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Abschuss eines US-Satelliten als getarnter Raketentest?

F. William Engdahl

Die Ankündigung, dass Präsident Bush den Abschluss eines amerikanischen Spionagesatelliten genehmigt hat, hat Besorgnis in Peking, Moskau und anderswo ausgelöst …

Washington behauptet, dass der Satellit, der im Dezember 2006 in die Umlaufbahn geschickt worden war, mit dem Treibstoff Hydrazin betrieben wird, der bei einem Absturz in der Nähe bewohnter Gebiete Tote und Verletzte verursachen könnte. Die offizielle Washingtoner Erklärung, ihren eigenen Satelliten mit einer ihrer neuen Satellitenabwehrraketen im Weltraum zu zerstören, ist also rein humanitär gemeint.

 

Atomare Überlegenheit

Der Satellit, der unter der militärischen Bezeichnung US 193 geführt wird, wurde im Dezember 2006 in die Umlaufbahn geschickt. Er verlor an Energie, und sein Zentralrechner fiel beinahe unmittelbar danach aus und machte ihn unkontrollierbar. Er führte einen komplizierten und geheimen Bildsensor mit sich. Was außerhalb der Vereinigten Staaten Besorgnis auslöste, war die Tatsache, dass der Abschuss der erste praktische Einsatz eines größeren Teils des Raketenabwehrnetzes des Pentagon bedeutet.

Die Entscheidung Washingtons, dies trotz der lauten Proteste Russlands in aller Öffentlichkeit zu tun, und Raketenabwehr-Radarstationen in Polen und der Tschechischen Republik zu stationieren, hat in Russland eine militärische Mobilisierung ausgelöst. Russlands Militärstrategen sehen die Raketen»abwehr« letztlich als offensiv und gegen Moskau gerichtet, und nicht gegen den Iran, wie die USA vorgibt. Wie ich in Apokalypse jetzt! detailliert beschrieben habe, würde, wenn einer der zwei mit Atomwaffen ausgerüsteten Gegner über einen auch nur primitiven Raketenabwehrschirm verfügt, ihm dies die atomare Überlegenheit verleihen, die Möglichkeit der völligen atomaren Vernichtung des Gegners. Atomare Überlegenheit  ist schon seit den 1950er-Jahren der Traum des Pentagon.

Für den gegenwärtig geplanten Abschuss wird eine dreistufige Marinerakete, die SM-3, verwendet, die in einer Reihe von Tests seit 2002 sehr erfolgreich war. In jedem Fall wurde eine ballistische Kurz- oder Mittelstreckenrakete abgeschossen, niemals ein Satellit. Ein Programm zur Anpassung der Rakete für diesen Satellitenabschuss wurde innerhalb weniger Wochen durchgeführt.

 

Das US-Navy- Raketenabwehrsystem SM-3

 

Um den Treibstoff zu vernichten, der Menschen verletzen oder töten könnte, wenn er die Erde erreichte, muss die Rakete den relativ kleinen Treibstofftank des Satelliten treffen.

Das russische Verteidigungsministerium behauptet, dass der Abschuss einen getarnten Test für Amerikas Raketenabwehrsystem darstellt, also praktisch eine Militarisierung des Weltraums, welche durch Verträge untersagt ist. Die Stellungnahme des Kreml besagt, dass »die Vereinigten Staaten versuchen, den Unfall mit dem Satelliten als Vorwand für einen Test benutzen, ob ihr nationales Raketenabwehrsystem in der Lage ist, die Satelliten anderer Länder zu zerstören. Diese Fähigkeit gilt als ein wichtiger Teil der langfristigen Pläne des Pentagon, eine allumfassende Dominanz für die USA durchzusetzen – Kontrolle des Luftraums, der Ozeane, der Länder und des Weltraums, einschließlich des Cyberspace.«

Das auf einem Schiff der Marine stationierte System, zu dem ein Kommando- und Steuer- sowie ein Radarsystem, Aegis genannt, gehört, und die SM-3-Raketen, ist nur Teil eines größeren, breit gefächerten Raketenabwehrsystems, das von den Amerikanern seit mehr als drei Jahrzehnten entwickelt wird.

Zu dem Programm, das von der Missile Defense Agency des Pentagon geleitet wird, gehören Abfangraketen in unterirdischen Silos in Fort Greely, Alaska und dem Luftwaffenstützpunkt Vandenberg in Kalifornien sowie Radaranlagen in der ganzen Welt, die feindliche Raketen aufspüren und die Abfangraketen bei deren Zerstörung unterstützen.

So wie es gegenwärtig konfiguriert ist, ist das Raketenabwehrsystem auf China gerichtet, wobei Nordkorea als Vorwand herhalten muss. Die Regierung Bush plant als nächstes die Stationierung von Abfangraketen in Polen und eine Bodenradarstation in der Tschechischen Republik.

Noch vor einem Jahr kritisierte die Regierung Bush China, weil das Land einen seiner eigenen Wettersatelliten mit einer Rakete abgeschossen hatte. Die Regierung in Peking äußerte jetzt eine ähnliche Kritik an der Entscheidung der USA. Es handelt sich um die erste amerikanische Anti-Satelliten-Operation seit den 1980er-Jahren. Russland hat seit 20 Jahren keinen Antiraketentest durchgeführt. Die Entscheidung der USA stellt einen großen Schritt in Richtung auf ein neues Wettrüsten im Weltraum dar, dessen Konsequenzen schrecklich sein würden, wenn man es zuließe.

Donnerstag, 21.02.2008

Kategorie: Allgemeines, Geostrategie

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