
Sie greifen gewaltig in das Denken, Fühlen und Handeln der betroffenen Menschen ein. Auch schon das Wissen um diese Erlebnisse verändert das Leben einer Person in lebensbejahender Weise. Im September letzten Jahres hatte ich der Kirchentagsleitung angeboten, über das Thema der Nahtoderfahrung in Dresden eine Veranstaltung abzuhalten, wie bereits 2009 in Bremen. Das wurde abgelehnt. Begründung: So etwas sei »nicht dran«. Ich war erstaunt, handelt es sich hierbei doch um eine Erfahrung, die bei jedem Menschen zu jeder Zeit seines Lebens »dran sein« könnte und auch sollte, und die das Dasein ungemein erleichtert, wenn man nur sachlich richtig informiert ist.
Ich machte mich Anfang Juni dennoch auf den Weg nach Dresden und erkundete auf dem Deutschen Evangelischen Kirchentag den »Markt der Möglichkeiten«. Dort wollte ich herausfinden, wie verschiedene Gruppen, die alle etwas mit »Religion« im Sinne haben, sich diesem Thema stellen. Einen Flyer zu meinem Buch Blicke hinter den Horizont hatte ich bei mir.
Großes Interesse fand ich z. B. bei der Polizeiseelsorge, den Hospizdiensten und anderen Gruppen, die sich um Seelsorge bemühen. Auch Vertreter von Medienanstalten wollten sich gern meinem Thema widmen. Außerdem führte ich viele Privatgespräche und stellte fest, wie fasziniert die Gedanken zu den Nahtoderfahrungen zur Kenntnis genommen wurden. Manch einer hatte allerdings bisher kaum etwas davon gehört. Ich wurde an den einen oder anderen meiner Vorträge zum Thema erinnert, wo man mir in nachfolgenden Diskussionen mehrmals sagte, mein Thema sei doch eigentlich etwas, das die Kirche den Menschen zu sagen hätte. Einmal rutschte einem Teilnehmer sogar die Bemerkung heraus: »Aber die drückt sich ja schon seit Jahrzehnten um diesen wichtigen Sachverhalt herum.« Diese harte Bemerkung trifft zum Glück nicht für alle Theologen und kirchlichen Mitarbeiter zu. Ich erlebe immer wieder auch große Unterstützung aus den Reihen der Kirche. Der sicherlich noch vielen bekannte Hamburger Theologieprofessor Helmut Thielicke bemerkte nach einem Gespräch, das er wenige Jahre vor seinem Tode mit mir, dem damals noch jungen Lehrer, über solche Probleme führte: »Hier besteht eine große Lücke in Theologie und Seelsorge! Versuchen Sie, diese auszufüllen. Sie können das.«
Bedauerlich Trostloses erfuhr ich bei einem als »umstritten« angesehenen Theologen aus Nürnberg. Er betreute einen Stand mit dem Thema: »Reich Gottes – jetzt«. Meinen Vorschlag, Nahtoderlebnisse als Hinweise zu betrachten, dass das Reich Gottes sich nicht nur »jetzt« ereignen könne, sondern auch ein Hoffnungselement der Menschen auf eine Zukunft über den Tod hinaus sind, lehnte er strikt ab. Nein, ein Leben nach dem Tod gibt es nicht, so wurde ich belehrt. Auch habe der Mensch keine Seele, die das biologische Ende überdauern könne. Seine Auskünfte, wie er mit dieser Haltung Seelsorge im Trauerfall zustande bringen könne, wurden so beantwortet, dass ich das Gefühl hatte, solche Seelsorge hilft nicht, sondern reißt nur Wunden der Seele immer weiter auf.
Nun, dieser Mann ist ein »umstrittener Theologe«. Mein Weg führte mich weiter zum Stand der
VELKD (Vereinigte Evangelisch-Lutherische Kirche Deutschlands). Dort erlebte ich dann eine weitere außerordentlich unangenehme Überraschung. Der mich dort »betreuende« Theologe warf nur einen kurzen Blick auf meinen Handzettel zu meinem Buch und wusste sofort Bescheid! Ich selbst kam kaum zu Wort, sondern wurde mit einigen sattsam bekannten und immer wiederholten Thesen der Gegner der Nahtoderlebnisse abgespeist. »Die Nahtoderfahrenen sind ja noch gar nicht ganz tot gewesen.« Das hat übrigens auch noch keiner der Betroffenen behauptet. Weiter: »Wiedergekommen aus der anderen Wirklichkeit ist bisher noch keiner!« War ihm der Sachverhalt entgangen, dass alle Sterbenden mit oft schon vor langer Zeit Hinübergegangenen in der Schleuse zwischen dem »Hier« und einem »Dort« sich haben treffen können? Kannte er nichts von den »Nachtoderfahrungen«, die in seelsorgerlichen Gesprächen oft eine wichtige Rolle spielen sollten? Weiter: »Unsterblichkeit ist ein Attribut, das nur Gott zusteht. Die Seele stirbt zusammen mit dem Leib. Man soll sich nicht auf dessen »Eigenschaften« verlassen, sondern nur auf Christus hoffen.« Karl Barth mit seiner ›Ganztodtheorie‹ lässt grüßen! Über diese Ansicht sagte schon Heinz Zahrnt auf dem Hamburger Kirchentag, dass nichts im 20. Jahrhundert der Sache des Glaubens mehr geschadet habe als diese (übrigens unbiblische) Lehre. Und dann zog er seinen letzten und größten Trumpf aus der Tasche: Was ich zu verbreiten suchte, sei gar kein christliches Denken, sondern gehöre in die griechische Geisteswelt. Wenn das ein Argument für die Unrichtigkeit einer Ansicht ist, schreit jeder, der sich mit der Kulturgeschichte Europas beschäftigt hat, innerlich laut auf. Nebenbei bemerkt: Ich habe lieber Platon auf meiner Seite als solche Theologen! Ein von mir erzähltes, ungemein beeindruckendes Erlebnis eines Freundes, das sogar den Wiedergeburtsgedanken sinnvoll erscheinen lässt, wurde mit den Worten quittiert: »Das glaube ich Ihnen nicht.« Was soll man da noch sagen?
Peter Rosien, ehemaliger Chefredakteur des Publik-Forum, hat mit der Rezension meines Buches wohl einen Finger in die Wunde der geistigen Unbeweglichkeit etlicher Theologen gelegt, wenn er schreibt: »Doch die Widerstände […] bei Theologen sind enorm. […] dogmatisch steht offenbar zu viel auf dem Spiel. Bruhn schildert das alles sehr hellsichtig.« (Publik-Forum, 5. November 2010).
Erlebnisse, die dem Mystischen nahekommen, haben es gerade in der evangelischen Kirche recht schwer. Man sollte vielleicht einmal einen Blick auf unsere katholische Schwesterkirche werfen. Ihr wohl bedeutendster Theologe des letzten Jahrhunderts, Karl Rahner, äußerte sich einmal zum Thema der Zukunft der Kirche: »Der Christ des 21. Jahrhunderts wird Mystiker sein oder er wird nicht sein.«
Hoffnungsvolle Erfahrungen beim Unterricht von mehreren Tausend Kindern und Jugendlichen über die Nahtoderlebnisse habe ich in meiner nun 44-jährigen Unterrichtstätigkeit machen können: Gerade junge Menschen erhalten durch diese Berichte einen neuen Zugang zum Phänomen »Religion«. Sie soll nach den Worten des großen Theologen Schleiermacher uns »Sinn und Geschmack fürs Unendliche« bereiten.
Kann es sich die Kirche leisten, dieses riesige Potenzial an Glaubensmöglichkeit einfach zu vernachlässigen?
Ein Trost für mich: Vielen Menschen habe ich mit den Gedanken der »Blicke hinter den Horizont« sehr helfen können. Beispiele dafür bringe ich in meinem Buch in großer Zahl. Manche Theologen und vor allem junge Menschen haben die Bedeutung der Nahtoderfahrungen für unser Leben erkannt. Man muss ihnen nur davon berichten. Es bleibt zu hoffen, dass ihre Zahl weiter wächst.
Trotz allem, was ich eben berichtet habe, vielleicht auch wegen dieser Erfahrungen, bin ich dankbar, den auf viele Weise bewegenden Kirchentag in Dresden erlebt zu haben. Mich beherrscht nämlich ein sehnlicher Wunsch: Die Welt möge in vielen Bereichen den Menschen mehr Lebenschancen geben. Berichte über Nahtoderfahrungen, die »Lust auf ganz viel Leben machen«, sollten dazu ihren Beitrag leisten. Und sie können es.
Jörgen Bruhn, Theologe, Lehrer und Nahtodforscher, Hamburg, unterrichtet an Schulen in Norddeutschland über Nahtod- und Nachtoderfahrungen.
(Autor des Buches Blicke hinter den Horizont,
Alsterverlag, Hamburg 2009, erhältlich auch über den Kopp Verlag)
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