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Die Lösung der Kreditkrise: Kredit, wem Kredit gebührt

Ellen Brown

Von dem Ökonomen John Kenneth Galbraith stammt das geflügelte Wort: »Der Geldschöpfungsprozess der Banken ist so simpel, dass der menschliche Geist davor zurückschreckt«. Wenn Banken Geld schöpfen können, warum leiden wir dann unter einer »Kreditklemme«? Warum können die Banken nicht all das Geld schöpfen, das sie verleihen können? …

Schreiben an eine Bank: »Sehr geehrte Herren, haben Sie, als Sie meinen Scheck mit der Bemerkung ›nicht ausreichende Mittel‹ zurückgesandt haben, an meine oder an Ihre Finanzmittel gedacht?«

 

Im letzten Herbst hat der US-Kongress die beispiellose Summe von 700 Milliarden Dollar aus Steuergeldern bewilligt, um der Kreditkrise zu begegnen, und inzwischen hat die Federal Reserve diese Summe auf die Höhe von 8,5 Billionen Dollar an Krediten und Garantieleistungen aufgestockt. (1) Doch mittlerweile hat sich herausgestellt, dass diese Finanzspritze für die Banken nur eine einzige Geldverschwendung auf Staatskosten zugunsten einiger Handvoll glücklicher Wall-Street-Banken war, und dass dadurch keineswegs der Kreditfluss wieder in Gang gekommen ist.

Um die wirkliche Ursache der Kreditkrise und deren Lösung verstehen zu können, müssen wir zuallererst die Natur des Kredits begreifen – was Kredit ist, wie er historisch entstanden ist und welche Klemme tatsächlich seinen Fluss weitgehend unterbrochen hat. In der Tat wird der Kredit von Banken geschöpft, d.h. erzeugt; und wenn Privatbanken das tun können, dann könnten das ebenso gut auch öffentliche Banken oder Finanzministerien tun. Bei der gegenwärtigen Kreditkrise geht es nicht um mangelnde »Liquidität«, sondern um mangelnde »Solvenz«. Diese Krise ist nicht etwa dadurch entstanden, dass die Banken keinen Zugang zu Krediten hatten (denn Kredite können sie problemlos per Buchungseintrag schöpfen), sondern weil sie die Mindestkapitalanforderungen der Baseler Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ), die als privates ausländisches Oberhaupt des internationalen Bankensystems fungiert, nicht erfüllen konnten. Ursache dieser Unfähigkeit war wiederum der Derivate-Virus, von dem aber nur einige wenige große Banken stark infiziert sind. Indem sie aber diesen Großbanken mit einer Finanzspritze aus der Patsche half, hat die Regierung jedoch tatsächlich diesen Virus weiter verbreitet, da die Großbanken mit den ihnen zur Verfügung gestellten Geldern kleinere Regionalbanken übernommen haben.

Eine effektivere Alternative als der Versuch, die hoffnungslos gefährdeten Derivatepositionen dieser wenigen Wall-Street-Banken zu retten, bestünde darin, einfach ein anderes Kreditsystem mit makellosen Büchern zu schaffen. Wir brauchen die Wall-Street-Krankheit gar nicht zu behandeln; wir können das ganze alte System umgehen und ein neues, gesundes, paralleles System errichten. Ein Netzwerke von öffentlichen Banken (im Besitz des Bundes und der Länder bzw. Bundesstaaten) könnte ebenso »Kredite« schöpfen, wie das die heutigen Privatbanken tun. Diese Kredite könnten zinsgünstig an Verbraucher und ebenso zinsgünstig auch an die Städte und Gemeinden vergeben werden, sodass sich die Kosten öffentlicher Projekte drastisch dadurch senken ließen, dass man die Kosten von ihrer Finanzierung reduziert.    

Das ist kein radikaler Vorschlag. Das ist genau das, was die Privatbanken selber jeden Tag tun. Die Bankiers werden dem jedoch widersprechen, und die meisten Menschen werden dieser Tatsache nur wenig Glauben schenken. Um diese Lösung also überzeugend darstellen zu können, müssen wir zunächst herausarbeiten, dass …

 

Banken schöpfen die Gelder, die sie verleihen

Bankiers werden Ihnen erzählen, dass sie das Geld nicht erzeugen. Bei einer erforderlichen Mindestreserve von zehn Prozent verleihen sie einfach 90 Prozent ihrer Einlagen. Der Haken an der Sache ist der, dass zu ihren »Einlagen« auch die Gelder gehören, die sie auf den Konten ihrer Kunden unter der Rubrik Kredite vermerkt haben. Genauso werden Kredite gemacht: Bestimmte Zahlen werden einfach in die Konten der Kunden eingetragen, wie viele seriöse Experten bezeugt haben. Hier zitieren wir zwei von ihnen; sie haben das zu einer Zeit gesagt, als die Finanziers sich entweder über diese Praktiken besser im Klaren waren oder offener darüber geredet haben:

»[W]enn eine Bank einen Kredit gewährt, dann belastet sie das Bankkonto des Kreditnehmers einfach zusätzlich um diesen Kreditbetrag. Das Geld wird nicht von den Einlagen eines anderen Kunden genommen; es wurde auch nicht vorher bei dieser Bank von einem anderen Kunden eingezahlt. Es ist neues Geld, erzeugt von der Bank zum Gebrauch des Kreditnehmers.« – Robert B. Anderson, Finanzminister unter Präsident Eisenhower, in einem Interview am 31. August 1959 in U.S. News and World Report.

»Bringen Privatbanken heute Geld in Umlauf? Ja. Obwohl Banken nicht mehr das Recht haben, Banknoten in Umlauf zu bringen, können sie Geld in Form von Bankeinlagen schöpfen, wenn sie Kredite an Unternehmen vergeben, oder Wertpapiere kaufen … Das Wichtigste, was man dabei beachten muss, ist: Wenn Banken Geld verleihen, dann nehmen sie dies Geld nicht notwendigerweise von einem anderen Kunden, um es verleihen zu können. Also ›schöpfen‹ sie es.« – Kongressabgeordneter Wright Patman, Money Facts (Banken- und Währungsausschuss des US-Repräsentantenhauses, 1964)  

Der Geldschöpfungsprozess der Banken wurde detailliert in einer Broschüre beschrieben, die die Federal Reserve von Chicago in der Vergangenheit unter dem Titel Modern Money Mechanics (etwa: Moderne Funktionsweise des Geldes) herausgegeben hat. (2) Diese Broschüre wurde bis 1992 regelmäßig überarbeitet; damals umfasste sie 50 Seiten. Aufgrund des gestelzten Stils ist diese Broschüre teilweise schwer zu lesen, aber hier sind einige wichtige Passagen daraus:

»Der eigentliche Geldschöpfungsprozess findet in den Banken statt.« [S. 3]

Übersetzung: Die Banken schöpfen Geld.

»In Abwesenheit gesetzlicher Mindestreserveanforderungen können Banken ihre Einlagen durch eine Ausweitung der Kredite und Investments erhöhen, solange sie genug Bargeld vorrätig haben, um bei Bedarf jedwede Geldmenge ihrer Einleger in Bargeld auszahlen zu können.« [S. 3]

Übersetzung: Banken können durch den Eintrag von Krediten in die Konten ihrer Kunden so viel Geld schöpfen, wie sie wollen; die einzige Begrenzung bildet a) die gesetzliche Mindestreserveanforderung (also Geld, das sie als Reserve vorrätig haben müssen – in der Regel etwa zehn Prozent ihrer ausstehenden Einlagen und Kredite), oder b) die Geldmenge, die sie vorrätig haben müssen, um bei Bedarf jeden Einleger bzw. Kunden auszahlen zu können, der sein Geld zurückhaben will (das sind in der Regel auch etwa zehn Prozent).

»Banken dürfen die Beträge auf ihren Reservekonten erhöhen, indem sie sowohl Schecks als auch Erträge aus elektronischen Überweisungen sowie auch Bargeldeinzahlungen gutschreiben.« [S. 4]

Übersetzung: Zu den »Reserven« im Sinne der Mindestreserve gehören Bargeldeinzahlungen, eingereichte Schecks und elektronische Geldüberweisungen. (Man beachte, dass die »Einlagen«, die in Form von Krediten erzeugt wurden, nicht auf der Liste dieser erlaubten Reserven stehen: Die Bank kann also nicht ständig zusätzlich zu den bereits gewährten Krediten eigene Kredite vergeben, sondern benötigt auch Gelder aus externen Quellen, mit denen sie ihre Verbindlichkeiten so unterfüttern kann, dass die Reserven ihrer Kredite und Einlagen zehn Prozent betragen.)

»Im Prinzip handelt es sich beim Geldschöpfungsprozess um Kontokorrentkonten [von Konten mit unbegrenztem Zugriff].« [S. 2]

»Bei einer einheitlichen Mindestreserve von zehn Prozent deckt eine Erhöhung der Reserven um einen Dollar eine zusätzliche Erhöhung der Kontokorrentkonten um zehn Dollar ab.« [S. 49]

Übersetzung: Die Einlage eines Kunden in Höhe von einem Dollar kann zum Kredit von zehn Dollar aufgefächert werden.

»In der realen Welt ist die Fähigkeit der Bank zur Kreditvergabe normalerweise nicht durch die Menge an Überschussreserven begrenzt, über sie an einem beliebigen Zeitpunkt verfügt. Vielmehr hängt die Vergabe – oder Nichtvergabe – von Krediten von der Kreditpolitik der betreffenden Bank und ihrer Erwartungshaltung bezüglich. ihrer Fähigkeit ab, die erforderlichen Geldmengen  zu erhalten, um zeitnah die Schecks ihrer Kunden bezahlen und die geforderten Reserven bilden zu können.«

Übersetzung: In der Praxis vergeben Banken Kredite, ohne sich allzu sehr darum zu kümmern, ob sie die Reserven zur Deckung dieser Kredite haben. Wenn sie eine Deckungslücke haben, können sie diese durch das Aufnehmen der nötigen Gelder schließen:

»[Da] die einzelne Bank heute nicht genau weiß, wie hoch ihre Reserven dann sein werden, wenn die Einnahmen aus den heute vergebenen Krediten ausgezahlt werden …, wenden sich viele Banken an den Geldmarkt – und leihen sich Gelder, um Defizite zu decken oder vorübergehende Überschüsse zu verleihen.« [S. 50]

»[Eine] Bank kann sich [auch] vorübergehend Reserven von ihrer Reserve-Bank leihen … [Allerdings] wird den Banken abgeraten, sich allzu häufig oder für eine zu lange Zeitspanne Anpassungskredite [der Reserve-Bank] zu leihen.« [S. 29]

Übersetzung: Wenn die Bank am Ende des Abrechnungszeitraums feststellt, dass ihre Reserven nicht die Höhe von zehn Prozent ihrer ausstehenden Kredite und Einlagen betragen, dann kann sie sich einfach die benötigten Reserven auf dem Geldmarkt oder von ihrer Federal-Reserve-Bank leihen.

In einem Artikel, der im Jahre 2002 auf der Internetseite der New Yorker Federal-Reserve-Bank veröffentlicht wurde, hieß es, dass heute nur noch wenige Banken durch die Mindestreserveanforderungen begrenzt werden:

»Seit Beginn des letzten Jahrzehnts sind die Beträge der geforderten Mindestreserven dramatisch gefallen. Verursacht wurde dieser Abfall teilweise durch die getroffenen Regulierungsmaßnahmen: 1990 hat die Federal Reserve die geforderten Mindestreserven auf umfassende Einlagen ganz aufgehoben, und 1992 hat sie die Bestimmungen über Mindestreserven bei Kontokorrentkonten gelockert. Doch eine viel wichtigere Ursache des Rückgangs der vorgeschriebenen Reserven war das Wachstum der Geldmarkt- bzw. Girokonten. Gewöhnlich läuft das folgendermaßen ab: Die Gelder auf den Girokonten der Bankkunden wandern über Nacht auf Sparkonten, für die keine Mindestreserveanforderungen gelten und am nächsten Geschäftstag wieder auf die Girokonten der Bankkunden transferiert. Großteils aufgrund dieser Praxis sind heute nur noch 30 Prozent der Banken verpflichtet, eine geforderte Mindestreserve einzuhalten.« (3)    

Aber auch ohne offizielle Mindestreserven müssen die Banken genug Geldmittel vorrätig haben, um Abhebungen ihrer Kunden oder die Einlösung der von diesen unterzeichneten Schecks honorieren zu können; und das bedeutet im Allgemeinen einen Betrag von etwa zehn Prozent ihrer ausstehenden Einlagen und Kredite, wie die Geldverleiher schon vor einigen hundert Jahren festgestellt haben. Doch wenn die Banken nicht genug Geld haben, dann können sie es sich auf dem Kapitalmarkt oder von der Federal Reserve leihen; und wenn die Fed nicht genug Geld vorrätig hat, dann kann sie neue Reserven schöpfen. (4) Warum haben wir aber dann jetzt eine Kreditklemme? Was beschränkt den Geldverleih der Banken?

Eine Antwort ist die, dass die Darlehensnehmer inzwischen »ausgereizt« sind und einfach nicht mehr so viele Kredite aufnehmen können wie sonst. Als die Immobilien- und Aktienmärkte kollabierten, hatten die Verbraucher keine Häuser oder Aktien mehr, die sie beleihen konnten. (5) Aber zu dem Grade, wie die Blockade bei den Banken selbst besteht, wird sie nicht durch die Mindestreserve verursacht. Etwas anderes wirkt als Kreditbremse …

 

Der wirkliche Stauschlauch: Angemessene Eigenkapitalausstattung und der Neubewertungsprozess des Marktes    

Was in Wirklichkeit die Kreditvergabe der Banken einschränkt, ist die erforderliche angemessene Eigenkapitalausstattung, und die wird uns nicht durch unsere eigene Zentralbank auferlegt, sondern durch die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ). Diese »Zentralbank der Zentralbankiers« mit Sitz im schweizerischen Basel zieht die Fäden im privaten internationalen Bankensystem.

Die Bestimmung der Mindesteigenkapitalausstattung ist sogar noch komplizierter als die der Mindestreserve, aber man muss diesen Sachverhalt verstehen, wenn man begreifen will, warum Banken, die über die Macht der Geldschöpfung verfügen, bankrott gehen. Hier folgt eine vereinfachte Form der Darstellung. Das »Kapital«“ einer Bank besteht aus ihren Vermögenswerten abzüglich ihrer Passiva. Gemäß der in den Baseler Verträgen vorgenommenen Neuregelung der angemessenen Eigenkapitalausstattung sind Vermögenswerte »risikogewichtet«, wobei einige mit einem höheren Risiko eingestuft werden als andere. Normale Kredite haben die »Risiko-Bewertung« 1. Die Neubewertung der Kapitaleigenausstattung verlangt, dass das Verhältnis des Kapitals einer Bank zu ihren Vermögenswerten mit der Risiko-Bewertung 1 mindestens acht Prozent betragen muss. Das heißt, dass die Bank über acht Dollar Kapital für jeden Normalkredit in Höhe von 100 Dollar zur Verfügung haben muss. Bundesanleihen haben eine Risikobewertung von Null: sie gelten als so sicher wie Geld und brauchen zu ihrer Deckung kein zusätzliches Kapital. Hypothekendarlehen (die durch Immobilien besichert sind) haben eine Risiko-Bewertung von 0,5. Das heißt, sie benötigen nur vier Dollar für jeden 100-Dollar-Kredit. Zu den Risiko-Bewertungen bei anderen Bankgeschäften gehören Derivat- und Devisenkontrakte. (6) (Interessanterweise belaufen sich die 700 Milliarden Dollar, die der US-Kongress dem Finanzsystem als Rettungspaket bewilligt hat, annähernd auf acht Prozent der 8,5 Billionen Dollar, die die Fed jetzt an Krediten und Garantien zur Verfügung gestellt hat. Sogar die Fed fühlt sich offenbar an die BIZ-Bestimmungen zur Mindesteigenkapitalausstattung gebunden.)

Eine sehr umstrittene Berechnungsregel, die den Banken als Berechnungsgrundlage ihrer Kapitalverhältnisse auferlegt wurde, ist der sogenannte »Neubewertungsprozess« (mark to market). Diese Bestimmung verlangt von den Banken, jeden Tag alle ihre Vermögenswerte neu zu ermitteln, und zwar so, als ab sie an diesem Tag verkauft worden wären. Daher schwanken die Kapitalberechnungen mit der Entwicklung des Marktes; und bei den Volatilitäten am heutigen Markt sind alle Vermögenswerte zum selben Zeitpunkt stark gefallen. Da die Vermögenswerte nach den Marktpreisen ermittelt werden, die Passiva aber nicht, könnte es durchaus sein, dass eine Bank plötzlich feststellt, dass ihre Vermögenswerte nicht zur Deckung ihrer Passiva ausreichen, so dass sie zahlungsunfähig wird und keine Kredite mehr vergeben kann. Die Banken haben diese Anforderung zur Mindestkapitalausstattung umgangen, indem sie das Risiko in ihren Bilanzen mit einer Art Privatwette namens »Derivate« reduziert haben. Zumindest hatten sie es sich gedacht, dass sie diese Regel damit umgangen haben. Doch es stellte sich heraus, dass diese unregulierte Form der Absicherung auf fehlerhaften mathematischen Modellen beruhte. (Siehe Ellen Brown, »Credit Default Swaps: Derivative Disaster Du Jour«, www.webofdebt.com/articles, und »Es sind die Finanzderivate, du Dummkopf«.)

»Credit Default Swaps« (CDS, etwa: Kreditausfallversicherungen) sind eine Form von Derivaten, die weit verbreitet sind und als Versicherungen gegen Zahlungsausfälle verkauft werden. Als sich AIG, das größte Versicherungsunternehmen der Welt, in den späten 1990er-Jahren im CDS-Geschäft engagierte, geschah das in der Annahme, dass sich »der Häusermarkt immer nach oben entwickelt«, und dass auf diesem Markt das Ausfallrisiko eine so entfernte Möglichkeit war, dass der Verkauf von »Kreditversicherungen« praktisch »frei verfügbares Geld« war. (7) Doch dieses frei verfügbare Geld wurde für die Versicherungsverkäufer zu einer schweren Belastung, als die »entfernte« Möglichkeit doch Wirklichkeit wurde und eine wahre Flut von Zahlungsausfällen einsetzte. Der Wert der Derivate, die besicherte Hypotheken absichern sollten, wurde so fragwürdig, dass sich diese Papiere praktisch überhaupt nicht mehr verkaufen ließen. Die Banken, die diese Papiere als Vermögenswerte in ihren Büchern führten, mussten sie bei dem fälligen »Neubewertungsprozess« praktisch mit Null bewerten. Dadurch sank das Kapital dieser Bank unter die in den Baseler Verträgen festgelegte Grenze, und die Bank galt offiziell als insolvent.

Als AIG im September 2008 Bankrott anmelden musste, waren die Banken, die sich stark im Derivategeschäft engagiert hatten, doppelt gefährdet: Sie mussten nicht nur ihre Derivatabsicherungen, die sie an andere Interessenten verlauft und in ihren Büchern als Vermögenswerte geführt hatten, abschreiben, sondern sie konnten auch nicht mehr auf die Derivatversicherungen zählen, die sie zur Minimierung des Ausfallrisikos für ihre anderen Vermögenswerte erworben hatten. AIG bekam von der Fed eine massive Finanzspritze im Gegenzug für die meisten ihrer Aktien, aber selbst diese riesige Kapitalspritze wird wahrscheinlich nicht reichen, um die Versicherung aus ihrem Derivate-Albtraum zu befreien und liquide zu halten.

Derivate haben auf dem Gebiet der Bank-Portfolios zu einer mangelnden Transparenz geführt und bei den Darlehensnehmern, Einlegern und Investoren Angst und Unsicherheit geschürt. Diese Unsicherheit hat die Banken davon abgehalten, ihr Kapital durch den Verkauf von Aktien aufzustocken oder die Mindestreserveanforderungen durch die Aufnahme von Interbankkrediten zu erfüllen; und sie hat Investoren davon abgehalten, in den Kapitalmarkt zu investieren. Die Banken wissen nicht, ob das Geld, das sie sich untereinander leihen, auch zurückgezahlt wird, da sie über den Wert der Anlagen, die sich in ihren Bilanzen befinden, keinen klaren Überblick haben. Das Ergebnis ist eine Vertrauenskrise: alle Spieler beäugen einander misstrauisch und halten ihre Karten eng am Körper.

 

Auf die Lage vor Ort besinnen

Glücklicherweise ist gemäß einer kürzlich erschienenen Studie, die aufgrund der Daten des US-Finanzministeriums erstellt wurde, die jetzige Bankenkrise nicht allgemein verbreitet, sondern beschränkt sich nur auf »einige wenige Banken mit klangvollen Namen«. (8) Das wirkliche Kreditproblem besteht bei den Finanzinstituten, die sich übermäßig stark im Derivatgeschäft engagiert haben, und den Löwenanteil dieser Verpflichtungen tragen nur einige wenige Bankenriesen der Wall Street. Anfang 2008 lagen die ausstehenden Derivate in den Büchern der US-Banken bei über 180 Billionen Dollar. Davon standen aber alleine 90 Billionen Dollar in den Büchern von JP Morgan Chase, und Citibank und Bank of America hatten jeweils 38 Billionen davon in ihren Büchern. (9) Es erübrigt sich die Feststellung, dass diese Banken die ersten sind, die in den Genuss des Rettungspakets (Troubled Asset Relief Program, TARP) des US-Finanzministeriums [in Höhe von 700 Milliarden Dollar] kommen. Anstelle den relativ begrenzten Derivate-Tumor herauszuschneiden, füttern ihn das US-Finanzministerium und die Fed mit Billionen an Steuergeldern; und dieses Geld wird nicht benutzt, um die Kreditklemme durch die Vergabe neuer Kredite auszuheben, sondern um kleinere Banken aufzukaufen. (10) Das heißt aber, dass der Derivate-Krebs nicht nur nicht chirurgisch entfernt wird, sondern sich wahrscheinlich noch weiter ausbreiten wird.

»Wir, das Volk« und unsere Repräsentanten im Kongress haben der Wall Street gestattet, das Heft in der Hand zu haben, weil wir denken, dass wir von ihrem Kreditsystem abhängig sind – doch das sind wir nicht. Es gibt andere Wege, Kredite zu erhalten – Wege, die fair, effizient und transparent sind und auch nicht die Gier beflügeln. Öffentlicher Kredit lässt sich durch ein System von öffentlichen Banken erzeugen. Ein Vorbild für diese Lösung ist die die landeseigene Bank von North Dakota, die seit 1919 dem Bundesstaat North Dakota Kredite zur Verfügung stellt, und diesen US-Bundesstaat in finanzieller Hinsicht gesund gehalten hat, während sich andere US-Bundesstaaten abquälen. (Siehe Ellen Brown, »Nachhaltige Regierung: Finanzierung eines New Deal«.)

Die Kreditklemme könnte dadurch behoben werden, dass man sich nicht nur in den Vereinigten Staaten »auf die Lage vor Ort besinnt«, sondern auch auf der ganzen Welt. Länder, die verführt oder gezwungen wurden, ihre produktiven Vermögenswerte in den Dienst von fremden Märkten und ausländischen Investoren zu stellen, könnten zu Selbstversorgern werden; sie könnten ihren eigenen Kredit und ihre eigenen Ressourcen dazu benutzten, um ihre eigenen Bewohner zu ernähren und ihnen zu dienen. Über dieses Thema lässt sich noch viel mehr sagen, doch das hebe ich mir für zukünftige Artikel auf. Bleiben Sie dran.    

 

__________

Fußnoten:

1 – Kathleen Pender, »Government Bailout Hits $8.5 Trillion«, San Francisco  Chronicle (26. November 2008).

2 – »Modern Money Mechanics: A Workbook on Bank Reserves and Deposit Expansion« (Federal Reserve Bank of Chicago, Public Information Service, 1992, siehe unter: www.rayservers.com/images/ModernMoneyMechanics.pdf)

3 – Paul Bennett, Savros Peristiani, »Are Reserve Requirements Still Binding?«, Economic Policy Review (Mai 2002).            

4 – »Modern Money Mechanics«, a.a.O.

5 – Joshua Holland, »Was the ›Credit Crunch‹ a Myth Used to Sell a Trillion-Dollar Scam?«, AlterNet (29. Dezember 2008).     

6 – »Capital Requirement«, Wikipedia.

7 – Robert O’Harrow jr., Brady Dennis, »Complex Deals Led to AIG’s Undoing«, Los Angeles Times (1. Januar 2009).      

8 – J. Holland, a.a.O.

9 – Comptroller of the Currency, »OCC’s Quarterly Report on Bank Trading and Derivatives Activities Third Quarter 2008«, www.occ.treas.gov; »US Bank Derivative Exposure«, FDIC/IRA Bank Monitor, die Grafik ist wiedergegeben in The Big Picture (blog), August 2008.

10 – Joe Nocera, »So When Will Banks Give Loans?«, New York Times (25. Oktober 2008).

 

Donnerstag, 15.01.2009

Kategorie: Gastbeiträge, Wirtschaft & Finanzen, Politik

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