Auf Climate-Gate folgt Himalaya-Panne
Nur wenige Wochen nach der Veröffentlichung imageschädigender Mails vom Server des Klimaforschungszentrums der »University of East Anglia« gerät der UN-Weltklimarat (IPCC) erneut in Erklärungsnot. Im Klimaforschungsbericht des IPCC von 2007 wird davon ausgegangen, dass ein Verschwinden der Himalaja-Gletscher bis 2035 »sehr wahrscheinlich« sei. Auch könne ihre Gesamtfläche von derzeit 500.000 Quadratkilometern bis zum Jahre 2035 auf nur noch 100.000 Quadratkilometer schrumpfen. (1) Diese dramatische Entwicklung wurde dann auch von den Medien – wie hier der »Daily Mail« – dankbar aufgegriffen. Schmelzen diese Gletscher, dann wäre die Versorgung mit Wasser für Milliarden Menschen in Asien, vor allem in Indien und in China, gefährdet. Weder die Medien noch die 2.500 Wissenschaftler des IPCC machten sich allerdings die Mühe, die im IPCC-Report lapidar angegebene Quelle »(WWF, 2005)« einmal näher zu untersuchen.
Dieser Arbeit unterzog sich nun der kanadische Geograf Graham Cogley, der selbst zu den Autoren des IPCC-Berichts gehört. Dieser 2.000 Seiten starke Bericht wurde von drei Fachgruppen erstellt. Der Fehler unterlief der Arbeitsgruppe II – sie beschäftigt sich mit dem Einfluss der Änderungen auf sozioökonomische und ökologische Systeme. (2)
Nach drei Tagen Recherche hatte Cogley das Geheimnis hinter »(WWF, 2005)« und der Jahresangabe 2035 gelüftet. Schnell merkte der kritische Glaziologe, dass die angegebene Quelle der Umweltorganisation World Wide Fund for Nature (WWF) keine wissenschaftliche Untersuchung in einem von Forscherkollegen begutachteten Fachmagazin (»peer-reviewed« journal) war. Zu seiner Enttäuschung war es nur ein »Artikel des populärwissenschaftlichen Magazins New Scientist aus dem Jahre 1999, das einen indischen Gletscherforscher interviewt hat« (3).
Bei weiterer Recherche entdeckte der Kanadier zwar keinen Hinweis auf die Jahreszahl 2035, dafür aber eine aufschlussreiche Abhandlung des Gletscherforschers Vladimir M. Kotlyakov von der Russischen Akademie der Wissenschaften. Dieser habe 1996 nach groben Berechnungen das Schrumpfen des Himalaya-Eises von 500.000 auf 100.000 Quadratkilometer bis zum Jahr 2350 angenommen. Daraus muss dann im IPCC-Bericht die Zahl 2035 geworden sein. Während Cogley vom Ergebnis seiner Recherche »maßlos enttäuscht« wurde, geriet der indische Eisenbahningenieur Rajendra Pachauri (4) und Vorsitzende des IPCC deshalb auch in seinem Heimatland unter starken politischen Druck.
Als Antwort auf die IPCC-Prognose hat der indische Gletscherforscher Vijay Kumar Raina eine Studie im Auftrag des dortigen Umweltministeriums erstellt. In dieser 60-seitigen Studie (5) kommt er zu dem Ergebnis, dass »viele« indische Himalaja-Gletscher in den letzten Jahren stabil seien oder sich vergrößert haben und die Schrumpfrate »vieler anderer« sich verringert habe.
Bei der Vorstellung der Studie im November 2009 erklärte der indische Umweltminister Jairam Ramesh, dass es keinen »überzeugenden wissenschaftlichen Beleg dafür gibt, eine globale Erwärmung mit dem in Verbindung zu bringen, was mit den Gletschern im Himalaya passiert«. Zwar würden einige Gletscher zurückgehen, aber die Geschwindigkeit, mit der das geschehe, sei »historisch nicht alarmierend« (6).
Interessant war die Reaktion vom IPCC-Chef Rajendra Pachauri, der dem Reporter des Guardian sagte: »Wir haben ein sehr klares Bild davon, was passiert. Ich weiß nicht, warum sich der Minister hinter diese nicht belegte Forschungsarbeit stellt. Seine Erklärung ist extrem arrogant.« Pachauri, so der Guardian, habe zudem die indische Studie als »Voodoo-Wissenschaft« abgetan. Sie sei nicht »peer reviewed« und habe nur wenige »wissenschaftliche Zitierungen«. Daraufhin war Minister Ramesh bereit, »die Weltuntergangs-Drehbücher von Al Gore und dem IPCC« zu übernehmen.
Am 18. Januar 2010 ließ der indische Umweltminister Jairam Ramesh mit Genugtuung verlauten: »Ich hatte recht mit den Gletschern.« (7) Reagiert hat auch die Naturschutzorganisation WWF, die im IPCC-Bericht als Quelle für das apokalyptische Szenario hergehalten hat. Kleinlaut heißt es dort: »Obwohl Wissenschaftler zutiefst besorgt sind über den Rückzug der Gletscher in dieser Region, hat sich diese bestimmte Vorhersage als falsch erwiesen.«
Spätestens an dieser Stelle muss hinterfragt werden, wie eine populärwissenschaftliche Abhandlung mit nicht näher bekannter Herkunft Bestandteil des offiziellen IPCC-Reportes wurde.
Wie konnte aus der Jahreszahl 2350 die Zahl 2035 werden? Zahlendreher oder Transkriptionsfehler? Oder veränderten die Mitarbeiter aus klimamissionarischem Eifer die ursprüngliche Zahl, weil ihnen offenbar 340 Jahre als zu lange und zu undramatisch vorkamen?
Diese Peinlichkeit ersten Ranges hätte sich der Weltklimarat leicht ersparen können: Georg Kaser (8) – Gletscherforscher von der Universität Innsbruck und einer der führenden Autoren des ersten Teils des IPCC-Berichts – hatte frühzeitig den kapitalen Fehler im zweiten Teil des Papiers gefunden. Doch seine Warnung wurde nicht beachtet. »Das war nach den offiziellen Begutachtungsprozessen, kurz vor der Drucklegung«, sagt Kaser. »Es war wohl schon zu spät für eine Korrektur.« (9) Panne!? Oder doch eine bewusste Vermarktungsstrategie der umweltfreundlichen Panikverbreitung?
So ist zu befürchten, dass Herr Kaser im Namen der »political correctness« ins Abseits gestellt wird. Interessanterweise hat der Weltklimarat den Begriff »global warming« durch »climate change« ersetzt.
Warum? Ist die Klimaerwärmung doch nicht so eindeutig beweisbar? Zumindest ist sie ins Stocken geraten.
Erst vor wenigen Monaten konstatierte das britische Hadley-Zentrum für Klimawandel für den Zeitraum von 1999 bis 2008 den Stillstand des globalen Temperaturanstiegs. Für diesen Zeitraum hatte der Weltklimarat einen Anstieg von 0,2 Prozent prognostiziert. Die britischen Berechnungen wollen einige IPCC-Wissenschafter partout nicht wahrhaben. Trotzig behauptet Stefan Rahmstorf vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK): »Die Erwärmung ist in den letzten Jahren weitergegangen.« (10) Der düstere Prophet aus Potsdam ist sich so sicher, dass er 2.500 Euro darauf wettet.
Die internen Diskussionen der Klimaforscher erinnert im Übrigen an die Französische Revolution. Zunächst machte man die meisten externen Kritiker mundtot – indem sie geköpft wurden. Dann fielen die Revolutionäre über sich selbst her.
Wie soll das Laienpublikum den Streit unter den Klimaforschern verstehen? Kommen die Untersuchungsergebnisse der IPCC-Klimaforscher vielleicht nur hypothesengeleitet – es wird immer wärmer, weil der Mensch CO2 verursacht – zustande? Läuft wirklich die CO2 -Kurve dem Temperaturanstieg voraus, oder ist es nicht umgekehrt? Welchen Einfluss haben Wasserdampf, Sonnen- und Methanaktivität?
Unter den Wissenschaftlern gibt es keinen Konsens: Im Heidelberger Appell äußern über 4.000 Wissenschaftler – darunter sechs deutsche und 68 weitere Nobelpreisträger – skeptisch ihre Bedenken gegenüber der Klimawissenschaft und -politik. 66 der 74 Unterzeichner sind Preisträger in den Naturwissenschaften Physik, Chemie und Medizin. Sie äußern sich »besorgt ... über die Entstehung einer irrationalen Ideologie« (11).
Und dem Global Warming Petition Project (12) – der Oregon Petition – schlossen sich neben anderen auch Tausende amerikanischer Wissenschaftler an.
Sie erklären, dass es keine überzeugenden Beweise gebe, dass menschlich erzeugte Treibhausgase zu einer katastrophalen Erwärmung der Erde führen würden. Vor diesem Hintergrund wirkt die fatale Selbstgerechtigkeit, mit der uns die Apologeten des kommenden Weltuntergangs bekehren wollen, nur abstoßend. Das trifft auch auf die Art und Weise zu, wie Kritiker mundtot gemacht werden. Dabei kann die heutige Wissenschaft das Wetter nicht einmal für fünf Tage genau vorhersagen. Und das Erdbeben in Haiti traf die Menschen ohne Vorwarnung.
Angesichts des Streites unter den Wissenschaftlern können wir es nur mit Socrates halten: »wir wissen, dass wir nicht wissen«. Und die Klimaexperten wissen ebenfalls NICHTS. Sie wissen nur, dass sie Erwartungen befriedigen müssen, um weitere Forschungsgelder zu erhalten und zeigen so das ganz normale Verhalten eines Homo Oeconomicus. Aber denke doch keiner, es geht hier um wissenschaftliche Beweisführung im Sinne Karl R. Poppers.
Mit dem Kampfbegriff »climate change« kann man den Temperaturausschlag – in welche Richtung auch immer – zweckorientiert instrumentalisieren. Die »Führungselite« liebt anscheinend Katastrophenszenarien. Damit werden Ängste erzeugt, die wiederum den Bürger leichter (ver)-führbar machen. Und nachdem das Waldsterben ausgeblieben ist, nicht Millionen von BSE dahingerafft wurden, ja selbst die Schweinegrippe nicht das hielt, was die WHO mit seiner Pandemiewarnung versprochen hat, muss man eben den Klimawandel und die damit alsbald verschwindenden Inseln und den Untergang eines Großteils des Festlandes propagieren.
Nun scheint langsam ein Zitat Abraham Lincolns wahr zu werden: »Man kann einen Teil des Volkes die ganze Zeit täuschen, und das ganze Volk einen Teil der Zeit. Aber man kann nicht das gesamte Volk die ganze Zeit täuschen.«
Nach dem Wirbel um die fragwürdigen E-Mails britischer Klimaforscher schaut die Öffentlichkeit wachsam auf alles, was bei der Klimaforschung nur entfernt nach einem Skandal aussehen könnte. Da ist der Schaden aus der »Himalaya-Panne« für den Weltklimarat IPCC besonders groß und die Folgen noch gar nicht abzusehen. Für Hans Joachim Schellnhuber vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung mehr als ein peinlicher Fehler. Nun bestehe Reformbedarf! Das verwundert: war es doch gerade Schellnhuber und sein Adlatus Rahmstorf, die seit Jahren und auch noch kurz vor dem Klimagipfel im Dezember 2009 die bedrohlichen Visionen des IPCC verbreiteten.
Unabhängig von der Klimadiskussion, unabhängig davon, welche Faktoren letztendlich Klimaänderungen bewirken, dürfte es unbestritten sein, dass die Menschheit über ihre Verhältnisse lebt. Unser Planet wird rücksichtslos ausgeplündert, während sich die Bevölkerung explosionsartig vermehrt – auf Kosten der Mitmenschen und auf Kosten künftiger Generationen. Die menschliche Gier scheint bei fehlendem Verantwortungsgefühl grenzenlos zu sein – ebenso wie die Wachstumsphilosophie. Wir brauchen eine Verhalternsänderung! Dazu muss eine Bewusstseinsänderung stattfinden. Mit der Angst lässt sich das nur kurzfristig bewerkstelligen. Wir brauchen die Einsicht für eine Entwicklung, die zugleich sozial fair, ökonomisch effizient und dauerhaft umweltgerecht ist. Das lässt sich nur mit einem grundlegenden Wandel der aktuellen klima- und umweltschädlichen Muster von Produktion und Konsum, von Technologien und Lebensstilen erzielen. (13)
__________
Anmerkungen:
(1) IPCC-Report von 2007, Climate Change 2007: Working Group II: Impacts, Adaption and Vulnerability, Abschnitt 10.6.2: »The Himalayan glaciers«, S. 493: »Glaciers in the Himalaya are receding faster than in any other part of the world (see Table 10.9) and, if the present rate continues, the likelihood of them disappearing by the year 2035 and perhaps sooner is very high if the Earth keeps warming at the current rate. Its total area will likely shrink from the present 500.000 to 100.000 km2 by the year 2035 (WWF, 2005).«, http://www.ipcc.ch/publications_and_data/ar4/wg2/en/ch10s10-6-2.html.
(2) Arbeitsgruppe I kümmert sich um die naturwissenschaftlichen Grundlagen des Klimasystems und der Klimaänderung, während Arbeitsgruppe III Informationen über Maßnahmen zur Eindämmung des Klimawandels sammelt.
(3) Traufetter, Gerald: »Recherchepanne. Weltklimarat schlampte bei Gletscher-Prognosen«, 19. Januar 2010, unter http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,672709,00.html.
(4) Vorstand des Tata Energy Research Institute in Neu-Delhi
(5) Himalayan Glaciers. A State-of-Art Review of Glacial Studies, Glacial Retreat and Climate Change
(6) Artikel im englischen Guardian, unter http://www.guardian.co.uk/environment/2009/nov/09/india-pachauri-climate-glaciers.
(7) Traufetter, Gerald: »Recherchepanne«.
(8) Kaser ist eine Kapazität auf seinem Gebiet: Bis zum vergangenen Jahr war er Chef der International Association of Cryospheric Sciences.
(9) Seidler, Christoph: »Panne der Uno-Experten. Falsche Gletscherprognose empört Klimaforscher«, 19. Januar 2010, unter http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,672852,00.html.
(10) Traufetter, Gerald: »Bremst schwächelnde Sonne die Erderwärmung?«, 25. November 2009, unter http://themen.t-online.de/news/erderwaermung.
(12) http://www.petitionproject.org/.
(13) Der Klimawandel: Brennpunkt globaler, intergenerationeller und ökologischer Gerechtigkeit. Ein Expertentext zur Herausforderung des globalen Klimawandels Mit einem Geleitwort des Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, 2., aktualisierte Auflage, April 2007.
Samstag, 23.01.2010
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