Der Schnüffel-Chip: Wie man den Bürger davon überzeugen will, freiwillig »gläsern« zu werden
Nachdem der »Infochip« im Jahre 2007 als Krebserreger in Verruf geraten ist, hat man ihn kurzer Hand umbenannt. Anstatt »VeriMed« zur Identifikation von Kontodaten, bekommen wir nun den »Health Link Chip« untergeschoben. Natürlich nur, damit der Patient auch rechtzeitig seine Pillen nimmt und seine Krankengeschichte auch noch im Koma abrufbar ist.
Falls Sie zu denjenigen gehören sollten, die in regelmäßigen Abständen Tabletten nehmen müssen und das gerne mal vergessen, hat die Firma Novartis die Lösung für Sie: Ein kleiner Chip, der Ihnen unter die Haut gesetzt wird, sendet eine SMS auf Ihr Handy und erinnert Sie automatisch daran, die Tablette zu schlucken. Klingt das nun praktisch oder gruselig?
Health Link Chip heißt das Produkt, das die Firma VeriChip vor nicht allzu langer Zeit noch zu Zahlungs- und Identifizierungszwecken verkaufen wollte. Zielgruppe bei den heutigen Testversuchen der Firma Novartis sind nunmehr Patienten, deren »Bereitschaft« als niedrig eingestuft wird. Das heißt: Wer Medikamente verschrieben bekommt, sie aber nicht abholt oder nicht nimmt, wird ab jetzt von seinem RFID-Chip im Arm daran erinnert. Und wer unter Alzheimer oder ähnlich geistig verwirrenden Krankheiten leidet, kann jederzeitt identifiziert und seine Krankengeschichte abgerufen werden. Bereits seit 2007 läuft eine über mehrere Jahre angelegte Versuchsreihe mit mehr als 200 Alzheimer-Patienten in Palm Beach County (Florida).
Die Studie von Novartis fällt da etwas kleiner, dafür aber sehr erfolgreich aus. Laut Joe Jimenez, dem Vorsitzenden der pharmazeutischen Abteilung, konnte die Bereitschaft von 20 Patienten, die das Mittel Diovan zur Senkung des Blutdrucks einnehmen sollten, innerhalb von sechs Monaten von 30 auf 80 Prozent gesteigert werden.
Sollte sich dieses Verfahren durchsetzen, wird der Mensch endgültig zum offenen Buch. Der Chip ist nämlich nicht nur mit dem Patientenhandy vernetzt, sondern auch mit dem Internet. Seine Verhaltensdaten werden regelmäßig online veröffentlicht, (vorerst nur) damit das Pflegepersonal informiert bleibt. Zur Krönung hat die Firma Pfizer zusätzlich ein System entwickelt, mit dem Patienten per Telefon angerufen und dazu ermutigt werden können, ihre Medikamente zu nehmen. Freigeister, die hier »Nötigung« rufen, sollten durch den Gedanken an verwirrte Demenz-Patienten daran erinnert werden, dass die neue Technologie doch nur zu unserem Besten ist. Als wenn das so einfach wäre ...
Gesundheit als Tarnkappe für den Krankmacher
Den Gesundheitssektor zum neuen Einsatzfeld der RFID-Technologie zu erklären, war ein intelligenter Schachzug von VeriChip. Damit rettete sich die Firma nicht nur vor dem Bankrott, sondern eroberte zugleich eben jenen Sektor, der für sie zur Bedrohung wurde.
Nachdem im Jahr 2006 diverse Gesundheitsstudien ans Licht kamen, die VeriChip das Leben schwer machten, musste die Firma herbe Verluste einstecken. Ihre Aktien fielen im Verlauf des Jahres 2007 von zwölf US-Dollar ins Bodenlose.
Die französische Studie zeigte, dass von 1.260 Mäusen, die einen Chip erhielten, 4,1 Prozent Tumoren entwickelten. Die Wucherungen bildeten sich um die Chips und wuchsen so massiv heran, dass sie das Implantat gänzlich umgaben.
Experten warnten lautstark davor, den Chip ohne detaillierte Studien am Menschen anzuwenden. Zum einen seien die Ergebnisse von Tierversuchen nicht ohne weiteres auf den Menschen übertragbar, zum anderen seien die gesundheitlichen Risiken wie Krebs oder ein mögliches Wandern des »Störenfrieds« im Körper nicht genügend geklärt.
Diverse Anti-RFID-Aktivisten wiesen die amerikanischen Gesundheitsbehörden (FDA) auf die Gefahren hin, allerdings ohne Erfolg. Der Chip durfte auch weiterhin in den Menschen implantiert werden. Nunmehr holte die Firma VeriChip zum Gegenschlag aus und deklarierte das Implantat unter dem Titel »Health Link Chip« schlichtweg zur »Gesundheitshilfe« um. Plötzlich scheinen mehrere Probleme auf einmal gelöst: VeriChip hat wieder eine weiße Weste, die Pharmaindustrie verdient jetzt an Chip und Medikamenten zugleich, und der Bürger geht weder »verloren«, noch vergisst er seine Pillen.
Was so effektiv klingt, kann jedoch fatale Auswirkungen haben. Der Chip tendiert zu starken Wechselwirkungen mit teils überlebenswichtigen Maschinen. Was bringt es also, wenn Sie Ihre Alzheimer-kranke Großmutter zwar Dank des Implantats im Krankenhaus wiederfinden, sie aber eben wegen des Chips während eines Kammerflimmers starb, weil man den Defibrillator nicht einsetzen konnte?
Doch solche Fragen stellt natürlich keiner.
Die Jugend von heute
Stattdessen wird alles dafür getan, dass der Bürger selbst nach der neuen Technologie verlangt. Für Discogänger zum Beispiel wird der Chip immer verlockender. Durch ihn kann nämlich endlich auf den lästigen Geldbeutel verzichtet werden.
Der Baja Club in Barcelona ist schon seit 2004 auf Bezahlung per Datentransfer umgestiegen. Es folgten die Bar Soba in Glasgow und ein Ableger des spanischen Originals in Rotterdam. Wer einen Drink bezahlen will, wird einfach kurz gescannt und kann weitertanzen. Dabei wird auf dem RFID-Implantat eine Sicherheitsnummer abgefragt, die Zugang zu den Kontoinformationen des Party-Fans bietet.
Leider wissen die meisten Menschen jedoch nicht, dass man das, was der Haut in fünf Minuten via Spritze untergeschoben wird, leider nur per chirurgischem Eingriff wieder herausbekommt. Ganz abgesehen davon, dass der Chip nicht standardisiert ist und man für jeden Club ein anderes Implantat bräuchte.
Der Golfer von morgen
Auch Golf-Clubs planen seit 2009 den Einsatz des RFID-Ausweises »als Medium für kontaktlosen Datentransfer«. Damit kann sich der Sportler dann in sämtlichen Clubs elektronisch ausweisen, Verpflegungsautomaten bedienen, Zugang zur Caddyhalle bekommen, und er kann sogar Türschlösser öffnen. Das alles, »da elementare Daten zum Karteninhaber auch auf dem RFID-Chip abgelegt werden« (RFID im Blick). Seltsam, dass die Reduktion von Kontakt den Menschen durchsichtiger macht.
Die Schnüffel-Chips sind ohne Sichtkontakt lesbar und sie können Daten speichern. Der Preis des Komforts liegt dabei im Kontrollverlust. Wenn Scanner in der Nähe des Chips sind, kann der Weg, den ein RFID-Chip mit seiner Identifikationsnummer geht, registriert werden. »Durch diese Technologie lässt sich z.B. das Einkaufsverhalten registrieren, wie lange jemand vor einem Regal steht, welche Bereiche der Käufer meidet etc. Hierdurch kann nahezu jeder überall identifiziert und unbemerkt verfolgt und so zum Opfer von Tracking-Maßnahmen werden. Durch den zunehmenden Einsatz entsteht eine mächtige Infrastruktur, die totale Überwachung zur Folge hat«, schreibt Marco Di Filippo auf einem IT-Security-Portal.
In der Schweiz muss seit 2006 jeder Hund einen RFID-Chip tragen.
Fragt sich nur: Sind wir Menschen als nächstes dran?
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Quellen:
Financial Times: http://www.ft.com/cms/s/0/c1473442-a6f4-11de-bd14-00144feabdc0.html
Technology Review: http://www.heise.de/tr/artikel/Der-Chip-der-unter-die-Haut-ging-836048.html?ressort=251;view=ressort
RFID im Blick: http://www.rfid-im-blick.de/200907141523/RFID-Ausweis-auf-Golfanlagen.html
Das IT-Security-Portal: http://www.securitymanager.de/magazin/artikel_1794_der_schnueffel-chip_chancen_und_risiken_von.html
Telepolis: http://www.heise.de/tp/r4/artikel/26/26167/1.html
Samstag, 14.11.2009
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