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Brasilien und China setzen beim Öl ein neues geopolitisches Beispiel

F. William Engdahl

Offensichtlich nutzt China die derzeitige Weltfinanzkrise, um die seine nationale Energieversorgung langfristig sicherzustellen. Der jüngste Schritt auf diesem Weg ist ein Abkommen zwischen dem brasilianischen Präsidenten und der Regierung in Beijing, demzufolge mit chinesischem Geld in Brasilien ein großes Ölfeld erschlossen wird. Als Gegenleistung garantiert Brasilien die Lieferung von Erdöl an China. Washington hat dagegen die Chance verpasst – so etwas wäre noch vor einem Jahrzehnt undenkbar gewesen und ist ein deutliches Zeichen dafür, dass die amerikanischen Hegemonialmacht schwindet.

Der brasilianische Präsident Luiz Inácio »Lula« da Silva hält sich dieser Tage zu Gesprächen mit seinem chinesischen Amtskollegen Hu Jintao in Beijing auf. Auf der Tagesordnung stand dabei vor allem Brasiliens Ersuchen um Finanzhilfe bei der Entwicklung und Erschließung der großen (Offshore-)Ölfelder vor der brasilianischen Küste. Brasiliens große staatliche Ölgesellschaft, die Petroleo Brasileiro SA oder kurz Petrobras, plant für die kommenden fünf Jahre Ausgaben in Höhe von 174 Milliarden Dollar, damit Brasilien in die oberste Liga der ölproduzierenden Länder aufsteigen kann. Petrobras will nach eigenen Angaben  5,7 Millionen Barrel Öl pro Tag (bpd) produzieren, das ist weit mehr als Doppelte der gegenwärtigen Produktion von 2,5 Millionen bpd.

2007 gab Petrobras bekannt, dass riesige Tiefwasser-Offshore Ölreserven in der Umgebung des Tupi-Feldes, das nun als erstes erschlossen werden soll, entdeckt worden waren. Das Öl befindet sich in einem von Geologen als »pre-salt area« (Vor-Salz-Zone) bezeichneten Gebiet, das ihren Namen daher erhält, das die Lager tief unter dem Ozeangrund unter einer dicken Salzschicht lagern. Schätzungen zufolge enthält diese Lagerstätte etwa 80 Milliarden Barrel Leichtöl. Bereits im April diesen Jahres hatte Petrobras die Entdeckung eines weiteren Ölfeldes unter dem tiefen Barreirinhas-Becken bekannt gegeben, das 160 Kilometer vor der Küste von San Luis liegt, der Hauptstadt des Bundesstaates Maranhao im Nordosten Brasiliens.

 

Die Präsidenten Brasiliens und Chinas einigen sich auf ein Finanzierungs-Abkommen für Öl: Der Beginn einer neuen geopolitischen Epoche beim Öl.

 

Diese neuen Ölfunde vor der brasilianischen Küste sind völlig gesetzmäßig und widersprechen dem heutigen fast schon religiösen Dogma, wonach die Welt angeblich am Rande eines »absoluten Öl-Peaks« (Gipfel der Ölförderung) steht. Laut diesem Dogma werden die Ölvorräte in den kommenden Jahrzehnten langsam, aber stetig abnehmen. Russische und ukrainische Wissenschaftler hatten dagegen schon in den 1950er-Jahren entdeckt, dass sich das Erdöl nicht auf die biologische Konzentration von verwesten Dinosauriern oder Meeresalgen und anderen fossilen Pflanzen beschränkt. Das Öl stammt vielmehr aus den tiefen Schichten des Erdmantels und wird unter extremem Druck und hohen Temperaturen an die Oberfläche gedrückt.

Schon im Ersten Weltkrieg hat der große deutsche Wissenschaftler Alfred Wegener die Hypothese aufgestellt, vor vielen hundert Millionen Jahren hätte die gesamte Erdoberfläche aus einer einzigen Landmasse bestanden – der von ihm so bezeichneten Pangea. Mit der Zeit, d.h. in vielen Millionen Jahren, dehnte sich diese Masse aus, teilte sich, und infolge dieser Teilung der Pangea entstanden unsere heutigen Ozeane und Kontinente. Dass die Ostküste Brasiliens und die Westküste Afrikas zwischen Nigeria und Angola im Golf von Guinea ursprünglich zu einer einzigen Landmasse gehörten, verrät schon ein Blick in einen Atlas. Seit Jahrzehnten haben die anglo-amerikanischen Ölmultis die riesigen Ölreserven vor der westafrikanischen Küste fest unter Kontrolle – natürlich mit der stillschweigenden und verdeckten Unterstützung durch die Streitkräfte und Geheimdienste der jeweiligen Regierungen.

Dass Brasilien, das geophysikalisch eine Art Spiegelbild der afrikanischen Küste ist, ebenfalls über große Öl-Reserven verfügt, ist also für jemanden, der mit Wegeners Arbeit oder mit den Erkenntnissen der abiotischen Wissenschaften in Russland vertraut ist, keine Überraschung. Das wirklich Neue an dieser Sache ist die jetzt entstandene politische Kombination: eine enge Zusammenarbeit zwischen den Regierungen Brasiliens und Chinas, die für Washington ein geopolitischer Albtraum ist, denn sie stellt nicht nur die weitere US-amerikanische Kontrolle über die Ökonomien in Südamerika in Frage, sondern auch über die chinesische Wirtschaft.  

Da nun seit September 2008 die internationalen Kapitalmärkte, insbesondere in New York, kollabiert sind, sah sich die Regierung Lula gezwungen, an anderen Quellen Kapital aufzutreiben. Offensichtlich ist die Wahl auf China gefallen, und diese Entscheidung hat erhebliche geostrategische Auswirkungen auf den zukünftigen Einfluss der USA über die Wirtschaft in Südamerika.

In den letzten Jahren haben chinesische Vertreter viel Energie darauf verwendet, sich die Lieferung verschiedener Rohstoffe aus Brasilien zu sichern. Infolgedessen ist der bilaterale Handel zwischen beiden Ländern ständig gestiegen; im März diesen Jahres hat China die USA als wichtigster Handelspartner Brasiliens überholt.

 

Die staatliche brasilianische Ölgesellschaft Petrobras will mit chinesischer Hilfe zu einem der größten Ölproduzenten werden.

 

Petrobras hat das jetzt getroffene Abkommen in groben Zügen bereits bekannt gegeben. China wird Brasilien einen Kredit in Höhe von zehn Milliarden Dollar zur Verfügung stellen und erhält als Gegenleistung dafür von Brasilien die Lieferung von bis zu 200.000 Barrel Öl pro Tag. Nach Angaben von Wirtschaftsexperten gewähren die Chinesen diese Kredite jedoch vornehmlich deshalb, weil sie sich Verträge über die Bereitstellung von Dienstleistungen und Ausrüstungen genau zu dem Zeitpunkt sichern wollen, an dem Brasilien im Umgang mit ausländischen Unternehmen den Ton verschärft.

 

Der besondere Vorteil Chinas

China hat gegenüber anderen Ländern einen gewaltigen Vorteil. Da die Wirtschaft des Landes noch immer ein Gemisch zwischen der alten kommunistisch-staatlich kontrollierten zentralen Planwirtschaft und einer privaten freien Marktwirtschaft ist, werden Entscheidungen über die Gewährung von Krediten, die als wichtig für die nationale Sicherheit eingeschätzt werden, noch immer auf der Grundlage des nationalen Interesses und nicht aufgrund kurzfristiger Profiterwartungen gefällt. Dies erweist sich in der gegenwärtigen Krise als gewaltiger Vorteil für China, denn die traditionellen Finanzquellen für große Offshore-Ölprojekte wie die New Yorker Banken JP MorganChase oder Citigroup kämpfen in der sogenannten Verbriefungs-Krise – die diese Investmenthäuser bekanntlich selbst in den letzten zehn Jahren herbeigeführt haben – ums nackte Überleben. In diesem finanziellen Vakuum erscheint nun China für viele rohstoffreiche Entwicklungsländer gegenüber New York oder London als alternative Finanzquelle oder gar als »Kreditgeber der letzten Instanz«. Aus geopolitischer Sicht ist das eine Veränderung von größter Bedeutung, was man in Washington bislang jedoch kaum versteht.

In einem Interview hat der Chef von Petrobras jüngst die Lage beschrieben. Sergio Gabrielli, der CEO von Petrobras, erklärte: »Die USA haben ein Problem. Es gibt in der US-Regierung niemanden, mit dem wir uns hinsetzen und solche Gespräche führen können, wie derzeit mit den Chinesen.« Dabei bezog Gabrielli sich darauf, dass Chinas staatliche Banken bereit sind, große Auslandskredite zu vergeben, um die langfristige Energiesicherheit zu erreichen, sich Lieferungen von verschiedenen Produzenten aus der ganzen Welt zu sichern und den eigenen Ölgesellschaften Zutritt zu den konkurrierenden Regionen zu verschaffen. Nach Angaben eines vor Kurzem im Wall Street Journal erschienenen Berichts hat China in letzter Zeit Öl-Kredite an Russland, Kasachstan und andere Länder in Höhe von insgesamt 45 Milliarden Dollar vergeben.

Paradoxerweise wächst der Vorteil für das chinesische staatliche Wirtschaftssystem genau zu dem Zeitpunkt, an dem das anglo-amerikanische Laissez-faire-Modell zur Sicherung der langfristigen nationalen Wirtschaftsstabilität allgemein als gescheitert gilt. Der globale Ölsektor eignet sich ganz besonders für Geschäfte mit dem chinesischen Staat, denn geschätzte 75 Prozent aller bekannten Ölreserven befinden sich heute in den Händen von staatlich kontrollierten Ölgesellschaften, sei es in Saudi Arabien, in Kasachstan, im Sudan oder in Brasilien.

Seit fast einem Jahrhundert waren die riesigen US-amerikanischen und britischen Ölgesellschaften in der Lage, den Weltmarkt für Öl, der als »Hüter« der weltweiten Wirtschaftsentwicklung gilt, zu kontrollieren, weil sie eng mit den Großbanken des Money Trusts in New York und London – wie Chase und Citigroup – kooperiert haben. Aufgrund dieser Partnerschaft konnten die USA nach dem Zweiten Weltkrieg die weltwirtschaftliche Bühne beherrschen. Der gezielt herbeigeführte »Ölschock« von 1973, den ich in meinem Buch Mit der Ölwaffe zur Weltmacht ausführlich beschrieben habe, wurde von der amerikanischen Banken- und Ölelite bewusst inszeniert. David Rockefeller, der damalige Chef der Chase Manhattan Bank, hat dabei eine besonders wichtige Rolle gespielt. Ziel dieses Coups war, das rasante Wachstum der Exporte von Industriegütern insbesondere aus Deutschland, Frankreich und Japan in den 1970er-Jahren zu stoppen und gleichzeitig den US-Dollar als Weltreservewährung zu stützen.

Das jetzt geschlossene Abkommen zwischen China und Brasilien läutet eine neue geopolitische Epoche ein, in der diese hegemoniale Macht der USA durch eine hausgemachte Krise ausgeschaltet wird. In jüngster Zeit hat die chinesische Entwicklungsbank dem Staat Ekuador Kredite über insgesamt eine Milliarde Dollar für Energieprojekte in den Bereichen Öl und Wasserkraft gewährt. Ekuador sucht nach einer Finanzierung für den Bau des größten Wasserkraftwerks im Lande, dem Coca Codo Sinclair, mit einer Kapazität von 1500 MW. Die voraussichtlichen Investitionskosten für dieses Projekt werden auf zwei Milliarden Dollar geschätzt. Ein Bieter aus China, das staatliche Unternehmen Sinohydro, hat sich bereit erklärt, bis zu 85 Prozent der Finanzierung zu übernehmen. Nach einer Vereinbarung zwischen dem venezolanischen Präsidenten Hugo Chávez und der chinesischen Regierung wurde vor Kurzem mit dem Bau der ersten gemeinsamen chinesisch-venezolanischen Ölraffinerie in China begonnen, in der Öl aus Venezuela raffiniert werden soll. Dies ist aber nur die erste von drei gemeinsamen Raffinerien, die in China gebaut werden sollen. Außerdem sieht die zwischen Caracas und Beijing getroffene strategische Vereinbarung vor, dass Venezuela in den nächsten Jahren an China bis zu eine Million bpd Rohöl liefert. Chávez selbstbewusst: »Schon heute sind wir bei über 300.000 bpd Rohöl pro Tag.«

 

Montag, 25.05.2009

Kategorie: Geostrategie, Wirtschaft & Finanzen, Politik

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