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Der finanzielle Tsunami, Teil II: Die Finanzfundamente des Amerikanischen Jahrhunderts

F. William Engdahl

Die andauernde und sich ständig verschärfende Finanzkrise, die offiziell durch ein Ereignis ausgelöst wurde, in das eine kleine deutsche Bank verwickelt war, die verbriefte Geldforderungen, gestützt durch Subprime*-Immobilienhypotheken verwaltete, kann man am besten verstehen, wenn man sie als wichtigen Teil eines historischen Prozesses versteht, der auf das Ende des Zweiten Weltkrieges zurückgeht – der Aufstieg und Fall des Amerikanischen Jahrhunderts.

Das amerikanische Jahrhundert, das der Gründer von Time-Life und der Banken-Insider Henry Luce in einem berühmten Leitartikel seines Life-Magazins feierlich verkündete, basierte auf der beherrschenden Rolle der New Yorker Banken und der Investmentbanken der Wallstreet, die damals die City of London als Zentrum der globalen Finanzgeschäfte abgelöst hatte. Das Amerikanische Jahrhundert von Luce wurde auf eine sehr viel systematischere Art und Weise aufgebaut als das von ihm verdrängte Britische Empire. [1]

 

 

Der aristokratische Insider Henry Luce prägte den Begriff des Amerikanischen Jahrhunderts in einem 1941 erschienenen Life-Artikel.

 

Eine damals streng geheime Planungsgruppe des Council on Foreign Relations, die War & Peace Studies Group, geleitet von Isaiah Bowman, dem Präsidenten und geopolitischen Geographen von der John-Hopkins-Universität, präsentierte eine Reihe von Studien, um das Fundament für die Welt nach dem Krieg zu legen. Dies begann bereits 1939, lange bevor deutsche Panzer in Polen einrollten. Das amerikanische Imperium sollte tatsächlich zu einem Imperium werden.  Aber es würde nicht den verhängnisvollen Fehler der Briten und anderer europäischer Länder wiederholen, nämlich ein Imperium aufzubauen, das offen nach Kolonien strebte und kostspielige Truppen unterhielt, die ständig irgendwo im Einsatz waren.

Stattdessen wollte man das Amerikanische Jahrhundert schön verpacken und der Welt als Hüter von Freiheit und Demokratie verkaufen, besonders den aufstrebenden Ländern in Afrika, Lateinamerika und Asien. Es würde sich als Verfechter einer Beendigung der Kolonialherrschaft darstellen – eine Haltung, die ausschließlich der Macht dienen würde, die als einzige nicht über größere Kolonien verfügte, nämlich den Vereinigten Staaten.

Die Welt des neuen Amerikanischen Jahrhunderts würde vom Meister des freien Handels gelenkt, was ebenfalls der stärksten Wirtschaft in den ersten Nachkriegsjahren diente – den Vereinigten Staaten. Es war ein brillantes, wenn auch extrem fehlerhaftes Konzept. Als Planungschef des US-Außenministeriums schrieb George F. Kennan 1948 in einem vertraulichen Memo: »Wir verfügen über etwa 50 Prozent des weltweiten Vermögens, aber nur über 6,3 Prozent der Weltbevölkerung. … Unsere eigentliche Aufgabe in der Zukunft besteht darin, ein Netz von Beziehungen aufzubauen, das es uns erlaubt, diese Position des Ungleichgewichts aufrecht zu erhalten, ohne dass unsere nationale Sicherheit dadurch gefährdet wird. [2]

Der Kern der War & Peace Studies, die nach 1944 für das US-Außenministerium erarbeitet und von diesem in die Praxis umgesetzt wurde, war die Gründung der Vereinten Nationen, die den von Großbritannien dominierten Völkerbund ersetzte. Ein zentraler Teil dieser neuen UN-Organisation, die als Bewahrer der US-freundlichen Nachkriegsordnung diente, war die Gründung der ursprünglich als Bretton-Woods bezeichneten Institutionen – der Internationale Währungsfond und die Internationale Bank für Wiederaufbau und Entwicklung oder Weltbank. [3] Das multinationale Handelsabkommen GATT kam später hinzu. Die US-Unterhändler in Bretton Woods, New Hampshire, die vom stellvertretenden US-Finanzminister Harry Dexter White geleitet wurden, setzten für den IWF und die Weltbank ein System durch, mit dem sichergestellt wurde, dass sie essentiell Instrumente eines »informellen« US-Imperiums blieben, die zuerst für Kredite, später aber für Schulden zuständig waren.

New York und die New Yorker Federal Reserve Bank waren 1945 das Herz des neuen Imperiums. Die Vereinigten Staaten besaßen den allergrößten Teil der Goldreserven der Zentralbank. Der nach dem Krieg in Bretton Woods beschlossene Golddevisenstandard stärkte die Bedeutung des US-Dollar, der damals die Weltreservewährung war und es auch heute noch ist.

Die Währungen aller Mitgliedsländer des IWF wurden an den Dollar gebunden. Der US-Dollar – und nur der US-Dollar – wurde zu einem vorher festgelegten Goldwert von 45 Dollar pro Unze Gold festgesetzt. Zu diesem festgesetzten Satz konnten ausländische Regierungen und Zentralbanken Dollar in Gold umtauschen.

Bretton Woods etablierte ein Zahlungssystem, das auf dem Dollar basierte, ein System, in dem alle Währungen im Verhältnis zum Dollar festgelegt wurden. Es war geschickt und ungemein vorteilhaft für die aufstrebende Finanzmacht New Yorks, die die endgültigen Verträge festlegte.

Im krassen Gegensatz zu heute war der Dollar zu jener Zeit »so gut wie Gold«. Die US-Währung war nun effektiv die Weltwährung, der Standard, nach dem jede andere Währung sich zu richten hatte. Als die führende Weltwährung lauten die meisten internationalen Transaktionen auf US-Dollar.

Die Rolle des Dollar als Weltreservewährung zu bewahren, war seit 1945 die wichtigste Aufgabe des Amerikanischen Jahrhunderts. Sie hing mit der militärischen Überlegenheit des US-Militärs zusammen, war aber eigentlich noch wichtiger. Wie die Vorherrschaft des Dollar bis heute bewahrt wurde, ist die Geschichte der Kriege nach 1945, der Finanzkriege, der Schuldenkrisen und der ständigen Gefahr eines Nuklearkrieges bis zum heutigen Tag.

 

Die goldenen Jahre des Amerikanischen Jahrhunderts

In der ersten Phase, die man als die »goldenen Jahre« der Nachkriegszeit bezeichnen kann, haben wir erlebt, wie sich die USA als der unbestrittene globale Wirtschaftskoloss aus der Asche des Zweiten Weltkriegs erhob. Die USA war die beherrschende Weltmacht. Kein anderes Land konnte mit ihr konkurrieren. Mehr als die Hälfte der internationalen Finanztransaktionen lauteten auf US-Dollar. Die USA erzeugten mehr als die Hälfte der Weltproduktion. Im Jahre 1940 besaßen die USA auch zwei Drittel der offiziellen Goldreserven der Welt.

Wenn europäische Länder über Währungsüberschüsse verfügten, dann konvertierten sie die Überschüsse in Dollar- statt in Goldreserven, denn so konnten sie Zinsen an Dollaranlagen, z.B. amerikanischen Schatzbriefen, verdienen, und Dollar konnten immer zu 45 Dollar pro Unze in Gold konvertiert werden, wenn es notwendig war. Der US-Dollar stand im Zentrum dieses Systems.

Die amerikanische Industrie, geführt von General Motors, Ford und Chrysler Motors – den Großen Drei – wurde damals von keinem Land auch nur annähernd erreicht. US Steel (bevor es zu USX wurde), die Maschinenwerkzeugindustrie, Aluminium, Flugzeuge und ähnliche Industrien setzten Maßstäbe für Qualität bis weit in die 1950er-Jahre.

Vor allem die amerikanischen Ölgiganten – Mobil, Standard Oil of New Jersey, Texaco, Gulf Oil – beherrschten die einzigartige Energiequelle, die für das beispiellose Wachstum in Europa, Japan und der übrigen Welt nach dem Krieg so wichtig sein sollte – Erdöl. [3]

In der ersten Nachkriegszeit war die Nachfrage nach Dollars in der Welt zur Finanzierung des Wiederaufbaus so stark, dass das größte politische Problem, mit der Europa, Japan, Südkorea und andere Länder es in den 1950er-Jahren zu tun hatten, ein Mangel an Dollarreserven war, die man benötigte, um die Einfuhren der dringend benötigten amerikanischen Kapitalgüter, des Erdöls und der Konsumgüter zu finanzieren.

Die Goldwährungsreserven erreichten 1949 ein Rekordhoch von 24,6 Milliarden Dollar, eine riesige Summe, die heute etwa 211 Milliarden Dollar entspricht. Gold aus dem Ausland strömte ins Land, um die Handelsdefizite der ausländischen Nationen auszugleichen. New York, das durch die Goldreserve mächtig wurde, war die unbestrittene Weltbank.

Dieser Prozess verlangsamte sich nach der starken Nachkriegsrezession von 1957/58. Zur Zeit der Krise des englischen Pfund Sterling im November 1967 war die britische Regierung gezwungen, gegen die IWF-Bestimmungen zu verstoßen und das Pfund um 14 Prozent abzuwerten, um die Wirtschaft, die sich in einer schweren Rezession befand, zu stützen. Zusätzlich verursachte die von Präsident Lyndon Johnson angestrebte »Great Society« und der katastrophale Vietnamkrieg der US-Regierung Hausdefizite in Rekordhöhe. Zum ersten Mal seit dem Krieg war der Dollar anfällig für einen Ansturm auf US-Gold.

Um das Ausmaß dieser Defizite zu verheimlichen, rechnete die Regierung Johnson zum ersten Mal die Beiträge, die die amerikanischen Werktätigen in die Sozialversicherung einzahlten – Gelder, die für die zukünftige Rente und andere Sozialausgaben beiseite gelegt wurden, dem Staatshaushalt hinzu – der Start zu einem Bilanzschwindel, der in den ersten Jahren des nächsten Jahrhunderts gigantische Ausmaße annehmen sollte.

Johnson begann ebenfalls damit, wichtige staatliche Wirtschaftsstatistiken zu manipulieren, wie z.B. die Arbeitslosenstatistiken, die Inflationsstatistik und die Statistiken zum Bruttoinlandsprodukt. Diese aus einem verhängnisvollen politischen Opportunismus durchgeführten Manipulationen wurden von jeder nachfolgenden Regierung stillschweigend weitergeführt, am skrupellosesten von der Regierung Bush-Cheney.

 

Der Dollar-Coup von 1971

Trotz dieser Manipulationen hatten die Goldwährungsreserven 1971 einen gefährlichen Tiefstand erreicht, weil Nationen mit einem Außenhandelsüberschuss, wie z.B. Frankreich, für ihre Dollarüberschüsse von der Federal Reserve in solidem Gold bezahlt werden wollten. Europa hatte sich zusammen mit Japan zu einer modernen, schnell wachsenden Wirtschaft mit einem beträchtlichen Handelsüberschuss entwickelt.

Die USA wurde allmählich zu einem Schrottplatz; ihre Industrie veraltete und zerfiel. Die Spin Doctors der Wall Street fanden schnell einen linguistischen Euphemismus dafür – die »nachindustrielle Gesellschaft«. Aber mit Linguistik konnte man nichts an der Realität ändern. Bis Ende der 1960er-Jahre waren Amerikas einst blühende Industriezentren wie Detroit, Pittsburgh und Chicago zu trostlosen Slums geworden, in denen Verfall, Kriminalität und steigende Arbeitslosigkeit herrschten.

Sollten die Vereinigten Staat ihre letzten Goldreserven verlieren, würde die Rolle des Dollar als einzige Weltreservewährung – zusammen mit der militärischen Überlegenheit der Pfeiler des amerikanischen Imperiums nach dem Krieg – sehr abrupt enden.

Um solch eine Katastrophe abzuwenden, besprach sich Präsident Nixon 1971 mit seinen engsten Beratern, unter ihnen ein US-Finanzexperte namens Paul Volcker, damals Unterstaatssekretär für Internationale Währungsfragen im Finanzministerium und langjähriger Mitarbeiter von David Rockefeller und dessen Familie. Ihre Aufgabe war es, eine Lösung zu finden. Volckers »Lösung« für die massive Nachfrage nach US-Dollar für Gold war ebenso simpel wie katastrophal für die Gesundheit der Weltwirtschaft.

Nixon teilte am 15. August 1971 einer verblüfften Welt mit, das von jenem Tag an die Vereinigten Staaten ihre internationalen Vertragsbedingungen unter dem Vertrag von Bretton Woods nicht länger einhalten würden. Nixon stellte die Konvertibilität des Dollars in Gold für unbegrenzte Zeit ein. Der Goldschalter in der New York FED wurde geschlossen. Die Weltwährungen »floateten« gegenüber einem unsicheren Dollar, einer sogenannten Fiat-Währung, die nicht von Gold oder Silber gedeckt ist, sondern nur durch das »Vertrauen und den Kredit« der US-Regierung, einer Sache, deren eigentlicher Wert aber zunehmend in Frage gestellt wurde.

 

Schulden werden zum Mittel

Mit der impliziten und sehr wirksamen Drohung, seinen nuklearen Schutzschild zu beseitigen, wurden sich die aufeinander folgenden US-Regierungen darüber klar, dass die USA, anstatt weiterhin der Gläubiger der Welt zu sein, wie das bis 1971 der Fall war, auch als der Welt größter Schuldner sehr gut leben könnte.

Solange die Verbündeten der USA, wie Japan, Südkorea oder Deutschland gezwungen waren, sich auf den amerikanischen Atomschirm zu verlassen, war es relativ einfach, ihre Finanzministerien unter Druck zu setzen, damit sie ihre Dollarreserven aus den Handelsüberschüssen für den Kauf von Staatsanleihen der USA verwendeten. Dadurch wurden die amerikanischen Renten- und Kapitalmärkte zu den größten der Welt. Die Primary-Bond-Dealer der Wall Street ersetzten die Stahlproduzenten von Pittsburg und die Autobauer von Detroit als die Geschäftsleute der USA. Die Bezeichnung Finanz»industrie« wurde zu einem allgemein akzeptierten Begriff, so als ob Geld der legitime Nachfolger der Produktion konkreter realer Produkte in der Wirtschaft wäre.

Schulden, Dollarschulden, sollten das Mittel zu einer neuen Rolle der New Yorker Banken werden, geführt von David Rockefellers Chase Manhattan und der Citibank. Hunderte von Milliarden Dollar wurden in neu erworbene OPEC- und andere Petrodollar in ölimportierende Wirtschaften der Dritten Welt gesteckt. [4] 

Diese zweite Phase, die Nachgoldzeit, die durch den manipulierten Ölschock von 1973 und den Druck der USA auf Saudi-Arabien und OPEC, die Ölpreise nur in Dollar zu berechnen, dem »Petro-Dollar-Recycling«[5] von Kissinger, bewirkt wurde, verlief ohne größere Hindernisse bis Anfang 1979, als der Dollar gegen Ende von Jimmy Carters Präsidentschaft starke Verkäufe zu gewärtigen erleiden hatte. Zu diesem Zeitpunkt hatte das Amerikanische Jahrhundert eine seiner größten Herausforderungen zu bestehen. Die Zentralbanken Deutschlands, Japans und sogar Saudi-Arabiens begannen wegen eines Vertrauensverlustes zur Führungsstärke von Jimmy Carter hastig, ihren Bestand an US-Schatzanleihen zu Ramschpreisen zu verkaufen.

 

 

Paul Volcker, dessen Maßnahmen wirtschaftliches Elend hervorriefen.

 

Um das »Vertrauen« in den Dollar wiederherzustellen, war Präsident Jimmy Carter, selbst ein Protegé von David Rockefellers Trilateraler Kommission, im August 1979 gezwungen, Paul Volcker, einen Protegé Rockefellers von der Chase Manhattan Bank, als neuen Vorstandsvorsitzenden der Federal Reserve zu akzeptieren, mit einem Freibrief, das zu tun, was notwendig war, um den Dollar als Reservewährung zu retten. 

Bei seinem Amtsantritt verkündete Volcker eiskalt: »Der Lebensstandard für den Durchschnittsamerikaner muss sinken.« Er war von Rockefeller eigens ausgewählt worden, um die New Yorker Finanzmärkte und den Dollar auf Kosten des amerikanischen Wohlstands zu retten.

 

Volckers »Schocktherapie«

Volckers Schocktherapie begann im Oktober 1979 und dauerte bis zum August 1982. Die Zinssätze stiegen schlagartig auf zweistellige Werte. Die Wirtschaft der USA und der übrigen Länder wurden in eine schreckliche Rezession gestürzt, der schlimmsten seit dem Zweiten Weltkrieg. Innerhalb eines Jahres stieg der Zinssatz auf die unerhörte Höhe von 21,5 Prozent. In den vorangegangenen Jahren lag er durchschnittlich bei 7,6 Prozent. Er war also in drei Wochen um das Dreifache gestiegen. Die offizielle Arbeitslosenrate stieg auf elf Prozent. Wenn man die Leute mitzählte, die es mittlerweile aufgegeben hatten, sich um Arbeit zu bemühen, war sie noch weit höher.

 

 

 

 

 

Die soziale Wirkung der Volkerschen Schocktherapie bestand darin, dass sich die Arbeitslosigkeit beinahe verdoppelte.

 

Die Schuldenkrise Lateinamerikas, ein ominöser Vorgeschmack auf die heutige Subprime-Krise der USA, entstand als direktes Resultat des Volcker-Schocks. Im August 1982 verkündete Mexiko, dass es nicht länger in der Lage wäre, die Zinsen für seine schwindelerregenden Schulden in Dollar zu bezahlen. Mexiko war, ebenso wie die meisten Länder der Dritten Welt von Argentinien bis Brasilien, von Nigeria bis zum Kongo, von Polen bis zu Jugoslawien, in die Schuldenfalle der New Yorker Banken getappt. Die Falle bestand darin, etwas zu borgen, was nichts anderes war als recycelte Petrodollars der OPEC, die auf die größeren New Yorker und Londoner Banken – die Eurodollar-Banken – eingezahlt worden waren. Diese borgten das Geld an verzweifelte Kreditnehmer aus der Dritten Welt aus, zuerst zu »floatenden Sätzen«, die an die Londoner LIBOR-Sätze gekoppelt waren.

Als die LIBOR-Sätze aufgrund der Schocktherapie von Volcker innerhalb weniger Monate um etwa 300 Prozent stiegen, waren diese Schuldnerländer nicht mehr in der Lage, weiterzumachen. Der IWF trat auf den Plan, und es begann die größte Plünderungswelle der Weltgeschichte, die fälschlicherweise als Schuldenkrise der Dritten Welt bezeichnet wurde. Volckers Schocktherapie hatte die Krise ausgelöst.

Nach sieben Jahren erbarmungslos hoher Zinssätze durch die Volcker-FED, die der naiven Öffentlichkeit als »Beseitigung der Inflation aus der US-Wirtschaft« verkauft wurde, befand sich die US-Wirtschaft in einem katastrophalen Zustand. Mit ihren ausufernden Slums, den zweistelligen Arbeitslosenraten und den immer schlimmer werdenden Problemen der Kriminalität und der Drogensucht erinnerte die USA immer mehr an bestimmte Länder der Dritten Welt. Eine Studie der Federal Reserve ergab, dass 55 Prozent aller amerikanischen Familien stark verschuldet waren. Die Haushaltsdefizite der Bundesregierung beliefen sich auf die damals unerhörte Summe von 200 Milliarden Dollar jährlich.

In Wirklichkeit war Volcker – ein persönlicher Protegé David Rockefellers – von dessen Chase Manhattan Bank nach Washington geschickt worden, um eine ganz bestimmte Sache zu erledigen, nämlich den Dollar vor dem Zusammenbruch zu retten, durch den seine Rolle als globale Reservewährung gefährdet wurde.

Diese Rolle des Dollar als Reservewährung war der verborgene Schüssel zur Finanzmacht der USA.

Man ließ es zu, dass die Zinssätze in die Höhe schossen, und ausländische Investoren ernteten die Gewinne, indem sie US-Anleihen kauften. Anleihen waren und sind das Herz des Finanzsystems. Volckers Schocktherapie für die Wirtschaft bedeutete stärke Profite für die Finanzmärkte New Yorks.

Die Mission Volckers war ein voller Erfolg.

Zwischen 1979 und Ende 1985 stieg der Dollar im Vergleich zu den Währungen Deutschlands, Japans, Kanadas und anderer Länder auf Rekordhöhen. Der überbewertete US-Dollar ließ die Preise der für den Export bestimmten Produktionsgüter extrem ansteigen und führte zu einer dramatischen Reduktion der industriellen Exportgüter der USA.

Die durch die Maßnahmen Volckers bereits im Oktober 1979 sehr hohen Zinssätze haben zu einem starken Rückgang der Bautätigkeit in den USA geführt, zum endgültige Niedergang der Automobilindustrie und damit auch der Stahlindustrie. Die amerikanische Industrie verlegte die Produktion ins Ausland, wo die Produktionbedingungen günstiger waren. Über Paul Volcker und seinen Propheten des Freien Marktes innerhalb der Reagan-Regierung sagte der Republikaner Robert O. Anderssen, Vorstandsvorsitzender der Atlantic Richfield Oil Co.: »Sie haben mehr als jede andere Gruppe in der Geschichte dazu beigetragen, die amerikanische Industrie zu zerstören. Und dennoch verkünden sie überall, dass alles in schönster Ordnung ist.«

Anfang 1987 befanden sich die traditionellen Hypothekenbanken, die Spar- und Darlehensbanken, in einer Liquiditätskrise, die den amerikanischen Steuerzahlern Hunderte von Milliarden an staatlichen Beihilfen kostete.

Die GAO** erklärte, dass die Federal Savings & Loan Insurance Corporation, der Bürge gegen eine Panik bei den Spar- und Darlehensbanken, zahlungsunfähig war. Aber unter dem Druck der Spar- und Darlehensbanken ließ man ungeheure Bankverluste zu, ebenso wie man es zuließ, dass insolvente Institute weiterarbeiteten und immer größere Verluste anhäuften. Die Kosten dieses Debakels beliefen sich letztlich auf über 160 Milliarden Dollar. Einige Experten haben berechnet, dass sich die Kosten für die Wirtschaft auf bis zu 900 Milliarden Dollar beliefen. Zwischen 1986 und 1991 fiel die Zahl neuer Wohnungen von 1,8 auf eine Million, der niedrigste Satz seit dem Zweiten Weltkrieg.

 

Die Zweite amerikanische Revolution: die Augen auf den Preis gerichtet

Die Währungspolitik der Federal Reserve wurde üblicherweise als eine Reihe pragmatischer Ad-hoc-Reaktionen auf die immer wieder auftretenden Krisen in der Banken- und Finanzwelt nach dem Krieg missgedeutet. Die Wahrheit ist, dass sie konsequent einer geheimen Politik folgte, die zum ersten Mal im Jahre 1973 vom Sprecher der damals mächtigsten amerikanischen Familie festgelegt wurde.

Diese Politik wurde in einem kaum beachteten Buch mit dem ominösen Titel Die Zweite Amerikanische Revolution skizziert. Es wurde von John D. Rockefeller III geschrieben, einem Spross der mächtigen Standard-Oil- und Chase-Manhattan-Bank-Dynastie und zusammen mit seinen drei Brüdern – David, Nelson und Laurance – Architekt der Weltordnung nach 1945, die als das Amerikanische Jahrhundert bekannt ist.

In seinem Buch beschrieb Rockefeller die Entschlossenheit des Establishments, Konzessionen zurückzunehmen, die während der Großen Depression von den Reichen und Mächtigen widerwillig gewährt worden waren. Dieser Appell Rockefellers erging bereits lange bevor Jimmy Carter und Margaret Thatcher an die Macht kamen, um ihn in die Praxis umzusetzen. Er rief zu einer »konsequenten langfristigen Politik der Dezentralisierung und Privatisierung vieler staatlicher Aufgaben auf … um die Macht auf die Gesellschaft zu verteilen.« [5]  Dabei handelte es sich um einen raffinierten Betrug, denn es bestand durchaus nicht die Absicht, die Macht zu verteilen, sondern, ganz im Gegenteil, die Macht über die Wirtschaft und die Finanzen einer kleinen Elite zu übertragen.

Ein Privatisierung wichtiger und sozial nützlicher Aufgaben des Staates, die, häufig mit starken sozialen Unruhen und unter politischem Druck während der 1930er-Jahre eingeführt wurden, war das Ziel von Rockefeller. Kurz gesagt war es die Beseitigung der Regulierung aller Aspekte des wirtschaftlichen und sozialen Lebens in den USA während der Jahre der Depression. Vor allem war eine Deregulierung der Wall Street und der Finanzmärkte das Ziel, zusammen mit einer radikalen Reduktion der Verteilung des Reichtums, als die Rockefeller und ihre Freunde solche Programme wie die Sozialhilfe ansahen.

Die von George W. Bush veranlassten »Steuersenkungen für die Reichen« waren nur eine Fortsetzung der im Laufe der Jahrzehnte verwirklichten Pläne der mächtigen Kreise des Establishments.

Es ist zwar schwer zu glauben, aber alle wichtigen Entscheidungen der US-Regierung seit den 1970er-Jahren bis zur so genannten Sub-Prime-Krise von heute hängen irgendwie zusammen. Die Key Fed und die Treasury und andere politische Institutionen hatten immer nur ihr eigenes Interesse im Auge.

Der »Preis« waren ungeheure finanzielle Gewinne durch eine Rücknahme der politisch notwendigen Zugeständnisse an die amerikanischen Arbeiter und den Mittelstand, Zugeständnisse, die während der Großen Depression durch mächtige, von Rockefeller und der Bankgruppe von Morgan gelenkte Kreise gemacht worden waren, um eine radikale Revolution zu verhindern.

Die Sozialversicherung war eines der Zugeständnisse, die wieder zurückgenommen wurden, ebenso wie die finanzielle Deregulierung und vor allem das Glass-Steagall-Gesetz von 1933. Bei den Deregulierungsmaßnahmen sollte ein Wall-Street-Banker mit guten Verbindungen namens Alan Greenspan eine entscheidende Rolle spielen. Dieser war zwischen 1987 und 2006 Vorstandsvorsitzender der Federal Reserve. Die Verbriefung von Sub-Prime- oder Junk-Mortgages sollte das krönende Erbe seiner Tätigkeit sein. Während ich dies schreibe, sieht es so aus, als ob dies tatsächlich so sein könnte. Aber nicht so, wie er und andere von der Wall Street es gern hätten. Es sieht vielmehr so aus, also ob es sich um eine Schandkappe handelt.

In Teil III werde ich mich mit der Greenspan-Schöpfung der »Verbriefungsrevolution« und ihrem Niedergang auseinandersetzen.

 

 

_______________

 

[1] Luce, Henry, The American Century, nachgedruckt in The Ambiguous Legacy, M. J. Hogan, ed. Cambridge, UK: Cambridge University Press, 1999.

[2] Kennan, George F., »PPS/23: Review of Current Trends in U.S. Foreign Policy«, Foreign Relations of the United States, Band I, 1948.

[3] Engdahl, F. William, A Century of War: Anglo-American Oil Politics and the New World Order, London, Pluto Press, 2004, S. 88–89.

[4] Die beste Beschreibung dieser neuen Methode des endlosen Schuldenmachens, die vom US-Militär als Fundament der US-Herrschaft unterstützt wird, ist der persönliche Bericht in dem bemerkenswerten Buch von Michael Hudson, Super Imperialism: The Economic Strategy of American Empire, London, Pluto Press, 2. Ausgabe 2003, www.michael-hudson.com. S. 289 ff.

[5] Rockefeller, John D. III, The Second American Revolution, Harper & Row, New York 1973.

* Subprime-Markt: Hypothekendarlehensmarkt, der überwiegend aus Kreditnehmern mit geringer Bonität besteht.

** Anmerkung des Übersetzers: Die GAO (Government Accountability Office) ist ein unparteiisches Untersuchungsorgan des Kongresses der Vereinigten Staaten. In seinen Aufgaben ähnelt es dem deutschen Bundesrechnungshof.

 

Montag, 28.01.2008

Kategorie: Allgemeines, Geostrategie, Wirtschaft & Finanzen

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