Daumenschrauben angezogen – Moskau droht mit dem Bau von Raketenabschussrampen auf Kuba
Vor 46 Jahren brachte die kubanische Raketenkrise die Welt an den Rand eines Atomkrieges. 1962 stationierte Moskau atomar bestückbare Waffensysteme auf Kuba – in unmittelbarer Nähe der Vereinigten Staaten. Niemals zuvor war ein Atomkrieg so wahrscheinlich gewesen wie zu jenem Zeitpunkt. Nun droht Moskau wieder einmal mit dem Bau von Raketenabschussrampen auf Kuba – natürlich nur für die Weltraumfahrt und nur zu zivilen Zwecken ...
Unter dem Decknamen Anadyr begann die Sowjetunion im Mai 1962 heimlich mit der Stationierung von Mittelstreckenraketen des Typs SS-4 (mit Atomsprengköpfen bestückbar) auf Kuba. Im August 1962 entdeckte die CIA mit Hilfe von Aufnahmen, die man aus Spionageflugzeugen gemacht hatte, Hinweise auf den Bau sowjetischer Raketenabschusseinrichtungen auf Kuba. Im Oktober 1962 überschlugen sich die Ereignisse – die Welt stand wegen der Raketenabschussvorrichtungen, mit deren Hilfe auch atomar bestückte Raketen in Richtung Vereinigten Staaten abgefeuert werden konnten, am Rande eines Atomkrieges. In letzter Minute konnte die Geheimdiplomatie einen drohenden Krieg abwenden. Die Kuba-Krise hatte Folgen – denn Moskau war mit der eigenen strategischen Unterlegenheit konfrontiert worden und hatte nur deshalb in letzter Minute eingelenkt.
Der russische Generaloberst Anatoly Perimov ist seit Juni 2001 Kommandeur der russischen »Weltraumtruppen« – er ist Chef der russischen Raumfahrtagentur Roscosmos. Genau zu jener Zeit, als russische Kriegsschiffe unlängst in Venezuela festmachten und strategische Bomber Russlands vom Typ TU-160 in Russland landeten, da verkündete Roscosmos-Chef Anatoly Perimov ein großes mögliches Interesse Moskaus an einem Weltraumbahnhof auf kubanischem Gebiet. Ein solcher Weltraumbahnhof solle dem Ziel dienen, Raketenabschussbasen zu errichten. Jeder Fachmann weiß, dass man von solchen Raketenabschussbasen nicht nur Raketen für die Erkundung des Weltraums abfeuern kann – eine solche Anlage wäre auch eine bestens geeignete Tarneinrichtung für den neuerlichen Aufbau einer Spionageanlage, wie sie die Russen seit den 1960er-Jahren bis 2002 im kubanischen Ort Lourdes unterhalten haben. In Lourdes (nicht zu verwechseln mit dem französischen Wallfahrtsort) hatte Moskaus Militärgeheimdienst GRU eine der größten Abhöranlagen außerhalb der Sowjetunion. Bis zu 2.000 russische Techniker arbeiteten dort. Nach dem Zerfall der früheren Sowjetunion schien die Anlage entbehrlich geworden zu sein. Auch war der Unterhalt der gewaltigen Anlage teuer. Doch nun sind Moskaus Kassen – dank der sprudelnden Öl- und Gaseinnahmen – wieder prall gefüllt und das geostrategische Interesse Moskaus wird mit aufgepumpten Muskeln wieder selbstbewusst nach außen dokumentiert.
Es sollte kein Zweifel daran bestehen: Vladimir Putin hat die Rückkehr Moskaus auf die militärische Supermachtbühne von langer Hand vorbereitet. Und die beiläufige Verkündung, auf Kuba möglicherweise einen russischen Weltraumbahnhof errichten zu wollen, ist ganz sicher kein Zufall. Raul Castro hatte ja unlängst auch öffentlich verlauten lassen, die Beziehungen zu Moskau auch auf militärischem Gebiet wieder intensivieren zu wollen.
Im Zuge der Kuba-Krise 1962 hatten die Amerikaner und Moskau sich auf ein Abkommen geeinigt, wonach auf Kuba weder strategische Bomber noch andere strategische Waffen (wie etwa Raketen) stationiert werden dürfen. Während Washington emsig daran arbeitet, in Osteuropa vor den Toren Russlands ein Raketenschutzschild aufzubauen – deutet Moskau nun die Errichtung von Raketenabschusseinrichtungen auf Kuba an. Natürlich sollen die dort abgefeuerten Raketen rein zivilen Zielen dienen. Aber im Verbund mit den immer größeren Rüstungsgeschäften, die Moskau mit lateinamerikanischen Staaten abschließt (so etwa der Verkauf von U-Booten der Kilo-Klasse an Venezuela) üben die Russen inzwischen deutlichen strategischen Druck auf die Amerikaner direkt in deren unmittelbaren Vorhöfen aus. Und der Weltraumbahnhof auf Kuba ist wahrscheinlich nicht einmal ein realistisches Projekt, sondern von Moskau nur als Verhandlungspfand gegenüber dem amerikanischen Raketenabwehrprogramm in Osteuropa gedacht. In westlichen Medien ist das Interesse der Russen am Bau von Raketenabschussrampen auf Kuba untergegangen – in Washington wird man es trotz des Wahlkampfes und der Finanzmarktkrise aufmerksam registriert haben. Denn immerhin befindet sich das Kennedy Space Center – ein amerikanischer Raumbahnhof – im Süden Floridas und damit in potentieller Nah-Reichweite der angedachten kubanischen Station. Vielleicht bluffen die Russen nur, vielleicht aber setzen sie die Vereinigten Staaten aber auch tatsächlich von Venezuela aus und von Kuba in einer strategischen Zangenbewegung unter wachsenden Druck. Das wären dann schlechte Friedensaussichten.
Samstag, 04.10.2008
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