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China will Weltmacht werden - und muss bei näherer Betrachtung vor allem Angst vor den Feinden im Innern haben

Udo Ulfkotte

8,6 Milliarden Dollar hatte China im Februar 2008 an Handelsüberschuss zu verbuchen. 13,4 Milliarden Dollar waren es im März und 16,7 Milliarden Dollar im April. Seit Jahresbeginn hat China einen Handelsüberschuss von sagenhaften 58 Milliarden Dollar. Die Kassen des Landes sind randvoll gefüllt – und es fließt immer mehr Geld hinein. Während die meisten Menschen bei China derzeit nur an die bevorstehenden Olympischen Spiele denken, haben die Mitglieder der chinesischen Staatsführung längst andere langfristige Ziele im Visier. Das Land soll die Weltmacht schlechthin werden. Wer die Rüstungsanstrengungen des Landes beobachtet, macht immer wieder erstaunliche Entdeckungen. Doch bei nüchterner Betrachtung ist China alles andere als eine künftige Bedrohung – die wahren Feinde Pekings sitzen in den Provinzen des eigenen Landes. Sie sind kaum zu bekämpfen. Und deshalb sind alle Weltmachtambitionen der chinesischen Regierung in den nächsten Jahrzehnten reiner Pulverdampf.

Die chinesische Armee muss auf Kommando hoch springen. Das kommt bei Besuchern gut an. Und auch die Marine will etwas ganz Besonderes sein. In der südchinesischen See liegt nahe Hongkong die chinesische Insel Hainan. Mit Hilfe von Satellitenaufnahmen haben westliche Dienste dort erstaunliche Bautätigkeiten beobachtet: Die Chinesen bauen dort seit 2002 schon insgeheim einen an James-Bond-Filme erinnernden strategischen U-Boot-Hafen, der Platz bietet für eine Flotte von mindestens 20 atomar getriebenen U-Boote. Nun haben atomar getriebene U-Boote eine Reichweite von 7000 bis 15.000 Kilometer. Und deshalb beobachten nicht nur die ambitionierten Anrainer wie Indien oder auch Japan die chinesischen U-Boot-Pläne mit wachsender Sorge.

China will hoch hinaus. Und die künftigen U-Boot-Besatzungen trainieren derzeit mit deutschen Schäferhunden das Seilspringen. Man weiß ja nie, was einen so auf den Weltmeeren unter Wasser erwartet. China verfügt derzeit über fünf nuklear angetriebene U-Boote. Und ein geheimer Hafen mit Platz für 20 Atom-U-Boote läßt viele Sicherheitsfachleute aufhorchen. Vor allem in Indien herrscht nun Panik. Denn die Inder hatten zwischen 1988 und 1991 ein Atom-U-Boot von den Russen geleast. Das war bislang ihre einzige Erfahrung mit Atom-U-Booten. Doch vor dem Hintergrund der chinesischen Aufrüstung haben sie nun neue Prioritäten gesetzt: Moskau hat soeben ein Atom-U-Boot der Akula-Klasse an Indien geliefert – und ein zweites soll folgen. Für 3,5 Milliarden Dollar bekommt Indien auch sechs konventionelle französische U-Boote. Und die indische Marine hat zwölf Milliarden Dollar von der Regierung bekommen, mit denen 40 neue Kriegsschiffe gebaut oder gekauft werden sollen. Indien beobachtet die Chinesen also mit zunehmendem Argwohn. Man ist in Neu-Delhi der Auffassung, dass die Chinesen in wenigen Jahren schon Staatsfeind Nummer Eins werden – und die Pakistaner als potentiellen Aggressor vom Spitzenplatz verdrängen. Der künftige Konflikt wird aus indischer Sicht vor allem die Energiefrage betreffen. China wie auch Indien werden immer mehr Rohstoffe und auch Rohöl benötigen – und die Lieferwege müssen sicher sein. Vor diesem Hintergrund hat Indien etwa insgeheim soeben im Norden von Madagaskar einen militärischen Horchposten errichtet. Er kümmert sich für die indische Regierung um die Sicherheit der Ölrouten rund um Kap Horn in den Indischen Ozean. Die chinesischen Atom-U-Boote stellen auch für die indische Ölversorgung ein potentielles Risiko dar.

Ebenso aufmerksam verfolgt man die Bestrebungen der Chinesen, auch im Luftraum Fuß zu fassen. Gerade erst haben die Chinesen bekannt gegeben, dass sie von etwa 2020 an Großraumflugzeuge in Shanghai bauen werden. Damit wollen sie Boeing und Airbus Konkurrenz machen. Über Jahre hin hatten Chinesen bei Airbus und Boeing als Werkstudenten gearbeitet – und jeden Schritt der Produktion auszukundschaften versucht. Inzwischen glaubt man in China, zumindest Passagierflugzeuge mit einer Größe von etwa 150 Passagieren selbst bauen zu können. Um das Ziel voranzutreiben, wurde die Commercial Aircraft Corporation of China (CACC) gegründet. Mit 19 Milliarden Dollar Startkapital werden die Mitbewerber das Unternehmen gewiss ernst nehmen müssen.

Das alles sind wunderschöne Zahlen. Und auf den ersten Blick zeigen sie das Bild von einem Land, das sich anschickt, eine Weltmacht zu werden. Immerhin hat das Land 2006 beachtliche 90 Milliarden Dollar für Verteidigung ausgegeben. Nun haben die Vereinigten Staaten im gleichen Zeitraum 440 Milliarden Dollar für Verteidigung aufgewendet – den Irak-Krieg und Afghanistan nicht mit eingerechnet. Die Produktivität eines chinesischen Arbeits beträgt etwa 4 (vier!) Prozent von der eines amerikanischen Arbeiters – das gilt auch für die Rüstungsindustrie. Die angeblich so beeindruckenden Zahlen schmelzen vor diesem Hintergrund rasch zusammen. Und der Grund für die chinesischen Ausgaben im militärischen Bereich ist ein völlig anderer: mit den Militärausgaben will sich die chinesische Staatsführung die Loyalität der Militärführung erkaufen.

Imperialistische Weltmachtambitionen der Chinesen machen sich in westlichen Medien zwar gut, erhöhen die Quote – doch realistisch sind sie nicht. Denn in den chinesischen Provinzen, von denen viele noch immer von Ausländern nicht betreten werden dürfen, brechen immer wieder Unruhen aus. Die Menschen sind unzufrieden. Während das Land Monat für Monat Handelsüberschüsse in Milliardenhöhe zu vermelden hat, gibt es weite Landstriche, in denen die Menschen nicht wissen, was sie morgen essen sollen. So wie westliche Journalisten den Wirtschaftskollaps in Japan ebenso wenig vorausgesehen haben wie den Zusammenbruch der Sowjetunion, so folgen sie derzeit eifrig den chinesischen Propaganda-Meldungen über die ungeheuren chinesischen Erfolge – und verdrängen die Misserfolge.

Denn die Zahlen für China sind bei näherer Betrachtung alles andere als beeindruckend: China ist die größte Wirtschaft der Welt und wächst Jahr für Jahr mit Steigerungsraten von etwa 10 Prozent. Doch das Bruttosozialprodukt von 1,4 Milliarden Chinesen ist weniger als ein Viertel dessen, was 300 Millionen Amerikaner erwirtschaften. Und die Europäische Union hat kaum ein Drittel der Bevölkerung Chinas, aber ein fünf Mal so großes Bruttosozialprodukt. Die gewaltige Lücke zwischen der Produktivität eines Chinesen und der eines Europäers oder Amerikaners wird sich auch in den nächsten 50 Jahren nicht schließen – auch wenn die chinesische Wirtschaft weiterhin Jahr für Jahr um 10 Prozent wächst.

China will eine Supermacht werden – und riskiert dabei alles zu verlieren. Der Umweltschutz wurde über Jahrzehnte sträflich vernachlässigt, weite Teile des Landes sind dürr und sauberes Trinkwasser ist für Hunderte Millionen Chinesen eine Fiktion. Die Luft ist in vielen chinesischen Gebieten die schmutzigste der Welt, die Flüsse bergen kein Leben mehr. Das alles wird von westlichen Medien zwar am Rande zur Kenntnis genommen, aber die Wachstumsraten beeindrucken eben mehr. Dabei vergessen westliche Journalisten die chinesische Bevölkerung, die diese Entwicklung so nicht länger mitmachen will.  Gewiss gibt es auch viele Chinesen, die in den vergangenen Jahren ungeheuren Reichtum angehäuft haben. Doch jeder dritte Chinese lebt weiterhin unterhalb der Armutsgsgrenze, hat kein sauberes Trinkwasser und kann bei den steigenden Reispreisen auch keine geregelten Mahlzeiten mehr bezahlen. Ein Drittel der Bevölkerung ist so bitterarm, dass dieser Teil der Chinesen das im Westen vorherrschende Bild eines aufstrebenden Landes empfindlich stören würde – wenn man wahrheitsgemäß darüber berichten würde. 

China hat gewaltige Aufgaben vor sich. Doch die Weltmachtgelüste sind ein Potemkinsches Dorf – solange China nicht einmal im Innern Stabilität und Zufriedenheit weiter Bevölkerungsteile vorweisen kann. Die Schwäche im Innern Chinas ist eine große Gefahr. Und diese Schwäche wird im Westen gern übersehen.

Montag, 12.05.2008

Kategorie: Allgemeines, Wirtschaft & Finanzen, So lügen Journalisten, Politik

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