Angloamerikanische Ölriesen rücken in den Irak ein
Fünf Jahre nach der Bombardierung und dem Beginn der Besetzung des Irak durch die USA erhöhen große britische und amerikanische Ölgesellschaften den Druck auf die irakische Regierung, ein Ölgesetz zu erlassen, das von der irakischen Opposition seit Monaten blockiert wird. Gleichzeitig steht angeblich ein geheimer Vertrag zwischen dem irakischen Präsidenten Nouri al Maliki und der Bush-Regierung kurz vor dem Abschluss; den US-Truppen soll danach gestattet werden, das Land auf »unbegrenzte Zeit zu besetzen«. Beide Elemente sind eng miteinander verknüpft.
In den letzten Wochen haben sich hohe Vertreter von British Petroleum (BP) und Royal Dutch Shell in der jordanischen Hauptstadt Amman mit dem irakischen Ölminister Hussain al-Shahristani getroffen, um über die Arbeitsbedingungen der Konzerne im Irak zu beraten. Alan Greenspan hatte vor Kurzem Aufmerksamkeit erregt, als er bei einer Konferenz am Persischen Golf erklärte, das Motiv für die Invasion in den Irak 2003 sei ausschließlich das Öl und nicht der Terrorismus oder die militärische Bedrohung gewesen. Die bekannten Ölreserven des Irak sind fast so groß wie die Saudi Arabiens; allerdings sind die irakischen Vorkommen nur zu etwa 30 Prozent erschlossen. Derzeit fördert der Irak etwa 2,4 Millionen Barrel pro Tag und damit mehr als die durchschnittlichen Tagesproduktion von etwa zwei Millionen vor der Invasion; aber das ist deutlich weniger als möglich. Der irakische Ölsektor leidet unter den Folgen jahrzehnelangen Missmanagements und denen der US-Sanktionen sowie unter den Auswirkungen des derzeitigen Krieges.
Über Details der Verhandlungen zwischen dem Ölministerium und den Ölgesellschaften wurde Stillschweigen gewahrt. Shahristani hat vor Kurzem angedeutet, er werde für Fortschritte bei den Gesprächen über ein Ölabkommen sorgen, auch wenn es noch kein neues Ölgesetz gebe, denn die Verhandlungen seien seit über einem Jahr hinausgezögert worden.
»Mit dem nationalen Ölgesetz hat das nichts zu tun. Es gibt keinen vorgeschriebenen Zeitplan. Nach Abschluss unserer Gespräche werden die Verträge unterzeichnet«, erklärte er bei einem kürzlichen Treffen der OPEC-Staatschefs gegenüber der Presse. Die Verträge sollen nicht von dem Ergebnis etwaiger Ausschreibungen abhängen. »Ausgewählte Gesellschaften bieten uns technische Unterstützung an, die wir für die Entwicklung unserer Ölfelder brauchen.« Die Bush-Cheney-Regierung hatte vorher klargestellt, dass die Ölgesellschaften der Länder, die gegen die britische und amerikanische Entscheidung zum Krieg gewesen seien, an der zukünftigen Ölentwicklung im Irak nicht beteiligt werden. Die französische Elf-Total und die nationale chinesische Ölgesellschaft hatten noch mit dem Saddam-Regime umfangreiche Verträge zur Entwicklung der Ölfelder abgeschlossen, die nach Aufhebung der Wirtschaftssanktionen realisiert werden sollten.
»… wo der Preis bestimmt wird …«
Als riesengroß gelten Ölfelder mit Reserven von mindestens fünf Milliarden Barrel. Im Irak sind das die Ölfelder Kirkuk, Majnoon, Rumaila Nord und Süd, West Qurna sowie Zubair. Auch die Reserven der Felder von Nahr Umr und Ost-Baghdad haben vielleicht ein Volumen von fünf Milliarden Barrel; angeblich wird zur Zeit auch noch über die Erschließung weiterer großer Ölfelder im Irak verhandelt.
Die größten Ölgesellschaften der Welt wollen in den Irak, weil ihre eigenen Reserven langsam erschöpft sind und ein großer Teil der weltweiten Reserven nationalen Kontrollen unterliegt. Bei der Jahresversammlung des Londoner Petroleum-Instituts 1999 hatte Dick Cheney – damals noch Vorstandsvorsitzender von Halliburton, dem größten Ausrüster von Ölfeldern – erklärt: »Der weltweite Ölbedarf wird in den kommenden Jahren voraussichtlich um durchschnittlich zwei Prozent jährlich steigen, bei einem gleichzeitigen natürlichen Produktionsrückgang aus bestehenden Reserven um konservativ geschätzte drei Prozent pro Jahr. Das bedeutet: Im Jahr 2010 brauchen wir 50 Millionen Barrel zusätzlich pro Tag. Woher soll dieses Öl kommen? Natürlich kontrollieren Regierungen und nationale Ölgesellschaften etwa 90 Prozent der Vorräte. Öl bleibt auch weiterhin grundsätzlich ein Regierungsgeschäft. Zwar bieten viele Regionen der Welt große Möglichkeiten zur Ölförderung, doch letztendlich wird der Preis vom Nahen Osten bestimmt, denn dort liegen zwei Drittel allen Öls weltweit und auch die Ölförderung ist dort am billigsten – und obwohl die Unternehmen sich bemühen, in dieser Region mehr Einfluss zu bekommen, machen sie dabei nach wie vor nur geringe Fortschritte.«
Vertreter von Ölgesellschaften haben sich schon vor dem Irakkrieg mit Vertretern der US-Regierung – darunter Vizepräsident Cheney – getroffen, um über Verträge für irakisches Öl zu reden. Frühere leitende Angestellte der Unternehmen erhielten von den US-geführten Besatzungskräften den Auftrag, das Ölministerium »zu beraten«
»Jetzt wollen die Großen kassieren, die in den letzten Jahren bereits Trainingskurse für das Personal des Ölministeriums abgehalten und Studien über die Ölreserven durchgeführt sowie Arbeitspläne erstellt und allgemeine Ratschläge erteilt haben«, sagt Samuel Ciszuk, Nahost-Energieanalyst für Global Insight. »Das ist geschickt.«
Die USA bauen in Baghdad, das offenbar als bedeutende Basis betrachtet wird, einen riesigen Botschaftskomplex.
Nach Angaben von Insidern verlangt der Shell-Konzern für seine 2005 erstellte technische Studie über das Kirkuk-Feld jetzt einen Vertrag. Die Multi BP fordert einen Vertrag für das Feld Rumaila, das sie letztes Jahr untersucht hat. Im Süden des Irak interessieren sich Shell und BHP Billiton für das Missan-Feld und ExxonMobil für das Zubair-Feld, während sich die Unternehmen Dome und Anadarko Petroleum um die Exploration der Felder von Sabha und Luhais bemühen. ConocoPhillips führt mit dem irakischen Ministerium Gespräche über das Feld West Qurna; Regierungsvertreter verhandeln mit dem großen russischen Unternehmen Lukoil. Lukoil, an dem Conoco zu 20 Prozent beteiligt ist, hatte in den 1990er-Jahren ein Abkommen mit Saddam über das Feld West Qurna, das aber noch vor dem Krieg gekündigt worden war. Chevron und Total bewerben sich gemeinsam um die Exploration des Feldes von Majnoon.
Unterdessen hat die Bezirksregierung von Kurdistan (KRG) ein eigenes Ölgesetz verabschiedet und mit internationalen Ölfirmen über 20 Erkundungs- und Produktionsverträge abgeschlossen. Shahristani bezeichnete die KRG-Verträge als »illegal«; in Bagdad schwelt der Streit. Keine der großen Gesellschaften hat einen Vertrag mit der KRG unterzeichnet, weil man befürchtet, sonst von Baghdad auf die schwarze Liste gesetzt und von der Ölförderung im restlichen Irak ausgeschlossen zu werden.
Die Bush-Regierung, die auch weiterhin betont, ein neues irakisches Ölgesetz akzeptieren zu wollen, hat Shahristani ihren Segen erteilt. 1972 war der irakische Ölsektor vollkommen verstaatlicht und alle Macht in den Händen der Irakischen Nationalen Ölgesellschaft (INOC) konzentriert worden. INOC gibt es nicht mehr; ihre Aufgaben hat das Ministerium übernommen, das selbstständig Verträge abschließen kann, auch wenn es dazu vielleicht die Zustimmung des Kabinetts braucht. Zum Abschluss von riskanten Konzessionsverträgen, wie etwa einem Kooperationsvertrag mit der KRG, wäre nach dem Gesetz aus der Saddam-Ära die Zustimmung des Parlaments erforderlich.
Die großen angloamerikanischen Ölgesellschaften favorisieren sogenannte »Risiko-Verträge«. Solche Abkommen haben meist eine lange Laufzeit, decken die Erschließungskosten und garantieren einen entsprechenden Profit, falls Öl gefunden wird; außerdem dürfen die Multis die entdeckten Reserven in ihre Kartei aufnehmen.
Iraks Ölminister Hussain al-Shahristani arbeitet im Stillen mit führenden britischen und amerikanischen Ölgesellschaften an der Formulierung von Entwicklungsverträgen.
Das geologische Risiko bei der Ölsuche im Irak ist gering. Historisch war das Öl einfach zu finden und billig zu produzieren; darüber hinaus ist es von hervorragender Qualität. Die einflussreichen irakischen Ölgewerkschaften sind gegen derartige Risiko-Vertäge – genauso wie die Gruppen im Irak, die das vermuten, was Cheney bei seiner Rede 1999 angedeutet hatte, dass es nämlich bei dem Irakkrieg vornehmlich darum ging, den großen britischen und amerikanischen Ölgesellschaften die Kontrolle über das irakische Öl zu verschaffen.
US-Geheimplan zum »unbegrenzten« Aufenthalt im Irak
Laut dem Londoner Telegraph wird derzeit der Abschluss eines Geheimabkommens vorbereitet, das den US-Truppen das Recht einräumt, unbegrenzt im Irak zu bleiben. Das im März verfasste und als »geheim« und »sensitiv« eingestufte Dokument soll das Mandat der Vereinten Nationen für die Präsenz der Koalitionstruppen ersetzen, damit sie über das Ende des Jahres hinaus im Irak bleiben können. Aufgrund dieser Vollmacht könnten die USA »im Irak militärische Aktionen durchführen und Personen festnehmen, wenn dies aus Gründen der Sicherheit erforderlich ist«. Bezeichnenderweise wird dabei kein Zeitlimit gesetzt. Seit der Invasion unter Halliburton und Bechtel im Jahre 2003 haben die USA (ohne viel Aufsehens davon zu machen) im Irak 14 große Militärbasen errichtet – zumeist in unmittelbarer Nähe von großen Ölfeldern oder Pipelinerouten.
Dienstag, 22.04.2008
© Das Copyright dieser Seite liegt, wenn nicht anders vermerkt, beim Kopp Verlag, Rottenburg
Dieser Beitrag stellt ausschließlich die Meinung des Verfassers dar. Er muß nicht zwangsläufig die Meinung des Verlags oder die Meinung anderer Autoren dieser Seiten wiedergeben.
Wer diesen Artikel gelesen hat, hat sich auch für diese Beiträge interessiert:
Geheimplan enthüllt: London plante gewaltsamen Umsturz im Irak
Udo Ulfkotte
weiterlesen »
Mittwoch, 03. Februar 2010
US-Regierung: 935 Lügen vor dem Irak-Krieg
Andreas von Rétyi
weiterlesen »
Donnerstag, 31. Januar 2008
Der Kosovo und Washingtons strategische Pläne für Europa und Eurasien
F. William Engdahl
weiterlesen »
Dienstag, 11. März 2008
Privater Sicherheitsdienstleister »Blackwater« muss den Irak verlassen
F. William Engdahl
weiterlesen »
Mittwoch, 24. Februar 2010







