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Atomkrieg im November?

Andreas von Rétyi

Der Nahe Osten ist schon seit undenklicher Zeit ein riesiges Pulverfass, und das vom Iran betriebene Atomprogramm lässt echte Schreckensvisionen für die nähere Zukunft aufkommen. So glaubt der Historiker Benny Morris, dass ein Atomkrieg zwischen dem Iran und Israel jetzt unmittelbar bevorsteht.

Der Iran arbeitet unbeirrbar weiter an seinem Nuklearprogramm, sorgt für Angst und Verwirrung weltweit. Geschürt werden diese Ängste vorwiegend von den aggressiven Globalisierern, doch gänzlich unbegründet scheinen sie nicht zu sein. Zu gut wissen wir aber, wie die Macht-Elite tickt. Wie bereits sehr oft in der Geschichte hat sie wissentlich und willentlich manch bedrohliche Entwicklung schon lange vorausgeahnt, ja sogar geplant und gefördert, um später »korrektiv« ins Weltgeschehen eingreifen zu können. Was da beinahe stets bedeutete: Krieg. So wird mit Waffengewalt neues Terrain erschlossen, immer mit den besten Argumenten im Gepäck. Sicherung des Weltfriedens, Einführung der Demokratie oder Kampf gegen Menschenrechtsverletzungen und Terror, ganz gleich wie, Gründe finden sich vielerlei und allzeit. Hinter dem schönen Wörtchen Globalisierung verbirgt sich eben doch so manch anderes – vor allem jeden Tag ein wenig Kolonialisierung mehr, jeden Tag ein wenig Amerikanisierung mehr, ein wenig Öl mehr, Macht …

Doch was tun, wenn sich tatsächlich Gegner formieren, die unter Umständen gerade an einer Atombombe basteln? Warten, bis sie fertig ist und irgendwann dann auch gezündet wird? Und warum in aller Welt, wenn nicht aus ebenfalls kriegerischen Gründen, hält der Iran bislang felsenfest an seinem nuklearen Programm fest? Öl und Gas gibt es dort genug, also an Energie kann es wohl kaum liegen. Trotzdem statuiert die Führung in Teheran, man wolle diverse Energiequellen erschließen. Es bestehe ein völlig legitimes Interesse an der Nutzung verschiedener Ressourcen. Die Ölvorräte seien eben begrenzt. Und bei wachsendem Konsum im Inland könne immer weniger exportiert werden. Damit geht es aber auch mit den Devisen bergab. Ebenso ging es zeitweilig mit dem Atomprogramm bergab. Was die USA in den 1950ern mit dem Programm »Atoms for Peace« (»Atome für den Frieden«) selbst in Gang gesetzt hatten, wurde nach der islamischen Revolution 1979 auf Eis gelegt.

Ein kurzer Blick zurück führt uns ins Jahr 1953. Damals wurde der demokratisch gewählte Premier Mohammed Mossadegh im Rahmen einer CIA-Operation gestürzt und Schah Mohammad Reza Pahlavi als neuer Verbündeter in Amt und Würden erhoben. Kurz darauf startete das nukleare Programm des Iran, Pahlevi avancierte sogar zum Werbeträger für US-amerikanische Atomkonzerne.

Mit Khomeini änderte sich alles. Islam und Atomwaffen, das vertrug sich nach Auffassung der neuen religiösen Führung ganz offenbar nicht. Allerdings steckt der Iran in einer Zwickmühle, denn das Land zeigt sich geradezu umringt von Nuklearnationen: Pakistan und Indien, Russland und schließlich auch Israel. Und nicht zu vergessen die amerikanische Flotte im Golf. Nationale Sicherheit wird jedoch nicht nur in den USA groß geschrieben. Welche Unsicherheit aber, welche Bedrohung vermag daraus zu resultieren? Und wie groß ist die Bedrohung durch den Iran wirklich?

Nach Ansicht des israelischen Historikers Benny Morris ist sie extrem groß, vor allem freilich für Israel. Morris glaubt, dass in den letzten Monaten dieses Jahres ein Krieg mit Atomwaffen droht. Wenn Teheran das nukleare Programm nicht bis zum Herbst einfriert, erzwingt das Regime damit einen Angriff Israels. Konkret: Er soll in den nächsten vier bis sieben Monaten erfolgen, um die iranischen Atomanlagen rechtzeitig zu vernichten. Morris sieht die größte Gefahr natürlich in einer misslungenen Attacke. Spärliche Geheimdienstinformationen, die weite räumliche Streuung der Anlagen, ihre gut geschützte Lage unter der Erdoberfläche und das begrenzte konventionelle Potenzial Israels sprechen dafür, dass der kleine Staat unmittelbar auf sein nukleares Arsenal zurückgreifen wird, so Morris. Das kleine Israel seinerseits wäre durch nur wenige gezielte iranische Schläge vernichtet, und Premierminister Ehud Olmert setzt demnach eine iranische Bombe mit der Zerstörung Israels gleich. Die USA sind drauf und dran, als Helfer in der Not einzuschreiten, sofern alle diplomatischen Mittel erschöpft sind. Und das kann schnell kommen. Allerdings ist es auch für Bush nicht ganz so leicht wie ehedem, denn die US-Öffentlichkeit scheint angesichts des Irak-Debakels leicht kriegsmüde geworden zu sein. Was aber will der Iran wirklich? Will er lediglich auf Augenhöhe mit den anderen stehen, nuklear gewappnet sein für den Fall der Fälle? Oder will er die Bombe wirklich gegen Israel einsetzen?

Vor allem einige unfassbare Äußerungen des iranischen Premierministers Mahmud Ahmadinedschad gingen durch die Weltpresse und haben weithin für Empörung gesorgt. Und wiederum die schlimmsten Ängste geschürt. Da war die Rede davon, Israel von der Landkarte zu tilgen, auszulöschen, dem Erdboden gleich zu machen und des weiteren mehr. Die vollständigen Zitate, wie sie interessanterweise ausgerechnet die New York Times abdruckte, relativieren allerdings diese Äußerungen. Demnach zielt Ahmadinedschad mit seinen harschen Äußerungen nicht auf die Bevölkerung, sondern auf die Regierung – und zwar sowohl Israels als auch der Vereinigten  Staaten. Natürlich fragt sich, was das in der Praxis ändern würde. Denn: Heiligt nicht der Zweck die Mittel? Somit wären dem Extremismus keine Grenzen gesetzt, und wenn nicht der Weg, sondern das Ziel wesentlich ist, dann geht eben ein Land mit seiner Regierung unter, auch wenn eigentlich nur sie im Visier des Angreifers stand. Für Morris ist jedenfalls klar: Irgendwo im Zeitfenster zwischen dem 5. November 2008 und dem 19. Januar 2009 liegt der wahrscheinlichste Termin für einen präventiven Vernichtungsschlag von Israels Seite. Und nur der Einsatz von Atomwaffen garantiert tiefgreifenden Erfolg.

Wenn Israel aber doch zuwartet? In dem Falle, so Morris, wird ein nuklearer Erstschlag des Iran immer wahrscheinlicher, mit israelischer oder dann aber wohl noch eher amerikanischer Vergeltung im Gefolge. Somit kann man es also drehen und wenden, wie man will, ein atomarer Holocaust steht dem Nahen Osten laut Morris nun unmittelbar bevor.

Manch einer kann sich trotzdem der Vermutung nicht entziehen, dass hier schon seit einiger Zeit – und wer möchte es vor allem den israelischen Medien letztlich verdenken – per Rauschen im Blätterwald so einige Stimmungsmache betrieben wird. Benny Morris, ambivalente Leitfigur der »neuen« Historiker in Israel, geriet schon öfter ins Kreuzfeuer fachlicher Kritik. So erklärte der in London wirkende Professor Efraim Karsh, Morris habe Daten über Kriegsverbrechen manipuliert. Auch der bekannte Autor Norman Finkelstein sprach von Fehlinterpretationen durch Morris, der damit Angehörige der israelischen Regierung wie auch des Militärs von verbrecherischen Akten gegen Palästinenser entlasten habe wollen. Dass das iranische Atomprogramm ein zentrales Thema der israelischen Medien bildet, verwundert wohl kaum. Allerdings werden sie, ob zielgerichtet oder unwissentlich, gegenwärtig hierbei auch zum Multiplikator von Desinformation, woher diese ursprünglich auch immer stammen mag.

Am 24. Juli dementierte eine Quelle aus den Reihen der russischen Verteidigungsindustrie einen Bericht der Jerusalem Post, dem zufolge bis Jahresende eine Ladung von S-300PMU1 antiballistischer Luftabwehr-Raketen in den Iran geliefert werden soll. Laut der Quelle gebe es diesbezüglich zwar keine grundsätzlichen internationalen Restriktionen, ebenso aber in absehbarer Zukunft auch keinerlei konkreten Pläne, dies wirklich zu tun. Der Iran erwerbe tatsächlich schon länger russische Waffen, allerdings aufgrund von Plänen, die einzig darauf abzielten, die Verteidigung des Landes zu sichern. Bleibt nur zu hoffen, dass dies der einzige Grund ist.

 

Montag, 28.07.2008

Kategorie: Allgemeines, Geostrategie, Politik, Terrorismus

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