Friday, 26. August 2016
03.06.2011
 
 

Weitere Pyramiden in Ägypten?

Andreas von Rétyi

Eine Gruppe US-amerikanischer Archäologen hat nun mit neuester Technologie angeblich insgesamt 17 bislang unbekannte Pyramiden in Ägypten entdeckt, dazu über tausend Grabstätten. Dieser Fund sorgte in den Medien weltweit für Schlagzeilen. Kam diese Sensation wirklich unerwartet? Und ist es wirklich eine?

Schon lange sind Altertumsforscher nicht mehr mit Schaufel und Spaten unterwegs, um im Wüstensand nach Relikten längst vergessener Zeiten zu suchen. Auch Abenteuer nach populärer Indiana-Jones-Manier gibt es im realen archäologischen Dasein wohl kaum, selbst wenn offenbar sogar führende Ägyptologen merklich von der Filmindustrie inspiriert werden – wie auch Ägyptens oberster Ausgräber, Dr. Zahi Hawass. Aus seiner Sympathie zum Filmhelden macht er keinen Hehl, und nicht zuletzt sein breitkrempiger Hut gilt als Hommage an den unkonventionellen Draufgänger-Archäologen. Nur, dass Hawass – mittlerweile zum zweiten Mal in kurzer Folge ägyptischer Minister für Altertumsangelegenheiten – offiziell weder nach dem Heiligen Gral noch nach den heiligen Hallen der Aufzeichnungen sucht. Dennoch betätigt er sich gelegentlich offenbar als eine Art »Orakel von Kairo«, wenn er Prognosen abgibt über all jene Geheimnisse, die noch unter den ägyptischen Sanden ihrer Entdeckung harren. So geschehen auch vor etlichen Jahren während eines ausführlichen Gesprächs in der Zentrale der Ägyptischen Altertümerverwaltung, dem Supreme Council of Antiquities im Kairoer Stadtteil Zamalek. Damals erklärte er mir, rund 70 Prozent der ägyptischen Altertümer seien derzeit noch nicht gefunden. Beinahe schon wollte ich ihn darauf fragen, ob er denn auch mit der Entdeckung von sieben weiteren großen Pyramiden in Gizeh rechne …

Nun aber wird von einer US-Forschergruppe gemeldet, auf sogar 17 Pyramiden sowie Siedlungsreste und ungezählte Grabstätten in Ägypten gestoßen zu sein. Neue Satellitendaten lieferten die entsprechenden Hinweise. Infrarotaufnahmen mit unter einem Meter Detailauflösung zeigten Umrisse entsprechender Anlagen und geben demnach Auskunft über Lokalitäten und Verteilung der bislang unbekannten Relikte. Die Forschergruppe der Universität Alabama nutzte einen NASA-Satelliten, um die berühmte alte Totenstadt von Sakkara sowie die ebenfalls schon lange bekannten archäologischen Stätten von Tanis zu sondieren. In Tanis fand übrigens der weltbekannte Ägyptologe Sir Flinders Petrie zum Ende des 19. Jahrhunderts eine funktionsfähige optische Linse aus alter Zeit. Dies war sicherlich einer der interessantesten Funde jener Grabungen, wenn auch kaum einer der bekanntesten. Heute ruht er in der ägyptologischen Sammlung des British Museum, London.

»Der Traum eines jeden Archäologen ist es, einmal eine Pyramide auszugraben«, so erklärt Teamleiterin Sarah Parcak die Bedeutung der neuen Funde. Parcak ist Anthropologin sowie Expertin für Weltraum-Archäologie. Sie glaubt, mit den neuen Arbeiten die Bedeutung der Technik aufs Neue bestätigt zu haben. Althergebrachte Ausgräber-Methoden reichten eben oft nicht aus. So scherzte sie auch: »Wir sind zu etwas anderem übergegangen, tut mir leid, Indiana Jones«. Und trotzdem, anschließend waren dann doch wieder Schaufel und Spaten gefragt. Erste Ausgrabungen haben zwischenzeitlich bereits stattgefunden. Völlig unerwartet aber würden diese Funde jedenfalls nicht kommen, wie auch die Aussage von Hawass demonstriert, der in jenem Gespräch damals unter anderem davon sprach, das wahre Grab des Cheops werde ebenfalls bald gefunden. Nun, eine solche Äußerung kann, wenn nicht gänzlich »aus der Luft gegriffen«, doch nur auf Grundlage bereits existierender, sehr guter Hinweise ausgesprochen werden. Selbst wenn unser Gespräch damals nahelegte, dass Hawass den Ort des Grabes durchaus in der Cheopspyramide vermutet, wurde dies von ihm nicht explizit gesagt. Und angesichts zahlreicher Hinweise und Fakten, die nicht zuletzt ein deutlich höheres Alter und eine andere Bedeutung der Pyramide nahelegen, sollte sich jeder ernsthaft fragen, ob Cheops nicht an einem ganz anderen Ort bestattet wurde.

Ich werde nie vergessen, wie ich im nicht ganz leicht zugänglichen Kernmauerwerk der Pyramide große, behauene Steinquader sah, die deutliche Spuren von Verwitterung aufwiesen. Hier, mitten in der »Cheops«-Pyramide befanden sich also bearbeitete Steine, die schon dem reinen Augenschein nach Jahrtausende der Verwitterung ausgesetzt gewesen und daher weit älter als ihr Überbau sein müssen, jenes Monument, das heute dem König Cheops zugeschrieben wird, der es aber wohl »nur« ausbaute und restaurierte. Doch dies wollen viele nicht wahrhaben. Auch Dr. Hawass sprach einmal in ablehnendem, bald beschwörendem Ton davon, es gebe da so einige Leute, welche die Geschichte Ägyptens komplett umschreiben wollten. Das darf offenbar um keinen Preis geschehen.

Ob die neuen Funde, die nun mittels Satellitenaufnahmen gemacht wurden, diesbezüglich ungefährlicher sind? Jetzt bleiben natürlich erst einmal weitere Details zu den Entdeckungen abzuwarten. Die ersten Zweifel wurden bereits angemeldet. Während die Medien überall von einer Sensation berichten, gibt sich die Fachwelt zurückhaltend. Der »Ich-Archäologe« Hawass erklärt, für die aufgestellten Behauptungen reichten Satellitenbilder nicht aus, und auch andere Ägyptologen zweifeln an den Ergebnissen. Augenblicklich lässt sich die Situation noch nicht beurteilen. Beginnt die etablierte Ägyptologie bereits jetzt, eine sensationelle Entdeckung zu unterdrücken oder wurden hier vorschnell Schlüsse gezogen?

Was wirklich unter dem Sand verborgen liegt – und was, im Falle einer echten Sensation, dann wirklich auch ans Licht der Öffentlichkeit rückt, dürfte noch auf einem ganz anderen Papyrus stehen. Vor allem, weil hier ein Ägyptologe stets ein entscheidendes Wörtchen mitzureden hat.

 

 


 

 

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