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Der Fluch des Fortschritts (III.) – Immer mehr Menschen wollen mit implantiertem Chip geortet werden

Udo Ulfkotte

Wir haben an dieser Stelle erst unlängst darüber berichtet, dass britische Polizisten einen Chip implantiert bekommen, mit dem sie ständig geortet werden. Was viele Leser irrtümlich für einen verspäteten Aprilscherz hielten, betrifft allerdings nicht nur Polizisten. Überall in der Welt brennen Menschen geradezu darauf, endlich einen Chip implantiert zu bekommen, die größte Nachfrage verzeichnet derzeit Mexiko.

Die Zahl der Entführungen steigt in Mexiko rapide an. Allein zwischen 2004 und 2007 nahm die Zahl der Entführungen um 40 Prozent zu. Immer häufiger gehören auch Angehörige der Mittelschicht zu den Opfern.  Und die Täter sind meist Angehörige der Rauschgiftmafia – die Komplizen im korrupten Polizeiapparat haben. Manchmal wollen die Entführer Geld, ein anderes Mal nur die Organe eines Menschen – oder aber Säuglinge verkaufen, Beispiel Itztapalapa: Vor wenigen Wochen verließ eine Mutter zusammen mit ihrem zweieinhalb Monate alten Säugling eine Klinik in Iztapalapa, unweit von Mexiko-Stadt. Vor der Klinik entrissen ihr drei Personen das Baby. Die Frau verfolgte die Entführer und konnte der Polizei den Aufenthaltsort mitteilen. Die Täter waren bei der Festnahme geständig, hatten das Baby aber zwischenzeitlich schon für 2.000 Pesos (125 Euro) verkauft. Das Baby wurde dann bei einer 52 Jahre alten Frau gefunden. Dieser Fall ging also glimpflich aus. 

Fernando Marti hatte weniger Glück. Der 14 Jahre alte Sohn eines bekannten mexikanischen Geschäftsmannes wurde entführt und anschließend ermordet - obwohl die Familie Lösegeld bezahlt hatte. Anfang August fand man seine Leiche in einem Kofferaum in Mexiko-Stadt. Keiner anderen Entführung widmeten die Medien des Landes so viel Aufmerksamkeit. Dabei werden allein in Mexiko-Stadt durchschnittlich 500 Menschen im Jahr entführt – im ganzen Land sollen es jährlich 7.000 Entführungen sein. Wahrscheinlich sind es noch viel mehr – weil die »Express-Kidnappings« meist erst gar nicht bei der Polizei angezeigt werden. Dabei handelt es sich um Entführungen, bei denen das Opfer schon gleich viel Bargeld in der Tasche hat oder aber bei einer Bank besorgen kann, um sich freizukaufen.

Weil die Regierung den Fahndungsdruck auf Rauschgifthändler erhöht hatte, suchten diese sich einen neuen »Broterwerb« – Entführungen. Im Gegensatz zu Bürgern der Vereinigten Staaten haben Mexikaner nicht das Recht, Schusswaffen zu tragen. Die Medienberichterstattung über die Entführungsindustrie sorgt seit dem Fall Fernando Marti für immer mehr Unruhe in der Bevökerung. Und viele Menschen suchen nach einem Weg, sich zu schützen. Aber wie?

Als »Versicherung« gegen das Kidnapping lassen sich nun potentielle Entführungsopfer einen Chip von der Größe eines Reiskornes unter die Haut injizieren, mit dessen Hilfe sie per Satellit möglicherweise geortet und damit rasch gefunden werden können. Schon mehr als 2.000 Mexikaner haben sich einen solchen Chip implantieren lassen. Das kostet 4.000 Dollar – und eine weitere Jahresgebühr von 2.200 Dollar. Das mexikanische Unternehmen Xega aus Quererato ist Marktführer auf diesem Gebiet. Früher beschäftige man sich bei Xega mit dem GPS-Tracking von gestohlenen Fahrzeugen – bis im Jahre 2001 der Firmeninhaber am hellichten Tage entführt wurde. Nun geben diese Chips den Menschen wieder Hoffnung.

Wir wollen den Mexikanern diese Hoffnung nicht nehmen. Aber wir können Ihnen wahrheitsgemäß sagen, dass die Chips ihnen im Falle von Entführungen nicht mehr helfen werden als eine leere Flasche Wasser oder eine alte Telefonkarte. Denn was sich die Mexikaner da implantieren lassen, das ist ein RFID-Chip, den man auch zur Identifizierung von Haustieren einsetzt. Wer in Europa mit einer Katze oder mit einem Hund verreisen möchte, der kennt den neuen Tierausweis und den implantierten Chip. Der sendet allenfalls bis zu einem Meter Entfernung – und kann ohne weitere am Körper zu tragende Verstärker (wie sie etwa die britischen Polizisten haben) keine Verbindung zu GPS-Satelliten aufnehmen. Jene wohlhabenden Mexikaner, die nun immer mehr Angst vor Entführungen haben, werden also übers Ohr gehauen. Das Geld wird ihnen aus der Tasche gezogen. Einen tatsächlichen Entführungsschutz – eine verlässliche Ortungsmöglichkeit etwa im Kofferaum eines Fahrzeuges oder in einem Keller – gibt es in der Realität nicht. Aber immer mehr Mexikaner wollen einen solchen Chip. Das Unternehmen Xega erlebt einen Boom. Wahrscheinlich ist es in Mexiko auch einfach hipp, sich auf Parties der Reichen die Injektionsstelle zu zeigen und damit zu prahlen, dass man auch schon gechippt ist ...   

 

Sonntag, 24.08.2008

Kategorie: Allgemeines, Wissenschaft

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