
Viele atmeten auf, als amtlich bekannt wurde, dass Dr. Zahi Hawass seinen Hut nehmen muss. In den folgenden Wochen und Monaten ging es allerdings im Land und in der ägyptischen Archäologie chaotisch zu, so dass zunächst der gerade noch als neuer Chef des ägyptischen Supreme Council of Antiquities (SCA) nominierte Abdel-Fattah al-Banna sofort wieder aus dem Rennen flog – sicherlich zu Recht, war er doch nicht einmal Archäologe. Entsprechend groß fielen bald die Proteste gegen ihn aus, obwohl er teils den frischen Wind symbolisierte, nach dem auch die
jüngere Archäologen-Generation im Land verlangte. Doch auch al-Banna selbst betrachtete sich als ungeeignet für das Amt – Ägypten brauche einen Antikenfachmann, keinen Restaurations-Experten, so erklärte er.
In Folge fiel die Wahl auf den bisherigen Leiter der SCA-Antikenabteilung, Mohammed Abdel Fattah. Ganz einfach war er nicht einzuordnen, immerhin aber ließ er durchblicken, als neuer Generalsekretär des SCA die Meinungsverschiedenheiten in der SCA-Leitung auflösen, Korruption ausmerzen und die Situation für die Mitarbeiter generell entlasten zu wollen. Auch garantierte er die Fortführung und Beendung wesentlicher Projekte, unter anderem an der berühmten Stufenpyramide, wobei insgesamt davon ausgegangen wurde, dass Fattah deutlich weniger Macht als Hawass ausüben würde. Da fragte sich wohl mancher, ob denn überhaupt jemand in der Lage sein würde, Hawass hier noch zu überbieten!
Gerade auch ausländische Ägyptologen litten zunehmend unter dem Druck und den Einschränkungen durch die strikte Politik des von Präsident Mubarak zum Antikenminister ernannten Hawass, der das internationale Bild der ägyptischen Archäologie über Jahrzehnte hinweg zunehmend prägte. Nicht wenige Fachkollegen warfen ihm vor, lediglich auf Medienwirksamkeit aus und als Wissenschaftler unaufrichtig zu sein. So habe er Entdeckungen anderer für sich annektiert und Fakten zurechtgebogen, und zwar so lange, bis sie mit seinen eigenen Theorien übereinstimmten. Wer zu anderen Ergebnissen gelangt war und somit auch andere Meinungen vertrat, brachte keinen Fuß mehr auf ägyptischen Boden. Was hier geschah, war selektive Wissenschaft, die keinen Raum für Neues ließ. Wenn bedeutende neue Funde gemacht wurden, so stand am Ende der wissenschaftlichen Nahrungskette stets nur ein Name: Zahi Hawass. Auch seine Forderungen, einzigartige ägyptische Exponate aus ausländischen Museen wieder ins Land zurückzuführen, stießen selbstredend nicht überall auf Gegenliebe. Ungeachtet der Fragen um die Rechtmäßigkeit, mit der die jeweiligen Objekte einst in den Besitz der jeweiligen Nation gelangt waren, schien teilweise schlichtweg das Verfallsdatum jeglicher Forderungen überschritten. Insgesamt hatte Hawass den Bogen weit überspannt. Das konnte nicht gut gehen. Sein Versuch, die totale Kontrolle zu erlangen, über alles und jedes, was mit ägyptischer Archäologie zu tun hatte, war zum Scheitern verurteilt. Auch dies war lediglich eine Sache der Zeit.
Dr. Hawass war in seinem Tun weit gekommen, und wahrscheinlich werden erst die kommenden Jahre preisgeben, was hier auch unter der Hand gehalten wurde, um eben nicht an die sonst von ihm so geliebte Öffentlichkeit zu dringen. Verschiedene unabhängige Gruppen, die investigativ in Ägypten aufgetreten sind, um verbliebene Geheimnisse zu ergründen, wurden teils völlig unbegründet in ihrer Arbeit behindert oder mussten feststellen, in welch kleinem Kreis die tatsächlich relevanten Informationen gehalten werden. Auch hier wurde offenbar das alte und wirksame Prinzip der kleinen Machtgruppe effektiv umgesetzt. Von Verschwörungstheorien zu reden, ist in solchen Fällen immer leicht, doch die vermeintlichen Hirngespinste von Vergangenheit und Gegenwart haben sich in der Zukunft nur allzu oft bewahrheitet. Hawass seinerseits befürchtete jedenfalls die Präsenz einiger Personen, die beabsichtigten, »die Geschichte Ägyptens zu ändern«. Das musste natürlich um jeden Preis verhindert werden, auch um den Preis der Wahrheit.
Hawass hatte zudem einige bemerkenswerte Prognosen abgegeben, unter anderem sprach er bereits vor Jahren davon, dass die echte Grabkammer des Cheops bald gefunden werde. Bis heute
wurde darüber nichts bekannt, und Hawass erlebt deren Entdeckung zumindest nicht mehr als Antikenminister. Er will sich nunmehr ganz der Wissenschaft und Lehre widmen sowie außerdem weitere Bücher über Ägyptologie publizieren. Fest steht, dass er auch in Zukunft nicht ganz aus dem öffentlichen Licht verschwinden wird. Der neue SCA-Chef stand hingegen auch nach Amtsübernahme durch Abdel Fattah nicht fest! Der nämlich musste bald erkennen, nicht die vollkommene Autorität zu besitzen, mittels derer er überhaupt erst die Verantwortung für die mit seinem neuen Posten verbundenen Aufgaben hätte übernehmen können. Teilweise scheinen Hintergrundkräfte am Wirken, die hier für eine weitreichende Blockierung sorgen. Irgendwie will nichts weiter gehen. Innerhalb des SCA setzen sich die Proteste fort, Archäologen streiken im gesamten Land und Angestellte des SCA erklären sich mit ihnen solidarisch.
Die Situation scheint paradox, man scheint sich selbst aushebeln zu wollen: Mitarbeiter der Antikenverwaltung richteten sich unter anderem gegen Korruption und Missmanagement in der obersten Archäologiebehörde des Landes, sie fordern Sicherheit für sich und insgesamt bessere Bedingungen. Auch wurden 4.065 temporäre Angestellte nicht fest ins SCA übernommen, trotz früherer Garantien, wie sie auch Hawass ausgesprochen hatte. Was aber nun in den vergangenen Tagen geschah, macht offenbar überhaupt keinen Sinn. Denn überall im Land werden aus Protest alte Tempel und Ausgrabungsstätten für den Tourismus geschlossen, darunter der legendäre Tempel von Abu Simbel bei Assuan und der beeindruckende Abydos-Tempel in Sohag. Mit Abydos wurde die siebte antike ägyptische Stätte dicht gemacht und es wird wohl weitergehen. Wie aber sollen die Bedingungen verbessert werden, wenn man der wichtigsten Einnahmequelle, dem Tourismus, den Hahn abdreht?
Vor einigen Tagen erklärte Fattah, das SCA sei vollkommen »paralysiert«, er selbst habe »die Nase voll«. Seine Uneinigkeit mit der Regierung Essam Sharafs setzte sich fort. Und als Fattah von seinem neuen Posten zurücktreten wollte, lehnte die Regierung diesen Schritt ab. Ende September gab Fattah bekannt, seine Entscheidung sei endgültig. Er stellt fest, dass »all jene Proteste gegen eine angemessene Fortsetzung der archäologischen Arbeit gerichtet sind«, er selbst könne ohne die konkrete Autorität in seiner Hand nicht die nötige Verantwortung für seinen Posten übernehmen. Außerdem vermutet er, dass »bestimmte Leute« hinter all den Protesten stehen, um ganz persönlich daraus zu profitieren. Wen und was auch immer er mit dieser kryptischen Äußerung im Blick hatte, er muss wohl noch etwas anderes gemeint haben als die Tatsache, dass jeder, der auf die Straße geht und protestiert, in der Regel letztlich doch auch an einer Verbesserung seiner persönlichen Situation interessiert sein dürfte.
Anfang Oktober wurde nun Mostafa Amine, ein Spezialist für islamische und koptische Monumente,
zum neuen Chef des Supreme Council of Antiquities ernannt. Er tritt gleichsam als Vermittler zwischen Regierung und Demonstranten auf, allerdings mit der klaren Leitlinie, die Forderungen letzterer schnellstmöglich umzusetzen. So traf er sich mit den Menschen, die bereits vier Tage lang vor dem SCA lagerten. Als ersten Schritt versprach er auch die endgültige Übernahme jener 4.065 temporären Mitarbeiter, bis schließlich alle – insgesamt 12.000 – zeitweiligen Kräfte permanent übernommen werden könnten, wobei bereits seit drei Jahren für das SCA tätige Personen bevorzugt würden. Dabei gibt er die Schuld für die organisatorische Misere des SCA nicht dessen früheren Chef Hawass, hier hält er sich diplomatisch zurück, sondern weit mehr der ehemaligen Regierung.
Amine betrachtet sich als »Sohn des SCA« und dessen gesamten Mitarbeiterstab als seine Kollegen. Der streng gläubige Muslim versichert auch, dass sein bisheriger beruflicher Hintergrund kein Hindernis seiner neuen Aufgabe darstelle: »Meine Pflicht ist, ägyptische Antiken zu bewahren, ganz gleich, ob sie islamischen, koptischen, jüdischen oder pharaonischen Ursprungs sind«.
Der neue SCA-Chef will seine Behörde in der kommenden Zeit neu organisieren und garantiert wie schon sein Vorgänger die Fortsetzung bedeutender Projekte wie des Grand Egyptian Museum (GEM) oder des National Museum of Egyptian Civilisation (NMEC). Als eine seiner ersten Amtshandlungen nannte Amine die Ernennung Mohammed Abdel Fattahs als Chef des NMEC Supreme Committee.
Ob mit Amine nun der endgültige SCA-Chef und Hawass-Nachfolger gefunden ist, bleibt ebenso fraglich wie die archäologische Politik, die künftig vom SCA auch gegenüber dem Ausland ausgehen wird. Und ob auch archäologische Meinungsfreiheit wieder im Land Fuß fassen wird, bleibt eine nicht minder spannende Frage, die nur Amine selbst und natürlich die Zeit beantworten können.
Interesse an mehr Hintergrundinformationen?
Werfen Sie einen Blick hinter die Kulissen der Macht – und erfahren Sie, was die Massenmedien Ihnen verschweigen!
Lesen Sie weitere brisante Informationen im neuen KOPP Exklusiv. KOPP Exklusiv wird grundsätzlich nicht an die Presse verschickt und dient ausschließlich zu Ihrer persönlichen Information. Jede Ausgabe ist gründlich recherchiert, im Klartext geschrieben und setzt Maßstäbe für einen kritischen Informationsdienst, der nur unter ausgewählten Lesern zirkuliert und nur im Abonnement zu beziehen ist.
In der aktuellen Ausgabe finden sie unabhängige Hintergrundinformationen unter anderem zu folgenden Themen:
- Obskure Saubermänner: Neuigkeiten aus Politik und Medien
- Grüne Umweltsünden: Biosprit erhöht den CO2-Ausstoß
- Griechenland: Die Lunte brennt
- Bei welcher europäischen Bank Sie kein Geld mehr anlegen sollten

Das alles und viele weitere Kurzberichte im neuen KOPP Exklusiv, fordern Sie noch heute Ihr Probeabonnement an!
© 2011 Das Copyright dieser Seite liegt, wenn nicht anders vermerkt, beim Kopp Verlag, Rottenburg
Dieser Beitrag stellt ausschließlich die Meinung des Verfassers dar. Er muss nicht zwangsläufig die Meinung des Verlags oder die Meinung anderer Autoren dieser Seiten wiedergeben.