Das wahre Antlitz des Sphinx
Kaum ein Besucher, der nach Kairo kommt und dann nicht nach Gizeh fährt, um die großen Pyramiden und das geheimnisvolle Mischwesen aus Mensch und Löwen zu bewundern, welches als machtvoller, schweigender Wächter im Wüstensand ruht. Schon lange vermuten einige Ägyptologen wie vor allem Alternativforscher, dass der Körper der steinernen Großkatze nicht immer ein Menschenhaupt trug, sondern vollständig in Gestalt eines Löwen geformt war. Jetzt haben Wissenschaftler und Ingenieure eine Rekonstruktion gewagt.
Dass es auf dem Gizeh-Plateau in einiger Hinsicht nicht ganz geheuer ist, hat sich herumgesprochen. Zwar wandeln in der ausgedehnten Nekropole dort des Nachts keine untoten Pharaonen herum, doch abgesehen von Gerüchten über unerklärliche Phänomene wie das Aussetzen von technischen Geräten und einer sehr intensiven, mental geradezu bis zum Zerbersten erregenden Aura der antiken Monumente gibt es auf der einzigartigen Pyramidenanlage vor allem archäologische Merkwürdigen zu Haufe. Allein die Altersfrage wird seit längerer Zeit heftig diskutiert, nachdem die anerkannte Chronologie des antiken Geschichtsschreibers und Priesters Manetho sich mit zahlreichen Entdeckungen nicht mehr in Einklang bringen lässt.
Da gibt es stilistische Fragen, da gibt es Fragen, warum nirgends Schriftzeichen gefunden wurden, wo doch die alten Ägypter so mitteilsam waren. Entstanden die meisten Monumente etwas noch vor der Erfindung der Schrift? Da gibt es Fragen, die sich auf geologische Merkwürdigkeiten beziehen, auf Paradoxien in alten Texten oder auch in der vermuteten Baureihenfolge – und noch viele Seltsamkeiten mehr.
Der große Sphinx von Gizeh soll von Khafre (Chephren), dem Sohn des Khufu (Cheops) errichtet worden sein. Doch für den Bau der Cheops-Pyramide wurde ein eigener Steinbruch angelegt, der heute ein echtes Erklärungsproblem darstellt. Denn an der steinernen Mulde, die den Sphinx einbettet, sind deutliche Erosionsmuster gefunden worden, die einige Fachleute als Zeichen für Wassererosion deuten. Aber: Das Gizeh-Plateau fällt von Westen nach Osten merklich ab, demnach musste alles Wasser von den Pyramiden in Richtung Sphinx ablaufen. Allerdings stand seit Cheops Zeiten jener Steinbruch im Wege. Er hätte die Laufrichtung des Wassers geändert. Und somit hätte es auch keine Erosion am Sphinx geben können. Folglich muss der Sphinx bereits früher gestanden haben, in Zeiten lange vor Cheops. Die Steinlagen im Sphinxtempel wiederum zeigen gegenüber dem natürlichen Gestein, aus dem der Sphinx gehauen wurde, eine umkehrte Schichtreihenfolge. Dies wurde dahingehend interpretiert, dass der Sphinx gleichzeitig mit dem Tempel entstanden ist und somit definitiv aus der vierten Dynastie und der Zeit des Khafre stammen muss. Die Gleichzeitigkeit dürfte außer Diskussion stehen, die Zeit selbst jedoch nicht. Nur die Richtung der Schlussfolgerung passt offenbar nicht. Denn nicht der Sphinx ist jünger, sondern der Tempel älter, so scheint es. Dann passt es auch wieder mit der Gleichzeitigkeit. Nur eben nicht in der Ära des Khafre und wohl nicht einmal in der des Khufu.
Im tiefen Inneren der Pyramide, dort, wohin sich kein Tourist je verliert, lassen sich interessante Hinweise auf ein viel höheres Alter antreffen. In einer Grotte, die von der Königinkammer aus zugänglich ist, liegen Steine im Kernmauerwerk des Monuments frei. Sie sind künstlich bearbeitet worden, zeigen aber Zeichen starker Erosion. Wie es aussieht, waren sie über etliche Jahrtausende hinweg der Erosion ausgesetzt. Die heute sichtbare Pyramide ist also mit hoher Wahrscheinlichkeit lediglich der Überbau über einem längst bestehenden und somit ungleich älteren Bauwerk.
Auch astronomische Hintergründe lassen auf ein weit höheres Alter der Anlagen von Gizeh schließen. Die Neigung des absteigenden Schacht im Inneren der Großen Pyramide weicht um 3,5 Winkelgrad von der geographischen Breite von Gizeh ab. Die Erbauer überließen allerdings nichts dem Zufall, folglich musste auch hierfür einen Grund existieren. Heute gibt es freilich mehrere Deutungen, doch möglich ist, dass diese Winkelabweichung auf eine sehr interessante Besonderheit hinweist – und in die Zeit, als der sehr helle Stern Wega in der Leier Polarstern war. Durch die Kreiselbewegung der Erdachse, die als Präzession bekannt ist, legt der Himmelspol im Lauf von knapp 26.000 Jahren einen Vollkreis von 47 Grad Durchmesser am Firmament zurück, mit dem ekliptikalen Pol als Mittelpunkt. Auf jener Kreislinie liegt unser heutiger Polarstern, Polaris, Cynosura oder Alpha Ursae Minoris genannt. Neben anderen Sternen findet sich nahe der Linie auch die helle Wega, die vor etwa 13.000 Jahren Polstern war. Allerdings mit rund 3,5 Grad Abweichung vom Himmelspol. Da die Polhöhe identisch mit der geographischen Breite des Beobachtungsortes ist, entspricht diese Abweichung einmal am Tag einer Höhe von 26,5 Grad über dem Horizont und somit genau der Neigung des absteigenden Schachtes der Großen Pyramide, der also vor 13.000 Jahren exakt auf Wega zielte. Nur, gab es die Pyramide damals überhaupt schon? Fachägyptologen weisen diese Idee sofort und ohne Umschweife von sich. Auch der geradezu legendäre Chef der ägyptischen Altertümerverwaltung, Dr. Zahi Hawass, schüttelt nur den Kopf. Alles Spekulation! Doch mehren sich die Hinweise, dass die Monumente des Plateaus aus dieser Zeit stammen könnten. Damals übrigens ging die Sonne zum Frühlingsäquinoktium im Sternbild des Löwen auf, exakt am östlichen Horizont. Genau an jenem Tag sogar ganz genau am Ostpunkt. Der Sphinx blickt ebenfalls in diese Richtung. Wie oben, so auch auch unten – ein altes hermetisches Gesetz. Wie am Himmel, so auch auf Erden, wie am Firmament, so auch im göttlichen Ägypten. Der Sphinx hätte in jenen Stunden zu seinem Ebenbild emporgeblickt, dem Sternbild Löwe.
Und der riesige Steinlöwe selbst, besaß er immer schon ein menschliches Haupt? Hätte es einen Sinn ergeben, ihn damals so zu formen? Das gesamte Sinnbild wäre vielmehr dahin gewesen! Aber, ist das menschliche Antlitz demnach nicht deutliches Zeichen für ein weit geringeres Alter des Sphinx? Nur: Wer genau hinschaut, wird eine Merkwürdigkeit in den Proportionen des Mischwesens feststellen. Denn entweder ist der Körper viel zu groß oder der Kopf viel zu klein. Kommt doch aufs Gleiche raus, könnte man meinen. Ganz so ist es aber nicht. Denn wenn der Körper zu groß ist, dann wurde er vielleicht bei den zahlreichen Restaurationsarbeiten, die seit der Antike an ihm ausgeführt wurden, immer größer, bis die Proportionen nicht mehr annähernd stimmten. Andere wollen diese Interpretation nicht so recht glauben und gehen davon aus, dass der Körper so schon in Ordnung ist, der Kopf aber irgendwann ein »neues Design« erhielt. Wenn man allerdings einer vorhandenen Statue eine neue Gestalt geben will, muss sie beim Wegmeißeln des vorhandenen Materials zwangsläufig kleiner werden. Eine Binsenweisheit. Wenn der Kopf des Sphinx einst Löwengestalt besaß, um anschließend in menschlichen Zügen umgeformt zu werden, musste er unproportional klein ausfallen.
Und wie heißt es in der Inventarstele des Isis-Tempels? Cheops ließ den Tempel und den Sphinx restaurieren. Vielleicht auch die Große Pyramide. Vielleicht wurde ja das gesamte Plateau einfach nur von den altägyptischen Herrschern annektiert – und plötzlich waren eben sie sogleich die Erbauer des gesamten Komplexes! Es wäre nicht das erste Mal, dass Derartiges geschieht. Jedenfalls passen all die so genannten unkonventionellen Erklärungen und Deutungen viel besser zusammen, stimmen weit konsequenter und logischer mit den Funden überein als viele der heute kaum mehr wegzudenkenden offiziellen Erklärungen. Dieser Ansicht sind einige unabhängige Ingenieure und Wissenschaftler, die sich auf dem Gizeh-Plateau etwas genauer umgesehen haben. Zu ihnen rechnen auch die Geologen Robert Schoch und Colin Reader sowie der Architekt Jonathan Foyle. Reader geht zwar von einem gegenüber der etablierten Skala nur unwesentlich höheren Alter des Sphinx aus, doch auch er glaubt, dass die mächtige Skulptur einstmals einen Löwenkopf trug.
Jetzt haben die Forscher erstmals den Versuch unternommen, nach allen verfügbaren Informationen eine Rekonstruktion des ursprünglichen Aussehens zu versuchen. Das beeindruckend wirkende Ergebnis bleibt zwar weitgehend spekulativ, doch nicht allein der Versuch ist eine Erwähnung wert. Vor allem die Tatsache, dass dadurch die gesamte Idee des weit höheren Alters und völlig anderen ursprünglichen Charakters des Monuments wieder ins öffentliche Bewusstsein rückt, erscheint wesentlich. Zumindest der britische Channel Five brachte am vergangenen Donnerstag zur besten Sendezeit eine Dokumentation über die »Geheimnisse Ägyptens« und stellte die unkonventionelle These vor. Die Sendung hatte 1,3 Millionen Zuschauer. Auch Printmedien wie die Daily Mail wurden auf die alternative, aber plausible These aufmerksam, die so neu bestimmt nicht ist. Doch bekanntlich sagt ein Bild mehr als tausend Worte! Und so ist es eben auch hier!
Mittwoch, 17.12.2008
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