Das Kartenhaus stützen
Die Weltfinanzmärkte haben scharf auf die Meldung reagiert, dass die amerikanische Versicherungsgruppe AIG jetzt den größten Vierteljahresverlust der amerikanischen Geschichte gemeldet hat – nämlich 61,7 Milliarden Dollar – und dass die US-Regierung dem Versicherer weitere 30 Milliarden Dollar aus Steuergeldern zur Verfügung stellen wird. Dies ist der dritte Plan zur »Rettung« der AIG seit dem letzten September, als der damalige US-Finanzminister Henry Paulson in einem offensichtlichen Interessenkonflikt mit einer beispiellosen Finanzspritze (»Bailout«) der Bundesregierung eine US-Versicherungsgesellschaft vor dem Bankrott rettete, während er sich buchstäblich an demselben Tag weigerte, die große und traditionsreiche Investmentbank »Lehman Brothers« zu retten. Durch diese Entscheidung, »Lehman Bros.« Bankrott gehen zu lassen, weitete sich ein bis dahin begrenztes Finanzproblem zur gegenwärtigen weltweiten Systemkrise aus. Der Fall AIG sowie die neuen Hilfen (aus Steuergeldern!) für die »Citigroup« sind Beispiele dafür, dass die US-Regierung den Versuch unternimmt, Finanzinstitute, die in riesigem Umfang fremdfinanziert sind, zu retten, ohne sie zuvor einem rigorosen Verstaatlichungs- und Sanierungsprogramm der Regierung zu unterwerfen. Im Klartext: Gutes Geld wird in einem riesigen schwarzen Loch versenkt.
Schon vor der jüngsten »Rettungsaktion« in Höhe von 30 Milliarden Dollar hatte die US-Regierung dem Versicherungskonzern American International Group (AIG) insgesamt 150 Milliarden Dollar gewährt, und zwar in Form von Krediten, Investments und Aktienkapital, um das Unternehmen über Wasser zu halten. Inzwischen hat die Regierung aber nicht nur die Bedingungen gelockert, die für die erste im letzten September gewährte Hilfe von 85 Milliarden Dollar gestellt wurden; zur weiteren Lockerung des Drucks auf AIG hat die Federal Reserve eine Sonderabteilung eingerichtet, die die von der AIG versicherten »Giftpapiere« aufkauft. AIG ist de facto verstaatlicht worden, der Regierung gehören fast 80 Prozent der (vielfach »giftigen«) Anteile. Damit ist das ein Paradebeispiel dafür, wie man nicht vorgehen sollte. Der Aktienkurs der AIG liegt derzeit bei 42 US-Cents.
Marktanalysten gehen davon aus, dass es den amerikanischen Steuerzahler mindestens noch einmal 100 Milliarden Dollar kosten wird, wenn der Versicherungskonzern nicht vollständig verstaatlicht und einem ordentlichen Bankrottverfahren unterzogen wird. Ansonsten fiele AIG einfach auseinander und die Regierung bliebe auf ihren Anteilen sitzen. Eine Viertelmilliarde Dollar, die einem einzigen Unternehmen gegeben wird, um es vor dem Bankrott zu retten, ist eine gewaltige Menge Geld. Aber die US-Regierung meint, es gäbe keine andere Wahl. Wegen ihrer fragwürdigen Geschäftspraktiken bei der US-Immobilienblase hat die AIG das gesamte Weltfinanzsystem in erpresserischer Weise da gepackt, wo es wirklich weh tut: an der Gurgel. In Wirklichkeit ist ein Bailout der AIG ein Bailout ihrer Geschäftspartner: der großen Investmenthäuser bzw. Banken wie Goldman Sachs, JP Morgan Chase, Citigroup, Morgan Stanley – im Wesentlichen geht es also um das gesamte Bankensystem der westlichen Welt.
Kreditderivate namens »Credit Default Swaps«
Der wichtigste Grund dafür, dass die US-Regierung die AIG nicht untergehen lassen kann, ist der, dass im Falle eines Konkurses von AIG Kreditderivate zur Absicherung von Ausfallrisiken, sogenannte Credit Default Swaps (CDS), im Wert von mehreren hundert Milliarden Dollar »auffliegen« und amerikanische und europäische Banken, die ihre »Giftpapiere« vermutlich bei der AIG versichert haben, plötzlich auf immensen Verlusten sitzen würden. Die schon jetzt sehr wackligen Kapitalstrukturen dieser Banken würden zerstört. AIG hat es ermöglicht, dass die Banken weltweit die Illusion erwecken konnten, sie verfügten mit ihren CDS über ausreichend Regulierungskapital. Jetzt muss die US-Regierung mit Steuergeldern für diese Verträge geradestehen, damit die Banken nicht kollabieren.
Wie ich in meinem in Kürze erscheinenden Buch Der Untergang des Dollar-Imperiums darlege, sollte die Schaffung der neuen exotischen Finanzinstrumente namens Credit Default Swaps theoretisch dazu dienen, dass die Banken Kreditrisiken aus ihren Bilanzen entfernen und auf andere Agenturen wie die AIG, eine Versicherungsgesellschaft, übertragen konnten. Doch dies beruhte auf einem ungeheuren Schwindel, der sich falscher mathematischer Risikomodelle bediente.
Der ehemalige AIG-Direktor Hank Greenberg wurde 2005 vom New Yorker Gouverneur Eliott Spitzer unrechtmäßiger Geschäft in seinem Unternehmen beschuldigt. 2008 stand Greenberg vermutlich hinter dem Sex-Skandal, der Spitzer sein Amt als Gouverneur kostete.
Auf Drängen seines inzwischen in Ungnade gefallenen ehemaligen Direktors Hank Greenberg engagierte sich die AIG über ihre Londoner Abteilung »Finanzpraktiken« massiv beim Kauf und Verkauf von Credit Default Swaps mit anderen Finanzinstituten auf der ganzen Welt. AIG-London gab eine Art »Versicherung« für die vielen hundert Milliarden Dollars in vermögensbesicherten Wertpapieren (Asset Backed Securities, ABS) ab, die während der letzten zehn Jahre von Wall-Street-Firmen und Londoner Banken wie Barclays ausgegeben wurden, darunter auch zweitklassige (subprime) hypothekenbesicherte Wertpapiere.
Doch an dieser Stelle wird die ganze Sache nicht nur vertrackt, sondern es wird auch deutlich, welchen betrügerischen Missbrauch es gegeben hat, als die Regierung Bush und die Federal Reserve unter Greenspan entschieden haben, »die Finanzmärkte sich selbst regieren zu lassen; schließlich verstehen sie die Risiken besser als wir«.
Das gesamte von AIG aufgebaute Schneeballsystem (»Ponzi-Schema«) basiert darauf, dass die größte Versicherung der Welt von den Ratingagenturen Moody’s und S&P das selten vergebene absolut erstklassige AAA-Rating erhielt. Das heißt, die Ratingagenturen waren der Ansicht, die Gefahr eines Bankrotts wäre praktisch gleich Null und deshalb könne die AIG Kredite mit günstigeren Zinsen bekommen als Unternehmen mit einem schlechteren Rating.
Wenn die AIG die oben genannten Credit Default Swaps ausgab, dann diente dies als Form einer Versicherung für die unterschiedlichen exotischen zweitklassigen Papiere und anderen Asset Backed Securites (ABS), die von Banken an der Wall Street und einigen anderen Banken, vor allem in London, ausgegeben wurden. Tatsächlich garantierte die AIG, dass dann, »wenn der unwahrscheinliche Fall einträte«, dass diese hypothekenbesicherten Wertpapiere Verluste erlitten, die AIG – und nicht die Banken – für diesen Verlust einstünde.
Da die AIG das AAA-Rating bekommen hatte, als sie diese hypothekenbesicherten Wertpapiere stützte, hatten auch diese Papiere plötzlich ein AAA-Rating – eine clevere und unredliche Art, das AAA-Rating für sich zu nutzen.
»Risiken aus den Büchern der Banken« entfernen
Die Wall Street und die Banken akzeptierten dies Vorgehen, denn damit würde das Ausfallsrisiko von ihnen selbst auf die AIG übertragen und das AAA-Rating machte es viel einfacher, diese neuen hypothekenbesicherten Wertpapiere (ABS) zu vermarkten. Die AIG strich riesige Gebühren ein, die sie als »risikofreies Geld« betrachtete. Man war davon überzeugt, bestimmt niemals bezahlen zu müssen. Wie alle anderen Firmen an der Wall Street ging auch die AIG davon aus, die zugrundeliegenden Vermögenswerte – Eigenheime – könnten im Wert nur steigen.
Das führte dazu, dass die AIG noch andere dumme Fehler machte. Wenn eine Versicherung beispielsweise gegen Überschwemmungen oder Erdbeben versichert, dann muss sie Reserven anlegen, für den Fall, dass es tatsächlich zu einer Überschwemmung kommt. Deshalb sind in der Regel die Versicherungsunternehmen in erheblichem Maße überkapitalisiert und haben nur wenig Schulden.
Weil aber die Credit Default Swaps nicht reguliert und noch nicht einmal als traditionelles Versicherungsprodukt klassifiziert waren, brauchte die AIG kein Geld für den Verlustfall zurückzulegen. Und sie tat es auch nicht. Ihre Fremdfinanzierungspolitik glich eher der einer Investmentbank und nicht dem traditionellen Vorgehen einer Versicherung. Als in letzter Zeit in den USA die Häuserpreise fielen und sich die Verluste mehrten, da konnte die AIG schlicht nicht zahlen. Da ihre Spitzenmanager das eigentliche Risiko nicht verstanden, hat die AIG es völlig unterschätzt.
Außerdem hatte die AIG in viele ihrer Derivat-Verträge eine Klausel aufgenommen, die sie jetzt erfüllen muss. Sie hatte sich verpflichtet, Vorsorge für Notfälle (»Collateral Triggers«) zu treffen, was in ihrem Fall bedeutete, dass die AIG unter bestimmten Umständen, wie eine Herabstufung des eigenen Ratings oder dem von ihr versicherten Wertpapieren, zusätzliche Sicherheiten (collateral) für diese Wertpapiere stellen müsste. Der Grund, warum man diese Klausel über »Collateral Triggers« in die Verträge aufnahm, war wiederum nichts als pure Gier: denn dadurch konnte man die Gebühren erhöhen. Und wiederum war man bei der AIG der Ansicht, dieser Fall werde nie eintreten, und daher wäre der Vorbehalt ohne Bedeutung. Diese Collateral Triggers haben die AIG inzwischen viele, viele Milliarden Dollars gekostet. Genauer: sie haben den amerikanischen Steuerzahler diese vielen Milliarden Dollar gekostet.
Ziel der Geschäfte der AIG und der Ausgabe von CDS-Produkten in Milliardenhöhe war, dass die Banken ihre Bilanzen »schönen« konnten – sie sahen sicherer aus, als sie es tatsächlich waren. Nach den Ende der 1990er-Jahre erlassenen schlecht durchdachten internationalen Risikobestimmungen »Basel II« der Baseler Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) war es den Banken gestattet, ihre eigene interne Risikobewertung zur Festlegung ihrer Eigenkapitalanforderungen zu nutzen. Je weniger riskant die Vermögenswerte waren, desto niedriger war das gesetzlich geforderte Eigenkapital, das die Banken für den Fall von Kreditausfällen besitzen musste.
Banken konnten nun ihre Kreditrisiken auf andere Art und Weise niedrig halten, als nur dadurch, wenig riskante Aktiva zu halten. Sie kauften einfach die (AAA-) Credit Default Swaps der AIG. Mit diesen »Swap-« (d.h. Austausch-) Geschäften wurde aber das Ausfallrisiko auf die AIG übertragen und dank der Collateral-Triggers-Klausel schienen die Portfolios der Banken absolut risikofrei zu sein. Das verschaffte den Banken rechtlich den Anschein, als verfüge sie über die Mindestkapitalanforderungen der BIZ, die wiederum die Banken wollten, damit sie ihre Hebelwirkung erhöhen und noch mehr »risikofreie« Vermögenswerte kaufen konnten. Diese Praxis griff vor allem in Europa um sich. Der Mangel an Kapital ist einer der Gründe dafür, dass die europäischen Banken seit Ausbruch der Krise in solchen Schwierigkeiten stecken. Ironischerweise haben sich die Banken in der EU in den vergangenen Jahren den Basel II-Eigenkapitalregeln der BIZ gebeugt, während sich die US-Banken mit Unterstützung der Laissez-faire-Haltung der Regierung Bush diesen Regeln nicht unterworfen haben.
Bis heute hat sich keine wichtige Regierung in der G7 trotz aller Banken-Bailouts in Billionenhöhe und trotz pausenlosen Geredes von »Transparenz« der Schlüsselfrage angenommen, ob oder wie sich die systematische Umgehung oder Aufhebung von Regulierungskontrollen der Banken rückgängig machen lässt. Diese Aufhebung der Kontrollen war zunächst ab 1999 von den amerikanischen Regierungen unter Clinton und Bush ermöglicht worden, die sich darauf einließen, den »Glass-Steagall Act« von 1933 außer Kraft zu setzen; in diesem Gesetz war in weiser Voraussicht eine strikte Trennung zwischen den Geschäftsbanken einerseits und den Investmentbanken und Versicherungen andererseits festgelegt worden.
Nach Angaben von ehemaligen Vertretern amerikanischer Regulierungsstellen sowie Rechtsanwälten, Finanzexperten und anderen Fachleuten, die in den vergangenen 18 Monaten vor dem US-Kongress ausgesagt haben, hat die 1999 durch die Verabschiedung des Gesetzes zur Modernisierung der Finanzdienstleistungen (FSMA, »Financial Services Modernization Act«) bewirkte Außerkraftsetzung des »Glass-Steagall Acts« es den Holdinggesellschaften der Geschäftsbanken ermöglicht, Konglomerate zu bilden, die sowohl den Service von Geschäftsbanken als auch den von Investmentbanken sowie von Versicherungen und Finanzmaklern angeboten haben. Das hat aber dazu geführt, dass Banken wie die Citigroup und JP Morgan Chase zu riesigen unregulierten Konglomeraten finanzieller Macht aufstiegen, deren Umsätze höher waren als das jährliche BIP der meisten Länder der Welt. Der Vermögenswert der Citigroup erreichte einen Höchststand von 2,2 Billionen Dollar. Keine Regierung konnte sich dem von diesem Finanzkonzern ausgeübten Druck widersetzen, aus Angst, andernfalls einen völligen Kollaps der Märkte zu riskieren.
Der zweite verheerende Schritt zur Liberalisierung der Finanzmärkte war die Verabschiedung des Gesetzes mit dem irreführenden Namen »Modernisierung der Warentermingeschäfte für Rohstoffe« (»Commodity Futures Modernization Act«, CFMA) im Jahr 2000. Damit wurde es der zuständigen US-Kontrollbehörde (Commodity Futures Trading Commission, CFTC) und der Regulierungsbehörde für Glückspiele unmöglich gemacht, den außerbörslichen Derivatemarkt zu regulieren, zu dem auch der Markt für Credit Default Swaps gehört. Der Rest der Geschichte verlief absolut gesetzmäßig: wie ein Stein, der vom Londoner Tower geworfen wird, dem Gesetz der Schwerkraft folgt.
Freitag, 06.03.2009
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