
Sein Ego scheint gigantischer als die Pyramiden von Gizeh, sein Einfluss größer als der eines Pharao und sein Zorn auf Andersdenkende mächtiger als derjenige antiker Gottheiten. Dr. Zahi Hawass gilt als der mächtigste Archäologe der Welt, doch seine Person ist auch in Fachkreisen umstritten. Wenn es sich um die Relikte ägyptischer Vergangenheit dreht, wird Hawass zum Nabel der Welt. Nichts geht hier ohne ihn, keine Entscheidung, keine Genehmigung, kein Interview. Der cholerische Ich-Archäologe ist medial omnipräsent und lässt sich wahrlich keine Entdeckung
entgehen – selbst solche, die er gar nicht für sich in Anspruch nehmen dürfte. Zwar schon chronisch, ist er auch stets akut. Der von ihm auf seine Mitarbeiter ausgeübte Druck ließ die steinernen Deckenbalken in der Königskammer knirschen, die beißende Intensität seiner öffentlichen Auftritte gilt längst schon als Markenzeichen. Dies ist das Bild, das der Chef der ägyptischen Antikenverwaltung und spätere Antikenminister über viele Jahre von sich in den heißen Sand grub.
In der Ägyptologie ist dieser alles beherrschende Mann bisher wahrlich Gesetz gewesen. Doch nun könnte bald alles anders werden. Schon seit geraumer Zeit beginnen die Granitsäulen unter ihm zu wanken. Seit er sich in der Revolution noch weitgehend zum alten Regime bekannte, bersten die einst so festen Fundamente. Die allgemeinen Wirren haben auch ihn erfasst. Gerade noch war er zum ersten Minister für Antiken-Angelegenheiten ernannt worden, schon war er es nicht mehr. Zumindest wurde er bei der Umbildung der Regierung nicht mehr explizit ins neue Boot genommen. Am 6. März trat er dann selbst von seinem hohen Posten zurück. Die Begründung war wenig nachvollziehbar. »Dr. Zahi« erklärte damals, die Sicherheit der Altertümer aufgrund der allgemeinen Situation im Lande nicht mehr garantieren zu können. Dabei handelte er sich unter anderem die Kritik ein, gerade zu diesem Zeitpunkt sein ganzes Gewicht und seinen Einfluss in die Waagschale werfen zu müssen, aber alle Verantwortung von sich zu weisen. Kritisiert wurde er nicht zuletzt auch für sein enges Verhältnis zum Präsidentenehepaar Mubarak. Doch letztlich kehrte Hawass auf seinen Posten zurück: Am 30. März wurde er auf ein Neues zum Antikenminister ernannt. Im April folgte bereits die nächste Wende – in einem Rechtsstreit hatte er ein Gerichtsurteil missachtet, jetzt sollte er dafür eine Geldstrafe entrichten und für ein Jahr ins Gefängnis gehen. Durch ein Regierungsdekret war er dann aber bald wieder entlastet.
Seitdem sind rund zwei Monate vergangen. Mitte Juli begannen dann wiederum Gerüchte und Berichte zu zirkulieren, Hawass sei nun als Minister endgültig »gefeuert« worden. Alles schien sich zu wiederholen. Am 17. Juli bestätigte eine Meldung der Associated Press die Entlassung von Hawass. Kurz davor habe der 64-jährige Chefarchäologe sein Büro verlassen und sei dabei von
Demonstranten abgefangen worden, um sich aber unmittelbar darauf in ein Taxi retten zu können. Doch die tatsächliche Situation um die neuerliche Entlassung blieb unklar. Vor allem steht bislang offiziell kein Nachfolger fest. Kurzzeitig sah es so aus, als wäre Dr. Abdel Fattah El-Banna hierzu bestimmt worden, ein Geo-Ingenieur der Universität Kairo. Der Wissenschaftler, der in Warschau promovierte, hatte auch Proteste gegen Zahi Hawass sowie dessen engen Freund und Kollegen Mark Lehner angeführt. Im vergangenen Monat erklärte El-Banna: »Die Leute wollen Hawass nicht«. Nur wollten die Archäologen auch Dr. El-Banna nicht – was ebenfalls verständlich ist, denn diesen Job einem Nichtarchäologen anzuvertrauen, scheint kaum der richtige Weg. El-Banna ist zwar Experte für die Restauration von Steinmonumenten, aber eben doch kein Altertumskundler. Also wieder nichts mit der Abschaffung jenes menschlichen Monumentes namens Hawass, dem Hüter altägyptischer Relikte und Geheimnisse.
Kürzlich stellte die Archäologin und Aktivistin Nora Shalaby mit Blick auf Hawass fest: »Er war der Mubarak der Antiquitäten, er handelte so, als ob sie sein Eigentum wären, nicht das des ägyptischen Volkes.« Hawass selbst erklärte angesichts der Angriffe auf ihn: »Alle Teufel haben sich gegen mich verschworen!« und fügte hinzu, er glaube, die Archäologie werde im Ergebnis darunter leiden. Ganz vorbei ist seine Ära allerdings sowieso noch nicht. Am 19. Juli wurden sämtliche Gerüchte seiner Entlassung wiederum dementiert, und Zahi Hawass äußerte gegenüber The Art Newspaper, Premier Essam Sharaf habe ihn gebeten, die Arbeit weiterzuführen. Natürlich ein Triumph für den scheinbar so unerschütterlichen wie unantastbaren ägyptischen Archäo-Fürsten, der gegenwärtig wohl durch niemanden ersetzbar ist. Doch der Wandel liegt in der Luft, auch Hawass ist sich wohl dessen bewusst.
Er hat sich viel gestattet über die Jahre, zu viel, und sich mit seinen, wenn auch nicht offiziell geäußerten Rückforderungen berühmter altägyptischer Museumsstücke auch im europäischen Ausland nicht überall Freunde geschaffen. Sein Verhältnis zu den alten Kräften, sein anschließendes Einlenken in den post-revolutionären Orbit, seine mediale Omnipräsenz, sein in Wissenschaftskreisen unüblicher Sensationalismus, seine lukrativen National-Geographic-
Verbindungen, sein manipulativer Umgang mit Fakten, seine vielfach monierte Annexion von Entdeckungen, seine persönlichen Vermarktungsaktionen, seine eiserne Regentschaft in der Antikenverwaltung, dies alles und noch vieles mehr hat ihm innerhalb und außerhalb der Fachkreise eine immer stärkere Ablehnung gebracht. Nicht, dass er nicht auch viel für sein Land und dessen Altertümer getan hätte, nicht, dass er keine echte Mission in seiner umfangreichen Arbeit gesehen hätte! Auch seine Kompetenz wird kaum je bestritten, doch hat er den Bogen schlichtweg in allem überspannt. Zahi Hawass hat sich selbst zum Symbol stilisiert, zum Sinnbild der ägyptischen Altertümer. Der »Antiken-Zerberus« verlor dabei die Relationen aus dem Sichtfeld, in seinem Schatten schienen selbst die Pyramiden klein. Die für viele erkennbare Maßlosigkeit des Auftretens und der Umgang mit Mitarbeitern wie Kollegen glitten zuweilen ins Bedrohliche. Nicht zuletzt darin dürften die mehr und mehr gegen ihn aufkeimenden Antipathien zu einem großen Teil begründet sein.
Ob es für ihn noch einen Weg aus der Krise gibt? Wie Martin Bailey von The Art Newspaper anmerkt: »Hawass' Zukunft ist nun sehr ungewiss«. Dennoch scheint eines gewiss: Nämlich, dass er sich auch in Zukunft gut zu beschäftigen und medial in Szene zu setzen verstehen wird, ob nun als Antikenminister oder nicht.
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