Der Betrug mit der Pariser »Societé Générale« und der globale Börsensturz
Die überraschende Ankündigung der französischen Bank »Societé Générale« (»SocGen«), dass einer ihrer jüngerer Mitarbeiter namens Jerome Kerviel einen Bankbetrug von 4,9 Milliarden Euro gestanden hat, war ein wichtiger Grund für den unerwarteten massiven Verkauf von Aktien in ganz Europa während der letzten Tage, besonders in Paris und Frankfurt. Dieses Eingeständnis durch eine der angesehensten Banken Europas eröffnet eine neue Sicht auf die Gefahren der undurchsichtigen internationalen Welt der Banken in einer Zeit finanzieller Derivate und unbeaufsichtigtem Freiverkehrs.
Dieses Eingeständnis, das ausgerechnet während der Abwicklung der 2,4-Billionen-Monocline-Versicherungsindustrie eintrifft, ist ein Hinweis darauf, dass eine echte Systemkrise im globalen Finanzsystem näher steht, als wir glauben.
Der Verlust der SocGen ist der größte Verlust, den jemals ein einzelner Händler in der Finanzindustrie verursacht hat. Im Jahre 1995 ging ein Händler der angesehenen britischen Barings Bank, Nick Leeson, ins Gefängnis, weil er 1,4 Milliarden Dollar durch fehlgeschlagene Transaktionen mit insgesamt 27 Milliarden Dollar auf den japanischen Märkten verloren hatte. Die Barings Bank ging dabei bankrott.
Daniel Bouton, der Vorsitzende der Société Générale, erklärte, Jérome Kerviel habe den 4,9-Milliarden-Dollar-Betrug gestanden, obwohl er von dem Handel anscheinend nicht persönlich profitiert hatte. Die Bank hat gegen den Mitarbeiter juristische Schritte eingeleitet, der, wie der Präsident der Banque de France, Christian Noyer, sagte, gegenwärtig »auf der Flucht« sei.
Bevor sie den Betrug entdeckte, hatte sich die Société Générale darauf vorbereitet, für 2007 einen Gewinn vor Steuern von 5,5 Milliarden Euro zu verkünden. Statt dessen muss sich die SocGen jetzt bemühen, 5,5 Milliarden Euro an neuem Kapital aufzubringen, um ihre Kapitalbasis zu konsolidieren.
Die Société Générale teilte am Donnerstag ebenfalls mit, dass sie im vierten Quartal 2,05 Milliarden Euro an Forderungsrisiken abschreiben würde, einschließlich 1,1 Milliarden Euro an Sub-Prime-Wohnungsmarktanteilen und 550 Millionen Euro an US-Anleiheversicherungsgesellschaften.
Sie teilte mit, dass sie zusätzlich 400 Millionen Euro für den Fall zurücklegen würde, dass diese Verluste noch größer werden.
Was steckt hinter dem Aktienverkauf?
Nach Aussagen meiner zuverlässigsten Quellen im Schweizer und europäischen Bankgeschäft würde keine Bank von der Größe und der Reputation der SocGen, die 1864 gegründet wurde und heute die drittgrößte Bank in der Eurozone ist, einem einzelnen Händler gestatten, derivative Positionen in Aktienindex-Futures oder irgendetwas in ähnlicher Größe anzuhäufen. Bei den heutigen Risikokontrollsystemen ist es völlig unmöglich, dass so eine Sache unentdeckt bleibt. Ein Verlust von 4,9 Milliarden Euro impliziert ein Risiko von mindestens 30 bis 40 Milliarden Euro – eine ungeheure Summe.
Informierte Kreise vermuten, dass die Verluste der SocGen irgendwie mit der Entwicklung der Sub-Prime-Katastrophe zusammenhängen. Einen Sündenbock zu finden und zu behaupten, dass er überhaupt nichts mit der Sub-Prime-Verbriefung zu tun hätte, wäre eine Möglichkeit, die viel größeren Sub-Prime-Verluste der Bank zu vertuschen. Die Einzelheiten mögen niemals bekannt werden, aber die vordergründige Geschichte von einem »Einzeltäter« klingt für die erfahrenen Banker, mit denen ich gesprochen habe, nicht gerade sehr überzeugend.
Kerviel war ein Händler der elitären Handelsabteilung Delta One der Bank in Paris, wo er mit europäischen Börsenindex-Futures handelte, eine Art derivativer Handel. Angesichts der ungeheuren Größe des Betrugs behauptete der Vorsitzende der Bank, Bouton, dass es »absolut notwendig ist, dass die enorme Position, die er aufgebaut und geheim gehalten hatte, so schnell wie möglich beseitigt wird«.
Das war der Auslöser für den dramatischen Zusammenbruch der Börse am Schwarzen Montag in ganz Europa, womit die Besorgnisse der USA in Bezug auf einen möglichen Absturz der sehr anfälligen amerikanischen Monoline-Versicherungsgesellschaften genährt wurde. Es handelt sich dabei um Versicherer, die nur finanzielle Sicherheitsrisiken versichern, und die die wichtigste Stütze der gesamten Asset-Backed Securitization darstellen.
Würden die größeren Monoline-Versicherer ihre AAA-Bewertung verlieren und niedriger eingestuft, wäre dies nach der Ansicht informierter Insiderquellen der Auftakt zu einer gewaltigen Liquidierung nicht nur der amerikanischen Sub-Prime-Mortgage-Backed-Securities. Es würde größeren Banken, von der Citigroup bis UBS und JP Morgan Chase und anderen, zusätzliche Verluste von 200 Milliarden Dollar bescheren, was für einige der größten Banken der Welt der Ruin bedeuten würde.
Es ist zu diesem Zeitpunkt noch überhaupt nicht klar, ob die offizielle Version der Bank von dem »Einzeltäter« tatsächlich wahr ist oder nur ein Versuch, einen bequemen Sündenbock für ein sehr viel ernsteres Problem zu finden. Es ist jedoch klar, dass der Trend in der internationalen Bankwelt während des letzten Jahrzehnts (seit der Rücknahme des US-Glass-Steagall-Gesetzes von 1933 im Jahre 1999), Investment- und Konsortialbanken von kommerziellen Kreditbanken zu trennen, zu einer größeren Undurchsichtigkeit und einem drastisch höheren Risiko im Bankgeschäft geführt hat.
Gefahren eines Mangel an Transparenz bei den Banken
Das wurde im letzten August allen größeren Banken auf einmal schmerzhaft bewusst, als die deutsche Bank IKB von einer Liquiditätskrise betroffen wurde. Im Juli 2007 wies die Emissionsgesellschaft der IKB für »Asset backed commercial paper« (ABCP), die Rhineland Funding, ein ABCP von 20 Milliarden Euro auf. Als sich die Investoren Mitte Juli weigerten, einen Teil des ABCP von Rhineland Funding zu verlängern, bat die Emissionsgesellschaft IKB, einen Kreditrahmen einzuräumen. KKB konnte das Geld nicht aufbringen, und ihre Muttergesellschaft, die staatliche Kreditanstalt für Wiederaufbau, war gezwungen, einen Notkredit von acht Milliarden Euro bereitzustellen. Anstatt die Panik zu stoppen, löste dieser Schritt eine globale Panik in Bezug auf alle derartigen Asset Backed Securities (ABS) aus und führte zu einem Stillsand auf den wichtigen Interbank-Finanzmärkten, wo Geldmarktpapiere die Schlüsselrolle spielen.
Das heutige internationale »fractional reserve banking system« beruht auf einer auf dem Kopf stehenden Pyramide. Zur Illustration: Im August 2007 verfügten die Banken der Vereinigten Staaten nur über eine Reserve von zwölf Milliarden Dollar, die auf Konten beim Federal Reserve System der Vereinigten Staaten angelegt waren. An einem durchschnittlichen Tag werden diese zwölf Milliarden Dollar benötigt, um Interbanküberweisungen in Höhe von etwa vier Billionen Dollar zu tätigen. Das bedeutet, dass ein Dollar durchschnittlich etwa 300 Mal pro Tag den Besitzer wechselt. Eine Veränderung in diesem großen Multiplikator, die durch den Wunsch der Banken verursacht wird, Reserven zu horten, kann zu einer gewaltigen Verminderung der Liquidität führen. Das ist die sogenannte »Kreditverknappung«, die die Banken seit dem letzten Sommer betreiben.
Banken vergeben Kredite innerhalb des Interbankenmarkt und halten ihre Reserven auf einem Minimum, denn sie wissen, dass, falls sie Reserven benötigen, sie diese wieder borgen können. Wenn Banken jedoch keinen Zugang zum Markt haben, dann werden sie Reserven horten, die die verfügbare Liquidität reduzieren, ähnlich wie das bei dem Bankansturm von 1931 war, der die deutsche Wirtschaft in die Knie zwang.
Der Mangel an Transparenz ist die eigentliche Ursache der aktuellen Krise. Das ist hauptsächlich darauf zurückzuführen, dass, anstatt das Risiko auf eine transparente Art und Weise zu streuen, wie es die Wirtschaftstheorie eigentlich vorschreibt, die Marktbetreiber riskante Vermögen »verbriefen« wollten, indem sie einträgliche Vermögen streuten, ohne deren Risiko eindeutig zu bewerten. Außerdem haben die Kreditbewertungsagenturen diese Produkte nicht verstanden, und die Tatsache, dass sie nur selten gehandelt wurden, führte zu einer Situation, in der selbst die ungefähren Werte diese strukturierten Finanzprodukte nicht bekannt waren.
Der Verkauf von SocGen traf mit der Zinsmaßnahme der FED vom 22. Januar zusammen. SocGen war die größte französische Bank, mit der bei weitem größten Unsicherheit in Bezug auf ihre Reaktion auf die Sub-Prime-Krise in den USA. Die zeitweilige Erholung der Aktienmärkte fand nur in den Augen der Marktinsider statt. Es war nur die Ruhe vor dem nächsten, wirklich großen, Finanz-Tsunami.
Mittwoch, 30.01.2008
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