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Der finanzielle Tsunami, Teil I: Eine schmerzhafte Lektion für die Deutsche Bank

F. William Engdahl

Selbst erfahrene befreundete Bankleute sagen mir, das Gröbste der amerikanischen Bankenkrise sei ihrer Ansicht zufolge überstanden und alles würde sich wieder normalisieren.

In ihrem rosigen Optimismus übersehen sie das Ausmaß des globalen Verfalls der Kreditmärkte, die in dem amerikanischen, auf Werte basierenden Finanzmärkten wurzelt, und hier vor allem auf dem Markt der CDOs – Collateralized Debt Obligations – und den CMOs – Collateralized Mortgage Obligations. Inzwischen hat sicher jeder aufmerksame Zeitungsleser von der »Krise der nachrangigen amerikanischen Hypotheken« gehört. Was beinahe niemand, den ich kenne, versteht: Dies ist lediglich die Spitze eines kolossalen Eisberges, der nur allmählich schmilzt. Ich nenne ein jüngstes Beispiel zur Illustration meiner Behauptung, dass der »finanzielle Tsunami« erst bevorsteht.

Die Deutsche Bank erlitt vor einigen Tagen einen schweren Schock, als ein Richter im US-Staat Ohio verfügte, die Bank habe kein Recht, 14 Hausbesitzern die Zwangsvollstreckung anzudrohen, die ihre monatlichen Hypotheken nicht mehr bedienen konnten. Dies mag zwar wie ein kleiner Fisch wirken für die Deutsche Bank, eine der weltgrößten mit mehr als 1,1 Billionen Euro in Werten weltweit. Wie Hilmar Kopper oft meinte: »Peanuts«. Allerdings handelt es sich keineswegs um »peanuts« für die angelsächsische Bankenwelt und ihre europäischen Verbündeten wie die Deutsche Bank, BNP Paribas, Barclays Bank, HSBC und andere. Wieso?

Ein amerikanischer Bundesrichter, C. A. Boyko, im Bundesgericht Cleveland in Ohio, schlug ein Begehr der Deutschen Bank/National Trust Company nieder. Die US-Tochter der DB wollte 14 Eigenheime in Cleveland zwangsenteignen lassen, um ihr Geld einzutreiben.

Hier liegt das Haar in der Suppe. Der Richter forderte die DB auf, Beweise für ihren Anspruch auf die 14 Häuser vorzulegen. Die DB war dazu nicht in der Lage. Ihre Anwälte konnten lediglich ein Papier vorlegen, das »die Absicht zur Übertragung der Hypotheken« festhielt. Sie konnten nicht die Hypothek selbst belegen, die schließlich ein Grundpfeiler des Rechts seit der Unterzeichnung der Magna Charta ist.

Aber: Weshalb konnte die Deutsche Bank die Hypotheken auf die 14 Häuser nicht belegen? Weil sie in der Welt der »globalen Absicherung« lebt, wo Banken wie die DB oder die Citigroup Tausende von Hypotheken von kleinen lokalen Volksbanken übernehmen, sie zu riesigen neuen Bündeln schnüren und von Moody's oder Standard & Poors oder Fitch bewerten lassen, um sie sodann als Hypothekenpfandbriefe an Pensionsfonds oder andere Banken oder private Investoren zu veräußern, die naiv glauben, die allerbesten 1A-Papiere zu erwerben und niemals realisieren, dass ihr »Bündel« von vielleicht eintausend verschiedenen Haus-Hypotheken möglicherweise 20 Prozent oder 200 Hypotheken enthält, die von zweifelhafter Kreditwürdigkeit sind.

Tatsächlich waren die Profite der weltgrößten Finanzunternehmen von Goldman Sachs über Morgan Stanley bis HSBC, Chase und – ach ja – die Deutsche Bank so überwältigend, dass sich nur wenige die Risiko-Modelle der Fachleute anschauten, welche die Hypotheken zusammenschnürten. Sicherlich nicht die Großen Drei Bewertungsgesellschaften mit einem kriminellen Interesse an allerbesten Schuldner-Bewertungen. All dies änderte sich abrupt vergangenen August, und seitdem haben alle größeren Banken eine nach der anderen Berichte über verheerende sogenannte »nachrangige« Verluste veröffentlicht.

Die Entscheidung von Ohio, die den Anspruch der DB und ihrer Hypothekenforderung bezüglich der 14 Eigenheime wegen der Zahlungsrückstände zurückwies, ist mehr als nur Pech für Josef Ackermann. Es handelt sich um einen erderschütternden Präzedenzfall für alle Banken, die das in Händen hielten, was sie als sogenannte Nebensicherheiten in Form von Grundbesitz besaßen.

Wie das? Wegen der komplexen Struktur der mit Vermögenswerten abgesicherten Schuldverschreibungen und der breit gestreuten Hypothekenbriefe (keine tatsächlichen Hypotheken, sondern die auf ihr beruhenden Papiere) ist niemand in der Lage, genau festzustellen, wer nun tatsächlich das eigentliche Papier in Händen hat. Ups! Das ist ein winzig kleines Detail, welches die Abkömmlinge der Wall-Street-»Raketen«-Spezialisten übersahen, als sie in den vergangenen sechs oder sieben Jahren Hunderte von Milliarden Dollar abgesicherter Verbindlichkeiten zu gewaltigen Bündeln verschnürten und herausgaben. Im Januar 2007 betrugen die Forderungen auf Hypothekenschulden rund 6,5 Billionen Dollar. Das ist richtig viel, egal nach welchem Maß gemessen wird!

Im Falle Ohio hat die Deutsche Bank als »Treuhänder« für die Pools von Krediten oder auch breit gestreute Investoren agiert, die sich überall aufhalten können. Doch der Treuhänder erhielt niemals das eigentliche Dokument über die Hypotheken. Richter Boyko verlangte von der DB den Beweis, dass sie im Besitze der Hypothekenbriefe sei, aber dies war nicht möglich. Die DB argumentierte, viele Jahre lang hätten alle Banken ohne Nachfrage dieses Verfahren akzeptiert, doch der Richter stellte fest, die Banken »schienen zu der Ansicht zu neigen, dass diese Praktiken den rechtlichen Bestimmungen entsprächen, nur weil sie unwidersprochen viele Jahre derart gehandelt« hätten. »Endlich auf den Prüfstand gestellt«, schloss der Richter, »sieht sich dass Gericht gezwungen, dieser Praxis Einhalt zu gebieten.« Die Deutsche Bank verweigerte jeden Kommentar.

 

Was nun?

Die Nachricht von diesem Präzedenzfall verbreitete sich in den USA wie ein Waldbrand in Kalifornien. Hunderttausende sich abmühender Hausbesitzer, die einst den Köder begierig aufnahmen, der da hieß: historisch niedrige Zinszahlungen für Häuser, kaum Eigenkapital und dennoch zwei Jahre lang geringste Belastungen mit variablem Zinssatz (ARMs für Adjustable Rate Mortgages), stehen nun plötzlich explodierenden Zinsen gegenüber, und dies, während die USA in eine Rezession schlittern. (Ich bedauere die Vielzahl von Abkürzungen, doch dies liegt nicht an mir, sondern an den Bankern der Wall Street.)

Die Spitze der Grundbesitz-Blase, die von Alan Greenspan 2002 mit den drastischsten Zinssenkungen in der Geschichte der Zentralbank ausgelöst wurde, erreichte ihren Höhepunkt 2005/2006. Wie Greenspan zugab, wollte er die Dot.com-Internet-Börsenblase durch einen Boom beim Eigenheimbau ablösen. Er meinte, dies sei der einzige Weg, um die US-Wirtschaft aus einer tiefen Rezession herauszuhalten. Im Rückblick wäre 2002 eine Rezession weit milder ausgefallen als das, was uns nun bevorsteht.

Natürlich hat sich Greenspan inzwischen zur Ruhe gesetzt, seine Memoiren geschrieben und den ganzen Schlamassel dem jungen ehemaligen Princeton-Professor Ben Bernanke überlassen – einschließlich der Vorwürfe. Als ehemaliger Princeton-Student würde ich niemals die Geldpolitik der weltgrößten Zentralbank in die Hand eines Wirtschaftsprofessors von Princeton legen. Sie sollten in ihren Efeu-umrankten Studierstuben bleiben!

In der letzten Phase einer Spekulationsblase kommen die Körpersäfte so richtig in Aufregung. Dies war schon immer so seit der Holland-Tulpen-Spekulation um 1630 über die Südsee-Blase bis hin zum Wall-Street-Crash 1929. Und auch während der Hypothekenkrise 2002 bis 2007 stimmte dies. In den letzten beiden Jahren des hektischen Verkaufes von Grundstücken und Häusern waren die Banken überzeugt, sie könnten die Hypothekendarlehen einem Finanzinstitut an der Wall Street weitergeben, welches diese dann mit tausenden guten oder weniger guten Darlehensverträgen als sogenannte CMOs, den Collateralized Mortgage Obligations, verkauft. Aus reiner Gier wurden die Banken immer bedenkenloser bezüglich der Kreditwürdigkeit prospektiver Hausbesitzer. In vielen Fällen wurde nicht einmal nach einer regelmäßigen Erwerbstätigkeit gefragt. Wen kümmert's? Alles wird weiterverkauft und abgesichert und zudem war das Risiko geplatzter Hypotheken immer schon gering.

Das war 2005. Die meisten nachrangigen Hypotheken mit variablem Zinssatz wurden 2005/2006 ausgegeben, in der letzten und wildesten Phase der amerikanischen Seifenblase. Eine neue Welle geplatzter Kredite droht Anfang 2008 über uns hereinzuschwappen. Zwischen Dezember 2007 und dem 1. Juli 2008 werden Hypotheken im Wert von mehr als 690 Milliarden Dollar einen Zinssprung erfahren – wenn der variable Zins nach zwei Jahren angehoben wird. Die Marktzinsen werden also die monatliche Belastung der Hauseigentümer in die Höhe schnellen lassen, genauso wie eine Rezession die Einkommen sinken lässt. Hunderttausende Hausbesitzer werden zum letzten Mittel greifen müssen: die Einstellung der Zinszahlung.

Hier sorgt der Gerichtsentscheid in Ohio dafür, dass die nächste Phase der Hypothekenkrise die Dimension eines Tsunami annehmen wird. Wenn dieser Präzedenzfall der Überprüfung durch den Bundesgerichtshof standhält, werden Millionen von Menschen in Zinsverzug geraten und die Banken keine Möglichkeit des Verkaufes von Sicherheiten haben. Der umstrittene und häufig richtig liegende Autor des Buches Irrational Exuberance, Robert Shiller (der den Dot.com-Aktien-Crash 2001/2002 voraussagte), schätzt, dass Häuser in einigen Regionen bis zu 50 Prozent an Wert einbüßen könnten in Anbetracht der Tatsache, dass Hauspreise und Mieten sich immer weiter auseinander bewegt haben.

Die 690 Milliarden Dollar an tilgungsfreien Hypotheken, die von jetzt bis Juli 2008 einen Zinssprung erleben werden, sind im Großen und Ganzen nicht nachrangig, sondern von etwas besserem Wert, aber nur »etwas« besser. Insgesamt gibt es der First American Loan Performance zufolge 1,4 Billionen Dollar an tilgungsfreien Darlehen. Eine neue Studie rechnet vor, dass diese Darlehen in den kommenden neun Monaten überwältigende Zinssteigerungen erfahren werden. Mehr als 325 Milliarden Dollar dieser Darlehen werden platzen und dabei eine Million Hausbesitzer in die Zahlungsunfähigkeit treiben. Wenn gleichzeitig die Banken nicht als Ausgleich für entgangene Zinszahlungen auf die Häuser zurückgreifen können, werden amerikanische Banken und ein großer Teil des globalen Bankwesens einer Finanzkrise gegenüberstehen, die alles bisher Dagewesene als »peanuts« erscheinen lässt. Die globalen geopolitischen Konsequenzen werden wir im nächsten Bericht untersuchen: Der finanzielle Tsunami, Teil 2.

 

Freitag, 14.12.2007

Kategorie: Wirtschaft & Finanzen

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