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Der künstliche Psychologe – oder: Brauchen wir den »Cyber-Teddy«?

Andreas von Rétyi

Unterwegs in den unendlichen Weiten des Weltraums! Gibt es etwas Aufregenderes, Spannenderes und – Langweiligeres? Astronauten, die sich während künftiger Missionen nicht nur für ein Wochenende ins All begeben, sondern über Wochen und Monate in die kosmische See stechen, sollen bald eine ganz besondere Hilfe mit auf den Weg bekommen: Eine Psycho-Software, die ihnen bei sämtlichen Problemen mit Rat und Tat zur Seite steht, wenn irdische Therapeuten auch per Funk nicht mehr erreichbar sind. Doch die neue Software soll auch hier unten auf der Erde ihren Nutzen haben.

Planeten, Sterne und Galaxien – ein wirbelndes, farbenfrohes Meer glitzernder Welten und mittendrin ein utopisches Raumschiff mit risikofreudigen Astronauten, stets auf der Suche nach neuen spannenden Abenteuern. Wer wäre da nicht gern dabei? Die Realität malt allerdings bekanntlich nicht in so märchenhaften Farben. Spannend geht es zwar in der Raumfahrt zu, doch drohte schon mancher seelisch an ihr zu zerbrechen, obwohl Astronauten eher weniger zu den psychisch labilen Vertretern unserer Spezies zählen. Die nervlichen Zerreißproben decken dabei ein weites Spektrum ab. Ständige Herausforderungen und teils lebensbedrohliche Situationen bilden das eine, Isolation das andere Problem.

Gerade die Einsamkeit und Monotonie künftiger Langzeitaufenthalte im All stehen im Zentrum einer Entwicklung des Nationalen Forschungs-Instituts für Weltraummedizin der USA (NSBRI). Hier arbeiten Wissenschaftler unter Leitung des Psychologen James Catreine und des Mediziners und Ex-Astronauten Jay Buckey an einer speziellen Computer-Software, die den Weltraum-Reisenden beispielsweise auf lang dauernden Marsreisen ein interaktives, multimediales Hilfsprogramm an die Hand geben soll. Dieses Projekt ist Teil der »Virtuellen Raumstation«, die sich den psychologischen Herausforderungen solcher Reisen widmet. Wenn ab einer gewissen Erddistanz wegen der dann extrem langen Signallaufzeit keine direkte Rücksprache mehr mit irdischen Psychologen mehr möglich ist, soll der Computer zum Ersatz werden.

Die Idee ist nicht neu und hat ihre Vorläufer wieder einmal in der Science Fiction, so im »Rex Regerator Mechanotherapist«, einer utopischen Geschichte aus dem Jahr 1956, oder dem Maschinen-Therapeuten eines nur ein Jahr später erschienenen Romans von James Blish. Nicht viel anders als in der Fiktion wird der Roboter auch im realen Leben immer wieder zum sozialen Surrogat, zur seelischen Stütze. Ein Teddybär für Fortgeschrittene eben. Der Mensch benötigt Rücksprache und Kommunikation, sonst geht er ein wie eine Pflanze ohne Sonnenlicht.

Prosaischer gestaltet sich das ganze Problem freilich in der direkten Praxis, doch letztlich läuft alles auf alt angestammte Notwendigkeiten des Menschseins hinaus. Die Software muss im komplexen Dialog mit dem Astronauten allerdings bestehen und zahlreiche Probleme bewältigen, ihm also faktisch helfen können. In der täglichen Weltraumpraxis mag dies bedeuten, Auseinandersetzungen innerhalb einer kleinen Mannschaft zu bewältigen, ebenso Stress, diverse Entzugserscheinungen und Ängste, wie sie in einer aufs Existenzielle beschränkten, nahezu oder sogar völlig isolierten Situation zwangsläufig immer auftreten. Gegenwärtig steht Astronauten audiovisueller Kontakt zu professionellen Psychologen zur Verfügung, sobald eine Funkverbindung zur Erde möglich ist. Doch weitab von unserem Planeten schlägt die Isolation erst wirklich zu Buche. Und so wird es auch bleiben, wenn nicht eines Tages die Lichtbarriere im Vakuum ausgetrickst werden sollte, um Signale in Nullzeit zu transportieren und vielleicht auch immense Strecken mit ungeahnten Techniken zu überwinden.

Die neue Software des NSBRI arbeitet mit Grafiken und Videos, in denen ein virtueller Psychologe im Verlauf einer interaktiven Prozedur versucht, die individuellen Probleme des betroffenen Astronauten zu analysieren und zu lösen. Ausgehend von einer umfangreichen Liste wählt der Raumreisende sein spezielles Problem und engt es anschließend weiter ein. Dann versucht das System gemeinsam mit ihm, Ziele zu definieren und die möglichen Wege auszuloten. Nachdem jeweils Für und Wider eines Vorschlags gegeneinander abgewogen wurden, entwickelt die Software einen Handlungsplan für die Umsetzung. Das Ganze wirkt recht hölzern konstruiert und würde wohl die meisten eher etwas abschrecken – geht’s denn wirklich so einfach?

Laut den Entwicklern ganz bestimmt nicht. Und dem soll auch das Programm gerecht werden. Die Software wird ungezählte Funktionen enthalten, auf eine virtuelle Bibliothek psychologischer Erkenntnisse zurückgreifen und außerdem zusammen mit 29 praxiserfahrenen Astronauten auf Herz und Nieren geprüft. Eine Beta-Version wurde bereits auf antarktischen Forschungsstationen getestet, denn dort herrschen die ähnlichsten Bedingungen. Wie beim Langzeitaufenthalt im Weltraum sind die Forscher am Südpol der Erde fast völlig von der übrigen Welt isoliert und leben als kleine Gruppe über längere Zeitspannen unter echten Extrembedingungen. Depressionen gelten in solchen Situationen freilich als Hauptproblem, und so erklärt Carteine: »Wir planen, die Fähigkeit des Programms zur Behandlung von Depressionen zu testen.« In den Vereinigten Staaten gilt Depression als erster Auslöser von »disability days« – Tagen, an denen einfach nichts geht. Der Betroffene ist nur physisch anwesend, mehr auch nicht. Die neue Software soll auch hier Abhilfe schaffen, mit einem »Depressions-Modul«.

Den Menschen und zwischenmenschlichen Austausch wird eine solche virtuelle Krücke nie ersetzen können, doch darum geht es auch gar nicht. In Extremsituationen kann sie aber unter Umständen eine deutliche Hilfestellung bieten – auch hier auf unserem Planeten, wo es zwar viele Menschen gibt, aber noch mehr Probleme. Die Entwickler der Software stellen sich einen Einsatz auf Schiffen, Ölplattformen, Unterwasser-Forschungsstationen und auch abgelegenen Militärbasen vor. Wird demnächst das Personal von Area 51 die Hilfe eines künstlichen »Psycho-Onkels« in Anspruch nehmen müssen? Wer weiß! So, wie sich unsere Gesellschaft derzeit insgesamt gestaltet, dürfte jedenfalls dieses NSBI-Programm auf der Erde wohl weit mehr Anwendung finden als draußen im All! Doch am besten wär’s, die Menschen würden sich mal wieder ihrer selbst besinnen, der unvergleichlichen Bedeutung des Seins und eines verantwortungsbewussten Miteinander. Damit wären schon sehr viele Probleme gelöst, auch ohne Cyber-Teddy!

 

Dienstag, 30.09.2008

Kategorie: Allgemeines, Wissenschaft

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