Alles wird gut…
Gerade noch standen alle Zeichen auf Sturm, und nun vermitteln Massenmedien, Wirtschaftsinstitute und Regierungen den Eindruck, das Schlimmste sei überstanden. Zwar hinterlässt »das Beben deutliche Spuren«, aber »der Weltuntergang fällt aus, die Wirtschaftskrise bleibt überschaubar – und doch werden wir einige Überraschungen erleben« meint Focus im Heft Nr. 25 vom 15. Juni, und stellt dem Leser die insgesamt optimistischen Daten des Schweizer Forschungsinstituts Prognos vor. Das Magazin Cicero titelt gar: »Hurra, die Krise ist vorbei!« und spricht in höchsten Tönen von einer überraschenden Konjunkturwende. In ein ähnliches Horn blasen die US-Notenbank, die in ihrem Beige Book »Anzeichen der Erholung sieht«, und die Bundesbank, die »vorsichtig optimistisch ist«. In den USA erwarten einige Ökonomen gar, dass »die Rezession in den USA bereits im Sommer zu Ende sein könnte, und Rudolf Besch von der Dekabank erklärt: »Tatsächlich rechnen wir damit, dass der Abschwung spätestens im Juni vorüber ist.« Der Bürger wird beruhigt. Schließlich wäre es eine Katastrophe, wenn alle zur Bank gingen, um ihre Konten zu leeren, alle nur noch Substanzielles (wie Gold) kaufen wollten, und Protestaktionen ausbrächen.
Ich weiß nicht, ob es besser wird, wenn es anders wird. Aber es muss anders werden, wenn es besser werden soll. Georg Christoph Lichtenberg
Good news…
Zwischen Hoffen und Bangen wartet die Mehrzahl der Menschen auf das, was kommt. Gern nimmt man da jeden Lichtstreif am Horizont entgegen. »Wir erleben nicht das Ende des Wirtschaftssystems, aber es wird einige Verschiebungen in der Weltökonomie geben«, sagt Christian Böllhoff, Geschäftsführer der Prognos AG. Ein schwieriges Jahr 2009 und Aufschwung ab 2010? Später heißt es dann, dass die Unternehmer in diesem Sommer »Licht am Ende des Tunnels« sehen müssen, weil sie sonst Kapazitäten stilllegen und massenweise Stellen streichen. Mit »lichtvollen« Informationen werden wir derzeit versorgt, auch wenn die Prognosen dann regelmäßig »nach unten korrigiert« werden. Alles nicht so schlimm, nur die Verschwörungstheoretiker und Pessimisten glauben, dass die Arbeitslosigkeit massiv ansteigen wird und lassen sich davon irritieren, dass in diesem Jahr bereits die 41. Bankenpleite in den USA stattgefunden hat und der Finanzsektor weltweit ein Debakel ist, auch wenn eine Reihe US-Banken nun beginnen, die staatlichen Finanzspritzen zurückzuzahlen - ganz abgesehen von den massiv steigenden Arbeitslosenzahlen und den zahlreichen Großunternehmen, die staatlicher Hilfe bedürfen. http://info.kopp-verlag.de/news/hoechste-alarmstufe-der-bankenkollaps-in-den-usa-geht-weiter.html Wer regelmäßig die Informationen unterschiedlicher Medien liest, stellt fest, wie sehr Mainstream und spezialisierte Dienste voneinander abweichen.
Wie sieht die Situation aktuell aus?
…und die Realität: Geldfluten und Schulden wohin man blickt
Geldflut in Europa
Die Europäische Zentralbank hat begonnen, der EU-Wirtschaft einen gewaltigen Liquiditätsschub zu verpassen. Seit dem 24.6. vergibt die EZB nun auch Kredite mit einer Laufzeit von zwölf Monaten. Um 442 Mrd. Euro soll es sich handeln - im Dezember 2007 belief sich der Höchststand noch auf 348,6 Mrd. Euro. Die Banken stehen Schlange. Weil die Banken die Finanzspritzen bisher horteten (warum wohl?) mahnt Bundesfinanzminister Steinbrück an, das Geld weiterzugeben. Von Bundesbankpräsident Weber sind sogar konkrete Drohungen zu hören. Die Insolvenzen steigen rapid an, weil den Unternehmen keine Kredite gewährt werden. Dass die EZB selbst vor einem GAU steht, weil sie seit 2007 große Mengen nicht mehr verkäuflicher - toxischer - Wertpapiere europäischer Banken gegen Kreditvergabe übernommen hat, macht die Situation erst richtig fragwürdig (Udo Ulfkotte in KOPP Exklusiv Nr.25/09).
Dem Internationalen Währungsfonds ist das Rekordtief der EZB von 1,0 Prozent Leitzinsen zu wenig, schließlich gehen die USA mit 0 Prozent mit gutem Beispiel voran. Mehr Geld, billigeres Geld soll es sein. EZB-Präsident Trichet hat den Leitzins zwar belassen, startet jedoch im Juli ein 60 Mrd. Euro großes Aufkaufprogramm von kreditbesicherten Anleihen (Covered Bonds). Die Europäische Zentralbank reiht sich damit erstmals in die Vorgehensweise anderer Zentralbanken wie die Fed und die Bank of England ein.
Wegen der tiefsten Rezession seit 60 Jahren hat die Bundesregierung soeben einen Rekord-Schuldenhaushalt beschlossen. 310 Mrd. Euro Neuverschuldung sollen es insgesamt bis 2013 werden, allein 86,1 Mrd. Euro im nächsten Jahr. Eine Rolle spielen hier vor allem Kredite des Investitions- und Tilgungsfonds sowie des Bankenrettungsfonds (SoFFin).
Während die OECD ihre Wachstumsprognose für die globale Wirtschaft von 1,25 auf 3 Prozent angehoben hat, rechnet die Organisation der 30 großen Industrienationen mit einem starken Anstieg der Arbeitslosenquote. Für Deutschland werden es demzufolge bis 2010 12 Prozent sein, das sind 5 Millionen Arbeitslose.
Das Prognosen-Karussell der USA
Nachdem die US-Notenbank Anfang des Jahres noch ein Schrumpfen der Wirtschaft um maximal 1,3 % vorhergesagt hatte, berichtete Reuters am 20.5., dass die Fed nun mit einem Schrumpfen des Bruttoinlandsprodukts bis zu 2 % rechnet. Mittlerweile hören wir wieder anderes: In ihrem Anfang Juni veröffentlichten Konjunkturbericht sieht die US-Notenbank wieder »immer deutlichere Anzeichen für eine Abschwächung der Rezession«.
Außerdem veröffentlichte die Fed erstmals ihre Bilanz, um der Kritik, sie führe eine undurchsichtige Geschäftspolitik, entgegen zu wirken. Im ersten Quartal entstanden der Fed Verluste von 5,3 Mrd. $ aus toxischen Wertpapieren, die angeschlagene Finanzinstitute 2008 als Sicherheit hinterlegt hatten. Dem gegenüber stehen im ersten Quartal 2009 Einnahmen von 1,2 Mrd. Dollar aus den Kreditprogrammen, und 4,6 Mrd. Dollar aus Zinserträgen auf im Besitz der Fed befindliche Staatsanleihen. Das ist eine interessante Rechnung, wenn man bedenkt, dass die Fed gezwungen ist, US-Staatsanleihen zu kaufen, um dem hoch verschuldeten Staat aus der Klemme zu helfen. Bislang ist ein Anleihen-Aufkauf im Wert von 300 Mrd. Dollar vorgesehen. Doch dieses Ziel wird bereits im August erreicht sein, sodass sich die Frage stellt, was danach kommt. Kauft die Fed weiterhin Treasuries kann zwar ein weiterer Anstieg der Zinsen für langfristige US-Anleihen aufgehalten werden, wodurch die weitere Verschuldung des Staates in diesem Bereich stabilisiert würde. Es steigt jedoch die Inflationsgefahr. Kritisch zu betrachten ist auch, dass die US-Leitzinsen und die Zinsen, die für langfristige US-Anleihen gezahlt werden, inzwischen weit auseinander klaffen: Das schwindende Vertrauen der Anleger hat die Zinsen für zehnjährige US-Anleihen auf 4 Prozent hochgetrieben, während der Leitzins nach wie bei 0 – 0,25 Prozent liegt.
US-Zeitbomben
Bisher wurde der tägliche US-Kreditbedarf auf 7 Mrd. $ geschätzt. Nun berichtete CNNMoney, dass das US-Haushaltsdefizit nach Auskunft des Finanzministeriums im Mai fast 1 Billion $ erreichte! Bis zum Ende des Fiskaljahres am 30. September erwarte die Regierung Ausgaben in Höhe von 3,9 Billion Dollar. Das extreme Auseinanderklaffen zwischen dem Anwachsen des Bruttosozialprodukts (GDP) und den Schulden kann aus der folgenden Grafik entnommen werden.
Growth in GDP (green) and US debt (red) (Bn USD) - Sources: US Federal Reserve / US Bureau of Economic Analysis / Chris Puplava, 2008
Während die US-Regierung immer tiefer in das Schuldenloch sinkt, rechnet die Fed ihre Bilanz mit Zinsen auf Gelder schön, die sie zum einen aus der Druckerpresse geschöpft hat, und die sie zum anderen nie zurück erhalten wird.
Die Arbeitslosenquote in den USA hat aktuell mit 9,4 Prozent den höchsten Stand seit 25 Jahren erreicht. Nach Einschätzung der Regierung müssen sich die USA schon bald auf eine Arbeitslosenquote von 10 Prozent einstellen. Noch vor wenigen Monaten hatte die Regierung prognostiziert, dass die Arbeitslosenquote bei 8 Prozent ihren Höhepunkt erreichen und dann zum Ende dieses Jahres fallen werde.
Von den Kreditausfällen in den USA, die der bekannte Ökonom Nouriel Roubini auf rund 3,5 Billionen Dollar schätzt, sind erst 1,5 Billionen Dollar realisiert. Die Häuserpreise fallen weiter und die Privathaushalte werden immer ärmer. In vielen US-Metropolen wachsen die Zeltdörfer. Ende 2007 hatten rund 8 Millionen amerikanische Haushalte kein Eigenkapital oder waren verschuldet. Ende 2008 waren es bereits knapp 16 Millionen Haushalte. Die da die Hauspreise weiter fallen, wächst die Zahl verarmter US-Bürger. Die Auswirkungen auf dien Konsum sind leicht vorstellbar.
Aktienrallye – verdienen an der Luftnummer
Und wie steht es um die Aktienrallye, die seit Anfang März vor allem durch eine Verdoppelung der Finanzwerte ausgelöst wurde? Wie irrational die Börse sein kann, zeigt sich, wenn man bedenkt, dass der Finanzsektor ohne billionenschwere staatliche Finanzspritzen und Garantien am Ende wäre oder zumindest verstaatlicht. Am 22. Juni berichtet die Welt unter dem Titel »US-Manager stoßen massenweise ihre Aktien ab«: »Führungskräfte von US-Unternehmen nutzen die Aktienrallye an den Börsen zu Verkäufen. Sie verkaufen ihre Aktien so rasch wie seit Juni 2007 nicht mehr. Anleger sollten Aufhorchen, denn leitende Angestellte haben den besten Einblick in die Aussichten der von ihnen geführten Konzerne.«
Der Countdown läuft
Die Verschuldung der Staaten hat ein Ausmaß erreicht, das sich nicht mehr zurückdrehen lässt. Für Sparen ist es längst zu spät, die Lawine rollt. Die einzige Möglichkeit besteht darin, die Flucht nach vorn anzutreten: mehr Liquidität, mehr Schulden. Das kann den Kollaps hinauszögern. Der Countdown läuft. Die Frage ist, ob wir vor der Hyperinflation eine Deflation erleben. Für die Regierungen ist eine Deflation ein mindestens so großes Schreckgespenst wie für Unternehmen und Privatleute. Fallende Preise bei einem Überangebot an Waren mindern die Einkommen, sodass das Tilgen von Schulden oder auch nur der dafür anfallenden Zinsen – auch für den Staat – unerschwinglich wird. Also Flucht nach vorn: mehr Geld ins System … und alles wird gut.
Samstag, 27.06.2009
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