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Der Versicherungskonzern AIG, Larry Summers und die Ablenkungspolitik

F. William Engdahl

Endlich scheinen die US-Behörden bei der Verfolgung der Finanzinstitute, die sich de facto wie Raubtiere benehmen, harte Saiten aufzuziehen. Auf derart einschneidende Maßnahmen hat die ganze Welt gewartet, seitdem die US-Regierung Anfang 2008 damit begonnen hatte, bankrotte Banken mit schier endlosen Finanzspritzen (»bailouts«) zu stützen, was den US-Steuerzahler inzwischen viele Billionen Dollar gekostet hat. Bei der »Rettung« des weltweit größten Versicherungskonzerns »American International Group« (AIG) ist dem Chef des Wirtschaftsrats im Weißen Haus, Larry Summers, jetzt offenbar »der Kragen geplatzt«. Auch Präsident Obama hat sich mittlerweile in die Sache eingemischt und »Gerechtigkeit« versprochen. Mehrere US-Senatoren haben sogar damit gedroht, ein neues Gesetz zu verabschieden, um die aufgetretenen Ungerechtigkeiten beheben zu können. Das Problem bei all diesen Aktivitäten besteht allerdings darin, dass die Akteure nur eine »Ablenkungspolitik« betreiben, die alle Aufmerksamkeit von dem wirklichen Problem ablenkt: dem Schwindel namens »Bailout«.

Ausgelöst wurde die ganze Aufregung durch die Tatsache, dass der AIG-Konzern sich nach eigenen Angaben »verpflichtet fühlte«, seinen Managern in der Londoner Filiale, die sogenannte »Hochrisiko-Geschäfte« abgewickelt haben, Boni in der Gesamthöhe von 165 Millionen US-Dollar zu zahlen. Daraufhin hat US-Finanzminister Timothy Geithner eine neue Strategie zur Wiederherstellung der »Gerechtigkeit« angekündigt und erklärt, AIG werde Amerikas Steuerzahlern die Gesamthöhe der Boni von 165 Millionen Dollar »zurückzahlen«, die der Konzern an 73 seiner Manager ausgezahlt hat. Technisch wird das folgendermaßen ablaufen: AIG zahlt an das US-Finanzministerium eine Summe, die genau der Höhe der Bonuszahlungen entspricht, und das US-Finanzministerium wird exakt diese Summe von der 30 Milliarden Dollar umfassenden Unterstützungsleistung abziehen, die die US-Regierung (d.h. der US-Steuerzahler) in Kürze an den Versicherungskonzern überweist. Geithner fügte hinzu, dass sich die Obama-Regierung aber weiterhin bemüht, diese Summe von den AIG-Managern, die diese Boni erhalten haben, zurückzubekommen. Da kann man nur sagen: Viel Glück!

 

Als US-Finanzminister unterstützte Larry Summers im Jahre 2000 die Deregulierung der OTC-Derivate.

 

Dabei ist Larry Summers direkt und höchstpersönlich für den ganzen Schlamassel verantwortlich. Schließlich hat er als US-Finanzminister unter Clinton von 1999 bis Anfang 2001 die Strategie zur Deregulierung der Finanzmärkte entworfen und durchgesetzt, die zu der jetzigen Krise geführt hat.

 

Absurdes Theater oder Ablenkung?

Das alles ist der Stoff, aus dem die Schlagzeilen der Bildzeitung gemacht sind und der zu einem öffentlichen Aufschrei der Entrüstung geführt hat; endlich handeln also die Politiker im Interesse der Steuerzahler. Zumindest scheint das so zu sein – bis wir uns die Sache einmal genauer ansehen. Denn 165 Millionen Dollar oder irgendeine andere Summe an Manager-Boni einem Konzern zu überweisen, der tief in einen Multibillionen-Dollar-Betrugsfall verwickelt ist, der potenziell die ganze Weltwirtschaft mit sich in den Abgrund zu reißen droht, ist schon mehr als ein »Skandal«.

Das Problem besteht darin, dass die Finanzspritzen der US-Regierung, und damit der Abfluss von Steuergeldern, nicht aufhören. Denn wie die Vorgängerregierung unter Bush weigert sich auch die Obama-Administration, konsequent gegen den AIG-Konzern vorzugehen, obwohl die US-Regierung inzwischen mindestens 80 Prozent der AIG-Aktienanteile besitzt, die sie für 180 Milliarden Dollar gekauft hat. Es mutet schon absurd an, wenn das amerikanische Finanzministerium jetzt verlangt, AIG solle »der Regierung die Summe erstatten«, denn die Regierung sagt damit eigentlich doch nur, dass ihr diese Summe aus ihren eigenen Geldern erstattet wird. Der jüngste Zusatz, dass das US-Finanzministerium die Bonuszahlung von 165 Millionen Dollar von der nächsten Tranche an Unterstützungsgeldern für den AIG-Konzern  in Höhe von 30 Milliarden Dollar abziehen wird, ist ein weiterer Beweis für diese Tatsache.

 

Die CDS-Blase erhalten

Die politische »Empörung« der Obama-Administration in dieser Angelegenheit ist geradezu ein klassisches Beispiel für »Meinungsmache«. Der US-Bevölkerung soll weisgemacht werden, dass ihre Politiker in ihrem Interesse arbeiten. Doch in Wirklichkeit kanalisieren sie lediglich die Wut einer aufgebrachten Bevölkerung über nicht enden wollende Finanzspritzen für die Banken weg von dem eigentlichen Problem und hin zu einem höchstens drittklassigen Schauplatz. Fakt ist: Seit September 2008 hat die US-Regierung AIG mit insgesamt 180 Milliarden Dollar gestützt, um diesen »hirntoten« Versicherungskonzern scheinbar am Leben zu erhalten und dessen Verpflichtungen in einer besonders gefährlichen (und gefährdeten) Klasse von Kreditderivaten, den sogenannten Credit Default Swaps (CDS), zu garantieren.

Wie ich in meinem in Kürze erscheinenden Buch Der Untergang des Dollar-Imperiums darlege, bildet der Markt dieser Kreditausfallderivate das eigentliche Zentrum der jetzigen globalen Finanzkatastrophe. Dieser in den letzten zehn Jahren zu riesigen Dimensionen angewachsene Markt von Kreditausfallderivaten oder »Tauschkontrakten« (swaps contracts), mit denen man sich angeblich für den Fall »versichern« kann, dass eine Firma zahlungsunfähig wird und ihre Schulden nicht mehr bedienen kann, wurde von der jungen Mathematikerin Blythe Masters »erfunden«, die bei der Investmentbank JP MorganChase angestellt war – wohl nicht zufällig ist JP MorganChase eine der wenigen Großbanken, die derzeit noch Gewinne vermelden. Im Jahre 2000 hatte der damalige US-Präsident Clinton per Gesetz geregelt, dass dieser CDS-Markt nicht unter die Regulierungsbestimmungen der US-Regierung fällt, als er den »Commodity Futures Modernization Act of 2000« unterzeichnete. In diesem Gesetz zur Modernisierung der Warentermingeschäfte wurde festgeschrieben, dass der Handel mit Finanzderivaten nicht gesetzlich von der US-Regierung reguliert wird. Damit bekam der Markt von Finanzderivate grünes Licht; er blähte sich derart auf, dass er im letzten Jahr 2008 nominell mehr als 62 Billionen Dollar umfasste. Den genauen Umfang dieses gigantischen Marktes kennt niemand, denn es handelt sich dabei um einen »Phantom-Bankenmarkt«, der völlig unter privater Kontrolle steht und nur zwischen den Banken, also gewissermaßen »zwischen uns«, abgewickelt wird – der sogenannte »außerbörsliche« (OTC-) Handel (over the counter).

 

Der gesamte nominelle Umfang der OTC-Derivate beträgt ca. 600 Billionen Dollar.

 

Allerdings kollabierte dieses Vertrauen der Banken untereinander – »zwischen uns« – nach der schlecht durchdachten Entscheidung der US-Regierung am 15. September 2008, die damals viergrößte Investmentbank der Welt, Lehman Brothers, nicht zu retten und bankrott gehen zu lassen. Nach diesem Tag konnte keine Bank einer anderen Bank mehr trauen, die ein ebenso großes Volumen an Risikokrediten vergeben hatte wie sie selbst. Damit wurde die Finanzkrise zur globalen Systemkrise. Es ist beachtenswert, dass der Mann, der  maßgeblich an der Entscheidung beteiligt war, Lehman Brothers bankrott gehen zu lassen, »um damit eine Lektion zu erteilen«, damals Chef der New Yorker Federal Reserve war – der jetzige US-Finanzminister Tim Geithner.

Die US-Regierung hat erklärt, man könne nicht zulassen, dass der Versicherungskonzern AIG bankrott geht, denn er sei – um den Fachjargon zu benutzen – »too big to fail«, also zu groß, um bankrott zu gehen. Der Grund für diese Haltung der US-Regierung ist ein ganz simpler: Ginge AIG bankrott, dann würden viele hundert Billionen Dollar an Credit Default Swaps (CDS) »platzen«“ und US-amerikanische wie europäische Banken, deren »vergiftete« Vermögenswerte mutmaßlich von AIG versichert sind, würden quasi über Nacht auf riesigen Verlusten sitzen bleiben. Ganz im Gegensatz zu der Meinung der US-Regierung ist der AIG-Konzern nach den Spielregeln, die die Wall Street und die von privaten Finanzinteressen kontrollierte Federal Reserve – der frühere Arbeitgeber von US-Finanzminister Geithner – aufgestellt haben, in Wirklichkeit aber »zu groß, um gerettet zu werden«.

 

Der CDS-Schwindel

Theoretisch sollten die Kreditausfallderivate namens »Credit Default Swaps« es den Banken erlauben, ihre Kreditrisiken aus ihren Bilanzen zu nehmen und sie auf andere Institute, wie z.B. den Versicherer AIG zu übertragen. Das Ganze basierte auf einem kolossalen Schwindel, bei dem inhärent fehlerhafte mathematische Risikomodelle zur Anwendung kamen.

AIG engagierte sich bei dem Verkauf dieser Credit Default Swaps in der ganzen Welt und im großen Stil und steuerte dies Geschäft über ihre Londoner Filiale namens Financial Practices. In der Praxis wurde die Sache folgendermaßen abgewickelt: AIG gab eine Schein-»Versicherung« für die hypothekenbesicherten Wertpapiere (ABS) im Wert von vielen hundert Milliarden Dollar ab, die von den Wall-Street-Investmenthäusern und -Banken wie Citigroup, Goldman Sachs, Deutsche Bank und Barclays neu aufgelegt worden waren; darunter waren auch zweitklassige (»sub-prime«) hypothekenbesicherte Wertpapiere (MBS).

Das Ganze war ein riesiges »Ponzi-Schema« von AIG, das so funktionierte wie ein gigantisches betrügerisches Schneeballsystem, wobei alles davon abhing, dass der de facto größte Versicherungskonzern der Welt, AIG, von den Ratingagenturen Moody’s und S&P die seltene (absolut erstklassige) Bonitätsstufe AAA erhielt. In der Praxis bedeutete das, dass AIG sich viel billiger Geld leihen konnte als andere Unternehmen, die von diesen Ratingagenturen schlechter bewertet wurden.

Wenn also der AIG-Konzern CDS-Kontrakte garantierte, dann war das eine Art Versicherung für die verschiedensten exotischen vermögensbesicherten Wertpapiere (ABS), die von den Banken an der Wall Street und in der Londoner City herausgegeben wurden. AIG ließ dabei mehr oder weniger deutlich durchblicken, dass es »in dem höchst unwahrscheinlichen Fall«, wenn bei diesen vermögensbesicherten Wertpapieren Verluste auftreten sollten, die AIG diese Verluste tragen würde, und nicht die Banken.

Dann wurde es wirklich wild. Weil der CDS-Handel nicht reguliert war und diese Kreditausfallderivate noch nicht einmal als klassisches Versicherungsprodukt eingestuft wurden, brauchte AIG überhaupt keine Verlustreserven anzulegen! Und AIG tat das auch nicht. Als dann aber die Eigenheimpreise in den USA abstürzten, häuften sich die Verluste und AIG verfügte nicht über die Mittel, um diese Verluste zu tragen.

Außerdem gab der AIG-Konzern CDS-Instrumente in Höhe von mehreren hundert Milliarden Dollar heraus, mit denen die Banken ihre Bilanzen schönrechnen, d.h. auf gut Deutsch »frisieren« konnten. Die Banken konnten also jetzt ihre Kreditrisiken nicht etwa dadurch begrenzen, dass sie bessere und krisensichere Vermögenswerte besaßen, sondern einfach dadurch, dass sie CDS-Papiere von AIG kauften. Mit dem Besitz dieser Papiere wurde das Verlustrisiko auf den Versicherungskonzern AIG übertragen und in den Portfolios der Banken tauchten überhaupt keine Risiken mehr auf. Das wiederum gab den Banken die Illusion, als hielten sie die erforderlichen Mindestreservesätze der Baseler Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) ein, und daraufhin erhöhten sie ihre finanzielle Hebelwirkung – d.h. sie beschafften sich Fremdkapital im großen Stil – und kauften noch mehr dieser »risikofreien« Vermögenswerte.

Warum wurde das alles erlaubt? Das Ausmaß an Korruption in der Clinton-Administration und dann in der Regierung unter George W. Bush lässt sich nur mit dem in der Endphase des Alten Rom vergleichen, kurz bevor dieses Imperium aufgrund seiner inneren Fäulnis zusammenbrach. Amerikas Banken haben Milliarden für ihre Lobbyarbeit – d.h. die Bestechung der Politiker – in Washington ausgegeben.

 

Was ist zu tun?

Glücklicherweise gibt es einen einfachen Ausweg aus dem AIG-Debakel. Die US-Regierung kann intervenieren und die AIG voll – d.h. zu 100 Prozent – verstaatlichen, die verantwortlichen leitenden Angestellten entlassen und die CDS-Kontrakte der AIG für null und nichtig erklären. Sollen doch die Aktionäre und Anteilseigner die US-Regierung ruhig verklagen, um den Wert dessen zurückzubekommen, was in Wirklichkeit doch nur ein Lotteriespiel war und keine Kreditvergabe an die Realwirtschaft. Da die amerikanische Regierung bereits 80 Prozent von AIG besitzt, ist es jetzt bis zu den vollen 100 Prozent nur ein kleiner Schritt.

Myron Scholes, der »Vater« der Finanzderivate, der 1997 einen Wirtschaftsnobelpreis für seine Erfindung des Optionen-Modells erhalten hat, das dann zur Grundlage der Finanzderivate wurde, hat kürzlich erklärt, dass der Handel mit Derivaten und Credit Default Swaps jetzt so gefährlich außer Kontrolle geraten ist, dass die zuständigen Behörden diesen Markt »auffliegen« lassen müssen.

Scholes verlangt, dass der Handel mit außerbörslichen Derivaten komplett eingestellt werden muss. Bei einer Rede an der York University erklärte er kürzlich, dass »die Lösung darin besteht«, den ganzen Markt der außerbörslich (OTC) gehandelten Papiere »platzen zu lassen oder zu zerstören«, und dann völlig neu anzufangen. Außerdem, so Scholes, müsse der ganze Handel mit Aktien, Zins-Swaps und Credit Default Swaps endlich staatlich reguliert werden.

 

Der mehrere Billionen Dollar umfassende Privathandel mit OTC-Derivaten sollte gezielt »auffliegen« und gesetzlich reguliert werden.

 

Das ist eine ganz simple und keineswegs radikale Idee. Ein US-Gesetz zum Verbot von OTC-Derivaten und zur Regulierung derartiger Geschäfte würde endlich dem kolossalen Schwindel namens »Schatten-Finanzwirtschaft« ein Ende bereiten. Die Banken würden aufgrund einer solchen Maßnahme nicht viel mehr verlieren, als sie es ohnehin schon tun, aber das Weltfinanzsystem würde wieder »normal« funktionieren. OTC-Derivate sind genau deshalb nicht reguliert, weil damit das Risiko verschleiert werden soll, sodass die Banken ungestört ihren Schwindelgeschäften nachgehen können. Es ist höchste Zeit, diese Praktiken zu beenden. Darauf müssen sich US-Regierung und -Finanzministerium sowie die Regierungen anderer Staaten konzentrieren, nicht auf bedeutungslose Aufrufe zu mehr »Transparenz«.

 

Donnerstag, 19.03.2009

Kategorie: Wirtschaft & Finanzen

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