Der amerikanische Musiksender MTV vergibt seit 1984 jährlich in einer aufwändigen Show einen Preis, den »Video Music Award« (VMA), an besonders erfolgreiche Interpreten. MTV gehört zum Medienkonzern Viacom (Jahresumsatz 15,8 Mrd. Dollar), dessen Vorstand und größter Anteilseigner der 90-jährige Sumner Redstone ist (Privatvermögen ca. 5,8 Mrd. Dollar).

 

MTV sendet Tag und Nacht Musikvideos auf der gesamten Erde, teilweise in an die jeweiligen Länder angepassten Formaten, und produziert damit faktisch eine globale Musikkultur. Der diesjährige VMA ging an die 21-jährige US-Amerikanerin Miley Cyrus, die vor Kurzem Papst Franziskus in der TIME-»Person-of-the-Year«-Skala nur knapp unterlag, als er zur »Person des Jahres 2013« gewählt wurde.

 

Miley Cyrus ist nicht neu im Showgeschäft; sie war zuvor bei Disney in der TV-Serie Hannah Montana unter Vertrag. Ihr Vermögen liegt bei 150 Mio. Dollar. Zum Vergleich: Die Kollegin Lady Gaga liegt bei 190 Mio., Britney Spears bei 200 Mio Dollar Privatvermögen.

 

Die VMA-Show 2013


Die diesjährige VMA-Show war so recht etwas für die ganz Kleinen unter den Fernsehzuschauern: Miley Cyrus entstieg einem übergroßen Teddybären und tummelte sich fröhlich in einer ganzen Phalanx lustig tanzender Plüschbären, die sich ihre Mittänzer teilweise auf den Rücken geschnallt hatten. Etwas seltsam war freilich, dass sie ständig ihre Zunge herausstreckte – aber das machen ja Kinder und Plüschtiere auch oft, nicht wahr? – und meist in gebückter Haltung ging. In der Mitte der Show entledigte sie sich ihres Plüschkostüms und wechselte zu fleischfarbenem Lack über, der nur notdürftig ihre Absicht kaschierte, nackt auf der Bühne zu stehen, was der TV-Sender ihr aber verwehrt hatte,

 

 

so kommentierte sie später. Auch verwendete die frisch gekürte »Künstlerin des Jahres 2013« einige seltsame Gesten, die vorübergehend irritierten, jedoch nicht davon abhielten, die Sängerin in allerlei Fernsehshows einzuladen, u. a. auch mit GEZ-Gebühren zu Wetten, das…? mit Markus Lanz. Das Zielpublikum der VMA-Show waren Kleinkinder, Kinder und Jugendliche, mithin die Altersklasse, die bekanntlich Vorbilder sucht und benötigt, die nachahmt und imitiert.

 

Klamauk oder Strategie?


War alles nur ein witziger, etwas überdrehter Klamauk? Oder äffte die »Künstlerin« einfach eine läufige Hündin nach, die mit heraushängender Zunge ob ihres Zustandes der Hitze verzweifelt ihre Vulva zur Kopulation anbot? Die Sängerin selbst verneinte erstere Interpretation ausdrücklich in einem Interview der Doku Miley: The Movement, die MTV über sie produzierte: »Die Leute könnten denken, es ist einfach nur ein scharfes Durcheinander, aber es ist ein strategisches scharfes Durcheinander« (»a strategic hot mess«).

 

»Jede Entscheidung ist Teil eines größeren Plans.«

 

Ein klarer Hinweis darauf, dass es eine wohlüberlegte Regie gibt und nichts dem Zufall überlassen ist. Miley Cyrus begreift sich nicht nur als Sängerin oder Entertainerin, sondern als Führerin einer »Bewegung«, worauf auch der Filmtitel hinweist. »Für mich muss die Bewegung etwas Größeres sein als nur eine Aufnahme. Für mich steht die Bewegung für die Übernahme der Welt.« Ihre Anhänger sind für sie »meine Armee«.

Sie beschreibt die Bedeutung der Musik, mit der sie rund um die Uhr aufwuchs, so: »Wir hörten die ganze Zeit Musik. Und auch, wenn wir es nicht merkten: Das sickert in dein Gehirn, deine Seele und deinen Geist, das macht dich zu dem, der du bist, deine DNS… Ich war das erste Idol für eine Menge Leute.« (Interviews Miley Cyrus bei MTV in der Doku The Movement.)

 

Doppeldeutig und mehrbödig


Die Produktionen, die Cyrus und ihre Crew auf die Bühne brachten, sind mehrbödig: Sie können ganz platt konsumiert, auf ihren explizit pornografisch-obszönen Inhalt reduziert oder in ihrer teils mehrfachen Bedeutung ausgeleuchtet und aufgefächert werden.

 

Der Song We can’t stop, mit dem Cyrus beim VMA auftrat, ist gleichzeitig auch der Titel ihres ersten Single-Albums. Sie entsteigt bei der Show in einem Teddybärkostüm seltsam gekrümmt einem Riesenbären über eine Treppe, die sich aus dem Bauch des Plüschtieres herausklappt. Es fällt ihre merkwürdig aggressiv seitlich herausgestreckte Zunge auf, die eigentlich nicht zu einem lockeren Teddybärimage passt, zudem striegelt sie etwas Imaginäres in Hüfthöhe und anschließend in Kopfhöhe: Es sind offenbar ein unsichtbarer Schwanz und langes Kopfhaar, das sie beides nicht trägt! Anschließend springt die Sängerin wild fuchtelnd und die Hüfte schwenkend zwischen den Bären herum.

 

Ein-Dollar-Note »Novus Ordo Seclorum«, Ausschnitt: allessehendes Auge.

 

Ihr Teddy-Kostüm wirkt auf den ersten Blick lustig und kindgerecht, jedoch dienen die Ohren des Bären gleichzeitig als eine Art Büstenhalter, Mund und Nase des Tieres springen überraschenderweise bei seitlichen Drehungen der »Künstlerin« in das sattsam bekannte allessehende Auge der Ein-Dollar-Note um. Das ist jedoch nicht das einzige pathetische Esoterik-Schrottteil, das sich finden lässt.

 

Inspiration aus dem Tarot?


Die erste Szene kann man ohne weiteres auch als Teufelsanrufung interpretieren:

Tarot-Karte XV: Der Teufel

 

Auf der Tarotkarte Nr. XV, welche den Teufel darstellt, findet sich nicht nur Mileys penetrant herausgestreckte Zunge, sondern sogar ihre zwei Brustkreise und das »lustige Gesicht« auf ihrem Bauch. Natürlich dürfen dabei die angedeuteten Hörnchen auf dem Kopf nicht fehlen, die von den meisten wahrscheinlich lieber als lustige Bärenohren gedeutet werden.

 

Ihre merkwürdige Zungenhaltung war auch Anlass für Nachfragen in der The-Ellen-Show. Mileys Erklärung: Sie sei kamerascheu und hätte Probleme damit, fotografiert zu werden, statt zu lächeln strecke sie lieber die Zunge heraus. Es sei eine nervöse Angewohnheit. Dass dies nicht ganz nachvollziehbar ist, merkte auch Ellen DeGeneres und erinnerte daran, dass die Sängerin doch seit Kindertagen vor der Kamera stehe…

 

 

 

Anrufung der dunklen Hindu-Göttin Kali?


Woher kommt das Vorbild also? Die ständig herausgestreckte Zunge ist auch ein Merkmal der furchterregenden Hindu-Göttin Kali. Sie ist eine bekannte Göttin des Todes und der Zerstörung (aber dadurch auch der Erneuerung), und eine Verkörperung des Zorns, die das Weltall mit ihrem Brüllen erfüllt. Kali verschlingt auch die Zeit.

 

Als Kali brünstig vom Blut ihrer Feinde auf dem Schlachtfeld tanzte, legte sich ihr Gemahl Shiva auf den Boden, um sie zu beruhigen. Erst als sie auf ihm tanzte, erkannte sie ihren Gatten, und vor Scham und Schrecken streckte sie ihre Zunge heraus, so die Legende. Kali stellt somit eine aggressive, furchteinflößende, weibliche Sexualität dar, welche Männer unterwirft, was von Miley Cyrus durchaus in moderner Version repräsentiert wird, denn sie entwickelte sich vor aller Augen unter Anleitung ihrer Förderer aus dem Musik-Business vom charmanten, langhaarigen, netten »Mädchen von nebenan« zu einer sexuellen Kampf-Drohne mit Sturmfrisur.

Die langhaarige Hindu-Göttin Kali

 

Dass Cyrus‘ Regisseure sich von einer Mischung aus Teufel und Kali inspirieren ließen, ist wahrscheinlich, dazu passt auch, dass die »Künstlerin« ihre nicht vorhandenen langen Kopfhaare in der Eingangsszene striegelt: Lange Haare sind eines der deutlichsten Attribute der schwarzen Hindu-Göttin.

 

Nachdem Cyrus einige Momente wild mit den Armen herumgefuchtelt und ihren Schritt bedeutungsvoll immer wieder mit dem Mikrofon bearbeitet hat, lässt sie blitzschnell das Teddybärkostüm fallen, steht in fleischfarbener Lackunterwäsche da und greift sich einen riesigen Handschuh mit einem abnorm langen Zeigefinger und roter Fingerspitze, den sie in alle möglichen einschlägigen phallischen Positionen bringt und damit vor allem Kali-haft furios ihren Sangespartner attackiert. Das »Twerken« vor Robin Thicke in Kopulationspose beantwortet dieser ebenfalls mit »Twerking« – eine Wortschöpfung aus »to wist« (drehen) und »to jerk« (zucken, sich winden, onanieren).

 

Geradezu putzig: Cyrus‘ Handschuh sieht nun der Tarotkarte Nr. XV in einer anderen Version ähnlich. Man beachte den roten »Dorn«, den die Teufelsgestalt über ihre Hand gestülpt hält.

Tarot-Karte XV: Der Teufel

YouTube Still, Miley Cyrus während der VMA-Performance mit Spezialhandschuh

 

Das Versatzstückpotpourri des VMA 2013 erlaubt aber auch noch eine andere Interpretation des Handschuhs mit der dornenartigen Spitze: Es könnte auch ein Fon-Finger sein, so meinten viele Fans – jeder möge sich seine Meinung bilden.

 

Shaolin Fon(g) auch Soi Fon, ist eine japanische Manga-Figur, eine Art Berufssoldatin und »Kapitänin« der Division 2a, kräftig, athletisch, Angehörige einer Art Spezialeinsatzkommando. Auf Tötungsbefehl hin zieht sie ihren metallischen Stachel auf den Mittelfinger und erledigt damit ihre letalen Aufträge.

 

»Fon-Finger« der Shaolin-Kämpferin Soi Fon.

 

Der Verlust des Intimen

 

Die VMA-Veranstaltung und die Videoversion des aufgeführten Songs haben natürlich für psychisch und geistig normal entwickelte Erwachsene nicht die geringste Bedeutung – außer der, Anlass zu einer eventuell nachfolgenden Analyse zu geben. Denn das Zielpublikum sind Kinder und pubertierende Jugendliche. Diesen wird ein Verhalten als erstrebens-, lohnenswert und umjubelt dargeboten, das sich schlicht mit den Erziehungszielen der Mehrzahl der Eltern und Lehrer nicht deckt. Ohne die Vielzahl der obszönen Gesten, Handzeichen und Bewegungen aufzählen zu wollen, lässt sich doch ein gemeinsames Merkmal feststellen: Den Heranwachsenden wird vermittelt, dass das Private und Intime (siehe auch engl. »private parts«) im Gegenteil etwas Öffentliches sei, dass Handlungen, die normalerweise in einem privaten, vor den Augen Fremder gut geschützten Raum ihren Platz haben, sich jetzt vielmehr und völlig normalerweise öffentlich abspielen können.

 

Dies hat natürlich Auswirkungen auf das Verhalten von Jugendlichen, was Eltern und Erzieher bisweilen aufschrecken lässt: So greift z. B. das sog. »Sexting« immer mehr um sich. Dabei werden intime oder pornografische Fotos und Videos von sich selbst oder Freunden mit bestimmten Apps über soziale Netzwerke verschickt.

 

Der Begriff »Sexting« setzt sich zusammen aus »Sex« und »Texting«, also eine Kurznachricht schreiben. Dass es u. U. problematisch sein könnte, Nacktfotos zu verschicken, fällt vielen Jugendlichen gar nicht mehr auf. Der Verlust der Scham ist ein Warnsignal. Unser System ist gerade dabei, das Private und die Intimsphäre abzuschaffen, und Heranwachsende begreifen nun einmal besonders schnell, was »angesagt« ist.

 

So möchte eine 19-Jährige vor Publikum in einer Londoner Kunstgalerie ihre Jungfräulichkeit verlieren – in einem Kunstakt – und damit ein Zeichen setzen gegen das bisherige Klischee der langweiligen Intimität.

 

Das schwächste Glied in der Kette

 

Die schwedische Forscherin und Autorin Helena Norberg-Hodge veröffentlichte 1991 ein Buch Ancient Futures: Learning from Ladakh (dt. Leben in Ladakh, in 40 Sprachen übersetzt), von dem es auch eine eindrucksvolle Filmversion gibt.

 

Darin zeichnet Norberg-Hodge ihre Erfahrung mit dem Land hoch im Himalaya nach, in das sie 1975 zu ersten Mal reiste. Das Leben war einfach und hart, aber die Menschen glücklich und zufrieden. Dann setzte die »westliche Entwicklung« der Region ein. Norberg-Hodge dokumentiert eindrucksvoll, wie die dortige traditionelle Gesellschaft »geknackt« wird, soziale, ökonomische und ökologische Umwälzungen erfolgen und die Kultur dort an den Rand des Zusammenbruchs geführt wird, indem die Verwestlichung am schwächsten Punkt der Gesellschaft ansetzt: bei ihren pubertierenden Jugendlichen.

 

Natürlich hält uns Norbergs Dokumentation einen Spiegel vor: Was im Himalaya unter dem Stichwort »Fortschritt« und »Globalisierung« wie im Zeitraffer stattfand, findet bei uns auch statt – wir nehmen es nur kaum noch wahr oder einfach hin.

 

Dabei sollte man besonders sorgsam analysieren, was in der sog. Jugendkultur geschieht. Abgesehen davon, dass hier Milliarden umgesetzt werden, geht es um Vorbilder, Idole und Verhaltensorientierungen, die Millionen von Jugendlichen hier suchen und finden…

 

 

VMA 2013 mit Miley Cyrus

 

Schamlosigkeit und Enthemmung – Endziel der globalen Musikkultur?

 

Schamlosigkeit und Enthemmung, also das Öffentlichmachen von Privatem und Intimem, wird von keiner Kultur der Welt unterstützt oder als Erziehungsziel angesehen – außer in der westlichen, wo solch ein Verhalten von seinen Promotoren mit maximaler Bestätigung, d. h. Ruhm, Anerkennung und Reichtum belohnt wird.

 

Letzteres Stichwort ist überhaupt der Schlüssel zur Aufklärung des Phänomens. Durch gezielte und verfrühte Stimulation und Freisetzung der sexuellen Energie bei Kindern und Jugendlichen kann diese umgewandelt werden in eine anderer Form der Energie: Geld.

 

Diese Nutzbarmachung von Menschen im Dienste Mammons beschrieb schon Goethe mit dem genialen Begriff des »Veloziferischen«, zusammengesetzt aus »Geschwindigkeit« (lat. »velocitas«, Eile, Geschwindigkeit) und Luzifer. Im Kern geht es darum, wie Goethe hellsichtig sah, nichts mehr einem normalen Reifeprozess zu überlassen, sondern alles zum Wohle der Gewinnmaximierung mit (Zeit)druck und Stimulierung zur vorzeitigen Reife zu bringen. (Den Begriff nutzte Goethe in einem Schreiben an seinen Neffen Nicolovius im November 1825, worin er klagte, »das Veloziferische« sei das »größte Unheil unserer Zeit, die nichts reif werden lässt … und so immer von der Hand in den Mund lebt«.)

 

»We Can't Stop« – was sagt der Text?


Wenden wir uns nun den »Lyrics« zu, also dem Text der Lead Single We Can't Stop aus dem Album Bangerz (Juni 2013), dessen Begleitvideo alle Rekorde schlug – es wurde weltweit bisher 100 Millionen Mal angesehen! Der Text zu »Wir können nicht aufhören« stammt nicht von Cyrus, sondern von einem Autorenkollektiv von sechs Männern, darunter auch einem Bruder der Sängerin.

 

We Can't Stop


It’s our party we can do what we want (2x)

It’s our party we can say what we want

It’s our party we can love who we want

We can kiss who we want

We can see who we want (2x)


Red cups and sweaty bodies everywhere

Hands in the air like we don’t care

Cause we came to have so much fun now

Bet somebody here might get some now


If you’re not ready to go home

Can I get a hell no

Cause we gonna go all night

Till we see the sunlight alright



So la da di da di, we like to party

Dancing with Molly /Miley

Doing whatever we want

This is our house

This is our rules

And we can’t stop

And we won’t stop

Can’t you see it’s we who own the night

Can’t you see it’s we who bout’ that life

And we can’t stop

And we won’t stop

We run things, Things don’t run we

We don't take nothing from nobody

To my home girls here with the big butt

Shaking it like we were at a strip club

Remember only God can judge ya

Forget the haters cause somebody loves ya

And everyone in line in the bathroom

Trying to get a line in the bathroom

We all so turned up here

Getting turned up, yeah, yeah.

 

Die Botschaft an pubertierende Jugendliche, die sich gerade versuchen, abzunabeln und an Selbstständigkeit zu gewinnen, ist simpel: Das Leben ist eine ständige Party, tu und sag, was du willst, küsse, wen und geh, mit wem du willst, ihr macht euch die Regeln und wenn jemand (z. B. Eltern) etwas einzuwenden hat: Vergesst sie, diese Hasser (»haters«).

 

Miley, Molly, Ectasy


Einige Textpassagen ließen trotz einer weitgehend abgestumpften Öffentlichkeit dennoch aufhorchen. Das letzte Wort der Zeile »Dancing with Molly« wurde bezeichnenderweise auf dem MTV-Musikvideo herausgeschnitten und in der schriftlichen Version teilweise durch »Miley« ersetzt.

 

Warum? »Molly« ist die Abkürzung für eine beliebte Partydroge namens »MDMA« oder »3,4-Methylendioxy-N-methylamphetamin«, besser bekannt unter der Bezeichnung »Ectasy«. Die erwünschte Wirkung der Partydroge: endlose Energie, Euphorie und Extase, um »mit Molly-Miley« die ganze Nacht durchzutanzen. (Im amerikanischen Englisch werden beide Namen nahezu identisch ausgesprochen.) Ist es Zufall, dass sich Cyrus, die eigentlich Destiny Hope mit Vornamen heißt, 2008 in Miley umbenannte?

 

Auch in ihrem Song »French Montana – Ain't Worried About Nothing« erwähnt Miley Cyrus die Droge Ectasy: »Pop a molly and you know you know you'll never stop« – »Wirf ‘ne Molly ein und du weißt, du wirst nie mehr aufhören«…

 

Das ist in der Tat ein Problem! »Regierungsdaten zeigen einen 123-prozentigen Anstieg der Notfallaufnahmen zwischen 2005 und 2009, das letzte Jahr, wofür Statistiken vorliegen. Die Droge wurde ein populäres Thema unter Musikern wie Kanye West, Rick Ross und Miley Cyrus, die sich in ihren Liedern darauf beziehen«, so kürzlich eine US-Quelle.

 

Interessant: In keiner einzigen Talk-Show wurde Miley Cyrus zu diesem heiklen Thema befragt; ein Beweis, dass man im Showbusiness mit den Drogenbossen stillschweigend gemeinsame Sache macht. Die relativ leicht zu erwerbende Droge, die in den letzten Jahren zu einem starken Anstieg von Fällen tödlicher Überdosierung geführt hat, wird sehr oft mit anderen Designerdrogen oder anderen Substanzen zusammengemixt, z. B. Amphetaminen, PCP (Phencyclidin), Kokain und Koffein, was sie noch unberechenbarer und problematischer macht.

 

Ein Vertreter der US-Drogenbehörde sagte kürzlich Folgendes dazu: »Es gibt keine gute Lieferung Molly, MDMA oder Ecstasy. Man hat doch keine Ahnung, was in dem Zeug drin ist. Die Dealer wollen nur mehr Geld machen, deshalb mixen und panschen sie den Stoff mit Meth (Crystal Meth) und einer Reihe anderer Drogen.«

 

Kokain ziehen


Doch Mileys Botschaft an Kinder und Jugendliche ist noch nicht zu Ende. Weiter heißt es in dem Hit:

And everyone in line in the bathroom

Trying to get a line in the bathroom

We all so turned up here

Getting turned up, yeah, yeah

»Alle stehen im Badezimmer Schlange, um eine Linie im Badezimmer zu kriegen. Wir sind so angeturnt hier, wir werden angeturnt…«

 

Zum Begriff »turned up« bemerkt das nützliche und witzige Urban Dictionary auch: »Verrückt handeln aufgrund des Konsum großer Mengen von Alkohol, Marihuana, Molly oder anderer Drogen.« Auch ohne größere Kenntnis der Szenesprache dürfte bekannt sein, dass der gängige Ort, (sich) eine oder mehrere Linien Kokain u. ä. zu ziehen, das Badezimmer ist. Tja, und mit Miley stehen dafür alle in der Schlange.

 

Das wirre Musikvideo We can’t stop


Im Musikvideo, das Cyrus zum Song We can’t stop veröffentlicht hat, geht es wirr zu:

 

Alle nachfolgenden Bilder sind Stills aus diesem YouTube-Film.

 

Der Film reiht wild Szenenschnipsel aneinander: Cyrus windet sich ausgiebig in verschiedenen obszönen Posen und Gesten. Die Farbe der Unschuld »weiß« ist natürlich genau wie der Gesichtsschleier nur eine formale Provokation, die im Kontrast zur Eindeutigkeit der Szenen steht.

 

 

Interessant ist auch die wiederholte Darstellung lesbischer Zweideutigkeiten. So stellen sich Mitperformerinnen bedeutungsvoll hinter Cyrus auf und schauspielern sogar einen Orgasmus. Donnerwetter!

Ansonsten belegen Filmszenen, dass Miley Cyrus offensichtlich in der analen Phase stecken geblieben ist,

 

Interesse an Selbstverstümmelung zeigt,

und der Meinung ist, dass man Geld essen kann (im Übrigen ein wunderbares Bild für Gier),

 

und offensichtlich denkt, dass ihre Anhänger alle Schafe ohne Durchblick seien,

mit Köpfen genauso leer wie der magische Kreis, in dem sie stehen.

 

Der Song 23 Explicit

 

High off Purp

In einem weiteren Song, 23 Explicit, der im Juni 2013 mitsamt Video veröffentlicht wurde, geht es überschaubar zu: Es gibt darin explizit nur zwei Themen: 1. Drogen, 2. Product Placement, also Produktplatzierung – oder geht es eigentlich nur um Letzteres? Der stupide Text, den man hier in Gänze nachlesen kann, setzt gleich »explicit« ein:

I'm in the club high off purp with some shades on

Tatted up, mini skirt with my J's on

J's on my feet…3x

So get like me…

Miley ist also in einem Club und »high off purp«. Bedeutung? »Purp« ist ein Slangwort für Marihuana von hoher Qualität, d. h. mit besonders großer Rauschwirkung, das eine purpurne Farbe hat, da es spät im Blütestadium geerntet wird. Das »Gras« wird auch »Purple Kush« genannt; »purple« von »purple afghani« und »kush« von »hindu kush«, was für die Züchtung steht.

Purpurfarbenes »Purp«-Marihuana

 

Die erste Zeile ihres Songs weckte jedoch auch den Verdacht, Miley sei noch wegen etwas anderem »high«, nämlich auf »purple drank«. Es wird hergestellt aus kodeinhaltigem Hustensaft und Limonade und auch »Sizzurp« oder »lean & drank« genannt. Der Ausdruck »purple drank« rührt vom purpurfarbenen Etikett der Hustensaftflasche her.

 

Des weiteren hat sie »some shades on«. »Shades«, das ist ein Slangausdruck für eine Sonnenbrille, die nötig wird, um eine Nebenwirkung des Drogenkonsums – gerötete Augen – zu kaschieren.

 

Produktplatzierung

 

»Tatted up, mini skirt with my J’s on,…«, an dieser Stelle fängt dann eine weitere »Produktplatzierung« an. Die Sängerin ist tätowiert, trägt einen Minirock und rappt von »J‘s«, gemeint sind Nike Air Jordans, also Sportschuhe der Kult-Marke, die Michael Jordan bei Nike auflegte. Der berühmte Basketballer mit der Hemdnummer 23 liefert formal das Thema des Videos.

 

Im weiteren Verlauf des Songs empfiehlt Miley Cyrus noch folgende Schuhmarken des Nike-Konzerns:

  • Wolf Greys: »In them Wolf Greys like it's my house«, eine unverhohlene Werbung für Schuhe der Serie Air Jordan (Air Jordan V (5) Retro-)
  • Air Jordan 12 XII Jason Taylor PE (Taylors): »I be rockin' Taylors«,
  • Air Jordan 12 Flu Game Retro: »Flu game twelve, Space Jam 11«…

 

High mit Hustensaft-Kodein


Gegen Ende des gerappten Songs werden noch einmal deutlich die Symptome des Drogenrausches beschrieben:

Turn up, turn up, turn up, I get trippy, I stay live

All this purple in my cup, match them grape 5's

I'm so high, I got three bitches that go bi

I'm so fly, I'm gettin' head like a blow dryer…


»Aufgedreht, angeturnt, ich werd‘ trippig (=psychedelisch), ich bleib am Leben,

All dieser kodeinhaltige Hustensaft-Drink in meiner Tasse, so gut wie Grape 5’s (schon wieder ein Schuh von Air Jordan).

Ich bin so high, ich hab drei Luder, die vorbeigehn,

Ich bin so sexy, ich bekomm einen Kopf wie ein Föhn«…

Längst vorbei sind offensichtlich die Zeiten, da Miley Cyrus verächtlich sagte: »Drogen sind was für Idioten, ich werd‘ das niemals machen!« (»Drugs are for idiots and I’m never gonna do it«). Mittlerweile raucht sie Drogen offen auf der Bühne und dahinter sowieso:

 

 

23 Explicit – das Video:


Das Musikvideo zu 23 Explicit spielt zu Anfang in einer Art Badezimmer, dann in einer Sporthalle, alle tragen die Sportkleidung von Michael Jordan mit der bekannten Nummer, aber dann geht es, einsetzend mit dem irren Gelächter des offensichtlich schwer angeturnten Mitsängers Wiz Khalifa, direkt in eine Chemieküche, wo anscheinend ganz besondere Drogen (»I got lots of flavors«) zusammengekocht werden:

 

 

 

Still aus dem Musikvideo zu 23 Explicit: Drogenküche

… Gevatter Tod ist mit dabei und

…ein Bildschirm, der eine Fantasiefomel anzeigt, ein deutlicher Hinweis auf Designerdrogen!

 

 

 

 

Eltern und Erzieher: schlechte Karten gegen die Musikindustrie

 

Unsere Gesellschaft findet sich in einer einigermaßen misslichen Lage: Die globale Musikindustrie hat sich einen sehr persönlichen und nachhaltigeren Zugang zu unseren »Kids« verschafft, als ihn oftmals Eltern und Erzieher haben: Über die kleinen, tragbaren Minicomputer, genannt iPhones u. ä. setzt sie 24 Stunden, rund um die Uhr, ihre Botschaften ab. Sie liefert destruktive Abziehbilder und Blaupausen und definiert, was normales Verhalten ist.

 

Dagegen hilft nur ein absolut offensiver Umgang mit den Produkten der Musikmaschinerie. Eine Dekonstruktion, wie sie im vorliegenden Text versucht wurde, kann sowohl im Unterricht (Englisch, Musik) als auch zu Hause mit den Eltern stattfinden, um die verschiedenen Kultfiguren zu entzaubern.

 

So ist es z. B. mit der angeblichen Unabhängigkeit (»It’s your party«) von Miley Cyrus nicht weit her: Auf all ihren Tourneen und wo immer sie arbeitet, wird die 21-Jährige von ihrer Mutter begleitet, die sich auch um ihre Finanzen kümmert. Ihre Eltern lancierten ihre gesamte Karriere, vor allem, in den ersten Jahren, ihr Vater Billy Ray Cyrus, der selbst wenig erfolgreiche Country-Sänger (ein Hit) und Schauspieler in der Disney-Serie Hannah Montana, wo auch Miley bereits als Schulkind ihre Karriere begann.

 

Eine gestohlene Kindheit


Miley Cyrus hat bei genauerem Hinsehen ein schweres Schicksal: Sie musste schon als Kind ständig arbeiten zum Wohle eines zweifelhaften Ruhms und natürlich finanzieller Vorteile für ihre gesamte Familie. Die Darstellerin beklagt denn auch in einem Interview mit Ellen DeGeneres, dass sie »so schnell erwachsen werden musste«. Das Schicksal einer gestohlenen Kindheit teilt sie mit so manch anderem Kinder-Star.

 

Es deuten sich bereits Anzeichen eines psychischen Zusammenbruchs an: Cyrus sagte in einem Interview vor der VMA-Verleihung: »Ich habe so viele bescheuerte Probleme, ich bin so durcheinander, jeder tut dumme Sachen, wenn er durcheinander ist… Ich habe kein normales Leben. Ich nehme ab und an mal eine Auszeit, aber ich bin nicht gut darin. Alles, was ich mache, ist arbeiten, also esse ich, um zu leben und weiterzumachen… Ich denke, ich bin ein Arbeitspferd. Ich bin gerne im Studio und wenn ich Urlaub nehme, ist mir so langweilig. Ich denke über die Arbeit als an etwas, das ich tun muss… Ich habe eine Aufnahme gemacht, also muss ich sie promoten, also muss ich arbeiten, um sie fertigzustellen – und dann kipp ich aus den Latschen.«

»I have so many f**king issues. I am so f**ked up - everyone does dumb stuff when they are messed up…I don't have a normal life. I take a hiatus every now and again but I'm not good at that. All I do is work, so I eat to live and to keep going… I suppose I am a workhorse. I love being in the studio and when I take vacation I get so bored. I think of work as something I have to do…I've made a record so I have to promote it so I have to work to get it done - and then pass out.«

 

Mammon, 1884/5 entstandenes Ölgemälde von George Frederic Watts (1817‑1904)

 

 

 


 

 

 

 

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